3. Kapitel. Die systematische Periode.

[80] Die dritte, vollendende Periode der griechischen Wissenschaft erntete die Früchte von beiden vorangegangenen Entwicklungen: sie stellt sich wesentlich als eine gegenseitige Durchdringung der kosmologischen und der anthropologischen Gedankenmassen dar. Diese Vereinigung aber erscheint nur zum geringen Teile als sachliche Notwendigkeit, noch weniger jedoch als eine Forderung der Zeit: sie ist vielmehr in der Hauptsache die Tat großer Persönlichkeiten und ihrer eigenartigen Erkenntnisrichtung.

Der Zug der Zeit ging mehr auf praktische Auswertung der Wissenschaft: ihm folgte sie, wenn ihre Forschung in Einzeluntersuchungen über mechanische, physiologische, rhetorische und politische Probleme auseinanderging und wenn ihre lehrhafte Darstellung sich den Vorstellungen des gemeinen Mannes anbequemte. Die allgemeinen Fragen der Welterkenntnis hatten das Interesse, das ihnen anfänglich zugewendet war, für die große Masse nicht nur des Volks, sondern auch der Gelehrten bald verloren, und ihre skeptische Ablehnung durch die sophistische Erkenntnislehre tritt nirgends in der Form eines Verzichtens oder Beklagens auf.

Wenn daher die griechische Philosophie von den Untersuchungen über menschliches Wissen und Wollen, worauf sich die Forschung der Aufklärungszeit richtete, mit erneuter Kraft zu den großen Problemen der Metaphysik zurückgekehrt und auf diesem Wege zu ihrer Höhe gelangt ist, so verdankte sie dies dem persönlichen Wissensdrange der drei großen Männer, welche die Träger dieser wertvollsten Entfaltung des antiken Denkens gewesen sind: Demokritos, Platon, Aristoteles.

Die Schöpfungen dieser drei Heroen des griechischen Denkens unterscheiden sich von den Lehren aller Vorgänger durch ihren systematischen Charakter: alle drei haben umfassende, in sich geschlossene Systeme der[80] Wissenschaft geliefert. Diesen Charakter gewannen ihre Lehren einerseits durch die Allseitigkeit der Probleme und anderseits durch die bewußte Einheitlichkeit ihrer Behandlung.

Während jeder der früheren Denker nur einen bestimmten Kreis von Fragen aufgriff und dementsprechend sich auch nur in gewissen Gebieten der Wirklichkeit unterrichtet zeigte, während namentlich physikalisches und psychologisches Interesse der Forschung fast nur gesondert aufgetreten waren, richtete sich die Arbeit dieser drei Männer gleichmäßig auf den ganze Umfang der wissenschaftlichen Probleme. Sie trugen das, was Erfahrung und Beobachtung gewonnen hatten, zusammen; sie verglichen und prüften die Begriffe, die daraus gebildet worden waren, und sie brachten das, was bisher gesondert zustande gekommen war, in fruchtbare Verbindung und Beziehung. Schon in dem Umfang und in der Mannigfaltigkeit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit tritt diese Allseitigkeit ihres wissenschaftlichen Interesses zu Tage: und die Massenhaftigkeit des Materials, das darin verarbeitet ist, erklärt sich zum Teil nur durch die lebendige Mitwirkung ihrer ausgebreiteten Schulen, in denen sie – insbesondere gilt dies von Aristoteles – nach Neigung und Begabung der einzelnen eine Teilung der Arbeit eintreten ließen.

Daß aber diese gemeinsame Arbeit nicht in das einzelne zerfloß, dafür war durch den prinzipiellen Grundgedanken gesorgt, mit welchem jeder dieser drei Männer die einheitliche Verarbeitung des ganzen Kenntnismaterials unternahm und leitete. Zwar führte dies an mehr als einem Punkte zu einseitiger Auffassung und zu einer Art von Vergewaltigung einzelner Gebiete, und damit zu Problemverschlingungen, die vor der Kritik nicht standhalten; aber anderseits erfuhr gerade durch die Ausgleichung, die dabei zwischen den Erkenntnisformen verschiedener Wissensgebiete stattfinden mußte, die metaphysische Begriffsbildung eine solche Steigerung, das abstrakte Denken eine solche Verfeinerung und Vertiefung, daß in der kurzen Zeit von kaum zwei Generationen die typischen Grundzüge von drei verschiedenen Weltanschauungen ausgearbeitet wurden. So traten die Vorzüge und die Nachteile philosophischer Systembildung bei diesen ihren ersten genialen Urhebern gleichmäßig zu Tage.

Die Systematisierung des Wissens zu einer philosophischen Gesamtlehre hat sich in aufsteigender Linie von Demokrit und Platon zu Aristoteles vollzogen und erst bei dem letzteren die Form einer organischen Gliederung der Wissenschaft in die einzelnen Disziplinen gefunden. Damit hat dann Aristoteles die Entwicklung der griechischen Philosophie abgeschlossen und das Zeitalter der Spezialwissenschaften eingeleitet.

Im besonderen ist der Gang dieser Entwicklung der gewesen, daß aus der Anwendung der durch die Sophistik und die sokratische Lehre gewonnenen Prinzipien auf die kosmologischen und metaphysischen Probleme zunächst die beiden gegensätzlichen Systeme von Demokrit und Platon entsprangen, und daß aus dem Versuch der Versöhnung dieser Gegensätze die abschließende Lehre des Aristoteles hervorging.

Bei Demokrit und Platon ist das Wesentliche dies, daß sie die erkenntnistheoretischen Einsichten der Aufklärungsphilosophie zur Neubegründung der Metaphysik benutzten. Dabei prägt die gemeinsame Abhängigkeit von[81] den Lehren der kosmologischen Periode und von der Sophistik, insbesondere der Theorie des Protagoras, beiden Lehren einen gewissen Parallelismus und eine partielle Verwandtschaft auf, die um so interessanter ist, je tiefer anderseits der Gegensatz zwischen beiden greift. Dieser aber beruht darauf, daß die sokratische Lehre ohne jede Wirkung auf Demokrit, aber von entscheidendem Einfluß auf Platon gewesen ist; daß daher das ethische Moment in dem System des letzteren ebenso überwiegt, wie es in dem des ersteren zurücktritt. So entwickeln sich aus demselben Grunde parallel Demokrits Materialismus und Platons Idealismus.

Aus diesem Gegensatz erklärt sich auch die Verschiedenheit ihrer Wirkung. Die rein theoretische Auffassung der Wissenschaft, welche bei Demokrit vorwaltet, behagte dem Zeitalter nicht: seine Schule verschwindet nach ihm schnell Platon dagegen, dessen wissenschaftliche Lehre zugleich ein Lebensprinzip begründete, erfreute sich in der Akademie einer umfangreichen und dauernden Schulbildung. Aber diese Schule, die sog. ältere Akademie, verlief sich, der allgemeinen Zeitströmung nachgebend, sogleich teils in Spezialforschung, teils in populäres Moralisieren.

Aus ihr hob sich sodann die große Gestalt des Aristoteles heraus, des erfolgreichsten Denkers, den die Geschichte gesehen hat. Die gewaltige Konzentration, mit der er, um den vorgefundenen Gegensatz zwischen seinen beiden großen Vorgängern auszugleichen, den gesamten Gedankengehalt der griechischen Wissenschaft um den Begriff der Entwicklung (entelecheia) zusammenkrystallisieren ließ, hat ihn zum philosophischen Lehrer der Zukunft und sein System zu dem vollkommensten Ausdruck des griechischen Denkens gemacht.

Demokrit von Abdera (etwa 460-360), in der wissenschaftlichen Genossenschaft seiner Heimat und durch langjährige Reisen gebildet, hat während des geschäftigen Lärms der Sophistenzeit ein stilles, scheinloses Forscherleben in der Vaterstadt geführt die ihn hoch ehrte, und ist dem geräuschvollen Treiben Athens ferngeblieben. Er hatte weder politische noch sonstige Tüchtigkeit zu lehren, er war wesentlich theoretisch veranlagt und besonders der Naturforschung zugeneigt. Mit riesiger Gelehrsamkeit und umfassenden Kenntnissen verband er große Klarheit des begrifflichen Denkens und, wie es scheint, starke Neigung zu schematischer Vereinfachung der Probleme. Die Fülle seiner Arbeiten beweist, daß er einer ausgebreiteten Schule vorstand, aus der auch einige, obwohl unbedeutende Namen erhalten sind. Doch charakterisiert sich die Abwendung seines Zeitalters von interesseloser Forschung durch nichts mehr, als durch die Gleichgültigkeit, der sein System mechanischer Naturerklärung begegnete: seine Lehre wurde für zwei Jahrtausende durch die teleologischen Systeme in den Hintergrund gedrängt und bat nur in der epikureischen Schule ein auch da unverstandenes Dasein gefristet.

Das Altertum hat Demokrit auch als großen Schriftsteller gefeiert: um so mehr ist der fast vollständige Verlust seiner Werke zu beklagen, von denen außer den zahlreichen Titeln nur sehr geringe und zum Teil zweifelhafte Fragmente erhalten sind. Die wichtigsten Schriften scheinen theoretisch der Megas und Mikros diakosmos, peri nou und peri ideôn, praktisch peri euthymiês hypothêkai gewesen zu sein. Nach den Sammlungen von W. BURCHARD (Minden 1830 und 34) und LORTZING (Berlin 1873) haben W. KAHL, (Diedenhofen 1889) und A. DYROFF (München 1899) eine Durcharbeitung der Quellen begonnen, P. NATORP die Ethika (Leipzig 1893) herausgegeben. Vgl. G. HART, Zur Seelen- und Erkenntnislehre des Demokrit (Leipzig 1886).

Platon von Athen (427-347), aus vornehmem Geschlecht, war in die künstlerische und wissenschaftliche Bildung seiner Zeit auf das glücklichste hineingewachsen als die Persönlichkeit des Sokrates auf ihn einen so entscheidenden Ein druck machte daß er von seinen poetischen Versuchen abließ und sich ganz dem Umgange des Meisters widmete. Er war sein treuester und verständnisvollster, dabei aber auch sein selbständigster Schüler. Die Hinrichtung des Sokrates veranlaßte ihn, zunächst der Einladung[82] des Eukleides nach Megara zu folgen; dann bereiste er Kyrene und Aegypten, kehrte für einige Zeit nach Athen zurück und begann hier schriftstellerisch, vielleicht auch schon mündlich zu lehren. Gegen 390 finden wir ihn in Großgriechenland und Sizilien, wo er Verbindungen mit den Pythagoreern einging und sich auch an politischen Händeln beteiligte. Diese brachten ihn am Hole des Herrschers von Syrakus, des älteren Dionys, auf den er mit Hilfe seines Freundes Dion emzuwirken suchte, in ernste Gefahr: er wurde als Kriegsgefangener an die Spartaner ausgeliefert und nur durch Freundeshilfe losgekauft. Diesen Versuch praktischer Politik in Sizilien hat er später doch zweimal, 367 und 361, aber stets mit unglücklichem Erfolge wiederholt.

Nach der ersten sizilischen Reise gründete er im Haine Akademos seine Schule, worin er sehr bald eine große Anzahl hervorragender Männer zu gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit um sich vereinigte. Doch war das Band dieser Genossenschaft noch mehr in einer auf die Gemeinschaft sittlicher Ideale begründeten Freundschaft zu suchen eine Lehrtätigkeit hatte anfangs in sokratischer Weise den dialogischen Charakter gemeinsamen Suchens und nahm erst im Alter mehr denjenigen des lehrhaften Vortrages an. In dieser persönlichen Wirkung sah er selbst den Schwerpunkt seiner Tätigkeit: denn die wissenschaftliche Forschung war nur die eine Seite seines reichen Wesens; impulsiver noch lebte in ihm das Bedürfnis sittlicher Lehre und politisch-sozialer Wirksamkeit. Er hatte einen offenen Blick für die Schäden seiner Zeit; die Zugehörigkeit zur aristokratischen Partei verband sich in ihm mit der durch Sokrates bestimmten Richtung, und er hat niemals ganz die Hoffnung aufgegeben durch seine Wissenschaft das Leben seiner Zeit zu reformieren und es in die Bahnen der religiösen Auffassung zu lenken, die er selbst der dionysischen Sekte verdanken. Dazu tritt als drittes Moment seiner Persönlichkeit die künstlerische Veranlagung, die in der herrlichsten Sprache seinen Idealen das Gewand dichterischer Darstellung zu geben vermochte.

Den ästhetisch-literarischen Niederschlag dieses Denker- und Lehrerlebens bilden Platons Werke212, in denen der Prozeß des Philosophierens selbst mit dramatischer Lebendigkeit mit plastischer Zeichnung der Persönlichkeiten und ihrer Lebensanschauungen geschildert wild. Als Kunstwerke sind das Symposion und der Phaidon die schönst gelungenen; den großartigsten Eindruck von der Gesamtheit der Lehre bietet die Politeia. Die Form ist, mit Ausnahme der Apologie des Sokrates, überall der Dialog: doch läßt dessen künstlerische Behandlung im Alter zum Teil nach, und der Dialog bleibt nur als schematischer Rahmen eines Vortrags übrig (Timaios, Gesetze). Meist ist Sokrates der Leiter in der Unterredung und auch derjenige, dem Platon eine Entscheidung, wenn es zu einer solchen kommt, in den Mund legt: erst die spätesten Schriften machen davon eine Ausnahme.

Auch die Darstellung ist im ganzen mehr künstlerisch als wissenschaftlich. In vollendeter sprachlicher Form zeigt sie höchste Lebendigkeit und Flüssigkeit der Anschauung aber keine Strenge der Problemsonderung oder der methodischen Untersuchung. Der Inhalt der einzelnen Dialoge ist nur nach dem darin vorwiegenden Gegenstand zu bezeichnen. Wo die begriffliche Entwicklung nicht möglich oder nicht am Platze ist, greift Platon zu den sogen. Mythen, allegorischen Schilderungen, welche Motive aus Märchen und Göttersagen in freier Dichtung benutzen: insbesondere entnimmt er den dionysischen Mysterien die phantasievollen Darstellung der Unsterblichkeit der Seele und die Ausmalung des Lebens nach dem Tode (Gorgias, Phaidros, Phaidon, Politeia).

Die Ueberlieferung ist nur zum Teil sicher; ebenso zweifelhaft ist die Reihenfolge der Entstehung und die Auffassung des Zusammenhanges der Werke untereinander.

Ueber diese Fragen haben, nachdem SCHLEIERMACHER in seiner Uebersetzung (Berlin 1804 ff.) die Anregung gegeben, hauptsächlich gearbeitet: J. SOCHER (München 1820), C. FR. HERRMANN (Heidelberg 1839), E. ZELLER (Tübingen 1839), FR. SUCKOW (Berlin 1855), FR. SUSEMIHL. (Berlin 1855/56). E. MUNK (Berlin 1856), FR. UEBERWEG (Wien 1861), K. SCHAARSCHMIDT (Bonn 1866), H. BONITZ (Berlin 1875), G. TEICHMÜLLER (Gotha 1876, Leipzig 1679, Breslau 1881), A. KROHN (Halle 1878), W. DITTENBERGER (im Hermes 1881), H. SIEBECK (Freiburg i. B. 1889). P. LUTOWSLAWSKI (London 1897 und 1905), P. NATORP (Leipzig 1905), H. RAEDER (Leipzig 1905), L. ROBIN (Paris 1908), C. RITTER (München 1910), S. MARCK (München 1912).

Die für echt platonisch geltenden Schriften sind: a) Jugendwerke, welche den sokratischen Standpunkt noch kaum überschreiten: Apologie, Kriton, Euthyphron, Lysis,[83] Laches (vielleicht auch Charmides, Hippias minor und Alkibiades I); b) Schriften zur Auseinandersetzung mit der Sophistik: Protagoras, Gorgias, Euthydemos, Kratylos, Menon, Theaitetos, c) Hauptwerke zur Darstellung der eigenen Lehre: Phaidros, Symposion, Phaidon, Philebos und die Politeia (Republik), deren Ausarbeitung, früh begonnen und schichtenweise sich vollendend, bis in die späteren Jahre des Philosophen sich hingezogen hat, d) die Schriften des Alters: Timaios, Nomoi und das Bruchstück des Kritias. Unter den zweifelhaften Schriften sind die wichtigsten: Sophistes, Politikos und Parmenides. Gemeinsam ist allen dreien nach Form und Inhalt eine intime Beziehung zu der eleatischen Dialektik und Eristik. Die beiden ersteren lassen sich a]s hypothetische Erörterungen über schwierige Probleme, in die das platonische Denken geraten war, in ihrer Echtheit verteidigen; dagegen bleibt diese bei dem schon im späteren Altertum und ebenso in der Neuzeit unverdient bewunderten Parmenides äußerst bedenklich. – Die 13 überlieferten Briefe Pl.'s, die jedenfalls für seine Beziehungen zu Sizilien authentisches Material bieten, sind meist für unecht gehalten: neuerdings ist ED. MEYER (Geschichte des Altertums V 500 ff.) energisch für ihre Echtheit eingetreten.

Vgl. H. V STEIN, Sieben Bücher zur Geschichte des Platonismus (Göttingen 1861 ff.), G GROTE, Platon and the other companions of Socrates (London 1865), A. E. CHAIGNET, La vie et les écrits de Platon (Paris 1873), E. HEITZ (O. Müllers Gesch. der griech. Lit. 2. Aufl. II, 2, 148-235), ALFR. FOUILLÉE La philosophie de Pl. (Paris 1888-89), W. PATER, Platon and Platonism (London 1893), W. WINDELBAND, Platon, 5. Aufl. (Stuttgart 1910).

Platons Schule heißt die Akademie, und ihre Entwicklung, welche bis zum Schluß des antiken Denkens reicht und an den kontinuierlichen Besitz des akademischen Hains und des darin bestehenden Gymnasiums sich anlehnte, pflegt in drei. bezw. fünf Perioden zerlegt zu werden: 1) Die ältere Akademie, Platons nächster Schülerkreis und die folgenden Generationen, etwa bis 260 v. Chr.; 2) die mittlere Akademie, welche eine skeptische Richtung nahm und in der noch eine ältere Schule des Arkesilaos und eine jüngere des Karneades (etwa seit 160) unterschieden werden; 3) die jüngere Akademie, die mit Philon von Larissa (um 100) zum alten Dogmatismus zurückkehrte und mit Antiochos von Askalon (etwa 25 Jahre später) in die Wege des Eklektizismus geriet. Ueber die beiden, bzw. vier jüngeren Formen vgl. Tl. II, cap. 1. Später hat von der Akademie die neuplatonische Schule (Tl. II. cap. 2) Besitz genommen.

Zur älteren Akademie gehörten Männer großer Gelehrsamkeit und würdiger Persönlichkeit: die Schulhäupter waren Speusippos, der Neffe Platons, Xenokrates von Chalkedon, Polemon und Krates von Athen; daneben sind unter den älteren Philippos von Opus und Herakleides aus dem pontischen Heraklea unter den jüngeren Krantor zu nennen. In loserem Verhältnis zur Schule standen der Astronom Eudoxos von Knidos und der Pythagoreer Archytas von Tarent.

Vgl. RICH. HEINZE, Xenokrates (Leipzig 1892), P. LANG. De Speusippi scriptis, acc. fragmenta (Bonn 1912).

Weit empor ragt über alle seine Genossen in der Akademie Aristoteles von Stageira (384-322). Als Sohn des makedonischen Leibarztes Nikomachos brachte er aus der heimatlichen Schule Neigung für medizinisches und naturwissenschaftliches Wissen mit, als er achtzehnjährig in die Akademie eintrat, in der er früh als literarischer Vertreter und auch als Lehrer, zunächst der Rhetorik, eine verhältnismäßig selbständige Rolle spielte, ohne dabei den Takt einer pietätvollen Unterordnung unter den Meister zu verleugnen. Erst nach Platons Tode trennte er sich äußerlich von der Akademie, indem er zunächst mit Xenokrates seinen Freund Hermeias, den Herrscher von Atarneus und Assos in Mysien, besuchte, dessen Verwandte Pythias er später heiratete. Nach einem wie es scheint, vorübergehenden Aufenthalte in Athen und in Mytilene übernahm er 344 auf Wunsch Philipps von Makedonien die Erziehung von dessen Sohn Alexander, welche er etwa drei Jahre mit größtem Erfolge leitete. Nachher lebte er einige Jahre in seiner Vaterstadt den wissenschaftlichen Studien mit seinem Freunde Theophrastos und gründete dann 335 mit diesem zusammen in Athen seine eigene Schule, die ihren Sitz im Lyceum hatte und (vermutlich nach dessen schattigen Laubgängen) die peripatetische genannt worden ist. Nach zwölfjähriger großartigster Wirksamkeit verließ er infolge politischer Wirren, makedonisch-monarchischer Gesinnung verdächtigt, Athen und ging nach Chalkis, wo er bereits im folgenden Jahre an einem Magenleiden starb. Vgl. A STAHR, Aristotelia I (Halle 1830).

Neben dem hohen Fluge Platons erscheinen die Persönlichkeit und das Lebenswerk des Aristoteles durchweg kühler und nüchterner. Aber wenn ihm der Trieb zum Eingreifen in das öffentliche Leben ebenso abgeht wie der poetische Schmuck der Rede und der Komposition, so tritt dafür um so gewaltiger die überschauende und überwältigende Kraft des Denkens, die Reinheit und Klarheit der wissenschaftlichen Gesinnung, die Sicherheit der Disposition und die Gestaltungskraft geistiger Arbeitsgemeinschaft hervor. Aristoteles ist eine Verkörperung des Geistes der Wissenschaft, wie sie die Welt[84] nicht wieder gesehen hat, und in dieser Richtung hat auch seine unvergleichliche Wirkung auf die Zukunft gelegen: für die Forschung, welche, unbeirrt durch alle Gefühlsinteressen, mit scharfem Blick die Wirklichkeit aufzufassen sucht, wird er immer der führende Denker bleiben.

Von der ganzen außerordentlich umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit des Aristoteles ist nur das Geringste, aber das wissenschaftlich Wichtigste erhalten. Verloren sind bis auf wenige Bruchstücke die von ihm selbst herausgegebenen Dialoge, die ihn in den Augen des Altertums auch als Schriftsteller ebenbürtig neben Platon stellten, und ebenso die großen Sammelwerke, die er für die verschiedensten Wissenszweige mit Hilfe seiner Schüler angelegt hatte. Als ein wertvolles Beispiel von der formvollen Abgeschlossenheit auch dieses Teils seiner literarischen Arbeit ist neuerdings das Hauptstück seiner politeia tôn 'Athênaiôn aufgefunden worden. In der Hauptsache erhalten sind und nur seine wissenschaftlichen Lehrschriften, welche dazu bestimmt waren, den Vorlesungen im Lyceum als Lehrbücher zugrunde gelegt zu werden. Doch ist die Ausführung sehr verschieden: an manchen Stellen liegen nur skizzenhafte Notizen, an andern fertige Ausarbeitungen vor; außerdem finden sich verschiedene Redaktionen desselben Entwurfs, und es darf angenommen werden, daß in die Lücken des Manuskripts Nachschriften verschiedener Schüler eingefügt worden sind. Da die erste Gesamtausgabe, die im Altertum (wie es scheint, aus Anlaß einer Neuauffindung der Originalmanuskripte) Andronikos von Rhodos (60-50 v. Chr.) veranstaltete, diese Teile nicht gesondert hat, so bleiben auch hier viele kritische Fragen in der Schwebe.

Vgl. A. STAHR, Aristotelia II (Leipzig 1832), V. ROSE (Berlin 1854), H. BONITZ (Wien 1862 ff.), J. BERNAYS (Berlin 1863), E. HEITZ (Leipzig 1865 und in der 2. Auflage von O. Müllers Gesch. der griech. Liter. II 2, 236-321), E. VAHLEN (Wien 1870 ff.).

Diese Lehrbüchersammlung213 ist folgendermaßen zusammengesetzt: a) zur Logik: die Kategorien, vom Satz, die Analytik, die Topik mit Einschluß des Buchs über die Trugschlüsse, – von der Schule als »Organon« zusammengefaßt; b) zur theoretischen Philosophie: die Grundwissenschaft (Metaphysik), die Physik, die Tiergeschichte und die Psychologie, an die drei letzteren schließen sich noch eine Anzahl besonderer Abhandlungen; c) zur praktischen Philosophie: die Ethik in der nikomachischen und in der eudemischen Ausgabe, und die (ebenfalls nicht abgeschlossene) Politik; d) zur poetischen Philosophie: die Rhetorik und das Fragment der Poetik.

FR. BIESE, Die Philosophie des Aristoteles (2 Bde., Berlin 1835-42), A. ROSMINI-SERBATI, Aristotele esposto ed esaminato (Torino 1858), G. H. LEWES, Aristotele, a chapter from the history of science (London 1864), G. GROTE, Aristotele (aus dem Nachlaß herausgegeben, London 1872), H. SIEBECK, Aristoteles (2. Aufl, Stuttg. 1902).

Quelle:
Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 61912, S. 80-85.
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