§ 54. Die Religionsphilosophie der Alexandriner. (Clemens. Origenes.)

  • [223] Literatur: Vgl. u. a. Overbeck, Die Anfänge der patristischen Literatur in Sybels Hist. Zeitschr. 1882, 6. Heft. Ausgabe: O. Stählin, Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte. Lpz. 1905-09.

Die Gnostiker hatten ihre »Erkenntnis« hoch über den gering geschätzten Gemeindeglauben erhoben: von[223] den kirchlichen Apologeten hatten die geistig bedeutendsten, Irenäus und Tertullian, nur notgedrungen, und um sie zu widerlegen, sich der Philosophie bedient. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts regt sich dagegen innerhalb der kirchlichen Kreise der Trieb, Wissenschaft und Religion in Einklang miteinander zu bringen, an verschiedenen Stellen. Am stärksten in Alexandrien, dem alten Sitze der Wissenschaften und der Religionsphilosophie. Dort war zur Heranbildung von Lehrern für die Katechumenen eine sogenannte Katechetenschule entstanden, welche das Christentum mit hellenischer Bildung erfüllen und umgekehrt gebildeten Helden die christlichen Wahrheiten verständlich machen wollte. An ihr lehrte von 189 bis zu seinem gegen 215 erfolgten Tode Clemens von Alexandrien (so genannt zum Unterschiede von dem ein Jahrhundert früher lebenden Bischof Clemens von Rom).


1. Clemens.

Clemens' drei Hauptwerke (ed. Dindorf, Oxford 1869, Stählin, Leipz. 1905/09), die zusammen ein Ganzes bilden, sind: 1. die Mahnrede an die Griechen Logos protreptikos pros tous Hellênas), die in der bekannten Tendenz der Apologeten das Vernunftwidrige des Heidentums nachzuweisen sucht, 2. der Paidagôgos d. i. Erzieher zur christlichen Sittlichkeit, und 3. das wichtigste: die 8 Bücher Strômateis, die nicht in streng systematischer Form, sondern mehr aphoristisch (daher ihr Name strômateis = bunte Teppiche), die christliche Weltanschauung als die wahre Erkenntnis, also eine Art kirchlicher Gnosis darstellen und sie mittelst platonischer und stoischer Gedanken zu vertiefen suchen.

Clemens, als Heide – um 150, vielleicht in Athen – geboren und durch die Schule der griechischen Philosophie gegangen, betrachtet es als die Aufgäbe des wahren Christen, sich das Christentum denkend anzueignen. Zwar bleibt ihm das Wort Gottes die höchste Richtschnur, aber wir bedürfen der Philosophie, um von dem bloßen Autoritätsglauben pistis zu der höheren Stufe der Erkenntnis gnôsis fortzuschreiten, von der Weisheit der Kinder zu der der Erwachsenen. Wie für die Juden das Gesetz, so war für die Griechen die Philosophie, namentlich die des »von Gott getragenen« Plato, der Erzieher zu Christus. Auch in die Seelen der griechischen Philosophen war der Same des göttlichen Logos gestreut, wie Clemens mit Justin erklärt. Das Christentum ist die Lehre von der[224] Schöpfung, Erziehung und Vollendung des Menschengeschlechtes durch den in Christus sichtbar gewordenen Logos. Die Gottheit selbst ist namen- und gestaltlos, ihr Wesen nur negativ zu bestimmen. Der Sohn allein, der Mittler zwischen Gott und Menschen, ist den letzteren positiv erkennbar. Das höchste Ziel des Menschen ist: völlige Erhebung zu Gott vermittelst der wahren Erkenntnis. Der wahre Gnostiker trägt vielfach die Züge des stoischen Weisen, ja er heißt einmal »der im Fleische wandelnde Gott«. Auch in der Ethik zeigen sich neben den christlichen, die selbstverständlich den Grundton bilden, hellenische Züge, so vor allem das Lob der sôphrosynê des richtigen Maßes. Er mißachtet weder die Ehe noch den Reichtum, sondern drängt nur auf die rechte Gesinnung.


2. Origenes.

Ein zusammenhängendes theologisches System, das erste und neben Augustin bedeutendste der gesamten Patristik, schuf erst Clemens' größerer Schüler Origenes (Werke ed. Migne in 7 Bänden und Koetschau im Auftrage der Berl. Ak. unvollendet, 2 Bde., Leipzig 1899, vgl. die ausführliche Monographie von Denis, Paris 1884).

Origenes, 185 wahrscheinlich zu Alexandrien geboren, der erste unter den hervorragenden Kirchenvätern, der schon von Geburt ein Christ war, bei dem also die christliche Bildung der philosophischen voranging, wurde bereits mit 18 Jahren Lehrer an der Katechetenschule. 232 wegen seiner Abweichung von der orthodoxen Lehre aus dem Priesterstande ausgeschlossen, mußte er Alexandria verlassen, lehrte aber weiter in Cäsarea und starb in Tyrus 254. Durch seinen ehernen Fleiß, nach anderen durch seine Unbezwinglichkeit im Wortkampf, hatte er sich den Beinamen »der Stählerne« erworben. Seine asketischen Anschauungen sollen ihn zur Selbstentmannung getrieben haben. Seine zahlreichen theologischen Schriften gehen uns hier nichts an. Von den philosophischen sind erhalten: 1. die nicht besonders gelungene Verteidigung des Christentums gegen die scharfsinnigen Angriffe des Celsus (§ 47), 2. sein systematisches Hauptwerk Von den Grundlehren (Peri archôn) in vier Büchern, dessen Hauptmasse bloß in einer abschwächenden lateinischen Bearbeitung (De principiis) erhalten ist.

Für Origenes bleiben zwar die biblischen Lehren der Inhalt des Glaubens, aber nur in ihrer spekulativen Erfassung stellen sie das wahre Christentum dar. Er[225] erstrebte eine so völlige Einheit von Christentum und Philosophie, daß der Neuplatoniker Porphyrius (§ 49) sein System, bis auf die eingestreuten »fremden Fabeln«, billigen zu können erklärte. Bei diesem spekulativen Aufbau kam er freilich, wie schon Clemens, zu der Unterscheidung einer mythischen Form der Religion für die Masse, die dem Kinde gleich die Wahrheit nur in Hüllen und Bildern zu schauen vermag, und einer vergeistigten für die Wissenden. Den Inhalt seines Systems entnimmt er, wenn auch vielfach in eigenartiger Durchbildung, der neuplatonisch-gnostischen Metaphysik seiner Zeit; er ist auch bei ihm in erster Linie ein kosmologischer.

a) An der Spitze steht die Lehre von Gott als dem ewigen Urgrund aller Dinge; auf ihn, den Einen, weist alles Geschaffene in seiner Ordnung, seiner Unselbständigkeit und seiner Sehnsucht zurück. Er ist ewig, unveränderlich, allmächtig, allwissend, allgütig und allgerecht. Kraft seiner Fülle erzeugt er beständig den Sohn (Logos), wie das Licht seinen eigenen Glanz. Dieser, der in Christus sich verkörperte, aber von Ewigkeit her bei dem Vater war, ist seinerseits das Urbild der geschaffenen Geister vom höchsten bis zum niedersten (die Idee der Ideen); der höchste geschaffene ist die dritte Person der Gottheit, der Heilige Geist.

b) Indem die geschaffenen Geister von ihrer Freiheit Gebrauch machen, stellt sich Trägheit, Verfehlung usw., kurzum Abfall von Gott ein. So entsteht die Welt, die so ewig wie Gott selbst ist, da dieser zu keiner Zeit ohne Schaffen sein kann, aber von seinem Willen abhängt, und schließlich der Mensch, der an die Materie, das »Nicht-Seiende« (vgl. Plato) gefesselt ist. Durch seine freie Wahl – Origenes bemüht sich ausführlich, die Willensfreiheit zu beweisen – entstand das Böse, d.h. die Abwendung von der Fülle des wahren Seins in Gott.

c) Aber über der gesamten Welt der Geister, Menschen wie Engel, waltet ein göttlicher Erziehungsplan (vgl. Irenäus), der schließlich alle – sogar den Teufel – erlöst, d. i. zu ihrer ursprünglichen Wesenseinheit mit Gott zurückbringt (apokatastasis = Wiederherstellung). Sie wird vollbracht durch den in Christus fleischgewordenen Logos, der jedem von uns so viel Anteil an seinem Wesen gibt, als wir (ein zarter Gedanke) Liebe zu ihm empfinden. Das ethisch-reli giöse Ziel für den Einzelnen wie die Gesamtheit ist die gegen alle irdischen Übel unempfindliche Ruhe in Gott.

d) Wie verhält sich nun Origenes' spekulative Auffassung zu den biblischen Schriften ? Sie gelten ihm – das[226] merke man bei ihrer Lektüre – als vom Heiligen Geiste inspiriert. Doch ist das Alte Testament nur Vorbereitung zu dem Neuen, wie dieses seinerseits die Vorstufe zu der vollkommenen Wahrheit sophia, die uns bei der Wiederkunft Christi zuteil werden wird. Origenes unterscheidet, ähnlich den Gnostikern, ein somatisches, psychisches und pneumatisches Christentum; dem ersten entspricht die buchstäbliche, dem zweiten die moralische, dem dritten die höchste, geistige oder allegorische Auslegung der Schrift (vgl. Philo). Alle Wunder sind in höherem Sinne natürlich; eine andere Annahme wäre eine Beleidigung der göttlichen Vernunft (des Logos). Der Tod Jesu ist in erster Linie vorbildlich, nicht genugtuend. Die sinnliche Ausmalung der chiliastischen Erwartungen, wie sie bei einem Irenäus und Tertullian herrscht, wird von Origenes entschieden bekämpft, die Auferstehung der Leiber in eine solche der Geister verwandelt u.a.m.


3. Wirkung des Origenes.

Das System des Origenes mit seiner platonisierenden Vergeistigung der Kirchenlehre war nicht dazu angetan, das Wohlgefallen der strengkirchlichen Kreise zu erringen. Wie er selbst unter solchen Einflüssen aus Alexandrien vertrieben wurde, so ist später (540) seine Lehre auch ausdrücklich verdammt worden. Bezeichnenderweise ward diese Verdammung von demselben Kaiser (Justinian) ausgesprochen, der auch die letzte griechische Philosophenschule, der dem Origenes geistesverwandten Neuplatoniker, aufhob. Dennoch hat Origenes, namentlich im christlichen Orient, mächtig nachgewirkt. Der »Origenismus« blieb längere Zeit eine einflußreiche Richtung in der Kirche. Bei diesen Origenisten tritt übrigens, mehr als bei ihrem Meister selbst, das praktisch-religiöse Interesse zurück hinter dem rein theoretischen der Erkenntnis. An die Stelle der biblischen tritt die dialektische Begründung, an Stelle des geschichtlichen Jesus der ewige Logos. In unseren Zeitraum fällt noch des Origenes Nachfolger in der Leitung der alexandrinischen Schule, Dionysios von Alexandrien (auch der »Große« genannt, † um 265), der in einem, nach der Weise der alten griechischen Naturphilosophen unter dem Titel peri physeôs verfaßten, Werke von einem anscheinend durch hellenische Philosophie (Plato, Pythagoras, Stoa, Heraklit) beeinflußten christlichen Standpunkte aus den Atomismus Demokrits und Epikurs bekämpfte.

Die Kämpfe zwischen diesen Origenisten und anderen[227] kirchlichen Richtungen, insbesondere den die Ungeteiltheit Gottes kräftig hervorhebenden Monarchianern (Sabellius, Paul von Samosata), gehören der Dogmen- und Kirchengeschichte an, desgleichen der Arianismus, der, mit seiner Unterordnung des Sohnes unter den Vater, in gewisser Beziehung mit dem Origenismus zusammenhängt. Bekanntlich erlangte auf dem Konzil zu Nicäa (325) die gegenteilige Ansicht des Athanasius durch den Willen des Kaisers die Mehrheit und bald darauf die Alleinherrschaft in der Reichskirche.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 223-228.
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