§ 34. Das Benehmen der ältesten Gattin gegenüber den Nebenfrauen.

[304] Wenn sie nun von Nebenfrauen umgeben ist, wie muß sie sich dann benehmen? – So wird jetzt gehandelt von dem »Benehmen der ältesten Gattin gegenüber den Nebenfrauen«. – Hier gibt (der Verfasser) die Gründe für die Vielweiberei an:


Man heiratet eine zweite Frau bei Lebzeiten der ersten, wegen deren Beschränktheit und Boshaftigkeit; wenn man ihre Liebe nicht erwidern kann; wenn sie keine Kinder gebiert; wenn sie in häufiger Wiederholung Mädchen zur Welt bringt oder wenn der Liebhaber unbeständig ist.


»Beschränktheit«, Falschheit. »Boshaftigkeit«, infolge eines Charakterfehlers. – »Wenn sie keine Kinder gebiert«,[304] wegen ihrer Unfruchtbarkeit. – Wenn sie häufig »Mädchen zur Welt bringt«.


Da suche sie von Anfang an das zu vermeiden, indem sie Liebe, Charakter und Gewandtheit zeigt. Wenn sie aber keine Kinder bekommt, dann gebe sie selbst den Anstoß, daß er eine zweite Frau nimmt.


Darum »suche sie von Anfang an« der Reihe nach jene Dreizahl, die Beschränktheit usw. »zu vermeiden, indem sie« ihre eigne »Liebe, Charakter und Gewandtheit zeigt«; die Unbeständigkeit des Liebhabers, durch Entfalten ihrer Gewandtheit. – »Wenn sie aber keine Kinder bekommt, dann gebe sie selbst den Anstoß« – sonst muß er es tun! – »daß er eine zweite Frau nimmt«; mit den Worten: ›Verheirate dich!‹ Wenn sie nur Mädchen gebiert, ist der Gang derselbe, da das Heiraten den Zweck hat, Söhne zu bekommen.


Wenn sie durch eine zweite Frau ersetzt werden soll, verschaffe sie ihr mit Aufbietung aller Kräfte die im Vergleiche zu ihr selbst höhere Stellung.


»Wenn sie durch eine zweite Frau ersetzt werden soll«, eine Nebenfrau zur Gesellschaft bekommen soll, aber noch nicht ersetzt ist, »verschaffe sie ihr mit Aufbietung aller Kräfte«, soweit ihre Kräfte reichen, im Hinblick auf sie, »die höhere Stellung«, d.h. höher auf Seite der Nebenfrau.

Was soll sie nun aber tun, wenn sie ersetzt worden ist? – Darauf sagt (der Verfasser):


Wenn sie kommt, betrachte sie sie wie eine Schwester. Mit Wissen des Liebhabers lasse sie ihr sehr eifrig die abendliche Ausstattung besorgen. Auf Begünstigung seitens des Liebhabers gegründete Feindseligkeiten oder Überhebung ihrerseits beachte sie nicht.


»Mit Wissen des Liebhabers«, damit der Liebhaber merkt, daß sie es getan hat. – »Abendlich«, den am Abend gebräuchlichen Schmuck »Sehr eifrig«, auch wenn sie es nicht wünscht, lasse sie das durch ihre Dienerin besorgen, um ihr ihre Liebe zu zeigen. – »Auf Begünstigung seitens des Liebhabers gegründete Feindseligkeiten«, wenn sie dünkelhaft auftritt. Ungeduld, »Überhebung«, Änderung der Gesinnung, »beachte sie nicht«, kümmere sich nicht darum, aus Furcht, unterliegen zu müssen.


[305] Wenn jene dem Gatten gegenüber unaufmerksam ist, so beachte sie das nicht. Wenn jene hierbei meint, daß sie ganz von selbst schon ihre Sache führen werde, dann belehre sie jene höflich.


»Wenn jene dem Gatten gegenüber«, mit Bezug auf den Gatten, »unaufmerksam ist«, sich achtlos gehen läßt, »so beachte sie das nicht«. Durch diesen Fehltritt dürfte sie sich die Vernachlässigung seitens des Gatten zuziehen. – »Wenn jene hierbei«, bei solcher Unaufmerksamkeit, »meint, daß sie ganz von selbst schon«, als rechte Nebenfrau, »ihre Sache führen werde« in Gestalt des Genusses des Liebhabers, »dann belehre sie jene höflich«, damit keine Achtlosigkeit vorfällt: ›Tue das nicht wieder!‹ – um ihre Liebe zu offenbaren.


Vor den Ohren des Liebhabers und unter vier Augen zeige sie deren außerordentliche Besonderheiten.


»Vor den Ohren des Liebhabers«, indem es zu den Ohren des Liebhabers dringt; »und unter vier Augen«, damit es kein Fremder hört. »Besonderheiten«, Kenntnis besonderer Künste. – »Außerordentliche«, die der Liebhaber noch nicht gemerkt hat. Wenn das gezeigt wird, sind nämlich beide erfreut.


Gegen ihre Kinder mache sie keinen Unterschied; gegen die Umgebung sei sie außerordentlich mitfühlend; gegen die Freunde liebenswürdig, gegen ihre eignen Verwandten nicht übertrieben höflich; gegen die Verwandten jener außerordentlich rücksichtsvoll.


»Gegen ihre Kinder«: die Kinderlose muß gegenüber der Kinderreichen so handeln. – »Gegen die Umgebung« der Nebenfrau, »sei sie außerordentlich mitfühlend«, wenn sie auch dem Liebhaber nicht angenehm ist. – »Die Freunde«: was jene für besondere Freunde hat, denen gegenüber sei sie »liebenswürdig«, um sie für sich zu gewinnen. – »Gegen ihre eignen Verwandten nicht übertrieben höflich«, um Tadel zu vermeiden.


Wenn sie aber durch mehrere ersetzt worden ist, dann verbinde sie sich mit derjenigen, welche ihr am nächsten steht.


»Wenn sie aber durch mehrere« Nebenfrauen »ersetzt worden ist, dann verbinde sie sich mit derjenigen, welche ihr am nächsten steht«, mit der jüngern, nachdem sie ihren Charakter erkannt hat.


[306] Diejenige aber, welche der Liebhaber am meisten begünstigt, entzweie sie mit der früheren Favoritin, indem sie sie aufreizt.


»Diejenige aber« unter jenen Frauen, »welche der Liebhaber am meisten begünstigt«, zur Favoritin zu machen wünscht, »entzweie sie mit der früheren Favoritin«, die früher die Freundlichkeit des Liebhabers genossen hat, »indem sie sie aufreizt«, dadurch, daß sie den Samen der Begünstigung seitens des Liebhabers legt.


Darauf zeige sie Mitgefühl.


»Darauf«, in der Folgezeit, »zeige sie Mitgefühl« mit der Entzweiten, tröste sie heimlich, um den Zwist noch zu vergrößern.


Im Bunde mit jenen suche sie, ohne selbst am Streite teilzunehmen, die am meisten Begünstigte zu verkleinern.


»Im Bunde mit jenen« anderen Nebenfrauen; eins mit ihnen; d.h. in dem Verhältnisse der Bundesgenossenschaft. Selbst wenn sie alleinsteht, »suche sie sie zu verkleinern«, vor dem Liebhaber, um den Samen der Begünstigung seitens des Liebhabers säen zu können, damit der Liebhaber den Beschluß faßt, jene nicht mehr zu besuchen. Viele hatten nämlich gesehen, daß er von ihr ganz eingenommen sei. – Auch hier »ohne am Streite teilzunehmen«, unparteiisch, um anzudeuten, daß das nicht ihre Sache ist.


Wenn sie aber mit dem Liebhaber entzweit ist, tröste sie sie, indem sie sie durch Ergreifen ihrer Partei aufrichtet.


»Wenn sie aber mit dem Liebhaber entzweit ist«, durch das Säen des Samens der Vernachlässigung, »tröste sie sie, indem sie sie durch Ergreifen ihrer Partei aufrichtet«, durch ihre Tugenden stärkt, indem sie ihr Rede und Antwort steht.


Sie mehre den Streit.


Mit dem Liebhaber, indem ihre Bemühungen ja gerade darauf gerichtet sind.


Wenn sie aber merkt, daß der Zwist nur unbedeutend ist, fache sie ihn selbst an.


»Wenn sie aber merkt, daß der Zwist« unterbrochen wird so »fache sie ihn an«, damit er nicht schwach wird.


[307] Wenn sie findet, daß der Liebhaber immer noch zu jener freundlich ist, dann bemühe sie sich selber um den Frieden. Das ist das Benehmen der ältesten Gattin.


»Dann bemühe sie sich selber um den Frieden«: wenn er zu ihr schlechterdings unfreundlich ist, dann rede sie zur Versöhnung zu, indem sie sagt: ›Sie bleibe eine von unseres Gleichen; verachtet diese nicht!‹

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 304-308.
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