§ 10. Weitere Entwicklung der naturwissenschaftlichen Methode von Gassendi bis Newton.

[348] Was von Kopernikus und Kepler begonnen, von Galilei für die Physik endgültig begründet war – eine selbständige und streng naturwissenschaftliche Methode – ward im Laufe des siebzehnten, des »naturwissenschaftlichen« Jahrhunderts auch auf andere Gebiete übertragen. Die schon von dem Deutschen Vesal (1543) und dem Italiener Fabricio (†1619) geförderte Anatomie und Physiologie ward durch Harveys glänzende Entdeckung vom Kreislauf des Blutes (1628) vollständig umgestaltet,[348] das Herz, der bevorzugte Sitz so vieler animistischer Erklärungen, zu einem einfachen mechanischen Pumpwerk gemacht. Gleichfalls in England wurden von Gilbert die elektrischen und magnetischen Erscheinungen zum erstenmal wissenschaftlich behandelt (1600); freilich nimmt Gilbert, dessen neue Theorie des Magnetismus auch auf Kepler und Galilei von Einfluß war, noch eine Beseelung der Materie und eine magnetische Einwirkung der Weltkörper aufeinander an. Das 1590 in Holland zusammengesetzte Mikroskop und das 1609 ebendort erfundene, alsbald von Kepler, Galilei und dem Jesuitenpater Scheiner verbesserte Fernrohr veranlaßte eine Reihe neuer Entdeckungen. Mit Hilfe der verbesserten Astronomie war 1582 auf Veranlassung Papst Gregors XIII. die bekannte Kalenderreform erfolgt, die, von Kepler vergebens befürwortet, im protestantischen Deutschland erst 1700 durchgeführt ward. 1614 entdeckte Napier die Logarithmen, 1643 erfand Galileis Schüler Torricelli das Barometer, 1654 führte der Deutsche Otto von Guericke die Luftpumpe dem versammelten Reichstage vor, 1679 bestimmte der Franzose Mariotte das Gesetz des Luftdruckes. Auch nördlich von den Alpen entstehen jetzt gelehrte Gesellschaften: die von Paris (1616) und namentlich die Royal Society in London (1662) werden Mittelpunkte für das Zusammenwirken der Vertreter der neuen Naturwissenschaft, während die eigentlichen Universitäten im Zwang jesuitischer Neuscholastik oder protestantischer Kirchenordnungen verknöchern.

Doch wir haben nur die für die Weiterentwicklung der naturwissenschaftlichen Methode bedeutsamsten und damit auch philosophisch wichtigsten Erscheinungen zu betrachten. Es sind Gassendi (1592-1655), Boyle (1626-1691), Huyghens (1629-1695) und Newton (1643-1720). Wir lassen diese vier Männer, über deren philosophische Bedeutung sich der Laie am besten in den öfters angeführten Werken von F. A. Lange und K. Laßwitz orientiert, hier um des sachlichen Zusammenhanges willen hintereinander folgen, obwohl ihre Untersuchungen sich zum Teil mit denen der erst im II. Bande zu behandelnden Philosophen Descartes, Hobbes, ja sogar noch Leibniz und Locke verflechten.


1. Gassendi.

Am meisten Philosoph, am wenigsten Naturforscher unter ihnen ist Gassendi (Pierre Gassend), Sohn eines[349] provençalischen Landmannes, schon mit dem 16. Jahre Lehrer der Rhetorik (Philologie), mit dem neunzehnten Professor der Philosophie und Theologie zu Aix. Er hängt noch stark mit der Renaissance zusammen. Von der antiken Skepsis sowie von Vives und Charron beeinflußt, sind seine Paradoxen Übungen gegen die Aristoteliker schon in Aix geschrieben, aber erst 1624 und 1659 und auch da nur zum Teil gedruckt worden; die drei Bücher insbesondere, welche das kopernikanische System und Brunos Lehre von der Unendlichkeit der Welten vortrugen, hat er auf den Rat von Freunden unterdrückt und nach außen hin dem System Tychos den Vorzug gegeben. Eine heitere und weltmännische Natur, liebenswürdig, gewandt und geschmeidig, wußte er sich überhaupt äußerlich den Forderungen seiner (der katholischen) Kirche anzubequemen und gewann sich dadurch Freiheit des Philosophierens, ja sogar autoritativen Einfluß. Seit 1633 war er Propst zu Digne in seiner Heimat, kürzere Zeit auch viel gehörter Professor der Mathematik in Paris, wo er 1665 starb. Seine Haupttat war die Erneuerung der vergessenen und verleumdeten Lehre Epikurs. Das dahinzielende Hauptwerk De vita, moribus et doctrina Epicuri (Dijon 1647) reinigte auch den Charakter dieses seines Lieblingsphilosophen von den ihm anhaftenden Flecken (vgl. I § 39); zwei Jahre später folgte das Syntagma philosophiae Epicuri (Lyon 1649), in der Form eines Kommentars zum 10. Buch des Laertius Diogenes. Sein eigenes Syntagma philosophicum erschien erst nach seinem Tode in den Opera omnia (1658).

Gassendis Erneuerung des Epikureismus war jedoch kein bloßes Zurückgreifen auf die Antike in der Manier der Renaissance. Er will vielmehr in seiner Lieblingswissenschaft, der Physik – er war ein Bewunderer Galileis – den epikureisch-lukrezischen Atomismus wiederherstellen. Um mit der Kirche formell auf gutem Fuße zu bleiben, erkennt er allerdings als »erste« Ursache aller Dinge die Gottheit an; die ganze weitere Entwicklung aber hat es nur mit der Materie zu tun, die sich bei allen Veränderungen gleich bleibt. Sie läßt sich zwar mathematisch ins Unendliche teilen, physisch aber stößt man zuletzt auf nicht weiter teilbare kleinste Teilchen (Atome), substantielle raumerfüllende Individuen, wie bei Demokrit voneinander getrennt durch »das Leere« (den leeren Raum), das dem »Vollen« gegenübersteht. Sie besitzen als solche Härte und Undurchdringlichkeit; die sekundären[350] Qualitäten bleiben auch bei Gassendi außer Betracht. Alles Entstehen und Vergehen beruht auf der Trennung und Verbindung dieser Atome, alle Ursachen sind Bewegungsursachen. Dagegen fehlt die mathematische Bestimmung, ebenso wie der Begriff der kontinuierlichen Geschwindigkeit. Auch ist die Bewegungsenergie nicht von einem Atom auf das andere übertragbar. Dagegen wird – ein Fortschritt über Descartes hinaus – der Begriff des Moleküls als einer Atomverbindung eingeführt. In der Erklärung einzelner Naturerscheinungen beschränkt sich Gassendi auf die sinnliche Veranschaulichung der Erfahrungstatsachen durch die Bewegung der Atome.

Mit diesen streng naturwissenschaftlichen Sätzen kontrastiert einigermaßen die Ausnahme vom Gesetz des Mechanismus, welche der Propst von Digne nicht bloß für Gott, sondern auch für den dem Menschen von Gott eingepflanzten Geist annimmt, der unkörperlich und unsterblich sein soll, während sein System nur eine materielle, aus Atomen zusammengesetzte Seele kennt. Den Vorteil wenigstens hatte diese Anpassung, daß der Atomismus fortan nicht mehr als schlechtweg gottlos, sondern als sogar mit der Kirchenlehre vereinbar galt. Abgesehen von diesem nach zwei Jahrtausenden von ihm erneuerten atomistischen »Materialismus«, schlägt in Gassendi übrigens (s. o.) eine skeptische Ader. Er macht auf die Grenzen des Naturerkennens aufmerksam und zeigt, daß die Gegner des Materialismus ebensowenig wie dieser das Hervorgehen des Empfindenden aus dem Empfindungslosen zu erklären vermögen. In seinen Disquisitiones Anticartesianae (1643) – wie auch in den von Descartes veröffentlichten und bei diesem (Bd. II § 1) zu erwähnenden Objectiones – kritisiert er dessen »Cogito ergo sum«; im Gegensatz zu Descartes will er sich an die Erfahrung halten. Seine eigene Theorie der Erfahrung und des Erkennens ist freilich höchst, dürftig: Von den Dingen lösen sich beständig kleine Stoffteile ab, die als Bilder in unser Ich eindringen und es auf verschiedene Weise affizieren. Die Sinne können nicht trügen, sondern nur die Urteile des Verstandes. Die Verwandlung jener stofflichen Bilder in geistige weiß er nicht zu erklären, ebensowenig ihre Verknüpfung in einem einheitlichen Bewußtsein. So nimmt er zwar die Ergebnisse der neuen (Galileischen) Naturwissenschaft an, bleibt aber ihrem methodischen Grundgedanken innerlich fremd.

Auch nach seinem Tode bekämpften seine Anhänger,[351] die sogenannten Gassendisten, im Namen der Erfahrung die Cartesianer, die ihrerseits das reine Denken auf ihre Fahne geschrieben hatten. Einig waren beide in ihrem Gegensatz gegen die Scholastik, die sich unter Leitung der Jesuiten an den katholischen Universitäten behauptete.

Mit Gassendi befreundet war der gelehrte Pater Mersenne (1588-1648) in Paris, der Mittelpunkt eines Gelehrtenkreises, dem auch Descartes und Hobbes angehörten. Er gab einen Kommentar zur Genesis heraus, in dem alle Einwürfe der Atheisten und Naturalisten widerlegt sein sollten, aber mehr Fleiß auf ihre Zusammenstellung als auf ihre Widerlegung verwendet war. Von der Musik aus gelangte er zur Mathematik, von dieser zu einer mechanischen Welterklärung, die er gleichwohl mit einer idealistischen Metaphysik zu verbinden wußte. Er hat Descartes vielfache Anregung gegeben. Sein Hauptwerk Harmonie universelle (1636) lehrt schon die Subjektivität der Sinnesqualitäten.


2. Boyle.

Durch Gassendi angeregt war auch der Engländer Robert Boyle (1627-1691), der in seinem Sceptical Chemist (1661) die Chemie als Erkenntnis der stofflichen Zusammensetzung der Körper begründete und in seinem Traktat De ipsa natura (1682), obwohl persönlich gläubig, ja zur religiösen Grübelei neigend, gegen die übliche Personifizierung der Natur auftrat. Die Natur ist weder eine geheime Grundkraft noch eine Art geistiger Macht, überhaupt kein Ding, sondern »das System der Regeln, denen gemäß die tätigen Kräfte und die Körper, auf welche sie wirken, von dem großen Urheber der Dinge zum Handeln und Leiden bestimmt werden«. Zwar hat Gott die Welt und die Atombewegung geschaffen und kann in den Lauf der Natur eingreifen, aber nachdem sie einmal geschaffen, soll der Mensch sie wie ein regelmäßig funktionierendes Uhrwerk, einen »kosmischen Mechanismus« betrachten. Den geheimnisvollen »Kräften« der Mystik und der Naturphilosophie eines Paracelsus u. a. ist damit ebenso ein Ende bereitet, wie den »substantiellen Formen« des Aristoteles und der Scholastik. Auch Descartes' »feine Metaphysik« lehnt der englische Empiriker ab; er will lieber Experimente und Fragen als kühne Behauptungen und Lehrmeinungen vorbringen.

Boyles philosophische Haupttat neben der ersten[352] Grundlegung einer wissenschaftlichen Chemie, die nicht zur Herstellung, von Lebenselixieren, sondern zur Erkenntnis von Tatsachen betrieben werden soll, ist die Aufstellung seiner »Korpuskularphilosophie«. Nach dieser gibt es nur eine einzige allen Körpern gemeinsame Materie, mit den Eigenschaften einer ausgedehnten und undurchdringlichen, aber teilbaren Substanz. Durch die ihr von Gott anerschaffene Bewegung entstehen kleine und kleinste Körperchen (corpuscula) von bestimmter Größe, Gestalt und Lage, die zu zusammengesetzten sekundären Körpern (Molekülen) sich mischen oder zusammentreten können. Farbe und Geschmack dagegen und andere »sekundäre Qualitäten« – Boyle wendet zuerst den Ausdruck in diesem Sinne an, wie er denn überhaupt in der Geschichte der philosophischen Terminologie (Eucken S. 94) bedeutsam ist – sind nur in unserer Sinnesempfindung begründet. Boyle aber will keine Psychologie treiben, sondern sich mit der Welt nur befassen, wie sie »am Abend des vorletzten Schöpfungstages« gewesen sei.

Diese allgemeinen Prinzipien werden dann in reicher Mannigfaltigkeit auf die spezielle Chemie, Physik und Medizin angewandt. Boyle hat uns, anstatt der vier Elemente des Aristoteles und der drei »Prinzipien« der Alchimisten, den modernen Begriff des Elementes als des keiner weiteren Zerlegung fähigen Stoffes gebracht. Seine Einzeluntersuchungen über die mechanische Natur von Wärme, Magnetismus und Elektrizität, über die Oxydationsprozesse der Metalle, die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre gehören in eine Geschichte der Naturwissenschaften. Gegenüber der damals üblichen Ansicht in der Medizin bewies er, nicht von deren besonderen »Kräften«, sondern von ihrem jeweiligen Zusammenwirken mit dem betreffenden Organismus abhänge.

Zu Boyles Zeit herrschte – ein Rückschlag gegen die einseitige Religiosität der Puritaner – in England reges wissenschaftliches Leben, gerade mit Bezug auf die Naturwissenschaften. Auch Boyle, ein Mann von vornehmer Abstammung, opferte sein ganzes Vermögen der Wissenschaft. Er stiftete u. a. eine gelehrte Gesellschaft, welche seine Korpuskulartheorie verbreiten und – von dem Vorwurf des Atheismus reinigen sollte. Ein Verehrer Boyles, zugleich auch Bacos und Descartes', war Joseph Glanvill (1636-1680), der in seiner Scepsis scientifica kräftig zugunsten der Erfahrungswissenschaft gegen die alte Schulphilosophie zu Felde zog. Freilich bewahrte ihn seine[353] »wissenschaftliche Skepsis«, die ihn u. a. auch schon das Kausalitätsgesetz im Sinne Humes bestreiten läßt, nicht davor, in einer (nach seinem Tode erschienenen) Schrift den Hexenglauben zu verteidigen.


3. Huyghens.

Der Niederländer Huyghens (1629-1695, Mitglied der Pariser Akademie von 1666-1681) ist in der Geschichte der Naturwissenschaften epochemachend vor allem durch seine Erfindung des Pendels (1657), die Formulierung der Stoßgesetze und seine Undulationstheorie (1678), die, zunächst durch Newtons größere Autorität aus dem Felde geschlagen, heute in angemessener Modifizierung allgemein anerkannt ist. Die Grundlehre, die er auf die Theorie des Lichtes und der Schwere anwendet, ist die rein kinetische Korpuskulartheorie, die in ihm ihren Höhepunkt erreicht. Seinen Atombegriff übernimmt er zunächst von Gassendi, aber, obwohl weniger »Naturphilosoph« als dieser, geht er doch wissenschaftlich-methodischer zu Werke. Die wahre Philosophie muß alle Wirkungen in der Natur »per rationes mechanicas« erklären, nicht bei den sinnlichen Wahrnehmungen verharren, sondern sie zu mechanischen, mathematisch formulierten Prinzipien objektivieren, die sich dadurch bewähren, daß »die aus jenen Prinzipien gezogenen Folgerungen« als »vollständig mit den Erscheinungen im Einklang« nachgewiesen werden. Es ist die von Kopernikus, Kepler und Galilei erneuerte hypothetische Methode Platos, die in diesen Worten verkündet wird. Huyghens geht über Gassendi hinaus, indem er ihn durch Galileis Bewegungsbegriff verbessert; des letzteren Lehre aber vervollkommnet er, indem er sie von den einzelnen und einfachen Körpern auf die Gesamtheit aller in Wechselwirkung miteinander stehenden Körper überträgt. Die Energie ist durch den Weltäther von Atom zu Atom, von Körper zu Körper übertragbar, und alle Veränderung in der Natur entsteht durch Atombewegung. Die Summe der Bewegungsgröße und die Summe der Energie erhält sich.


4. Newton.

  • Literatur: Über Newtons Methode vgl. Cassirer, Erkenntnisproblem Bd. II, 6. Buch. Steinmann, Über d. Einfluß Newtons auf d. Erkenntnistheorie s. Zeit. Bonn 1913. – Sein Hauptwerk: Philosophiae naturalis principia mathematica, 3 Bde. 1687, zweite Aufl. mit einer methodisch wichtigen, längeren Vorrede seines Schülers. Cotes 1713, 3. Aufl. 1726, deutsch von Wolfers. Berlin 1872.

[354] Isaak Newton, am Weihnachstage 1642, nach unserer Zeitrechnung am 5. Januar 1643, in dem Dorfe Woolsthorpe im östlichen England geboren, war als Knabe still und in sich gekehrt und machte in den Schulwissenschaften wenig Fortschritte, erlernte dagegen die gesamte Mathematik fast spielend und erfand schon mit 21 Jahren die Fluxionsrechnung. 1669 Professor in Cambridge, seit 1671 auch Mitglied der Royal Society, veröffentlichte er erst 1687 seine große Entdeckung von der allgemeinen Gravitation, auf die ihn bekanntlich ein vom Baume fallender Apfel zuerst gebracht haben soll, in seinem Werke: Philosophie naturalis principia mathematica. Später zum Kgl. Münzmeister ernannt und mit Ehren überhäuft, starb er 1727. In den letzten Jahren hatte er sich stark mit mystischen Studien beschäftigt.

Kant schreibt in seinem Nachlaßwerk (Altpr. Monatsschr.XIX, 596): »Nun trat Newton auf und, als Philosoph führend, trug er eine mit dem Raum selbst identisch verknüpfte und bloß als sensibeler Raum anzusehende Kraft, Gravitationsanziehung genannt, in das Universum hinein als allgemeine Weltattraktion aller Körper durch den leeren Raum; welchem dynamischen Prinzip er ein anderes, nämlich das einer den Raum erfüllenden Abstoßung, beigesellete, und zwar a priori nach Prinzipien, weil sonst, wenn nur eine dieser bewegenden Kräfte angenommen wird, der Raum leer, mithin gar nicht Gegenstand der Sinne sein würde.« Doch Newtons Bedeutung für die Geschichte der Philosophie beruht nicht auf seinen naturwissenschaftlichen Einzelentdeckungen, selbst nicht auf jener größten, worin er übrigens in seinem Landsmann Hooke (1635-1703) einen Vorläufer besitzt, sondern auf deren methodischer Begründung. Auch er erscheint zunächst, wie Galilei, als bloßer Empiriker. »Hypothesen«, sagt er am Schlüsse seines großen Werkes, »bilde ich nicht. Alles nämlich, was nicht aus den Erscheinungen gefolgert wird, ist als Hypothese zu bezeichnen; und Hypothesen, seien es nun metaphysische oder physikalische oder solche von verborgenen Eigenschaften oder mechanische, sind in der Experimentalphilosophie nicht am Platze. In dieser werden die Sätze aus den Erscheinungen abgeleitet und durch Induktion verallgemeinert. So hat man die Undurchdringlichkeit, die Beweglichkeit, die Stoßkraft der Körper, die Gesetze der Bewegungen und der Schwere kennen gelernt.« Es »genügt« ihm, daß die Schwerkraft »wirklich existiert und nach den von uns auseinandergesetzten[355] Gesetzen wirkt und zur Erklärung aller Bewegungen der Himmelskörper und unseres Meeres ausreicht«. Aber diese ängstliche Scheu vor Hypothesen bezweckt bei Newton nur die Entfernung aller unsicheren und unklaren Vorausannahmen aus dem Gebiete der experimentellen Naturwissenschaft oder, wie er nach dem Sprachgebrauch der Zeit sich ausdrückt, der Philosophie. Der Abweisung der »substantiellen Formen« und »verborgenen Eigenschaften« gilt der erste Satz seines Werkes. Statt dessen will auch er, wie die »Neueren«, »die Naturerscheinungen auf mathematische Gesetze zurückführen«. Daher der Titel seines Werkes: Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie. »Unsere Absicht ist es,« fährt jener erste Satz fort, »die Mathematik auszubilden, soweit sie sich auf Naturwissenschaft (philosophia) bezieht.« So will er, trotz jener buchstäblichen Verwahrung gegen die »Hypothesen«, nichts anderes, als was Kopernikus, Kepler, Galilei und Huyghens wollten: nachdem er aus den Bewegungserscheinungen die Naturkräfte gefunden hat, aus diesen Kräften, d. i. aus den Prinzipien der Mechanik »mittelst mathematischer Sätze« alle übrigen Erscheinungen, zuletzt das ganze Weltsystem, die Bewegungen der Planeten, Kometen, des Mondes und des Meeres ableiten.

Er kämpft zwar für Anschauung und Erfahrung und will nur die letztere lehren, aber er begründet sie nicht durch die sinnliche Wahrnehmung, sondern durch das reine, will sagen mathematische Denken. »In Philosophicis muß man von den Sinnen absehen.« Daraus, daß man Zeit, Raum, Ort und Bewegung nur nach ihrer Beziehung zum sinnlich Wahrnehmbaren (sensibilia) auffaßt, »entstehen gewisse Vorurteile, zu deren Beseitigung es zweckmäßig ist, sie in absolute und relative, wahre und scheinbare, mathematische und gewöhnliche Größen zu scheiden«. Er verwahrt sich ausdrücklich dagegen, daß er durch Ausdrücke, wie »Anziehung«, »Stoß«, »Streben gegen den Mittelpunkt« die Art oder Weise der Wirkung oder die Ursache oder den physikalischen Grund erklären oder den Zentren, die vielmehr mathematische Punkte seien, wirklich physikalische Kräfte zuschreiben wolle: er betrachte diese Kräfte nicht physice, sondern bloß mathematice, d. i. nach ihrer mathematischen Seite. So sind seine Begriffspostulate (leges), welche die Begriffe der Masse, Ursache, Kraft, Trägheit, Raum, Zeit und Bewegung festsetzen, die Grundbegriffe der modernen[356] Naturwissenschaft, Newton selbst deren erster Systematiken geworden.

Freilich führt Newton diese rein mathematische Theorie noch nicht bis zu ihren letzten Konsequenzen durch. Zwar hatte er durch die Erfindung der Fluxionsrechnung die unendlich kleinen Veränderungen in den räumlichen Ausdehnungen und in den Geschwindigkeiten während eines Zeitmoments in Rechnung gezogen, so daß nun das Gesetz der Wechselwirkung der Körper unmittelbar mathematisch formuliert werden konnte. Aber sein Begriff des »absoluten« Raumes enthielt Schwierigkeiten, die, von Berkeley und Leibniz ans Licht gezogen, erst von seinem deutschen Anhänger Leonhard Euler (s. Bd. II) korrigiert wurden. Und gerade seine große Entdeckung, daß die Bewegungen der Himmelskörper sich durch dieselbe Schwerkraft erklären lassen, die wir als die Ursache des Falles der Körper auf unserer Erde betrachten, verleitete den Mann, der das stolze Wort gesprochen, er »erdichte keine Hypothesen«, zu der einen Hypothese von einer immateriellen Zentralkraft, die der Materie als Grundeigenschaft anhängt und in die Ferne wirkt.

Damit aber verband sich bei ihm noch eine andere Gedankenreihe. Er hatte eine »Physik des Himmels« geschaffen. Eine Welt lag vor ihm, ohne Willkür und Wunder, aber auch ohne Zweck und Absicht, rein auf sich selbst ruhend, sich selbsterhaltend. Geriet er damit nicht auf die Bahn des Materialismus und Atheismus, wie der neuen Naturwissenschaft von ihren orthodoxen Gegnern vorgeworfen wurde? In der Tat bedrängte diese Sorge sein aufrichtig frommes Gemüt. Da bot sich ihm nun in eben jener Theorie einer fernwirkenden Zentralkraft ein Ausweg zu dem Gedanken, daß die Wechselwirkung der Körper im letzten Grunde auf einem geistigen Prinzip, dem Willen Gottes beruhe, für den der gesamte Naturmechanismus nur ein Mittel zur Erfüllung seiner Zwecke ist. Das Gebiet des Wissens ist hier zu Ende, das Gebiet des Glaubens tritt in seine Rechte. Die mechanische ordnet sich freiwillig der teleologischen Weltanschauung unter. Wir werden diesem Gedanken in der deistischen Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts wieder begegnen. Er gehört dem Menschen Newton an, nicht dem Begründer der mathematischen Physik, dem Systematiker der naturwissenschaftlichen Prinzipien. Nur als solcher aber hat er gleich seinen Vorgängern Kepler, Galilei, Huyghens Bedeutung in der Geschichte der Philosophie.[357]

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919.
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