§ 51. Erste und zweite Periode: Naturphilosophie, transzendentaler Idealismus und Ideatitätssystem (von 1794 bis um 1804).

1. Anfänge (1794-96).

[292] Mit seinen ersten, 1794 und 1795 verfaßten Schriften Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt und Vom Ich als Prinzip der Philosophie steht Schelling noch auf Fichteschem Boden. Das wahre Prinzip der Philosophie ist ihm das absolute ich, welches aus sich selbst heraus die gesamte Welt der Objekte erzeugt. Ebenso vertreten die Philosophischen Briefe über Dogmatismus und Kritizismus (1796) noch die Ansicht, daß es nur zwei konsequente philosophische Standpunkte gebe: Spinoza und Kant-Fichte; zwischen ihnen müsse man wählen. Aber bald genügte ihm die bloße »Subjektivitäts«-Philosophie Fichtes nicht mehr. Dieser hatte allerdings die Natur als philosophisches Objekt nahezu unbeachtet gelassen, sie fast nur als Schranke oder höchstens als Mittel zum Zweck der menschlichen Persönlichkeit betrachtet. Und da auch Kant nur die »metaphysischen Anfangsgründe« der Naturwissenschaft gegeben habe, so will Schelling als Ergänzer beider auftreten, die große Lücke zwischen Kants Materie und dem lebendigen Organismus durch eine »spekulative Physik«, eine


2. Naturphilosophie (1797-99)

in großem Stile ausfüllen. Die Zeit schien dazu aufzufordern. Gerade in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hatten sich bedeutende Fortschritte auf verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft vollzogen. Galvani hatte die Entdeckung der tierischen Elektrizität gemacht, Lavoisier, der Begründer der modernen Chemie, an Stelle der alten phlogistischen Theorie die der Oxydation gesetzt und die Zusammensetzung von Luft und Wasser festgestellt, und der Schotte John Brown in seinen Elementa medicinae eine neue Theorie der Erregbarkeit, in der alles Leben wurzele, aufgestellt, die von der Bamberger medizinischen Schule weiter ausgebildet ward. Insbesondere aber hatte ein Landsmann Schellings, der von Kant und Herder angeregte schwäbische Naturforscher Kielmeyer, in seinem Vortrage Über die Verhältnisse der organischen Kräfte (1793) das Leben des Individuums wie der Natur als einen Entwicklungsprozeß mit den[292] drei Stufen der »Sensibilität, Irritabilität und Reproduktion« aufgefaßt, die alle auf eine letzte Grundkraft hinwiesen.

Schellings beweglicher Geist wurde von diesen neuen Entdeckungen und Ideen lebhaft ergriffen. Wie hängen die organischen Erscheinungen unter sich und mit den anorganischen zusammen? Wie kann auch die Medizin zur Wissenschaft erhoben werden? Die mathematisch-mechanische Naturerklärung ließ ihn wie Goethe unbefriedigt, wenn sie ihn nicht gar abstieß. Alles in ihm strebte nach einer »lebendigen« Naturauffassung. Das wirklich fruchtbare, auch von Gegnern wie Fries anerkannte Grundprinzip von Schellings Naturphilosophie besteht nun darin, daß sie die gesamte Natur als einen großen Organismus ansieht, als ein zusammenhängendes System zu begreifen sucht. Er trägt so, wie bereits Kant, die Teleologie in die Natur hinein, aber nicht, wie dieser, mit methodischer Vorsicht als regulative Idee, sondern als konstitutives, metaphysisches Prinzip. Diese »Physik« ist wirklich eine spekulative. Wo in dem damaligen Stande der Naturerkenntnis Lücken vorhanden, zögert Schelling nicht, sie mit oft fruchtbaren, oft aber auch als völlige Irrwege sich erweisenden Hypothesen auszufüllen; an die Stelle praktischer treten Vielfach Gedankenexperimente. Geistreichen Einfällen und Phantasien war bei ihm und seinen Anhängern Tür und Tor geöffnet. Die Grundgedanken seiner Naturphilosophie sind folgende:

Die Natur läßt sich nur verstehen, wenn wir sie als uns gleichartig, d. i. gleichfalls das Gepräge des Geistes tragend auffassen. »Das System der Natur ist zugleich das System des Geistes.« Und zwar ein großartiges Entwicklungssystem, dessen oberste Stufe das Bewußtsein bildet. Die Materie ist schlummernder Geist, unreife Intelligenz. Die Entwicklung aber beruht auf der »Duplizität« widerstreitender Kräfte. Die Natur wirkt immer und überall durch Gegensätze, Entzweiung des Einen, das dann nach Wiedervereinigung strebt; ungleiche Pole ziehen sich an. »Es ist erstes Prinzip einer philosophischen Naturlehre, in der ganzen Natur auf Polarität und Dualismus auszugehen«: wobei Pol nicht als physikalischer Begriff, sondern als universales Naturprinzip zu verstehen ist. So bilden Ausdehnung und Anziehung das Wesen der Materie (Kant), auf dem Zusammenwirken von Positivität und Negativität beruht die Elektrizität[293] (vgl. Volta, dessen Entdeckung allerdings erst nach der ersten Auflage von Schellings Ideen zu einer Philosophie der Natur erfolgte), dem von Säuren und Alkalien die Chemie (Lavoisier), von Erregbarkeit und Erregung (Brown) oder den drei Grundkräften Kielmeyers das Leben, dem von Subjektivität und Objektivität das Bewußtsein (Fichte).

So konstruiert Schelling, anstatt der von ihm gering geschätzten »blinden, empirischen« Naturforschung eines Boyle und Newton, die Natur »von innen her«; das »innerste Wesen« der Natur, über das Kant und doch auch Goethe spotten, ist ihm die Hauptsache. An Stelle der mühevollen wissenschaftlichen Arbeit setzt er symbolische Auslegungen und spekulative Konstruktionen, die ihm nicht einmal der nachträglichen Erfahrungsprobe bedürftig erscheinen.

Wir fügen zu diesen allgemeinen Grundzügen noch einige Bemerkungen über die einzelnen Schriften hinzu. In seiner ersten naturphilosophischen Schrift, den Ideen (s. § 50), knüpft Schelling seine Erörterungen noch an Kants und Fichtes »transzendentalen Idealismus« an. Die Grundkräfte des gesamten, durchgängig dynamischen Naturprozesses sind die Attraktions- und Repulsionskraft Kants, die unendliche und die beschränkende Fichtes. Die zweite Schrift Von der Weltseele (1798) dagegen läßt diese Anlehnung bereits fallen. Das Leben ist ein beständiger Streit der Kräfte, ihr Gleichgewicht wäre der Tod; das organisierende Prinzip und zugleich die Einheit, von der sie ausgehen, ist die Weltseele. Aus einem Äther als positivem und dem Sauerstoff als negativem Prinzip läßt sie zunächst das Licht entstehen; aus dessen »Vermählung mit dem Körper« entspringt die Farbe, sowie die Wärme des Undurchsichtigen und die Elektrizität; für das »Urphänomen der Polarität« hält Schelling eine das ganze Weltall durchdringende magnetische Kraft. Aus dem Unorganischen entsteht dann in zusammenhängender Stufenfolge das organische Leben der Sauerstoff aushauchenden Pflanzen (Desoxydationsprozeß) und der Sauerstoff einatmenden Tiere (Oxydationsprozeß). Der mechanischen Hypothese von der Weltentstehung will er eine »organische«, auf der fortgesetzten Expansion und Kontraktion des Urstoffs beruhende entgegensetzen. – Die Schriften des Jahres 1799 (der Erste Entwurf usw. nebst einer Einleitung dazu) führt das System der produktiven Tätigkeit und der Hemmungen der Natur, unter Benutzung von Browns und Kielmeyers Theorien (s.o.), im einzelnen[294] weiter aus. Jedes Individuum ist z.B. ein »mißlungener Versuch« der Natur, das Absolute darzustellen! Der Geschlechtsunterschied erweist sich als Hemmung des Bildungstriebs u.a.m.


3. Transzendentaler Idealismus (1800).

Nun sollte aber doch die Naturphilosophie nur ein Teil des Systems sein. So gibt der erst 25 jährige 1800 ein neues Buch, das System des transzendentalen Idealismus heraus, in dem er »alle Teile der Philosophie in einer Kontinuität und die gesamte Philosophie als fortgehende Geschichte des Selbstbewußtseins vortragen« will, das dabeisein übersichtlichstes und am meisten durchdachtes Werk geworden ist. In ihm geht er nicht von der Natur (dem Objekt), sondern noch einmal in der Weise Fichtes vom Ich (Subjekt) aus, das vermittelst seiner »intellektuellen Anschauung« die Entwicklung seiner eigenen Tätigkeit zu verfolgen vermag: von der Empfindung über die Anschauung, die Reflexion und das Urteil bis zum Wollen. Erst durch das letztere produzieren wir bewußt, wird uns die Welt objektiv. In den theoretischen Teil wird die Naturphilosophie eingereiht, indem die »Potenzen« der Natur zugleich als Momente in der Geschichte des Selbstbewußtseins dargestellt werden. Der praktische Teil ist wesentlich religiös gefärbte Geschichtsphilosophie; die Geschichte ist die Offenbarung des Absoluten, nämlich der Harmonie von Subjekt-Objekt, Bewußtem-Unbewußtem, ein System der Vorsehung, die anfangs nur als »Schicksal« und »Natur« erscheint. Die wahre Harmonie des theoretischen und praktischen Geistes jedoch – das hat Schelling aus Kants Kritik der Urteilskraft gelernt – vollzieht sich erst in der Kunst. Philosophie und Poesie ergreifen das Letzte und Höchste, jene im Denken, diese in der künstlerischen Anschauung. Die Philosophie der Kunst ist deshalb der Schlußstein aller Philosophie; denn sie öffnet uns das »Allerheiligste, wo in einiger und ursprünglicher Vereinigung gleichsam in einer Flamme brennt, was in der Natur und Geschichte gesondert ist, und was im Leben und Handeln, ebenso wie im Denken, ewig sich fliehen muß«.


4. Identitätssystem (1801-03).

Das System der Identität oder die Philosophie des Absoluten war auf den beiden vorigen Stufen von Schellings Philosophieren schon im Keime vorhanden, tritt[295] aber erst in der Darstellung meines Systems (1801) als selbständiges Prinzip hervor. Über Bewußtsein und Natur, Subjekt und Objekt thront nämlich das Absolute als »totale Indifferenz von Subjekt-Objekt«, oder »absolute Identität des Idealen und Realen«. Fichtes Lehre ist ihm jetzt nur Reflexionsphilosophie und subjektiver Idealismus, während durch Schellings neuen, objektiven Idealismus »aller Dualismus auf immer vernichtet und alles absolut Eines werden« soll. Er gerät so in die Nähe Spinozas, dessen »geometrische« Methode mit ihren Lehrsätzen, Erläuterungen, Beweisen und Zusätzen denn auch sein neues Buch kopiert. Das Absolute ist mit der ewig einen, sich selbst gleichen und sich selbst einleuchtenden Vernunft identisch (A = A), die Welt nur der »Grund« seiner Selbstoffenbarung, die Bedingung, unter welcher die totale Indifferenz sich in Tätigkeit setzt, in die »quantitative Differenz« übergeht. Denn, indem sich nunmehr das Absolute in einer endlosen Stufenfolge von »Potenzen« ausdrückt oder entwickelt (A = A1, A², A³ usw.), hat bald der subjektive Pol (der Geist), bald der objektive (die Natur) das Übergewicht. Wir folgen der geistvollen, jedoch zugleich sehr phantastischen Ableitung der einzelnen Potenzen der Natur (A1 = Schwerkraft, A² = Licht, A³ = Organismus) nicht weiter. Zur Darstellung der idealen Reihe oder der geistigen Potenzen (der Wahrheit, Güte und Schönheit) kommt das Werk nicht, sondern es bricht schon bei den Anfängen des »Organismus« ab.

Der Dialog Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge (1802) führt dieselben Gedankengänge in mehr poetischer Weise aus. Das Absolute wird hier auch schon mit dem Namen Gottes bezeichnet; als Urgegensatz erscheint der des Unendlichen und Endlichen. Die vier einseitigen Auffassungen des Absoluten sind: Materialismus, Intellektualismus, Realismus, Idealismus, denen Bruno-Schelling als die wahre seinen »Ideal-Realismus« gegenüberstellt. In demselben Jahre veröffentlichte er noch die in den gleichen Zusammenhang gehörenden Ferneren Darstellungen aus dem System der Philosophie.

Die der nämlichen Periode Angehörigen Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums (1803) sind eine der anziehendsten und klarsten Schriften Schellings und eignen sich deshalb, wie bereits bemerkt worden ist, am besten zur Einführung des Anfängers in Schellings Eigenart. Auch hier wird das Wissen vom Absoluten als[296] das Urwissen hingestellt, mit dem alle Philosophie beginnen muß, und das schließlich zur Identität mit sich selbst und so zu einem wahrhaft seligen Leben führt. Der Weg dazu ist die intellektuelle Anschauung; sie erfordert »Poesie«, d. i. produktives Vermögen. Nicht empirische, analytische oder formale, sondern spekulative Philosophie ist Schellings Losung. Alles Philosophieren außer demjenigen Spinozas und Schellings ist subjektiv-dualistisch. Keine kritische Scheidung der verschiedenen Bewußtseinsgebiete. In der »obersten« Wissenschaft ist »alles eins«, die Natur = Gott, Wissenschaft = Kunst, Religion = Poesie: so verkündet uns die romantische Weltformel. Dann werden die einzelnen Studienfächer behandelt. Die Theologie stellt den absoluten Indifferenzpunkt objektiv dar, Naturwissenschaft und Medizin repräsentieren die reelle, Geschichte und Rechtswissenschaft die ideelle Seite der Philosophie. Aufgabe der Wissenschaft ist nicht die trockene Empirie, sondern die von »höheren« Gesichtspunkten ausgehende »Konstruktion« der Religion, der Geschichte, des Staates, ja sogar der Materie, des Lichtes und der Schwere. Erste und notwendige Absicht der Philosophie bleibt: die Geburt aller Dinge aus Gott oder dem Absoluten zu begreifen.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 292-297.
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