§ 27. Aristoteles' Leben und Schriften.

a) Leben.

  • [119] Literatur: Die aus dem Altertum stammenden Nachrichten über das Leben des Aristoteles sind verhältnismäßig spärlich und aus abgeleiteten Quellen geschöpft. Von neueren Bearbeitungen sind die ausführlichsten die von A. Stahr (Aristotelia, 1. Teil, 1830) und Lewes, Aristotle, Cap. 1 (deutsch von Carus, Leipzig 1865).

Aristoteles, der »Stagirite«, wurde 384 v. Chr. in dem unansehnlichen Stagira auf der thrakischen Chalkidike als Sohn des makedonischen Leibarztes Nikomachos geboren. Seine Abstammung aus einer alten Ärztefamilie war vielleicht nicht ohne Bedeutung für seine Neigung zur Erfahrungswissenschaft. Früh verwaist und von Verwandten erzogen, kam er als 17-bis 18 jähriger Jüngling nach Athen und trat dort in die platonische Genossenschaft ein, der er zwei Jahrzehnte bis zum Tode seines Lehrers angehörte. Dieser soll ihn »den Leser« genannt und von mm behauptet haben, wie Xenokrates des Sporns, so bedürfe er des Zügels. Schon zu Platos Lebzeiten übrigens trat Aristoteles selbständig als Schriftsteller und Lehrer der Redekunst auf. Der Schulklatsch, der auch sonst seinen Charakter zu verdächtigen gesucht hat, wußte später manches von Feindseligkeiten zwischen Lehrer und Schüler zu berichten; in den Schriften des letzteren tritt jedoch, bei aller sachlichen Gegnerschaft, stets die größte persönliche Hochachtung vor dem Meister hervor. Nach Platos Tode ging er mit Xenokrates zu dem gemeinsamen Freunde und Akademiegenossen beider, dem Fürsten Hermias von Atarneus in Mysien, dessen Nichte er später heiratete. 342 folgte er einem Rufe König Philipps von Makedonien an dessen Hof, um die Erziehung des 14 jährigen Alexander zu übernehmen. Der königliche Zögling hat ihm auch später Achtung und Neigung bewahrt. Noch ehe Alexander seinen Zug nach Asien antrat (334), siedelte Aristoteles mit seinem Freunde Theophrast nach Athen über und gründete dort seine eigene Schule, das Lyzeum, so genannt nach dem dem Apollon Lykeios geweihten Gymnasium, in dessen schattigen Laubengängen (peripatoi) umherwandelnd (peripatountes) seine Schüler mit ihm philosophierten;[119] daher ihr Name: Peripatetiker. Nach Gellius hat er dort morgens »akroamatische« (zusammenhängende) Vorträge für die Reiferen, am Nachmittag »exoterische« (populär-rhetorische) für ein größeres Publikum gehalten. Durch eigene Wohlhabenheit sowie durch seine nahen Beziehungen zum makedonischen Königshause mit reichlichen Mitteln versehen, vermochte er zuerst eine größere Bibliothek anzulegen. Nur zwölf Jahre stand er seiner Schule vor. Nach dem Tode Alexanders des Großen (323) formell wegen »Gottlosigkeit«, in der Tat wahrscheinlich wegen jener makedonischen Beziehungen angeklagt, floh er von Athen – er wolle den Athenern, soll er gesagt haben, nicht zum zweitenmal Gelegenheit geben, sich an der Philosophie zu versündigen – nach Chalkis auf Euböa, wo er schon im folgenden Jahre an einer Magenkrankheit starb.


b) Schriften.

  • Literatur: Aus der zahllosen Literatur seien hervorgehoben: Stahr, Aristotelia 2. Teil. 1832. Bonitz, Aristotelische Studien. Wien 1862 ff. Bernays, Die Dialoge des Aristoteles 1863. Vahlen, Aristotel. Aufsätze. Wien 1870 ff.

Die auch bezüglich der aristotelischen Schriften vorhandenen Schwierigkeiten betreffen weniger, wie bei Plato, die chronologische Reihenfolge, die zudem bei ihrem keine besondere schriftstellerische Entwicklung verratenden Inhalte ziemlich gleichgültig ist, sondern mehr die Frage nach der Echtheit oder Überarbeitung seitens seiner Schüler. Ihrem literarischen Charakter nach zerfallen sie in drei Gattungen:


1. Von ihm selbst »herausgegebene« ekdedomenoi populäre Abhandlungen (exôterikoi logoi). Sie stammen aus seiner akademischen Zeit und schlossen sich auch in ihrer dialogischen Form an Plato an. Ihr glänzender Stil wird als dem platonischen ebenbürtig erwähnt. Jedoch sind von ihnen nur vereinzelte Stellen (bei anderen Schriftstellern) erhalten.

2. Sammelwerke, d.h. von ihm, wohl mit Hilfe seiner Schüler, zusammengestellte Aufzeichnungen (hypomnêmata) zum Gebrauche im Lyzeum. Sie enthielten Zusammenstellungen verschiedenster (naturwissenschaftlicher, geschichtlicher, literarhistorischer) Art. Einen guten Einblick in Form und Gehalt derselben gewährt die neuerdings aufgefundene lehrreiche 'Athênaiôn politeia (athenische Staatsverfassung), 1892 herausgegeben von Kaibel und [120] v. Wilamowitz (vgl. des letzteren zweibändiges Werk: Aristoteles und die Athener, Berlin 1893). Sie war nur ein Teil des großen Sammelwerkes der »Politien«, das in einem Anhang auch Rom und Karthago in den Kreis seiner Betrachtung zog. Sonst sind sie leider sämtlich verloren. Zum Glück größtenteils erhalten ist dagegen

3. der für uns wichtigste Teil seiner Werke; die auf gefälligen Reiz der Darstellung verzichtenden, rein wissenschaftlichen Lehrschriften. Die Ungleichmäßigkeit der Ausführung – zahlreiche Wiederholungen einer-, zu große Knappheit anderseits – lassen vermuten, daß dieselben nicht für die Herausgabe bestimmt, sondern von Aristoteles entweder bei seinen Vorträgen als Manuskript benutzt oder für den Kreis seiner Schüler niedergeschrieben wurden, ohne daß er ihnen die letzte Feile gab. Lücken wurden dann unter Umständen auch durch Schüler ergänzt, wie es an mehreren dieser Schriften deutlich nachzuweisen ist. Die Hauptmasse der unter Aristoteles' Namen uns überlieferten Schriften ist sicher echt – das beweist nicht bloß der äußerliche, sondern noch schlagender der festgefügte innere Zusammenhang – und wohl fast durchweg während der zwölf letzten Jahre zu Athen verfaßt. Der weitverzweigten Gelehrsamkeit des Verfassers entsprechend, verbreiten sie sich über einen noch größeren Kreis von Wissensgebieten als die Platos. Wir teilen sie nach ihrem Inhalt in:

1. Logische Schriften, in byzantinischer Zeit unter dem Titel Organon (d. i. geistiges Werkzeug) zusammengefaßt. Dazu gehören: Die Kategorien (Arten des Seienden), die Analytica priora (von den Schlüssen) und posteriora (vom Beweis, der Definition und den Einteilungen), Peri hermêneias (de interpretatione, vom Satz und Urteil), und die Topik (von den dialektischen oder Wahrscheinlichkeitsschlüssen), eine Art Leitfaden der Disputierkunst, nebst den auch wissenschaftlich wertvollen Sophistischen Trugschlüssen.

II. Naturwissenschaftliche: Die Physik (in 8 Büchern), Vom Himmel (4 Bücher), Vom Entstehen und Vergehen (2), Meteorologie (4), Von der Seele (3), Die Große Tiergeschichte (10) und eine ganze Reihe kleinerer zoologischer Aufsätze (die sogenannten Parva naturalia).

III. Ethische: Das Hauptwerk ist die sogenannte Nikomachische Ethik (in 10 Büchern) genannt nach seinem Sohne aus einer zweiten Ehe mit seiner Haushälterin, Nikomachos, und vielleicht auch erst von diesem veröffentlicht. Eine von seinem Schüler Eudemos verfaßte[121] Überarbeitung derselben bietet die unvollständig – 4 von 7 Büchern – erhaltene Eudemische; einen aus beiden, besonders der letzteren, zusammengestellten Auszug eine merkwürdigerweise den Titel Große Ethik (Magna Moralia) führende kleinere Schrift (in 2 Büchern). In das Gebiet der angewandten Ethik gehört die Politik (8 Bücher), unvollendet und nicht in der richtigen Ordnung erhalten.

IV. Ästhetische: Rhetorik (3 Bücher, von denen das dritte zweifelhaft) und Poëtik (auch diese lückenhaft und mehrfach überarbeitet).

V. Allgemein-philosophischen Inhalts: die Metaphysik (der Name rührt von dem ganz äußerlichen Umstande her, daß sie von einem späteren Ordner hinter die physikalischen Schriften, meta ta physika, gestellt wurde). Von den 14 Büchern bilden nur I – III und V – VIII ein zusammenhängendes Ganze. Nach Zeller besitzen wir in dem Werk eine kurz nach des Philosophen Tode veranstaltete Zusammenstellung dessen, was sich in seinem Nachlasse von auf die sogenannte »erste Philosophie« Bezüglichem vorfand.

Überlieferung und Ausgaben. Die aristotelischen Schriften haben ihre eigene, beinahe romanhafte Geschichte. Nach Strabo sollen sie im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr., um vor der Sammelwut der Fürsten von Pergamon bewahrt zu bleiben, in einem feuchten Keller zu Skepsis (in Troas) aufbewahrt und erst um 100 v. Chr. nach Athen, von da durch Sulla nach Rom gebracht worden sein. Das kann sich aber nur auf die aristotelische Handschrift selbst beziehen, denn fast alle uns überlieferten Schriften sind das ganze 3. und 2. Jahrhundert hindurch als bekannt bezeugt. In Rom erfolgte um 50 v. Chr. (nach Plutarch) eine Neuausgabe, wie es scheint, sämtlicher Schriften durch den Peripatetiker Andronikos von Rhodus. Sie liegt der heutigen Überlieferung zugrunde. Von den Schicksalen der aristotelischen Schriften im Mittelalter wird an seinem Orte die Rede sein. Im Druck sind sie zuerst lateinisch, zusammen mit den Kommentaren des Arabers Averroes (§ 63) in Venedig 1489, darauf griechisch ebd. 1495 ff. herausgegeben worden, sodann bis 1668 öfters. Dann erlahmt das Aristotelesstudium längere Zeit, um erst im 19. Jahrhundert wieder aufzuleben. Von den neueren Gesamtausgaben weitaus die bedeutendste ist die von der Berliner Akademie der Wissenschaften in fünf großen Quartbänden (1831-1870) veranstaltete: von Imm. Becker (Bd. I, II: Text), Brandis[122] (Bd. III, IV: Lateinische Übersetzungen und Scholienauszüge), V. Rose und Bonitz (Bd. V: Fragmente, Rest der Scholien und Index). Seit kurzem ist auch die große Akademieausgabe der Griechischen Kommentare (Commentaria in Aristotelem Graeca) in 23 Bänden (51 Teilen) und drei Supplementbänden (6 Teilen) vollendet. Eine Textausgabe mit kritischem Apparat erscheint neuerdings in der Bibliotheca Teubneriana. Eine deutsche Gesamtübersetzung existiert noch nicht, dagegen sind die meisten Einzelschriften in den Sammlungen von Metzler, Hoffmann, Engelmann und der Philosophischen Bibliothek15, meistens mit Erläuterungen, verdeutscht worden. Wichtigere Sonderausgaben siehe unten bei den einzelnen Werken.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 119-123.
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