§ 79. Blick auf die Philosophie des Auslandes. – Schluß.


Infolge der Umwälzung aller Verkehrsverhältnisse, die das 19. Jahrhundert gebracht, waren die europäischen Kulturstaaten auch geistig in so enge Wechselbeziehungen getreten, daß wir nicht nur die ökonomischen, politischen, religiösen und literarischen, sondern auch die philosophischen Bewegungen des einen Landes, wenn auch abgeschwächt oder modifiziert, sich früher oder später in dem anderen wiederholen sahen. Zudem hatten sich mit Beginn des neuen Jahrhunderts diese Beziehungen durch Internationale Philosophen-Kongresse noch enger geknüpft. Dem ersten, der auf Anregung der Leiter der Revue de Métaphysique et de Morale gelegentlich der Weltausstellung in Paris, August 1900, abgehalten wurde, folgte vier Jahre später ein solcher in Genf, 1908 der dritte in Heidelberg, über den ein Ende 1909 erschienener, 1138 Seiten starker Bericht ausführliche Auskunft gibt; der vierte fand 1911 in Bologna statt. Nun hatte aber gerade in philosophischer Hinsicht Deutschland die Führung, die es, den übrigen Kulturländern (Italien, Frankreich, Niederlande, England) erst spät nachfolgend, mit dem Auftreten von Kants Kritizismus übernommen, seitdem doch im großen und ganzen bewahrt, wie denn auch die »internationale« Zeitschrift Logos, die internationale ›Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften‹ und ähnliche Unternehmungen in Deutschland erschienen. So haben wir im folgenden nur wenige originale Erscheinungen zu verzeichnen. Außerdem sind die ausländischen Hauptvertreter des Kritizismus und ihm verwandter Richtungen, sowie die der Entwicklungsphilosophie und des Sozialismus, schon an früherer Stelle (§ 67 f., § 73 f.) behandelt worden. Wir haben daher nur einen kurzen Blick auf die hervorragenderen unter den sonstigen Denkern zu werfen.


1. Auch in Frankreich gab es, abgesehen von der katholischen Neuscholastik, die sich auch hier seit der[503] päpstlichen Enzyklika von 1889 aufs neue regte und nicht weniger als drei Zeitschriften besaß, bis vor kurzem nur wenige spiritualistische Philosophen von Bedeutung mehr; zumal seitdem Cousins Anhänger P. Janet (1823 bis 1899), der an Schelling erinnernde F. Ravaisson (1813 bis 1900), der protestantische Ch. Secrétan (in Lausanne, 1815 bis 1895) und E. Vacherot (1809 bis 1897) gestorben waren. Die zahlreichen Schüler Cousins sind meist Historiker der Philosophie geworden. Diejenigen, die heute noch eine Metaphysik aufrecht erhalten, waren, wie in Deutschland, bis vor kurzem mehr oder weniger durch den Kritizismus beeinflußt (s. § 73, 4). Dagegen gewann neuerdings der romantische Idealismus von


Bergson


auch außerhalb Frankreichs besonders zahlreiche Anhänger. Henri Bergson (geb. 1860, von Boutroux ausgegangen) vertritt eine über das naturwissenschaftliche Denken grundsätzlich hinausstrebende Metaphysik, die neben das kausal bestimmte Ich der Erscheinung das nur durch die unmittelbare ›Intuition‹ zu erfassende »wahre« Ich des Erlebnisses setzt. Vgl. seine ins Deutsche übersetzten Schriften Zeit und Freiheit (1888, deutsch Jena 1911), Materie und Gedächtnis (mit Einführung von Windelband, 1908), Schöpferische Entwicklung (1914) und die kurze Einführung in die Metaphysik, nebst der Schrift von A. Steenbergen, H. Bergsons Intuitive Philosophie (ebd. 1909). W. Meckauer, Der Intuitionismus u. s. Elemente bei Bergson, Lpz. 1917. Es gibt nach Bergson zwei Methoden, einen Gegenstand zu erkennen: die analytische und die intuitive. Jene ist die Methode der Wissenschaft. Sie sucht den Gegenstand, dem sie sich gegenüberstellt, begrifflich zu erfassen; aber sie bleibt immer außerhalb des Gegenstandes und beim Relativen stehen. Anders die Methode der Metaphysik: die Intuition, durch die ich mich unmittelbar und mit einem Schlage in den Gegenstand hinein versetze und somit ein Absolutes erfasse. Mindestens eine Realität erfaßt jeder Mensch intuitiv: das eigene Ich, in dem er seine Dauer in der Zeit unmittelbar erlebt. Denn, obgleich die Zustände fortwährend wechseln, dauert dennoch die Vergangenheit in der Gegenwart fort. So führt die Intuition zu der »beweglichen Dauer« als dem wahren Wesen der Gegenstände. Im Gegensatz zur begrifflich-kausalen Zergliederung der Wissenschaft, welche die statische Beschaffenheit des räumlichen Nebeneinander untersucht,[504] richtet sich die Intuition auf das lebendige dynamische Werden. Das Psychische hat nichts mit den Raumbegriffen des Physischen zu tun; denn die wahre, innerlich erlebte Dauer kennt weder ein Auseinander noch ein Vor und Nach. Das rein Subjektive ist unausdrückbar. Daher handeln wir auch frei, wenn wir unser ganzes Ich konzentrieren. Meistens freilich leben wir mehr für die äußere, räumliche Welt, lassen uns treiben, anstatt selbst zu treiben. Übrigens führen Wissenschaft und Bewußtsein am letzten Ende doch auf eine durchgängige ursprüngliche Kontinuität alles Seienden zurück.


Der Positivismus


wurde hauptsächlich durch Taine und Ribot nach Frankreich verpflanzt. Die Verdienste von H. Taine (1828 bis 1893) liegen jedoch in erster Linie auf dem Gebiete der von ihm psychologisch vertieften Geschichtschreibung, Literaturgeschichte und Ästhetik. In philosophischer Beziehung ist er Determinist: zur Erklärung eines jeden menschlichen Werkes muß man auf das »Milieu« zurückgehen, aus dem es entstanden ist, wozu auch die Rasse und das »Moment«, d. i. die erlangte Bewegungsrichtung im Sinne der Mechanik, gehören. Der bekannte Verfasser des Leben Jesu (1863), E. Renan (1823-92), war philosophisch Eklektiker. In Verbindung mit dem Positivismus ist ferner eine eifrige Pflege der philosophischen Einzeldisziplinen, namentlich der experimentellen Psychologie und der Soziologie, eingetreten. Die wichtigsten der neueren Psychologen, neben Taine (De l'intelligence, 1870), sind der soeben erwähnte Th. Ribot (geb. 1839, am Collège de France) mit seinem bedeutenden Werk über die zeitgenössische englische Psychologie (1870), der schon S. 402 genannte A. Fouillée (sein Hauptwerk: Der Evolutionismus der Kraft-Ideen, übersetzt von R. Eisler, Leipzig 1908) und der Belgier Delbœuf (1831-96), die ihrerseits wieder eine größere Anzahl Schüler gefunden haben. Den Standpunkt der modernen Psychologie und Psychophysiologie, zu der auch der berühmte Physiologe Claude Bernard (1813-78) wichtige Beiträge geliefert hat, vertreten eine ganze Reihe psychologischer Zeitschriften, darunter L'année psychologique (seit 1895).

Von Soziologen stehen der Comteschen Schule nahe de Roberty (von Geburt Russe), de Greef (Belgier) und Lacombe, der biologischen Richtung Spencers A. Fouillée und R. Worms, der evolutionistischen Letourneau, der[505] ökonomischen Durkheim, dem syndikalistischen Sozialismus G. Sorel u. a. Einer dualistischen, Geist und Natur auseinanderhaltenden Theorie huldigt Hauriou, einer mehr idealistischen G. Tarde (1843-1904), der den historischen »Beweger« im schöpferischen Individuum sieht und die drei Grundgesetze der Wiederholung, des Gegensatzes und der Anpassung unterscheidet (Die sozialen Gesetze, deutsch von Hammer, Leipzig 1908), während Graf Gobineau (1816 bis 1882) die ganze Weltgeschichte aus Rassemomenten ableiten wollte.

Von der neuesten Philosophie der exakten Wissenschaften (Couturat, Poincaré) ist schon oben (S. 496) die Rede gewesen. Auch der große Chemiker Berthelot (1827 bis 1907) war philosophisch interessiert (vgl. Science et philosophie 1886, 2. Aufl. 1905). Übrigens begannen, Boutroux zufolge, seit etwa 1900 Metaphysik und Spezialwissenschaften sich wieder zu nähern. In diesem Zeichen steht u. a. die auf dem Pariser Philos.-Kongreß (1900) von X. Léon gegründete Société française de philosophie.


2. England und Nordamerika. Da wir die wichtigsten Erscheinungen in England: den Darwinismus, den Evolutionismus Spencers, den Relativismus Hamiltons, den Agnostizismus Huxleys, den Kritizismus Cairds, den Idealismus Greens bereits behandelt haben, ist nur noch weniges nachzutragen. Die wichtigsten Anhänger Hamiltons waren der englische Theologe H. Mansel (1820-71) und der Amerikaner Mac Cosh (1811-94) sowie der noch lebende bekannte konservative Politiker A. J. Balfour (geb. 1848), Vertreter einer dualistisch-theistischen Metaphysik J. Martineau (1805-1900). Wegen ihrer hervorragenden Leistungen auf Einzelgebieten seien der Logiker St. Jevons, die Psychologen J. Ward und J. Sully, der Ethiker H. Sidgwick (S. 385), der Geschichtsphilosoph Buckle (1823-62), die Soziologen H. Maine und B. Kidd erwähnt. Sprach- und Religionsphilosophie beherrschte gleichmäßig der Deutsch-Engländer F. Max Müller (geb. 1823 zu Dessau, gest. 1900 in Oxford, wo er seit 1850 dozierte; Vorlesungen über Natural Religion 1889, Physical R. 1890, Anthropological R. 1891, Theosophy or Psychological R. 1892, alle ins Deutsche übersetzt von Winternitz; Science of Thought 1887).

Die nordamerikanische Philosophie ist anfangs nur eine verspätete Parallelerscheinung der englischen. Berkeleyscher Idealismus und deistische Naturreligion finden zunächst am meisten Boden (dem Deismus stand[506] in seinen jüngeren Jahren auch der bekannte Benjamin Franklin nahe); später die schottische Philosophie des gesunden Menschenverstandes. Im ganzen herrschen neben den praktischen religiöse Interessen vor; der Materialismus fand daher nur vereinzelte Anhänger (vgl. über die Anfänge des amerikanischen Philosophierens das ausführliche Buch von Riley, American philosophy, Neuyork 1907). Im 19. Jahrhundert wirkten dann nacheinander der deutsche Idealismus, Cousins Eklektizismus, Spencers Entwicklungslehre auf die amerikanischen Universitäten ein. Wir erwähnen den bekannten Idealisten R. W. Emerson (1803-82), von älteren Soziologen L. H. Morgan (1818-81), der auf Marx und Engels Einfluß geübt hat; von neueren: L. F. Ward, Mackenzie, Giddings (Prinzipien der Soziologie, deutsch von P. Seliger, Lpz. 1911) und Patten, endlich den theologisierenden Idealisten J. Royce. Neuerdings findet auch die moderne Logik, Psychologie, Ethik und der Positivismus (Carus' The Monist) eifrige Pflege. Der philosophische Verkehr mit Deutschland wurde eine Zeitlang durch die sogenannten »Austauschprofessoren« befördert. Das erste eigene Erzeugnis amerikanischer Philosophie ist der von dem Psychologen James begründete, von dort nach England und zuletzt auch auf das europäische Festland verpflanzte Pragmatismus (s. S. 491 f.).


3. In Italien war im letzten Viertel des 18. und im ersten des 19. Jahrhunderts der Sensualismus Condillacs (vgl. S. 136 ff.) am einflußreichsten. In die Zeit der beginnenden nationalen Erhebung fallen die Bestrebungen der freisinnigen norditalienischen Geistlichen Rosmini (1797-1855) und Gioberti (1801-52), die Philosophie und katholisches Dogma zu verbinden suchten und, von der »intellektuellen Intuition« ausgehend, einen Ideal-Realismus bezw. Ontologismus ausbildeten, den dann Mamiani (1799-1885) und dessen Nachfolger Luigi Ferri (1826-95) einigermaßen modernisiert haben (»dynamischer Monismus«, im Gegensatz zu der englischen Assoziationspsychologie). In Neapel herrschte um die Mitte des Jahrhunderts noch der Hegelianismus vor.

Wie diesen Richtungen neuerdings der Neukantianismus siegreich entgegentrat, ist in § 73 auseinandergesetzt worden. Daneben hat ein mit dem letzteren verwandter Positivismus auch in Italien zahlreiche Anhänger, als deren wichtigster der Lombarde Ardigò (geb. 1828, in Padua, Opere filosofiche, 10 Bde. 1882-1910) anzusehen[507] ist. Ardigòs Grundbegriffe sind die »Distinktion«, d. i. Entwicklung vom Unbestimmten zum Bestimmten (ähnlich Spencer), und der »Rhythmus«, d. i. die regelmäßige Wiederkehr der gleichen Erscheinungen. Aus dem Rhythmus der Empfindungen entwickeln sich die Denkkategorien, die Willensvorgänge und die moralischen oder sozialen Gefühle. Abzweigungen dieses Positivismus bilden die Sozialpädagogik von Angiulli (1837-90) und der marxistische Sozialismus von Antonio Labriola (1843 bis 1904, vgl. oben S. 461), Turati, Calojanni, B. Croce und Enrico Ferri, die zum Teil auch mit Lombroso und Garofalo eine neue, soziologisch bedingte Strafrechtstheorie vertreten78. B. Croce (geb. 1866) hat sich seitdem zum Idealisten entwickelt und neben einer Ästhetik (1901, deutsch Leipzig 1905), die neben der Philosophie (= Wissenschaft) die Kunst als eine zweite Ausdrucksform der Wahrheit betrachtet, 1909 eine groß angelegte Filosofia dello spirito (»Philosophie des Geistes«) vollendet. Natürlich wird die gesamte moderne Philosophie auch dort von dem Neuthomismus aufs heftigste bekämpft. Einer der einflußreichsten Vertreter des letzteren, der Jesuit Cornoldi, fällte das schöne Urteil: »Die Geschichte der modernen Philosophie ist nichts anderes als die Geschichte der intellektuellen Irrungen des dem Schwindel seines Stolzes überlassenen Menschen, so daß diese Geschichte die Pathologie der menschlichen Vernunft heißen könnte.«


4. Auch in unserem Nachbarlande Holland herrscht, entsprechend dem Aufschwung der schönen Literatur, seit etwa 1880 regeres philosophisches Leben. Neben den zum Teil schon genannten Ganz- bezw. Halbkantianern Levy, Ovink und Spruyt, dem an Fechner erinnernden van der Wyck (Utrecht), Herausgeber der Zeitschrift Onze Eeuw (Unsere Zeit), und dem Spinozisten W. Meyer, ragt vor allem der durch seine frühere Bekämpfung des Katholizismus und Sozialismus auch in nicht-philosophischen Kreisen bekannte geniale Autodidakt Bolland (Leiden) hervor, der sich von Hartmann über Kant zu Hegel entwickelt hat und eine ganze Anzahl Jünger zählt, die zu den führenden philosophischen Schriftstellern Hollands gehören. Von Bollands scharfsinnigen Arbeiten nennen[508] wir das Collegium Logicum (1906) und Zuivere Rede (d.h. Reine Vernunft, 3. Aufl. 1912), in welchen Hegels Logik bezw. verschiedene Teile seiner Enzyklopädie eine selbständige Neubearbeitung und Weiterbildung erfahren haben, sowie die in unserer Sprache geschriebene Streitschrift gegen Hartmann: Alte Vernunft und neuer Verstand (1902). In seinen Schriften Het Evangelie (2. Aufl. 1910) und De groote Vraag (2. Aufl. 1913) zeigt er mit einem gewaltigen Zitatenmaterial, wie sich das Christentum aus der alexandrinischen Theosophie (vgl. Bd. I, § 48) entwickelt hat. Seine trefflichen Hegel-Ausgaben s. S. 304 f. Der holländische Neuhegelianismus hat sogar 1912 eine besondere ›Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft der Reinen Vernunft in den Niederlanden‹ gegründet. – Eine andere bekannte Persönlichkeit ist der Herausgeber der 1906 gegründeten, im ganzen hegelianisierenden Zeitschrift für Philosophie (Tydschrift voor Wysbegeerte), der feinsinnige Denker J. D. Bierens de Haan, der einen mehr subjektiv gefärbten Idealismus vertritt. Von seinen Schriften heben wir hervor: De psychische afkomst van het oorzaakbegrip (= Der psychische Ursprung des Kausalbegriffs, 1895), ferner Levensleer naar de grondbeginselen van Spinoza (1902), welche eine Lebenslehre, d.h. Ethik »nach den Grundsätzen Spinozas« entwirft, aber auf neue erkenntnistheoretische Grundlagen stellt; endlich De weg tot het inzicht (1909), d.h. eine Einleitung in die Philosophie. – Außerdem sei noch erwähnt der tüchtige Physio-Psychologe G. Heymans (geb. 1857, Groningen) mit seinen Werken: Die Gesetze und Elemente des wissenschaftlichen Denkens (1890-94, 2. Aufl. 1905) und Einführung in die Metaphysik auf Grundlage der Erfahrung (Leipzig 2. Aufl. 1911), sowie der positivistisch gerichtete Ethiker und Soziologe Wynaendts Francken (Soziale Ethik 1897, Ethische Studien, 1903)79.


5. Polen, Böhmen und Ungarn. In Polen machten sich neben dem Altkantianismus im 1. Viertel des 19. Jahrhunderts besonders Einflüsse der schottischen Philosophie und Schellings geltend. Es folgt von 1830-63 die unter der Einwirkung Hegels einer-, der religiös angehauchten französischen Sozialphilosophie anderseits Stehende Epoche der idealistischen, sog. nationalen Philosophie[509] mit ihren Hauptvertretern Hoene-Wronski, Trentowski, Cieszkowski, Liebelt und Kremer. Der Aufstand von 1863/64 unterbricht für längere Zeit die normale Entwicklung des geistigen Lebens der polnischen Nation. Die Wiedergeburt äußert sich am spärlichsten auf dem philosophischen Gebiete, auf dem, nach einem Aufflackern des Materialismus und Positivismus um 1880-90, erst in den letzten Jahren lebhaftere Bewegung begonnen hat. Alle europäischen Richtungen sind mit gewissen Modifikationen vertreten, zuletzt auch der Pragmatismus. Es wären zu nennen: H. von Struve (Idealrealismus), Straszewski (kritischer Idealismus auf individualistischer Grundlage), Twardowski (Anhänger von Brentano und Uphues, Idee und Perzeption, 1892, Zur Lehre vom Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen, 1894), Heinrich (Psychophysiologe und Empiriokritizist, Die moderne physiologische Psychologie in Deutschland, 1899, Zur Prinzipienfrage der Psychologie, 1899), Wartenberg (kritischer Metaphysiker, Kants Theorie der Kausalität, 1899, Das Problem des Wirkens, 1900), Garfein-Garski (kritische Philosophie als Wertlehre mit intuitivem Einschlag, Ein neuer Versuch über das Wesen der Philosophie, 1909), Mahrburg (Positivist und Empirist), Rubczynski (Philosophiehistoriker), Koziowski (kritischer Positivist), Lutoslawski (Mystiker, Seelenmacht, 1899) und andere. Es bestehen zwei philosophische Gesellschaften in Lemberg und Krakau und eine psychologische in Warschau, wo auch die Vierteljahrsschrift »Przeglad filozoficzny« erscheint. Interessant sind auch die aus derselben psychischen Wurzel wie der Neuslavismus sprießenden Ansätze zur Wiedergeburt der sog. nationalen Philosophie80.

In Böhmen und Ungarn haben ebenfalls im Laufe des 19. Jahrhunderts fast alle hervorragenden deutschen Systeme (Kant, Schelling, Hegel, zum Teil auch Schopenhauer) nachgewirkt. In Böhmen speziell wurde um dessen Mitte von Exner und anderen österreichischen Herbartianern (§ 58) die Lehre ihres Meisters eingeführt. Der auch hier vorhandenen katholisch-scholastischen Philosophie tritt in beiden Ländern am häufigsten der Positivismus entgegen, teils mehr Comte-Spencer verwandt, wie bei dem Tschechen Th. G. Masaryk (geb. 1860), teils mehr erkenntnistheoretisch gewendet, wie bei den Tschechen. F. Mares (vgl. S. 449), den Ungarn K. Böhm (Der Mensch und seine Welt, 1883 ff.) und M. Palagyi (Die Logik auf dem[510] Scheidewege, 1903). In Kroatien verband F. Markovic (geb. 1845, Agram) Hegelsche mit Herbartschen Lehren.


6. Die übrigen europäischen Länder. Die wichtigsten Philosophen der skandinavischen Länder sind bereits an anderer Stelle (bes. S. 449) genannt worden. Das Charakteristische der Gegenwart zeigt sich auch hier in dem eifrigen Betrieb der philosophischen Einzelwissenschaften, während überragende Persönlichkeiten fast ganz fehlen. H. Höffding (geb. 1843, in Kopenhagen) ist durch seine verdienstlichen Lehrbücher der Psychologie (fünfte deutsche Auflage Leipzig 1914), Ethik (2. Aufl. 1901), Religionsphilosophie (1901) und Geschichte der neueren Philosophie (1895 f.) auch bei uns seit lange bekannt. Vgl. die ausführlichen Berichte bei Ueberweg IV § 94-96.

In Spanien stehen der vorherrschenden kirchlichen Scholastik besonders die »Krausistas« (vgl. S. 304), daneben vereinzelte Positivisten, und, wie in Portugal (S. 450), auch Neukantianer der ›Marburger Schule‹, z.B. Ortega, gegenüber.

In Serbien huldigt der Belgrader Professor Petroniewicz einer ausgesprochenen Metaphysik (Prinzipien der Metaphysik, 2 Bde., Heidelberg 1904-11), die Leibniz und Spinoza zu einem »Monopluralismus« vereinigen will und sich in starken Jenseits-Phantasien ergeht. – Dem gegenüber zeigte sich in Rumänien Conta (1846-1882) im wesentlichen als Materialist, während er die Metaphysik – ähnlich F. A. Lange – als eine Art wissenschaftlicher Dichtung ansah. Seine Schriften wurden ins Französische übersetzt. Xenopol (in Jassy, geb. 1847) ist wesentlich Geschichtsphilosoph (La Théorie de l'Histoire, Paris 1908).

In Griechenland sind nur unbedeutende Anfänge selbständiger philosophischer Forschung vorhanden.

Weit reger war dagegen der philosophische Betrieb in Rußland. Die philosophische Entwicklung Osteuropas bietet ein echtes Spiegelbild der westeuropäischen dar81. Der Wolfianismus bewahrte seine Herrschaft auf den geistlichen Akademien noch bis ins 19. Jahrhundert hinein. Die weltliche Bildung wandte sich um so begeisterter den neuen Lehren Schellings und Hegels zu, von welchem letzteren die Slawophilen einer-, die Radikalen wie Bakunin (S. 468) und Alexander Herzen andererseits ihren Ausgang nahmen. Dazu trat um die Mitte des Jahrhunderts[511] der Einfluß des deutschen Materialismus (Tschernyschewski), der jedoch bald von dem des Comteschen Positivismus abgelöst wurde. In den 70er Jahren kam dann der Evolutionismus Spencers u. a., endlich eine dem Neukantianismus verwandte Richtung (vgl. u. a. Lawrow, Historische Briefe, 1870, 2. Aufl. 1891, deutsch, Berlin 1901) hinzu. Daneben fehlte es nicht an einzelnen selbständigen systematischen Versuchen, an Vertretern des strengen Theismus an den geistlichen Lehranstalten und an regem Betrieb der Psychologie, namentlich aber der Soziologie, zum großen Teil im marxistischen Sinne. Auch der neuromantische Zug des Westens machte sich neuerdings unter der allen Einflüssen der »westlichen« Kultur so zugänglichen »Intellektuellen« unseres östlichen Nachbarlandes stark bemerkbar.


*


Die Philosophie des ganzen Erdenrunds hat durch den unglückseligen, mehr als vierjährigen Weltkrieg und seine Begleiterscheinungen einen nicht bloß quantitativ, sondern auch qualitativ höchst bedauerlichen Rückgang erfahren. Indem sie gegenüber den ungeheuren wirtschaftlich-politischen Machtkämpfen als nahezu ohnmächtig sich erwies, hat sie ihres Anspruchs auf eine führende Stellung in geistigen Dingen vorerst sich begeben. Und auch bei und nach dem Abschluß des blutigen Völkerringens ist ihr Einfluß, trotz alles Aufwandes schöner Worte, bisher kaum zu spüren gewesen. Ob dies in naher oder fernerer Zukunft anders werden, ob die wirtschaftliche Hebung und Befreiung der Massen auch auf dem geistigen Gebiete wohltätige Folgen zeitigen, und in welcher Richtung dann die philosophische Entwickelung gehen wird: alles das steht noch dahin. Des Philosophen Sache ist es nicht, zu prophezeien oder sich in frommen Wünschen zu ergehen. Genug, wenn er seine Aufgabe klar erkannt hat.

Die Aufgabe der Philosophie aber veraltet nie, und so darf ich hier in dieser Hinsicht den nämlichen Gedanken Ausdruck geben, die ich schon vor siebzehn Jahren an dieser Stelle entwickelte. Gegenüber den beiden sie bedrohenden Gefahren einer metaphysischen Spekulation einer-, des Auflösens in eine Reihe empirischer Spezialfächer (wie Psychologie, Logik, Sozialphilosophie,[512] Ästhetik usw.) anderseits, erinnere sich die Philosophie des ihr zukommenden Berufs, Prinzipienlehre der Wissenschaften (I, S. 4) zu sein. Die Marksteine des geistigen Fortschritts der Menschheit haben von jeher – das ist hoffentlich auch aus unserem Buche klar geworden – große, grundlegende Theorien gebildet, um die sich die Tatsachen gruppieren konnten. Das Schöpferische an den Ideen eines Demokrit, Plato und Aristoteles, eines Descartes, Galilei und Newton, eines Leibniz, Kant und Schleiermacher, eines Hegel, Marx und Spencer bleibt unvergänglich. Zwei Gedanken insbesondere sind in der modernen Philosophie und Wissenschaft zu voller Entfaltung und Fruchtbarkeit gediehen: der Entwicklungsgedanke, der allmählich in fast sämtliche Wissenschaftsgebiete seinen Einzug gehalten hat, und der andere, der nicht nur die methodische Grundlage, sondern auch die notwendige Ergänzung zu ihm bildet: die Erkenntniskritik, die von der erklärenden Naturwissenschaft (im weitesten, z.B. auch die Psychologie und beschreibende Moral einschließenden Sinne) die Normdisziplinen der Logik, Ethik und Ästhetik unterscheiden lehrt. Ohne sie, in denen sich die Welten der Erkenntnis, des Sittlichen und der Kunst zu gesetzmäßigem Aufbau gestalten, bleibt die bloße Entwicklungsphilosophie ohne Sinn und Ziel.

Noch brennender aber ist heute eine andere Aufgabe der Philosophie. Wie Kant einmal sagt, der praktische Philosoph ist der »eigentliche« Philosoph. Es gilt heutzutage mehr als je, Philosophie und Leben in tieferen Einklang miteinander zu setzen. Der Philosoph hat nicht bloß die Gesetze einheitlicher Erkenntnis, sondern auch diejenigen einheitlicher Zwecksetzung zu erforschen. Ruhe und Sachlichkeit, Unparteilichkeit und Gerechtigkeit sind sicherlich unumgängliche Eigenschaften eines Philosophen. Das bedeutet aber nicht unmännliche Zurückhaltung von den Kämpfen der Zeit; im Gegenteil. Nicht die Rolle jenes lichtscheuen Tieres soll die Philosophie übernehmen, das erst in der Dämmerung seinen Flug beginnt, sondern die Fackel der Vernunft und der sittlichen Selbstbestimmung soll sie den Einzelnen wie den Völkern vorantragen.

Wirkt der Philosophie Lehrende oder Lernende in diesem Sinne, so darf er sich trösten und erheben durch den Gedanken, daß seine Sache die Sache der Menschheit ist.[513]

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 503-514.
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