§ 69. Fechner und Lotze.

1. Fechner.

  • [404] Literatur: Kuntze, G. Th. Fechner. Ein deutsches Gelehrtenleben. Leipzig 1892. K. Laßwitz, G. Th. Fechner. Klass. d. Philos. I. Stuttgart. 3. Aufl. 1910.

a) Leben und Schriften. Gustav Theodor Fechner, geboren 1801, einem alten Pastorengeschlecht der Niederlausitz entstammend, in Leipzig seit 1823 Dozent, seit 1833 Professor der Physik, überwand bald seine Oken-Schellingschen Jugendanschauungen. 1839/40 durch ein schweres Augenleiden zum Aufgeben seiner Professur genötigt, hielt er nunmehr freie Vorlesungen naturphilosophischen, anthropologischen und ästhetischen Inhalts, daneben seinem Hange zur Paradoxie in sarkastisch-humoristischen Schriften (z.B. einer »vergleichenden Anatomie der Engel«) als »Dr. Mises« nachgebend. Noch in seinem 86. Lebensjahre schrieb er eine psychophysische Abhandlung für eine wissenschaftliche Zeitschrift. Bald darauf starb er in Leipzig, wo er seit 70 Jahren gelebt hatte.

Von seinen Schriften gehören dem wissenschaftlich-philosophischen Gebiete an: Über die physikalische und philosophische Atomenlehre 1855 (2. Aufl. 1864), Die Elemente der Psychophysik 1860 (3. Aufl. 1907), Vorschule der Ästhetik 1876 (2. Aufl. 1897/98); dem persönlich-spekulativen, mit geistreicher Phantastik durchsetzten: Das Büchlein vom Leben nach dem Tode 1836 (7. Aufl. 1911), Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen 1848 (4. Aufl. von K. Laßwitz 1908), Zendavesta oder über die Dinge des Himmels und des Jenseits 1851 (3. Aufl. 1906), Über die Seelenfrage 1861 (2. Aufl. mit Geleitwort von Paulsen 1907), Die drei Motive des Glaubens 1863 (2. Aufl. 1910), Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht 1879 (2. Aufl. 1904).[404]

b) Metaphysik. Auch Fechner will von der Erfahrung aus- und weder über sie hinweg-, noch hinter sie zurückgehen. Aber es gilt nach seiner Meinung, diese Erfahrung durch Verallgemeinerung, Erweiterung und Steigerung der in ihr schon enthaltenen Gesichtspunkte über das Erfahrbare hinauszuführen, um bis zum Höchsten, Letzten, Allgemeinsten, d.h. zu Gott, vorzudringen. Zwischen Gott und Welt, Unendlichem und Endlichem gibt es keinen Gegensatz; sie gehören zueinander wie Seele und Körper. Das Endliche ist Inhalt des Unendlichen, das in ihm an unzähligen Enden zu erfassen ist. Alles ist beseelt, vor allem auch die Pflanzen. Und warum sollen wir den wissenschaftlich nachgewiesenen stetigen Zusammenhang zwischen Tier- und Pflanzenorganismus nicht auch noch weiter, auf die scheinbar unbeseelte Materie, auf die Erde, auf alle Gestirne ausdehnen? Alle Seelen aber sind Teile einer höchsten, alles umfassenden Seele, des Prinzips aller Ordnung und alles kausalen Zusammenhanges im Weltall. So baut Fechner auf dem höchsten Gesetze (dem Kausalgesetze) die höchste Idee (Gottesidee) auf. In dem höheren Leben, in das unsere Seele nach dem Tode eingehen wird, stehen die Geister, nicht mehr an räumliche Schranken gebunden, in einem freieren und innigeren Verkehr. Freilich sind diese und ähnliche Sätze nur »Glaubenssätze« der »Tagesansicht«.

c) Naturphilosophie (Atomistik). Wie die letzte und höchste Wirklichkeit des Geistigen in der göttlichen Bewußtseinseinheit beschlossen ist, so liegt das letzte Element der Körperwelt im Atom. Die Naturwissenschaft kann die materiellen Vorgänge nur als Wechselwirkungen kleinster, für uns nicht weiter teilbarer Teilchen, d.h. »relativer« oder »philosophischer« Atome auffassen. Je kleiner sie gedacht werden, um so genauer die wissenschaftlichen Ergebnisse; denn sie sind ja nur angenommen, um Ausgangspunkte der Wirkungen, also Kraftzentren zu gewähren. Ausdehnung besitzen sie nicht mehr, ihre »Materie« ist nicht mehr materialistisch. Das Atom ist vielmehr nur die unterste Grenze unserer Erkenntnis, wie das universale Weltgesetz die oberste. Von der Schelling-Hegelschen Naturphilosophie, die in die Natur hinabsteige »wie der Bär in einen Bienenkorb«, wollte Fechner nichts wissen; man müsse vielmehr sorgsam, wie die Bienen, von unten aufarbeiten und sammeln. Das Wertvollste, was er selber für die Wissenschaft geleistet hat, ist die 1850 zuerst in ihm aufgetauchte[405]

d) Psychophysik oder Lehre vom Zusammenhang zwischen Leib und Seele. Alles Geistige hat seinen Träger oder Ausdruck in etwas Körperlichem. Die materielle Welt ist die äußere (konvexe), die psychische die innere (konkave) Seite des Universums; der Unterschied liegt nur in dem Standpunkt des Beschauers. Das Gesetz der Erhaltung der Energie gilt für beide Seiten. Aber die psychische Intensität (Empfindung) wächst nicht so schnell, wie der entsprechende physische Eindruck (Reiz), sondern nur in dem Verhältnis dieses Reizzuwachses zu der schon vorher vorhandenen Reizstärke (Webersches Gesetz, nach dem Physiologen E. H. Weber, an dessen Untersuchungen Fechner, sein Schüler, anknüpfte). Maßeinheit ist dabei der eben merkliche Unterschied der Empfindung68). So legte Fechner den ersten Grund zu einer experimentellen Psychologie, die dann von Wundt (s. § 70) und anderen weiter ausgebaut wurde.

Seine Ethik erblickt den höchsten Zweck in der größtmöglichen Summe von Glück in der Mensch heit. »Eine Moralreligion muß einst kommen, welche das Wort Lust wieder zu rechten Ehren bringt. Eine solche wird die Klöster schließen, das Leben öffnen und die Kunstheiligen«. – Auch in der Ästhetik ist ihm die Lust höchstes Prinzip. Sie hat von der Fülle der Einzelerlebnisse auszugehen, will eine rein psychologische Ästhetik »von unten«, keine spekulative »von oben« sein.

e) Nachwirkungen. In den letzten Jahren ist Fechner wieder mehr studiert worden, und zwar – der gegenwärtigen Zeitströmung entsprechend – vor allem gerade seine mehr spekulativen Schriften, wie deren Neuauflagen (s. oben S. 404) beweisen. Auch haben sich seit Anfang des neuen Jahrhunderts eine ganze Reihe von Aufsätzen und Dissertationen mit seiner Lehre beschäftigt. Wenn auch seine Weltanschauung als solche zu persönlich war, um unbedingte Anhänger zu gewinnen, so hat sie doch neuerdings manche stark beeinflußt; so die bekannten. Schriftsteller P. Moebius (1853-1907), W. Pastor (geb. 1867) und Bruno Wille (geb. 1860, Das lebendige All, 1905) und den holländischen Philosophen Heymans. Auch Fr. Paulsen (§ 76) bekannte sich von Fechner angeregt.
[406]


2. Lotze und ihm verwandte Philosophen.

  • Literatur: R. Falckenberg, H. Lotze 1. Teil: Leben und Schriften (Klass. d. Phil.) Stuttg. 1905. Umfangreicher M. Wentscher, H. Lotze. Bd I: Lotzes Leben u. Werke 1913. Ed. v. Hartmann, Lotzes Philosophie. Lpz. 1888 (kritisch). Eine Neuausgabe seines ›Systems‹ mit Einleitung usw. hat Misch in der Philos. Bibl. Bd. 141/42 (Lpz. 1911 f.) veröffentlicht. 1. Bd.: Logik. Drei Bücher vom Denken, Untersuchen und Erkennen. 2. Bd.: Metaphysik. Drei Bücher der Ontologie, Kosmologie und Psychologie. Lotzes heute noch wirkungvollstes Werk, die ›Geschichte der Ästhetik in Deutschland‹ ist im Neudruck (Lpz. 1913, F. Meiner) erschienen.

a) Leben und Schriften Lotzes. Auch Hermann Lotze war (1817) in der Lausitz geboren; seit 1834 in Leipzig, kam er unter den Einfluß des Ästhetikers und Religionsphilosophen Christian Weiße (S. 392), lernte Medizin und Physik bei E. H. Weber und Fechner, wurde Dozent der Philosophie und Medizin, bereits mit 25 Jahren Professor der Philosophie und 1844 Herbarts Nachfolger in Göttingen, wo er bis 1881 wirkte; in demselben Jahre nach Berlin berufen, starb er dort schon nach wenigen Monaten an einer Lungenentzündung. Seine ersten Schriften: Allgemeine Pathologie und Therapie als mechanische Naturwissenschaften (1842), Allgemeine Physiologie des körperlichen Lebens (1851) und Medizinische Psychologie oder Physiologie der Seele (1852), behaupten den durchaus mechanischen Charakter der Physiologie, wie denn bereits sein Artikel Leben und Lebenskraft in Rudolf Wagners Handwörterbuch der Physiologie (1843) dem Vitalismus entgegengetreten war. Aber der Verfasser verweist schon hier darauf, daß er damit noch nicht den Abschluß seiner Gedanken gegeben habe. Eine volkstümliche Darstellung seiner gesamten Weltanschauung, eine Art Ergänzung zu A. Humboldts Kosmos und Herders Ideen, gibt das seinerzeit viel gelesene Hauptwerk Mikrokosmus, Ideen zur Naturgeschichte und Geschichte der Menschheit, 3 Bände 1856-64 (5. Aufl. 1896-1909). Von seinem »System« hat er, abgesehen von einer schon 1841 veröffentlichten Metaphysik nur Drei Bücher Logik (1874) und Drei Bücher Metaphysik (1879) vollendet, dagegen eine geistvolle Geschichte der Ästhetik in Deutschland (1868) geliefert. Nach seinem Tode wurden nach Vorlesungsdiktaten in acht Heften: Grundzüge der Logik und Enzyklopädie der Philosophie (wichtig als Überblick über seine Lehre, 5. Aufl. 1912), Metaphysik, Naturphilosophie, Psychologie (7. Aufl. 1912), Praktische Philosophie, Religionsphilosophie (3. Aufl. 1894), [407] Ästhetik (3. Aufl. 1906) und Geschichte der deutschen Philosophie seit Kant veröffentlicht.

b) Teleologische Metaphysik. Sein heißt: in Beziehungen stehen, Wirkungen austauschen. Das Wesen der Dinge besteht in dem Gesetze ihrer Verbindung und Aufeinanderfolge. Allein wie schon das einzelne »Ding«, d.h. das einheitliche, beharrende Subjekt wechselnder Zustände sich nur denken läßt nach der Analogie unseres mit sich selbst einhelligen Bewußtseins, so erhält der Begriff der Wechselwirkung vieler voneinander völlig unabhängiger Dinge (vgl. Herbart) keinen Abschluß ohne die Annahme eines unendlichen, sie alle umfassenden Wesens als substantiellen. Weltgrundes (Spinoza, Leibniz). Auf dem Gebiete der äußeren Natur gilt auch Lotze der durchgängige mechanische Kausalzusammenhang als notwendige Voraussetzung. Aber die »innere« Natur der Elemente kann nicht mehr rein logisch, sondern nur gefühlsmäßig, unserem eigenen geistigen Wesen, der einzigen uns unmittelbar bekannten Wirklichkeit, gemäß aufgefaßt werden. Alles Reale ist geistig, der letzte Weltgrund absolute Persönlichkeit (so schon Weiße); er enthält den höchsten Zweck der Dinge. Die Welt der Formen ist nur dazu da, daß in ihr das unbedingt Wertvolle, das was sein soll, verwirklicht wird; Grund und Zweck des Wirklichen ist die ewige Liebe. So geht Lotzes Metaphysik schließlich in Religion und Ethik über. Die mechanische Naturansicht wird seinem »teleologischen Idealismus« durchaus untergeordnet. In der Ethik hängt ihm der Begriff des Guten untrennbar mit dem der Lust zusammen; für soziale Fragen hat er wenig Interesse besessen.

c) Spiritualistische Psychologie. Da die bloße Wechselwirkung physischer Kräfte diejenige Einheit nicht zu erklären vermag, welche selbst die einfachsten Äußerungen seelischen Lebens charakterisiert, so nimmt Lotze eine besondere nichtsinnliche Seelensubstanz an. Die physiologischen Vorgänge geben uns Signale, welche die Seele in ihre eigene Sprache übersetzen muß; sie liefern den höheren Geistestätigkeiten (Erinnerung, Denken, moralisches und ästhetisches Gefühl) den Stoff, mit dem diese selbständig arbeiten. Gegenüber Hegel und Herbart wird mit Recht der grundlegende Wert des Gefühls betont. Für die Raumtheorie ist die Lehre von den rein psychisch gedachten Lokalzeichen bedeutsam. Unsterblichkeit kommt der Einzelseele wie allem Geschaffenen nur zu, insoweit[408] sie »um ihres Wertes und Sinnes willen ein beständiges Glied der Weltordnung sein muß«. Die Entscheidung darüber müssen wir einer höheren Hand anvertrauen; wir können uns nur »auf den Glauben zurückziehen, daß jedem Wesen geschehen werde nach seinem Recht«. Auch die Metaphysik schließt in ähnlichem, religiös gefärbtem Skeptizismus mit dem morgenländischen Spruche: »Gott weiß es besser.«

d) Verwandte Denker. Lotze fehlt das Mannhaft-Kraftvolle. Selbst ein so warmer Verehrer wie R. Falckenberg nennt ihn »mehr fein und anziehend als kräftig und groß.« Seine vermittelnde und versöhnende, in manchem an Leibniz, in anderem an Schleiermacher erinnernde Natur hat zwar keine eigentliche Schule gebildet, aber bei verwandten Denkern vielfach Zustimmung und Beifall gefunden. In diesen Kreis gehören Teichmüller (in Dorpat, 1832-88), E. Pfleiderer (in Tübingen, 1842 bis 1902), Busse (1862-1907), von Jetztlebenden namentlich R. Falckenberg (geb. 1851, in Erlangen) und M. Wentscher (geb. 1862, in Bonn). So vertrat Busse in seinem psychologischen Werke Geist und Körper, Seele und Leib (1903, 2. Aufl. von E. Dürr, Leipz. 1913) eine »idealistisch-spiritualistische, die Annahme psychologischer Wechselwirkung einschließende Weltanschauung«. Auch Baumann (1837-1916, in Göttingen), G. Thiele (1841 bis 1910) und Siebeck (geb. 1842, in Gießen) seien wegen ihrer Verbindung realistischer und idealistischer Motive an dieser Stelle erwähnt. Gleich Fechners Lehre ist auch diejenige Lotzes in den letzten Jahrzehnten Gegenstand zahlreicher, besonders Erlanger, Dissertationen gewesen.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 404-409.
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