§ 50. Die syrische und athenische Schule.

Letzte Ausläufer der antiken Philosophie.

  • [200] Literatur: Über Julian vgl. A. Neander, Kaiser Julian und sein Zeitalter. 1812, 2. Aufl. 1867. D. F. Strauß, Julian der Abtrünnige, der Romantiker auf dem Throne der Cäsaren. Mannheim 1847. R Asmus, Julians Galiläerschrift im Zusammenhange mit seinen übrigen Werken. Freiburg i. B. 1904. G. Mau, Die Religionsphilosophie Kaiser Julians usw. Berlin 1907. Neuere Ausgaben seiner Schriften s. unten. – Über Hypatia vgl. R. Hoche im Philologus XV (1860), 435-474, und R. Asmus in Studien zur vergleich. Litgesch. VII (1907), 11-44. – Über Proklus vgl. von neueren Arbeiten: M. Altenburg, Die Methode der Hypothesis bei Platon, Aristoteles u. Proklus. Diss. Marburg 1905. N. Hartmann, Des Proklus philosophische Anfangsgründe der Mathematik. Gießen 1909. Seine wichtigsten[200] Schriften, die Kommentare zu Platons Timäus, Republik und zu Euklid liegen jetzt in guten kritischen Ausgaben von E. Diehl (3 Bde., 1903-06), Kroll (2 Bde., 1899-1901) und G. Friedlein (1873) in der Bibliotheca Teubneriana vor. – Über Boëthius vgl. F. Nitzsch, Das System des Boëthius. Berlin 1860. Für die Kenntnis des Neuplatonismus von Wert ist die Beschreibung des Lebens des Philosophen Isidoros durch Damaskios, wiederhergestellt, übersetzt und erklärt von Rud. Asmus. Phil. Bibl. 125 (1911).

1. Die syrische Schule.

a) Jamblich. b) Julian. c) Hypatia.


a) Während Plotins Lehrsystem, trotz seines theosophischen Gesamtcharakters, doch noch voll der edelsten und feinsten philosophischen Gedanken ist, so ist bei den jetzt folgenden Neuplatonikern von Philosophie kaum mehr die Rede. Als das Haupt der sogen. syrischen Schule gilt Jamblichus († um 330), ein Schüler des Porphyrius, meist in seiner syrischen Heimat oder Alexandria lehrend. Sein begeisterter Biograph Eunapius berichtet bezeichnenderweise so gut wie nichts von Leben und Lehre, um so mehr von den Wundertaten des »göttlichen« Meisters. Erhalten sind von seinen Schriften: Über die pythagoreische Lebensführung, eine Ermahnung zur Philosophie und drei Zahlenspekulation enthaltende Schriften. Außerdem verfaßte er Kommentare zu Plato und Aristoteles, aber auch eine – chaldäische Theologie in 28 Büchern!

Jamblichus ist in der Hauptsache spekulativer Dogmatiker des Polytheismus, den er in willkürlichstem mystischem Aufputz wiederherzustellen sucht. Über Plotins »Ur-Eines« setzt er noch ein »völlig unaussprechliches« Urwesen, das eine aus drei göttlichen Elementen Bestehende »intelligible« und eine ebenfalls in drei göttliche Kräfte sich zerlegende »intellektuelle« Welt erzeugt. Neben oder unter diesen überweltlichen Wesen stehen zunächst zwölf himmlische Götter, die sich weiter zu 36, dann zu 360 vervielfachen; ihnen folgen 72 Gattungen (!) von unterhimmlischen und 42 von Naturgöttern, auf alle diese »Götter« ein noch viel größeres Heer von Erzengeln, Engeln, Dämonen und Heroen: wie man sieht, eine wahre Musterkarte theosophischen Unsinns, vermischt mit neupythagoreischer Zahlenspekulation. In diesem Götterhimmel sucht er mit mehr oder weniger Geschick die Götter aller möglichen Religionen, mit Ausnahme der christlichen, unterzubringen. Zwischen den über- und untermenschlichen Wesen steht die, natürlich gleichfalls[201] dreigeteilte, menschliche Seele. In ihrer Läuterung besteht auch nach Jamblich die sittlich-religiöse Aufgabe des Menschen. Doch erscheint sie bei ihm nicht nur weit hilfsbedürftiger als bei Plotin, sondern die äußeren Hilfsmittel (Gebete, magische Zeichen, Beschwörungen, Mysterien, Sühnopfer der verschiedensten Art) gewinnen durchaus die Überhand. Die höchste Tugend ist denn auch die – priesterliche!

Leider bleibt dieser phantastische Geist wenigstens in der syrischen Schule vorherrschend. Die wahrscheinlich von einem von Jamblichs Schülern gegen den Bekämpfer der Mantik, Porphyrius, gerichtete Schrift Von den Mysterien der Ägypter verteidigt neben Mantik, Beschwörungs- und Opferwesen die krassesten Albernheiten und erklärt ausdrücklich die Priester, als Träger der göttlichen Offenbarung, für höherstehend als die Philosophen. Jamblichs Triadensystem wurde von seinem Schüler Theodorus noch weiter ausgeführt. Andere gewannen fast einen ebensolchen Ruf als »theurgische« Wundertäter wie ihr Meister, während noch andere, wie Dexippus und Themistius, sich als tüchtige Kommentatoren aristotelischer Schriften bewährten.

b) Zu Jamblichs Anhängern gehörte auch der edle, aber phantastische Kaiser Julian (361-363), der »Romantiker auf dem Throne der Cäsaren« (D. F. Strauß) dem bekanntlich sein Wiederherstellungsversuch des Polytheismus nicht gelang, und den wohl nur sein früher Tod vor noch stärkerer Enttäuschung bewahrt hat. »Der Galiläer« siegte. Die Überbleibsel von Julians Schriften, die mehrfach herausgegeben worden sind – die Bruchstücke der Schrift Gegen die Christen von C. J. Neumann, griechisch und deutsch, Leipzig 1880, die übrigen philosophischen Reden und Briefe von Rudolf Asmus in Philos. Bibl. Bd. 116, Leipzig 1908 –, zeigen keine selbständigeren philosophischen Gedanken. Die Briefe an Jamblich sind unecht. Eine Schrift über »Götter und Welt« rührt von Julians Freund Sallustius her.

c) die letzte, edle Erscheinung aus diesem Kreise ist die 415 von einem durch fanatische Mönche aufgehetzten Christenpöbel zu Alexandria ermordete jungfräuliche Philosophin Hypatia, deren Name durch Kingsleys und Mauthners gleichnamige Romane in weitere Kreise gedrungen ist. Ihr Schüler, der Bischof Synesios von Cyrene, verband in eigenartiger Weise ihre Lehre mit der christlichen (s. § 57 Anf.).


2. Die athenische Schule. Proklus.

[202] Nachdem der alte Glauben im Kampfe gegen das siegreiche Christentum endgültig unterlegen war, wandten sich die Neuplatoniker, statt theosophischer Spekulation und polytheistischer Restaurationsversuche, wieder mehr der gelehrten Tätigkeit, namentlich der Erklärung platonischer und noch mehr aristotelischer Schriften zu, wie wir dies soeben von Dexippus und Themistius bemerkten. Wir finden diese Philosophen des 5. und angehenden 6. Jahrhunderts als Leiter der alten platonischen Schule zu Athen, die noch immer bestand, nachdem die peripatetische, stoische und epikureische seit Jahrhunderten eingegangen waren. Wir erwähnen von ihnen: den jüngeren Plutarch (†433) und den Alexandriner Syrian, der in einem noch erhaltenen Kommentar zu einigen Büchern der aristotelischen Metaphysik begeistert für Plato und die Pythagoreer eintritt.

Der bedeutendste aber unter ihnen war ein Schüler der beiden letztgenannten, der Syrier Proklus (410-485), der eine merkwürdige Mischung von philosophischem Tiefsinn und dürrer Gelehrsamkeit, scharfsinniger Dialektik und kritiklosem Wunderglauben darstellt. Auch er kommentierte platonische Schriften. Doch ist er, wie neuere Untersuchungen (s. die Literatur S. 200) gezeigt haben, nicht der bloße Mystiker, als den man ihn bisher vielfach genommen hat. Er weiß mit Platos Hypothesis Bescheid, ja er hat in seinem Euklid-Kommentar eine in platonischem Geiste gehaltene Philosophie der Mathematik gegeben, insbesondere das Maß als die Gleichheit des Ungleichen bestimmt. Die Vernunft überhaupt ist ihm das Maß der gesamten Erkenntnis. Er sucht die Notwendigkeit der Voraussetzung von Plotins Ur-Einem dialektisch zu begründen und die Weise begriffsmäßig zu bestimmen, wie es sich in der mannigfaltigen Welt der Erscheinungen darstellt. Die Art, wie er hierbei zu Werke geht, gemahnt einigermaßen an Hegels dialektische Methode. Ausgehend von dem plotinischen Grundgedanken der Entfaltung des Einen zum Vielen und dem Zurückstreben des letzteren zur Einheit, nahm er drei Entwicklungsstufen alles Seienden an: das Beharren monê Hervorgehen proodos und Zurückstreben epistrophê. Aber dieser an sich wertvolle Entwicklungsgedanke wandelt sich nun in Proklus' Scholastik in ein auf alles Denkbare ausgedehntes System von »Dreiheiten«,[203] zuweilen abwechselnd mit »Siebenheiten«, um. An die Stelle wirkender Ursachen treten tote Abstraktionen, an die Stelle eines philosophischen Lehrgebäudes ein Labyrinth von phantastischen Gebilden, an die Stelle von Denknotwendigkeit eine mystische Zahlenspielerei, auf die im einzelnen einzugehen verlorene Zeit sein würde. Daneben tritt eine Verarbeitung der gesamten bisherigen, hellenischen und nichthellenischen, Theologie, einschließlich der Mysterien mit allem ihrem Aberglauben, zu einem schematischen System.

Die »Ethik« des Proklus fordert, wie die des Jamblich, die von dem hilfsbedürftigen Menschen nur durch alle möglichen übernatürlichen Hilfsmittel zu erlangende, in fünf Stufen erfolgende Erhebung zum Übersinnlichen, die natürlich auch hier in dem mystischen Einswerden mit der Gottheit gipfelt.

An Geist, Einfluß und Ansehen kam keiner der Nachfolger des Proklus ihm gleich. Dagegen haben sich mehrere derselben, wie der gelehrte Simplicius und der jüngere Olympiodor, als tüchtige Ausleger früherer Philosophen, namentlich des Plato und Aristoteles, ersterer auch des Epiktet, ausgezeichnet.


3. Boethius. Ende der antiken Philosophie.

Im weströmischen Reiche scheint sich der Neuplatonismus mehr in seiner reineren, plotinischen Form erhalten zu haben. Sein letzter Vertreter ist hier der zu Athen gebildete edle Römer Boethius (480-525), der bekanntlich auf Theoderichs Befehl hingerichtet wurde. Obwohl er äußerlich dem Christentum angehört haben soll, ist doch seine Schrift De consolatione philosophiae (ed. Peiper, Lpz. 1871), die er sich selbst zum Trost, in Prosa abwechselnd mit Versen, im Kerker niederschrieb, zwar von echt religiösem, aber nicht christlichem, sondern antikem Geiste durchweht. Sie weist eine Mischung von gemäßigtem Neuplatonismus und Stoizismus auf. Ihr Grundgedanke ist die Besiegung aller Affekte durch die Vernunft und das Vertrauen auf Gottes Vorsehung. Durch seine zahlreichen, lateinisch geschriebenen Kommentare und Übersetzungen, besonders der logischen Schriften des Aristoteles und Porphyrius, ist er ein einflußreicher Lehrer des christlichen Mittelalters geworden. In diese Periode, das Mittelalter, sind wir jetzt der[204] Zeit nach bereits eingetreten. Und bald sollten die Reste der kümmerlich dahinsiechenden griechischen Philosophie auch ihr äußerlich sichtbares Ende finden. Im Jahre 529 hob Kaiser Justinian die Philosophenschule zu Athen durch kaiserliche Verordnung als unchristlich ausdrücklich auf, zog ihr nicht unbeträchtliches Vermögen ein und verbot für die Zukunft alle Vorträge hellenischer Philosophie. Der letzte Schulleiter, Damascius und sechs seiner Genossen, darunter Simplicius, wanderten nach Persien aus, wo sie in König Chosroës einen der Philosophie freundlich gesinnten Herrscher zu finden hofften, kehrten aber bald enttäuscht zurück. Die antike Philosophie blieb fortan Sache der Gelehrsamkeit, bis sie im Anfang der neueren Zeit zu neuem Leben erwachen sollte.[205]

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 200-207.
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