Allgemeine Erörterung.

[32] Vor der Existenz der Welt war weder eine Beziehung der Urmaterie zur Urkraft, noch der Urkraft zur Urmaterie. Als einmal die Urkraft war, entstand daraus die Urmaterie, daraus wiederum die ruhende und die bewegende Materie, und diess heisst man das vernunftgemäss erfolgte Auseinandergehen. War dieses Alles vorhanden, so gingen daraus wiederum Menschlichkeit und Gerechtigkeit hervor.

Zuerst war die Urkraft des Himmels (Alls); sie enthielt die Urmaterie. Die Masse der Urmaterie ist das Fundament, wodurch die Natur möglich ward.

Frage. Als die Urkraft zuerst war, so unterdrückte wohl diese zuerst seyende die Urmaterie?

Antwort. Der Ausfluss der Urkraft zur Urmaterie hatte noch nicht begonnen; denn die Form der Urkraft ist die obere (oder erste), | und die Form der Urmaterie ist die niedere (oder zweite); weshalb die Formen obere und niedere genannt werden, sind sie nicht aus demselben Grunde frühere und spätere? Wäre wohl die Urmaterie ohne den Absatz der Urkraft?

Von dem Ursprünge der Urkraft und der Urmaterie gilt zwar weder das Prädicat früher noch das später; wenn es sich aber von einer Untersuchung derselben handelt, welche (der Idee nach) die spätere ist, dann ist der Satz vonnöthen: Zuerst war die Urkraft; denn die Urkraft war schon, als noch kein einziges gesondertes Wesen vorhanden, als sie noch innerhalb der Urmaterie festgehalten waren. Ohne die Urmaterie hatte[32] die Urkraft keinen Gegenstand, an den sie sich hätte halten können. Aus der Urmaterie entstanden Metall, Holz, Wasser und Feuer; aus der Urkraft Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die Sitten und die Weisheit.

Frage. Wie verhält sich die Urkraft zur Urmaterie?

Antwort. I-tschuang sagt vortrefflich: Die Urkraft ist das Eins, welches sich spaltete; Himmel und Erde und alle Wesen zusammen sind nur durch die Urkraft; dadurch dass die Urkraft ist, ist der Mensch und jegliches Ding.

Ist die Urkraft, so ist auch die Urmaterie, so dass aber die Urkraft als Quelle betrachtet wird. Wenn nun die Urkraft das Obere oder Erste genannt wird, so heisst diess | so viel: Das Absolute (Tai-ky) bewegt sich und erzeugt die bewegende Materie; nach der Bewegung des Absoluten erfolgt Ruhe, und diese Ruhe erzeugt die ruhende Materie; ohne vollendete Bewegung erfolgt aber keine Ruhe. Tsching tse sagt: Bewegung und Ruhe an sich selbst (nämlich ohne gegenseitige Beziehung) sind noch keine gesetzliche Ordnung; denn Bewegung und Ruhe ist bloss Hervortretung, – es ist Bewegung und darauf erfolgt Ruhe, es ist Ruhe und darauf erfolgt Bewegung. Eben so sagt er: Das, welches man Tao (Norm) der bewegenden und der ruhenden Materie nennt, dient zur wechselseitigen Verkettung dieser ruhenden und bewegenden Materie, und aus dieser wechselseitigen Verkettung entsteht die Ordnung, das Gesetz in der Bewegung, so wie im Gegentheil Beginnen und Enden ohne diese wechselseitige Verkettung nichtig ist.

Frage. Ist die wechselseitige Verkettung (das Tao) in der Bewegung und Ruhe selbst oder nicht?

Antwort. Das Ende der Ruhe ist der Beginn der Bewegung, eben so wie bei den vier Jahreszeiten. Zur Winterszeit treten alle Dinge in das Nichts zurück, gleichsam als wenn sie nicht wären; ist das Jahr wiederum gekommen, dann sprosst Alles, dann richtet sich Alles wiederum auf zum frühern Leben, und so ohne Ende.

Frage. Es war also zuerst die Urkraft und hernach ward die Urmaterie: auf welche Weise war nun die Urkraft, als noch Nichts vorhanden war?

[33] Antwort. Sie war | in der Verhüllung, wie das Wasser im Meere, – man fängt es auf mit dem Löffel, man fängt es auf mit der Kanne, man fängt es auf mit der Schale. Alle Wesen sind wie Wasser im Meere, jenes aber ist der Herrscher; wir sind Ankömmlinge; jenes ist das Seyende seit den ältesten Zeiten, wir aber sind nicht aus den ältesten Zeiten.

Frage. Wie verhielt es sich mit der Zeugung, als die Urmaterie noch in der Urkraft ruhete?

Antwort. Die Fäden des auf- und abbewegenden Gespinnstes der ruhenden und der bewegenden Materie und der fünf Elemente waren noch vereinigt, – es war bloss die Urkraft. Als die Urmaterie die Masse noch nicht angeknüpft hatte, hatte die Urkraft Nichts, worauf sie die Heraustretung hätte stützen können.

Frage. Kann man also sagen: Zuerst war die Urkraft und hernach die Urmaterie?

Antwort. Dieser Satz ist nicht ganz richtig. Man bedenke nur, dass, wenn es heisst, bei der Niederlassung des Vereinigten sey zuerst die Urkraft und hernach die Urmaterie, oder umgekehrt zuerst die Urmaterie und hernach die Urkraft, – man bedenke, dass diess Alles bloss zur wissenschaftlichen Untersuchung, zur genauern Forschung dient, damit deutlicher erhellen möge, die Urmaterie sey der Anhaltspunct der in Thätigkeit übergehenden Urkraft. Denn die Masse stammt aus der Urmaterie und die Urkraft ist darin, dass ihre Verbindung mit der Masse erst durch die Urmaterie möglich wird. | In der That kann die Urkraft für sich weder streben, noch wirken, noch irgendwo hinzielen, ausser auf die verdichtete ruhende Masse der Urmaterie. Die Urkraft verhält sich zu dieser, wie der Himmel zur Erde, der Mensch zu den Dingen, die Pflanze zum Baume und die Thiere zu ihrem Gattungsbegriff, genannt Kin. Alles, was lebt, bedarf des Saamens, ohne Saamen kein Bestand. Die Erde treibt hervor jegliches Ding, und in allen diesen ist sowohl Urmaterie als Urkraft. Aber das durchaus reine, eigenschaftslose Seyn, die grosse Leere, ist das Fundament und die Grenze der Zeiten, – form- und spurlos. Hätte dieses am sich gehalten, wäre kein Beginnen erfolgt; aber durch die Urmaterie ward erst die Gährung möglich, die Verdichtung und überhaupt jedes lebende Wesen.

[34] Frage. War die Urkraft und ward alsdann erst die Urmaterie: warum kann man nun das Frühere und das Spätere nicht von einander trennen?

Antwort. Könnte man wohl sagen: Es ist Tag, – und das ist die Urkraft; es ist Tageshelle, – und das ist die Urmaterie? sind demnach die Prädicate früher und später anwendbar?

Frage. Die Urkraft war, ehe noch Himmel und Erde waren: wie ist dieses zu verstehen?

Antwort. Ehe noch Himmel und Erde waren, | war bloss die Urkraft. War die Urkraft, so war der Himmel und die Erde möglich, wie im Gegentheil ohne die Urkraft weder Himmel noch Erde, weder Menschen noch Sachen und überhaupt gar kein Leben möglich wäre. War die Urkraft, so ward die Urmaterie; daraus floss die Zeugung und jedes Ding.

Frage. Was heisst diess: die Zeugung? Ist wohl die Urkraft selbst die Zeugung, oder nicht?

Antwort. Zuerst war die Urkraft, alsdann ward die Urmaterie und der Ausfluss der Zeugung; die Urkraft an sich aber ist kein Wirken.

Frage. Was man Kraft nennt, enthält wohl etwas Zwingendes, nicht wahr?

Antwort. So ists.

Frage. Die Urkraft ist ohne Ende, die Urmaterie hat aber ein Ende, nicht wahr?

Antwort. Dieses Ende ward schon erklärt, nämlich die Ruhe macht das Ende.

Frage. Ist die Urkraft zuerst und hernach die Urmaterie?

Antwort. Das Verhältniss der Urkraft zur Urmaterie ist ein ursprüngliches, wovon nicht früher noch später gilt, wenn man auch die Urkraft als das Obere setzt. Heisst diess wohl: Die Urkraft ist eher und die Urmaterie später?

Frage. Man könnte fragen: Säet nicht der Himmel die Wesen aus? Das Ausgegangene ging wohl von ihm aus und es geht wohl wiederum | zur Urkraft zurück?

Antwort. Das Ausgegangene geht von ihr aus, sie enthält das Einzelne sowohl als die Masse, d.h. die Urmaterie.

Frage. Wird die Urmaterie durch die Ausdehnung vermindert?

[35] Antwort. Vergleichungsweise zu sprechen, so geschieht diess so, wie kochendes Wasser in einem Topfe beim Feuer sich verflüchtigt, wenn nicht anderes Wasser hinzugegossen wird; es kann sich nicht gegen das Verflüchtigen halten, sondern es verschwindet.

Frage. Verleiht der Himmel (Schang-ty) den Menschen die moralische Kraft; verhängt der Himmel (Thian) Böses über die Menschen? Spendet er Gutes von oben herab dem Volke; ist er der, welcher Herrscher aufstellt, und ist er der Erzeuger aller Dinge, ihrer Eigenschaften und zugleich ihr Erhalter? Ist er der Schöpfer des Guten und verleiht alles Glück; ist er der Schöpfer des Bösen und verleiht alles Unglück? Wenn der Himmel Ausserordentliches, Glück oder Unglück, hervorbringen will, so erzeugt er wohl im Laufe der Zeiten einen ausserordentlichen Menschen, um es hervorzubringen? Ist diess nun Alles so, wie es hier ausgesprochen ward, oben im Himmel, und ist der Himmel der Herrscher, oder hat der Himmel keine Einsicht?

Antwort. Diess Alles hat nur eine Relation (besteht nur) durch die Emanation in ihrer Beziehung zur Urkraft, so wie nur durch die Bewegung der Urmaterie sowohl das Gute als das Schlimme, | das Schlimme sowohl als das Gute entsteht Die Erde selbst ist wie ein Rohr, welches gehorchend sich im Kreise umdreht; sie enthält an sich weder Schlimmes hoch Gutes. Zieht Jemand Luft an sich, so bleibt der Leib in seiner gewöhnlichen Grösse; stösst Jemand Luft aus, so bleibt der Leib ebenfalls in seiner gewöhnlichen Grösse. Wie es sich hiermit verhält, so verhält es sich mit jener. Wenn die Urmaterie Etwas an sich zieht, diess wiederum von sich stösst und so ebenfalls das Zweite: so behält sie dessen ungeachtet ihre vorige Ausdehnung. Alles nämlich, was die Urmaterie erzeugt, das stösst sie von sich aus; und obgleich nun Alles von ihr ausgeht, so behält sie doch ihre vorige Consistenz. Lao tse sagt: Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde gleicht dem Blasebalge einer Schmiede: er bewegt sich und wird nicht erschöpft, er ruht und wird nicht voller, – der Blasebalg behält immer seine gewöhnliche Kraft.

Quelle:
Die Natur- und Religionsphilosophie der Chinesen. In: Zeitschrift für die historische Theologie. Neue Folge, Stück 1, Nr. 1, Gotha 1837, S. 32-36.
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