§ 4. Nachwirkungen des Cartesianismus.

Der Okkasionalismus (Geulincx) und Malebranche. Pascal.

  • [18] Literatur: Bouillier, Histoire de la Philosophie Cartésienne, Paris, 3. Auflage 1868.

1. Unmittelbare Nachwirkungen. Die cartesianische Philosophie – das latinisierte Cartesius verdrängte in der Gelehrtensprache der damaligen Zeit bald die ursprüngliche Namensform – zog bei ihrer Vielseitigkeit viele in ihren Kreis: durch ihren methodischen Zweifel die freieren Geister, durch ihre mechanischen Prinzipien die Männer der Naturwissenschaft, durch ihre Gottes- und Seelenmetaphysik die Theologen. Die letztere Seite, die eine enge Verbindung mit dem Augustinismus (I 230) einging, überwog. Namentlich in Frankreich und den Niederlanden gewann sie zahlreiche Anhänger, deren Namen man bei Erdmann (Grundriß II, § 268) findet. Von Holland aus, wo u. a. der reformierte Prediger Balthasar Bekker (1634-98) in seiner Betoverde Weereld (1691) aus der Lehre von der Unmöglichkeit eines geistigen Einflusses auf den Körper die Unmöglichkeit alles Zauber-, Teufel- und Hexenwesens folgerte, und darüber natürlich der Absetzung verfiel, verbreitete sich die neue Lehre auch nach Deutschland. Nicht bloß in Herborn und Duisburg, wo der Solinger Johann Clauberg (1622-1665) seine Alte und neue Logik und eine Metaphysik vom Seienden schrieb, die schon dem Okkasionalismus (S. 20) nahe steht, daneben in mehreren sprachwissenschaftlichen Werken als begeisterter Vorkämpfer der deutschen Sprache auftrat, sondern auch in Marburg, Gießen, Berlin, Frankfurt a. O., Bremen, Halle, Altorf, Leipzig, Tübingen, Jena fand sie Eingang. Von Frankreich aus ward sie auch nach Italien,[18] der Schweiz und England verpflanzt, hier jedoch bald durch den Lockeschen Empirismus verdrängt. Die berühmten Häupter der französischen Kirche, Fénelon und Bossuet, zeigten sich wohlwollend, noch mehr die Jansenisten und die Kongregation vom Oratoire (s. unten bei Malebranche). In dem jansenistischen Port-Royal unterrichtete man in der Logik nach dem auf cartesianischen Grundsätzen beruhenden, wenn auch in Anordnung und Beweisgang noch am Aristotelismus haftenden Lehrbuch Arnaulds L'Art de penser (1662). Auch in aristokratische Kreise, ja selbst in die Zirkel geistreicher Damen fand Descartes' Lehre Eingang und in Boileaus rationalisierender Ästhetik ihren Ausdruck. Freilich setzte sich anderseits auch der Widerstand der Jesuiten, die sie als calvinisch, und der holländischen Calvinisten, die sie als jesuitisch bekämpften, nach des Philosophen Tode fort; in Rom kam sie 1663 auf den Index, in Paris wurde sie 1671 verboten.

Bei den selbständigeren Denkern unter ihren Anhängern erfuhr die Philosophie Descartes' eine Fortbildung. Sie heftete sich gerade an die zwei in unserem Sinne schwachen Punkte des Systems: 1. das Verhältnis der absoluten zur endlichen Substanz, also Gottes zur Welt, und 2. das Verhältnis der beiden unvollkommenen Substanzen, Geist und Körper, zueinander. Bedeutsam wurde in dieser Hinsicht besonders die Stellungnahme des Niederländers Geulincx und des Franzosen Malebranche.

2. Arnold Geulincx, geboren 1625 zu Antwerpen, seit 1646 Professor an der katholischen Universität Löwen, ward als Cartesianer angefeindet, trat zum Calvinismus über und wurde Professor in Leiden, wo er schon 1669 an der Pest starb. Sein Hauptwerk Gnôthi seauton oder Ethica erschien 1665, seine Metaphysica vera erst 1691. Eine neue sorgfältige Ausgabe seiner Werke verdanken wir seinem Landsmanne Land (3 Bde., Haag, 1891-1893), der auch eine Monographie über ihn (Geulincx u. a. Philosophie, Haag 1895) verfaßt hat.

Geulincx beginnt als scharfer Gegner des naiv-dogmatischen Realismus: Alle unsere Vorstellungen sind rein subjektiv, Setzungen unseres Geistes; die Kategorien des Aristoteles gar sind rein grammatische Abstraktionen. Aber er führt diese Denkweise nicht folgerichtig durch, sondern stellt der Welt des Geistes die der Körper als etwas völlig Fremdes gegenüber. An sich, schließt Geulincx folgerecht aus Descartes' Dualismus, kann[19] weder der Körper die Seele noch diese jenen beeinflussen. Daß trotzdem dieser Einfluß tatsächlich besteht, z.B. in unseren willkürlichen Bewegungen und unwillkürlichen Sinneswahrnehmungen, ist ein Wunder und wird von Gott bewirkt, der beide bei Gelegenheit miteinander verbindet. Doch nimmt der »Okkasionalismus« des Geulincx ein solches jedesmaliges Einzeleingreifen des Allmächtigen nur an einzelnen Stellen an; im allgemeinen ist von Gott Vorsorge für eine ständige Einwirkung, eine Korrespondenz von Geist und Körper getroffen, die, wie zwei von demselben Mechaniker gleich gearbeitete und gleich gestellte Uhren, in stetig einander korrespondierendem Gange bleiben. – Die Ethik, welche der neue Calvinist weit mehr als der vorsichtige Descartes ausbildete, lehrt ganz folgerecht eine völlige Ergebung in den Willen Gottes. Demut ist die höchste Tugend.

3. Noch weiter in dieser Richtung geht Nicolas Malebranche (1638-1715). 1638 zu Paris geboren, zart und kränklich, daher von Jugend auf zurückgezogen lebend, trat er 1660 in die Kongregation des Oratoriums ein, eine Vereinigung von Männern, welche Wissenschaft und Kirche zu versöhnen suchten und statt Aristoteles und Thomas Augustin und Plato studierten. Durch die Lektüre Descartes' für diesen gewonnen, widmete sich der junge Malebranche bald ganz dem Studium der Philosophie, Mathematik und Physiologie. 1675 erschien sein Hauptwerk Recherche de la vérité, von dem er selbst noch sechs Ausgaben erlebte, 1688 seine Entretiens sur la métaphysique et sur la religion; interessant sind auch die philosophischen Streitschriften zwischen ihm und Arnauld. Daneben verfaßte er noch eine Reihe anderer, meist theologischer Schriften. Die Ausgabe von Jules Simon (Paris 1871, 4 Bde.) ist unvollständig.

Malebranches Philosophie ist zunächst durch sein psychologisches Interesse bestimmt: des Menschen am würdigsten ist die Wissenschaft vom Menschen. Aber die Natur der Seele selbst ist uns unbegreiflich; sie läßt sich wissenschaftlich erfassen nur in den ihr streng parallel laufenden körperlichen Erscheinungen. Der Physiker hat nicht nach »Dingen« zu fragen, die hinter den Wahrnehmungen lägen. Das wahrhaft Wirksame sind nicht die Körper, sondern die Gesetze des reinen Denkens. »Wahrheit« bedeutet eine reale Beziehung, die zwischen zwei Ideen stattfindet. Die Empfindungen verschaffen uns niemals die Gewißheit eines äußeren Gegenstandes, das[20] vermögen bloß die mathematischen Begriffe und Urteile. Woher aber stammt die Wirksamkeit jener Gesetze selbst? Aus dem gleichförmigen und beständigen – Willen der Gottheit! Die Wirklichkeit löst sich für Malebranche in eine Mannigfaltigkeit zusammenhängender Ideen auf, es gibt kein unabhängiges stoffliches Sein. Deshalb läßt sich auch nicht aus einem bloßen Begriffe (z.B. Gottes) auf seine dingliche Existenz schließen. Aber worin liegt nun die Haltbarkeit, Dauerhaftigkeit und Notwendigkeit dieses wahrhaften, intelligibelen Seins, z.B. des mathematischen, begründet? Wieder lautet die Antwort im Geiste Augustins: in unserem Schöpfer. In ihm sind alle Wahrheiten, also auch alle Dinge ihrer Idee nach enthalten. Die Idee eines Dinges (hier zeigen sich die platonischen bezw. neuplatonischen Einflüsse seiner Kongregation) ist nichts anderes als eine Teilnahme (participation) an der göttlichen Vollkommenheit. Die Ideen sind die notwendigen und ewigen Urbilder der Dinge. Nicht die Menschen erzeugen sie, sondern unsere gesamte Erkenntnis stammt von Gott. Wie der Raum der Ort der Körper, so ist Gott der Ort der Geister, er steht mit jedem von ihnen in Verbindung. Die Dinge wahrhaft erkennen heißt daher sie in Gott, im Lichte der göttlichen Ideen schauen.

Ebenso wie unser Erkennen von Gott stammt, ist auch unser Wollen nur ein Mitgezogenwerden von der Liebe, mit der Gott liebt, all unser Streben daher im Grunde Liebe zum Unendlichen, zum höchsten Gut, zur Glückseligkeit, die allein in Gott liegt. In der Lehre von den dem reinen Geiste entstammenden Neigungen und den durch die Bewegung der (körperlichen) Lebensgeister entstehenden Leidenschaften stimmt Malebranche mit Descartes, in der Lehre vom Verhältnis zwischen Leib und Seele mit dem Okkasionalismus überein. Auch für ihn sind die natürlichen Ursachen nur Gelegenheitsursachen (causes occasionelles) für das göttliche Wirken; daß z.B. eine Lufterschütterung zum Tone oder zur Lichterscheinung wird, ist an sich unbegreiflich und nur als göttliches Wunder zu fassen. Es gibt streng genommen nur eine einzige Ursache, nämlich Gott; alle endlichen Geister sind nur Modi der göttlichen Substanz, die unser Bewußtsein und unseren Willen lenkt. Die Bewegung wird der an sich nur Ausdehnung besitzenden Materie von Gott mitgeteilt, und nur durch diesen von einem Körper auf den anderen übertragen. Indes braucht Gott nach Malebranche[21] überall die einfachsten Mittel und handelt nach den Bestimmungen der ewig geltenden Vernunft, sodaß wir dennoch die Naturwissenschaftlich zu erkennen vermögen. In unserem Erkennen sollen wir bloß demjenigen zustimmen, dem man die Zustimmung nicht ohne innere Vorwürfe der Vernunft versagen kann; denn Vernunft wie Gott sind gleich notwendig und unveränderlich.

So paaren sich bei Malebranche Rationalismus und Mystik, ähnlich wie bei dem von ihm als »Atheist« verabscheuten »misérable« Spinoza, nur daß bei diesem der erstere, bei dem französischen Pater die letztere den Grundton abgibt. Spinoza erblickte, wie Malebranche einmal sagt, Gott im Universum, er selbst dagegen das Universum in Gott.

4. Eine eigentümliche Gestalt gewann die mystische Fortbildung des Cartesianismus in Blaise Pascal (1623 bis 1662) aus Clermont. Schon als 16jähriger Jüngling ein berühmter Mathematiker, ward er durch Überanstrengung seines frühreifen Geistes kränklich und zum Überdruß an aller Wissenschaft geführt. Von Asketenstimmung erfüllt (er trug einen Bußgürtel auf dem Leibe), kam er 1654 zu den Jansenisten von Port-Royal, den Vertretern der letzten größeren Reformbewegung in der französischen Kirche, die im Geiste Augustins auf religiös-sittliche Vertiefung drang. Seine berühmten Lettres à un provincial (1656-57) waren eine glänzende Vernichtung der jesuitischen Probabilitätsmoral; die unvollendet geblichenen Pensées (sur la religion) sollten eine große Apologie des Christentums werden. Philosophisch wichtiger ist das naturphilosophische Fragment Über das Leere und die Abhandlung Über den Geist der Geometrie. Aus der umfangreichen Pascal-Literatur sei die fesselnde Studie von A. Köster, Die Ethik Pascals (Tübingen 1907) hervorgehoben. Einen Überblick über diese Literatur gibt Bornhausen, Die Ethik Pascals (Gießen 1907). Vgl. ferner Strowski, Pascal et son temps, 1907 f. Die beste französische Ausgabe seiner Schriften (mit guten Einleitungen) ist die von E. Havet; die Pensées sind in deutscher Übersetzung von Herber-Rohow (E. Diederichs, Jena 1905) und mit Voltaires Anmerkungen von H. Hasse (Reclam 1918) erschienen. Eine neue französische Gesamtausgabe von L. Brunschvicg und P. Boutroux, Paris 1908 ff.

Einig mit Descartes ist Pascal im Kampf gegen die Autoritätssucht, in der Auffassung der Seele als einer von der Maschine des Körpers völlig verschiedenen Substanz,[22] und in dem Glauben an die Unendlichkeit der Welt; auch für Galileis Lehre von der Erdbewegung trat er gegenüber den Jesuiten energisch ein. Päpstliche Verordnungen vermögen nichts gegen die Natur der Dinge. Dreht die Erde sich wirklich um sich selbst, so wird die ganze Menschheit nicht imstande sein, sie daran zu hindern. Gleich Descartes vertritt auch Pascal die Ansicht, daß durch die Anwendung der Mathematik auf das Naturerkennen die in beständigem Fortschreiten begriffene menschliche Wissenschaft entsteht. Und in seinen früheren Schriften bekennt er sich ganz zu der echten wissenschaftlichen Methode, die keinen Satz duldet, den sie nicht selbst aus ihren eigenen Definitionen abgeleitet hat, und deren Vorbild die Klarheit und Deutlichkeit der ersten mathematischen Prinzipien darstellt. Dort findet sich noch kein metaphysischer Skrupel an der Sicherheit der Wissenschaft; das Denken allein ist zum Richter über sich selbst berufen. Ja, noch in den Pensées heißt es: »Alle unsere Würde besteht im Gedanken. – Richtig zu denken, ist das Prinzip der Moral.« Aber zugleich vollzieht sich in ihnen bereits die paradoxe Wendung ins Ethisch-Religiöse. Diese ganze Wissenschaft, die »Naturphilosophie«, ist ihm – »nicht der Mühe einer Stunde wert«!

Denn philosophische Beweise können zwar allenfalls zu einem abstrakten göttlichen Wesen, einem »Gott der Wahrheit« führen, aber nicht zu dem Gott der Liebe, nach dem das geängstigte und liebebedürftige Menschenherz verlangt. Religion beruht allein auf dem Gefühl, ist die unmittelbare Erfahrung Gottes im Herzen. Könnte man Pascal in dieser Beziehung als einen Vorläufer Rousseaus bezeichnen, so bildet er in anderer das gerade Gegenstück zu ihm. Alles Natürliche erscheint ihm als gottlos, alle Menschen hassen sich von Natur, der Starke ist der Herrschende, auch das Eigentum eine bloß durch Gewalt aufrechterhaltene bürgerliche Einrichtung, und die ganze menschliche Gesellschaft nur auf Eigenliebe, Heuchelei und Gewalt gebaut. Es ist ein Leben voll von Widersprüchen. »Wir begehren die Wahrheit und finden in uns nur Ungewißheit. Wir suchen das Glück und finden nur Elend und Tod.« Aber aus diesem Leben des Elends und der Widersprüche rettet uns nicht die natürliche Vernunft – »Erniedrige dich, ohnmächtige Vernunft Schweige, blödsinnige Natur!« –, sondern einzig und allein die göttliche Gnade und der Glaube an die biblische Offenbarung. Pascal ist einer der entschiedensten Vertreter[23] der calvinisch-jansenistischen Lehre von der Gnadenwahl. Zu diesem Glauben muß die Sinnlichkeit, wenn nötig, durch Gewöhnung (Weihwassernehmen, zur Messe gehen) gebracht werden; auch verschmäht Pascal die himmlischen Belohnungen und die Strafen der Hölle als Motiv desselben nicht. Bei etwaiger Unsicherheit über unser Schicksal nach dem Tode biete der Glaube in jedem Falle die größere Sicherheit. So deckt Pascals Ehrlichkeit und Folgerichtigkeit den unversöhnbaren Gegensatz zwischen der neuen Wissenschaft und der Kirchenlehre auf, den Descartes und die übrigen Cartesianer zu überbrücken gesucht hatten. Das Wort Pascals schlägt sie, daß »Gott niemals das Ende einer Philosophie sein kann, wenn er nicht deren Prinzip und Anfang ist«.

Andere Konsequenzen zog aus ähnlichen Voraussetzungen der Skeptiker Bayle; doch ziehen wir vor, denselben erst an der Spitze der französischen Aufklärungsphilosophie zu behandeln (§ 23). Zunächst haben wir uns mit dem zweiten großen Systematiker des 17. Jahrhunderts zu beschäftigen, dem erst in neuerer Zeit recht gewürdigten Engländer Thomas Hobbes.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 18-24.
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