§ 48. Die jüdisch-alexandrinische Theosophie.

  • [188] Literatur: Literatur s. unter 2.

1. Vorläufer Philos.

Der jüdische Monotheismus mit seiner schroffen Entgegensetzung von Gott und Welt, seinem Engel- und Dämonenglauben, seinen Weissagungen und Offenbarungen, seiner Anschauung vom Geiste und der Weisheit Gottes kam der im vorigen geschilderten theosophischen Richtung des Denkens durchaus entgegen. Schon

a) die jüdische Sekte der Essener oder Essäer, die, um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr., vielleicht unter Mitwirkung persischer und buddhistischer Elemente, im Ostjordanlande entstanden, zur Zeit ihrer Blüte im 1. Jahrhundert n. Chr. 4000 Anhänger zählte, zeigt zahlreiche verwandte Züge: äußerste Einfachheit der Lebensweise, Wahrhaftigkeit, Sittenstrenge, Enthaltsamkeit von Wein, Fleisch und Ehe, das Verbot des Schwörens, tägliche Waschungen, gemeinsame Mahle, Gütergemeinschaft, völlige Verwerfung der Sklaverei, unbeschränkteste Mildtätigkeit; dazu strengen Ordensgeist und hierarchische Gliederung, sodaß der Vergleich mit einem christlichen Mönchsorden naheliegt. Ihre Geheimlehren sind außerhalb ihres Kreises nicht bekannt geworden. Man weiß nur, daß sie auf Weissagungen, Engelglauben, Vor- und Nachexistenz der Seele großen Wert legten. Von ähnlicher Bedeutung würden die sogen. »Therapeuten« in Ägypten sein, wenn diese Sekte, was von Grätz (Geschichte der Juden, Bd. III) und Lucius bestritten wird, überhaupt existiert hat; vgl. über beide auch Theob. Ziegler, Geschichte der christlichen Ethik, S. 35-40.

b) Mit Bestimmtheit nachweisbar ist die Verbindung jüdischer Theologie mit griechischer Philosophie zuerst bei dem ebenfalls um die Mitte des 2. Jahrb. v. Chr. zu Alexandria, dem Zentrum der Religionsmischung, lebenden, von den Kirchenvätern Clemens und Eusebius als Peripatetiker bezeichneten griechischen Juden Aristobulos. Er verfaßte eine dem ägyptischen König Ptolemäus Philometor gewidmete Exegese zum Pentateuch (den 5 Büchern Mose), indem er gefälschte Verse aus Homer, Hesiod und dem angeblichen Orpheus zitierte, wonach diese die alttestamentlichen Schriften benutzt hätten; noch mehr hätten dies Pythagoras und Plato getan. Anderseits deutete er die Anthropomorphismen des Alten Testaments[188] allegorisch, z.B. das Licht der Schöpfung als die alles erhellende Weisheit; Gottes Herumwandeln im Paradiese sollte gewisse Naturereignisse bedeuten usw. Was er dabei an eigenen Ansichten äußert, enthält indes noch keine deutlichen Spuren philonischen Denkens. Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, 1886, und Joël bezweifeln überhaupt die Echtheit der erhaltenen Bruchstücke.

c) Deutlicher zeigen sich diese Spuren schon in der zu den sogenannten Apokryphen unserer Bibelausgaben zählenden Schrift: Die Weisheit Salomonis, die im 1. Jahrhundert v. Chr. von einem hellenistisch gebildeten Juden verfaßt wurde und neben platonischen auch stoische und heraklitische Einflüsse zeigt. Die Weisheit Gottes ist der Ausfluß seiner Herrlichkeit, sein durch die ganze Welt verbreiteter Geist, der seine Wohnung in gottgefälligen Seelen nimmt. Name (hagion pneuma) und Sache weisen bereits auf den »heiligen Geist« der Kirche hin. An die Neupythagoreer und Platoniker erinnert die Lehre von der Vorherexistenz der Seele, ihrer Auferstehung und der späteren Vergeltung im Jenseits, während die altjüdische Vorstellung von einer Unsterblichkeit der Seele nichts weiß, wenigstens nichts Bestimmteres aussagt.


2. Philo (Judaeus).

  • Literatur: Außer den Geschichten des Judentums von Jost, Grätz, Abr. Geiger, Ewald vgl. aus der zahlreichen bei Ueberweg-Praechter zu § 68 verzeichneten Literatur: Gfrörer, Kritische Geschichte des Urchristentums, 1831. Dähne, Geschichtliche Darstellung der jüdisch-alexandr. Religionsphilosophie, 1834; Heinze, Lehre vom Logos, 1872; auch das 12. Kap. von Max Müller, Theosophische Religion, deutsch übers. 1894. Neuerdings: Falter, Philo und Plotin, 1906. Neben der großen wissenschaftlichen Ausgabe von L. Cohn und P. Wendland (5 Bde., 1896-1907) existiert noch eine kleinere von denselben Herausgebern (ebenfalls 5 Bde., 1896-1906). L. Cohn hat auch eine deutsche Übersetzung begonnen, deren I. Teil 1909 erschienen ist.

In Alexandrien hatte sich jüdisches und griechisches Geistesleben aufs innigste verschmolzen, wovon u. a. die schon zu Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. begonnene Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische, die sogenannte Septuaginta, zeugt. Wie sich der alexandrinische Jude in wirtschaftlicher und politischer Beziehung als wichtigen Bestandteil des grie chisch-römischen Weltreichs fühlen konnte, so war sein natürliches,[189] auch noch in die römische Zeit hinein dauerndes Streben, griechische und jüdische Bildung (Philosophie) einander näherzubringen, womöglich zu verschmelzen. Alle vereinzelten Bestrebungen dieser Art konzentrieren sich in der Gestalt Philos, eines aus vornehmer, priesterlicher Familie stammenden alexandrinischen Juden, der 40 n. Chr. an der Spitze einer Gesandtschaft die Interessen seiner Stammesgenossen vor Kaiser Caligula in Rom vertrat. Damals war er schon alt; man setzt seine Lebenszeit in die Jahre 25 vor bis 50 nach Christi Geburt.

Wir besitzen noch eine große Anzahl seiner Schriften, die zum großen Teil in der Form von Kommentaren zu dem Pentateuch gehalten sind. Denn Philo bleibt in erster Linie Jude. Er ist von der höchsten Verehrung für die heiligen Schriften seines Volkes erfüllt und hält nicht bloß den Urtext, sondern sogar auch die Übersetzung der »Siebzig« für wörtlich inspiriert. Aber er bewundert, neben Moses als größtem Philosophen, doch auch die Weisheit eines Plato und Pythagoras, eines Parmenides und Empedokles, sowie den Begründer der Stoa. Um nun beides miteinander vereinigen zu können, greift er unbedenklich zu dem schon von Aristobul geübten Mittel unbeschränktester bildlicher Auslegung der alttestamentlichen Schriften. Es sei unwürdig und abergläubisch, sich beispielsweise Gott mit Füßen zum Gehen vorzustellen; der Baum des Lebens bedeute die Gottesfurcht Kain die Sophistik usw. Vielfach, namentlich bei historischen Angaben und bei den jüdischen Zeremonialgesetzen, sieht er übrigens den wörtlichen und den höheren, übertragenen Sinn als nebeneinander gültig an.

Indes er ist doch von der griechischen Philosophie aufs tiefste berührt worden, und zwar in erster Linie von Plato. So sind denn, wie namentlich Falter in seiner obenerwähnten Schrift gezeigt hat, wichtige Momente des platonischen Idealismus in Philos Philosophieren enthalten. Das Zeugnis der Sinne gilt ihm als unzuverlässig; das wahre Sein liegt vielmehr im Denken. Deshalb bedarf die reine Vernunft (nous), die das Gedachte »schaut«, der Wissenschaft, um das Unkörperliche zu erkennen. Das Wesen des Denkens aber ist Einheit. Und so ist das höchste Ziel, wozu sich der Menschen Denken aufschwingen kann, die Erkenntnis des einen, absolut einfachen, gänzlich eigenschaftslosen »Seienden«, das zugleich das erste und vollkommenste Gut ist. Kurz, der Zentralbegriff der philonischen Philosophie, in dem sein theoretisches[190] wie sein ethisches Interesse gipfelt, ist die Gottheit. Philos Gottesvorstellung ist eine außerordentlich reine und hohe. Gott ist so erhaben über alles Endliche, daß alle ihm beigelegten Namen und Eigenschaften sein Wesen nicht entfernt zu erschöpfen imstande sind. Nicht, was er ist, nur, daß er ist, können wir begreifen; daher sein Name Jehovah (Ich bin, der ich war). Er ist das Allervollkommenste, vollkommener selbst als die Ideen des Wahren, Guten und Schönen, zugleich die Ursache von allem, allmächtig und allgütig, im Besitze der reinsten Seligkeit, aber an keinem bestimmten Ort. Wie ist nun aber bei so völliger Überweltlichkeit ein Eingreifen Gottes in die Welt möglich, zumal da seine Reinheit durch die geringste Berührung mit der Materie befleckt werden würde? Zu diesem Zwecke hat Gott sich besondere Werkzeuge geschaffen, die bald als Ideen (ideai), bald als bloße Kräfte (dynameis) – wie z.B. seine Macht und Güte –, bald aber auch verdinglicht, als dienende Geister dargestellt werden, die ihn in verschiedenen Rangstufen wie ein Hofstaat umgeben, übrigens auch besonders frommen Menschen (Abraham) erscheinen können. Man sieht die Mischung des jüdischen Engel-und Dämonenglaubens mit den als geistige Substanzen aufgefaßten platonischen Ideen einer-, den ebenfalls von Gott ausströmenden Kräften der Stoiker (§37) anderseits.

Die oberste, alle übrigen in sich zusammenfassende Kraft nennt Philo denn auch mit einem stoischen Terminus den Logos, daneben zuweilen auch die »Weisheit« (sophia). Der »Logos«, eigentlich Wort oder Gedanke, ist der Vermittler zwischen Gott und Welt, m. a. W. die Gottheit, insofern sie wirkt und schafft. Es werden ihm die Prädikate: erstgeborener Sohn Gottes, zweiter Gott oder »Gott« schlechtweg (theos, im Unterschiede von ho theos, dem Gotte, dem Urerzeuger), Paraklet (Tröster), Urbild der Welt, Weltseele beigelegt, die wir zum großen Teil in bestimmten neutestamentlichen Schriften (s. u.) wiederfinden. Auch hier findet sich, wie bei den »Kräften« (s. o.), das charakteristische Schwanken zwischen der geistigeren Auffassung des Logos als göttlicher Eigenschaft (= Geist, Vernunft) und seiner Personifizierung. Eine Fleisch- oder Menschwerdung allerdings würde dem philonischen Logosbegriff widersprechen, schon wegen der Unreinheit aller Materie. Aus dem Chaos hat Gott durch Vermittlung seines Sohnes, des Logos, die Welt erschaffen, und zwar in größtmöglicher Vollkommenheit. Die Materie[191] selbst freilich bleibt der Quell aller Unvollkommenheit und Übel des Daseins, der Leib der Kerker der Seele.

Die höchste Aufgabe des Menschen ist, gottähnlich zu werden durch den Sieg des Geistes über das Fleisch (sarx), die gänzliche Ausrottung der Leidenschaften. Im einzelnen haben Philos sittliche Anschauungen vieles (Einfachheit des Lebens, Idee der Menschheit, demokratisch-soziales Staatsideal, Weltbürgertum, Schilderung des Weisen und des Fortschreitenden) mit Plato und noch mehr mit den Stoikern gemein, und mönchische Weltflucht liebt er nicht. Im übrigen aber besitzt seine Ethik einen religiösen Zug, der weit über die religiösesten unter den Stoikern hinausgeht. Nur durch Gottes Gnade wird der Mensch gerecht. Gott allein wirkt in uns das Gute. Nur der ist wahrhaft gut, der das Gute um Gottes willen tut Alle Weisheit stammt aus dem Glauben; die Wissenschaft ist nur als Hilfsmittel zur Frömmigkeit von Wert. Das oberste Ziel und höchste Gut für die Menschen ist, Gott nachzueifern, ihm zu dienen, sein heiliger Tempel zu werden; die höchste Seligkeit, hinter der alles Denken und Wollen weit zurücktritt, das Schauen Gottes, das Beharren in Gott, das Sichversenken in die Gottheit, wie es schon die alten Propheten kannten, wobei der Einzelne nichts mehr von sich selbst weiß, sondern ganz in Gott aufgeht: die Verzückung oder Ekstase (ekstasis).

So endet Philo, wie es bei jedem Denker zu erwarten steht, der das zum Fundamente macht, womit allenfalls die Krönung des Gebäudes erfolgen kann, trotz seiner starken Beeinflussung durch Plato und die Stoiker, im reinsten Mystizismus. Unmittelbare Nachfolger in Alexandrien hat er nicht gefunden, dagegen ist es sowohl für die Dogmatik des Christentums – wir erinnern an die Logoslehre des vierten Evangeliums und die Briefe an die Epheser, Kolosser, Hebräer – und die gesamte christliche Mystik, als auch für die letzte Philosophie des Altertums, den gleich zu besprechenden Neuplatonismus, von bedeutendem Einfluß gewesen, während er das Verständnis der echten platonischen Ideenlehre ebendadurch getrübt hat. Und ebenso ist er durch die von ihm geübte Methode, religiöse Urkunden in ein philosophisches System aus- und umzudeuten, ein Vorläufer der mittelalterlichen Scholastik, ja, wenn man will, der gesamten spekulativen Theologie geworden.[192]

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 188-193.
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