§ 31. Natur- und Seelenlehre.

[134] A. Naturlehre.


  • Literatur: Die meisten naturwissenschaftlichen Schriften sind griechisch und deutsch mit sacherklärenden Anmerkungen in der Engelmannschen Sammlung (Leipzig) herausgegeben. Über sein Verhältnis zur Mathematik vgl. Görland, Aristoteles und die Mathematik, Marburg 1899, zur Zoologie: J. B. Meyer, Aristoteles' Tierkunde, Berlin 1855.

Das breite Erfahrungswissen des Aristoteles auf dem Gebiete der Natur ist bekannt. Ihm gehört die Mehrzahl seiner Schriften an, und nicht nur für seine Zeit, sondern für achtzehn weitere Jahrhunderte ist er der allein anerkannte Lehrer auf diesem Felde gewesen. Seinem enzyklopädischen Wissen, seiner Freude an Einzelheiten, seiner großartigen Beobachtungslust und -kraft stehen freilich auch merkliche Schwächen wie ein Zurückschrecken vor wahrhaft kühnen und tiefen Ideen, häufige Berufung auf die herkömmliche Volksmeinung und den Durchschnittsverstand, ja zuweilen wahrhaft abergläubische und widersinnige Ansichten gegenüber, wie z.B. die, daß Raben durch die Kälte weiß, Rebhühner durch den vom Menschen her streichenden Windhauch befruchtet werden könnten u.a.m. Aber im ganzen hat er auf diesem Gebiete mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln geleistet, was geleistet werden konnte, und kann namentlich als Begründer der vergleichenden Zoologie, Anatomie und Physiologie bezeichnet werden. Um so weniger können wir – was bei den älteren Philosophen, von denen so überaus dürftige sonstige Nachrichten vorliegen, eher gestattet war – auf einzelne Lehren eingehen, ja auch nur ein ausführliches Gesamtbild zu geben versuchen. Vielmehr kommt es uns nur darauf an, neben den allgemeinsten Umrissen das Philosophische daran hervorzuheben.

1. Physik. Zur Natur gehört alles, was den Grund der Bewegung und Ruhe, also der Veränderlichkeit seines Zustands in sich selbst, m. a. W. was Stoff an sich hat. Die Naturwissenschaft (Physik) ist die Lehre von der Bewegung (= Veränderung; s. § 30, Nr. 3). Die letztere ist von dreierlei Art: 1. die räumliche oder Ortsveränderung (phora), 2. die qualitative oder Stoffveränderung (alloiôsis), 3. die quantitative oder Zu- und Abnahme (auxêsis kai phthisis). Die erste läßt sich – in moderner Sprache – als die Grundlage der Mechanik, die zweite als die der Chemie, die dritte als die des organischen Geschehens bezeichnen.[134]

Für Mechanik und Mathematik ist Aristoteles nicht interessiert, er kämpft gegen Pythagoras' Zahlenlehre und gegen Platos mathematische Konstruktion der Elemente, wie gegen Demokrits Atomismus, den er für unnötig sowohl wie unzulässig erklärt (s. K. Laßwitz, Gesch. der Atomistik I, 103-131). Seine Naturlehre fließt aus seinen metaphysischen Voraussetzungen, insbesondere seiner Teleologie. Die gesamte Natur ist eine große, von. dem ersten Beweger zweckvoll geordnete Einheit, ihr wahrer Grund nicht mechanische, sondern Zweck– oder Endursachen. So tiefsinnig durchdacht nun auch diese Naturanschauung sein mag – nur deshalb ist sie fast zwei Jahrtausende lang, trotz alles Wechsels der Völker und Religionen, die herrschende geblieben –, die ursächlich erklärende, mathematisch zu begründende Naturwissenschaft war damit unmöglich gemacht. Die Entwicklung der Physik als selbständige Wissenschaft (Galilei, Newton) hat sich daher im Kampfe gegen die Aristoteliker und ihre »substantiellen Formen« vollzogen. Aristoteles' Stärke und Lieblingsfeld ist denn auch nicht die theoretische Physik, worin er vielmehr gegen den von ihm sehr überlegen behandelten Demokrit weit zurücksteht, sondern die Naturbeschreibung, insbesondere die Welt des Organischen.

Die Welt besteht von Ewigkeit her. Nicht ihre Entstehung, sondern nur ihre Beschaffenheit ist zu erklären. Der vollkommenste Teil des Alls ist der vom gegensatzlosen Äther erfüllte Himmelsraum, dessen Kreisbewegung unmittelbar von der ihn raumlos umgebenden (?) Gottheit bewirkt wird; ihm gehört die Welt der von vernünftigen, beseelten Geistern gelenkten Fixsterne an. Niederer ist schon die Sphäre der Planeten, einschließlich Mond und Sonne, deren Einfluß auf die Erde der Keim der mittelalterlichen Astrologie geworden ist. Weit tiefer aber steht die »sublunarische« Welt des Vergänglichen und Unvollkommenen, unsere Erdkugel, gleichwohl das Zentrum des Alls. Ihre Bestandteile, die vier Elemente, werden nicht auf mathematisch-quantitative, sondern auf qualitative, dem Tastsinn sich erschließende Unterschiede zurückgeführt. Das Feuer ist das warm-trockene, die Luft das warm-flüssige, das Wasser das kalt-flüssige, die Erde das kalt-trockene Element. Sie gehen beständig ineinander über und vermischen sich miteinander.

2. Biologie. Aus den Elementen bilden sich zunächst die gleichartigen Teile des Organischen, z.B. Knochen[135] und Fleisch der Tiere, aus diesen dann das Ungleichartige, z.B. Gesicht, Hände mit ihren Unterteilen, deren jeder seine bestimmte »Aufgabe oder Verrichtung« hat. Die niedersten Tiere entstehen durch Urzeugung aus Schlamm oder tierischen Aussonderungen, die höheren nur aus gleichartigen. Die blut- und wirbellosen Tiere stehen niedriger als die blutführenden Wirbeltiere. In der Stufenreihe des zu immer höherer Vollkommenheit fortschreitenden Organischen dient das Niedere dem Höheren, wie die Pflanzen den Tieren, die Tiere den Zwecken des Menschen. Das Weibliche ist unvollkommener als das Männliche, verhält sich wie das Stoffliche zu dem Formgebenden. Die Teleologie macht sich überall geltend; doch wirkt sie hier auf biologischem Gebiete unleugbar oft anregend und fruchtbar, so vor allem der bei Aristoteles sich zuerst festsetzende Begriff des Organismus. Daneben erscheinen freilich wieder Beispiele falscher, ästhetischer Teleologie, wie: der Mensch hat zwei Ohren der Symmetrie wegen, oder einseitig spiritualistische: der Leib ist nur der Seele wegen da und ihr angepaßt.

Damit sind wir bereits in der mit seiner Biologie eng verflochtenen, eigentlich nur einen Teil derselben bildenden


B. Psychologie,


der Lehre von den Lebenstätigkeiten. Denn Seele (psychê) bedeutet bei Aristoteles, wie fast überall im Altertum, eigentlich nur: Leben, Lebensprinzip. Leib und Seele verhalten sich zueinander wie Stoff und Form, wie Auge und Sehkraft. Die Seele ist als »erste Entelechie des organischen lebendigen Körpers« dessen Form, bewegende Ursache und Zweck. Das Verdienst des Aristoteles besteht darin, daß er unter Benutzung seiner Vorgänger, besonders Demokrits, die psychologischen Tatsachen sorgfältig aufgezeichnet, klassifiziert und erklärt hat, somit der Begründer der empirischen Psychologie geworden ist.

Auch das seelische Prinzip entwickelt sich von einer niedersten bis zu einer höchsten Stufe. Die niedrigste ist 1. die Pflanzen- oder vegetative Seele (psychê threptikê), das Prinzip des Lebens überhaupt, der Ernährung und Fortpflanzung insbesondere, noch ohne Lebenszentrum (mesotês). Dies tritt in 2. der Tier- oder Sinnenseele (ps. aisthêtikê) hinzu und damit Tastsinn, Empfindung von Lust und Schmerz, Begierde, Ortsbewegung. Die höchste ist 3. die menschliche oder Vernunftseele (ps. logikê oder [136] noêtikê). Die niedere Tätigkeit ist jedesmal in der höheren enthalten, »wie das Dreieck im Viereck«. Auf dem Gebiete der Lehre von den Sinnen, von denen der Tastsinn der allgemeinste, unentbehrlichste und der größten Verfeinerung fähigste ist, hat Aristoteles zahlreiche wertvolle Anregungen gegeben.

Die durch die sinnliche Wahrnehmung der äußeren Gegenstände – beide stehen in genauer Korrespondenz – erweckten Vorstellungsbilder (phantasiai) hinterlassen in der Seele Eindrücke oder abgeschwächte Bilder, die das Gedächtnis (mnêmê) aufbewahrt. Diese unwillkürliche Erinnerung und ihre Folgen: Vorstellung, Empfindung und Begierde kommen auch der animalen Seele zu, die bewußte Erinnerung, das Sichbesinnen auf etwas (anamnêsis) nur dem Menschen. Aristoteles streift bereits (de anima III 2) das moderne Problem des Bewußtseins. Er redet von »einer Art Einheit der Seele« (hen ti psychês), »wodurch sie alles wahrnimmt«. Es ist dies nicht als ein besonderes, neues Seelenzentrum zu verstehen, sondern als die bloß möglich gedachte Einheit der Sinnestätigkeit, die sich tatsächlich in den spezifischen Energien der einzelnen Sinne verwirklicht, eine Art »Gemeinsinn« (koinon aisthêtêrion), mit dessen kombinierender Tätigkeit, nebenbei bemerkt, die Möglichkeit des Irrtums eintritt. Zu einer erkenntnistheoretischen Bedeutung kommt es auch hier nicht, da Aristoteles ihn auch den meisten Tieren zuspricht und als seinen physiologischen Sitz – damit hinter Demokrit und Plato zurückgehend – nicht das Gehirn, sondern das Herz annimmt. Er unterscheidet nicht physische und psychische, sondern nur niedere und höhere Funktionen des Organismus.

Die dem Menschen eigentümliche Form der Seele, durch die sie »nachdenkt und auffaßt«, zu erkennen und zu wollen vermag, ist der Geist (nous). Er kann denken, wann und was er will, auch das Einfache und Unteilbare. Auch auf ihn findet die Unterscheidung von Stoff und Form Anwendung. Es gibt nämlich 1. einen »leidenden« (n. pathêtikos), 2. einen »tätigen« Geist (n. poiêtikos, bei Aristoteles selbst to poioun genannt). Jener ist formempfangend, dieser formgebend, jener mit dem Körper verbunden und vergänglich, dieser göttlich, leidlos und ewig; jener wird alles, dieser tut alles. Der »leidende« Geist gleicht einer unbeschriebenen Tafel, die jedoch bestimmt ist, beschrieben zu werden. Ohne Einwirkung »des Tätigen« ist er nicht zu denken, wie umgekehrt das letztere[137] in dem an Vorstellung und Wahrnehmung gebundenen »leidenden« Geiste des Einzelindividuums erst zu seiner unablässig wirkenden Tätigkeit kommt. Freilich, erst losgelöst von diesem seinem vergänglichen Bruder, wird der eigentliche, der reine, der »göttliche« Geist, wie er einst vor der Zeugung »von oben herab« (eigentlich von außen her, thyrathen) in uns kam, erst zu seinem wahren und unsterblichen Sein gelangen. Ob damit eine persönliche Unsterblichkeit behauptet oder geleugnet ist, steht nicht mit Sicherheit fest, obwohl die Wage nach der letzteren Seite zu neigen scheint, woran die Averroisten des Mittelalters (§ 63) und die Naturphilosophen der Renaissance (II. Teil § 2) wieder anknüpfen. Bestimmteres über das Wesen des »leidenden« und seine Verbindung mit dem »tätigen« Geiste suchen wir bei Aristoteles vergeblich. Schon seine nächsten und eifrigsten Schüler waren über die Lehre vom Nus uneinig, und sie ist bis heute einer der umstrittensten Bestandteile seiner Philosophie geblieben. Schuld daran ist in erster Linie die das ganze, dualistische und des erkenntnistheoretischen Kriteriums ermangelnde, System durchziehende Doppeldeutigkeit des Meisters selbst.

Das letztere läßt sich endlich auch mit Bezug auf seine Ansicht von der menschlichen Willenstätigkeit sagen. Dieselbe ist einerseits körperlich bedingt, anderseits aber durch Überlegung geleitete, nur dem Menschen eigentümliche, Freiheit des Willens voraussetzende, »praktische Vernunft« (nous praktikos), die sich gedachte Zwecke zum Handeln setzt. Allerdings sind auch Kinder und Tiere, obgleich ohne praktische Vernunft, im Besitze der Willensfreiheit. Damit sind wir an die Grenze der in die letzten Erörterungen bereits hineinspielenden Ethik gelangt.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 134-138.
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