1. Bekehrungsversuche

[57] Yen Hui kam zu Kung Dsï, um sich zu verabschieden.

Kung Dsï fragte: »Wohin willst du?«

Er sprach: »Ich will nach We.«

Kung Dsï sprach: »Was willst du dort?«

Er sprach: »Ich höre sagen, daß der Fürst von We, der im besten Mannesalter steht, eigenwillig ist in seinen Handlungen, daß er das Herrschen zu leicht nimmt und seine Fehler nicht einsieht. Leichten Herzens läßt er die Leute töten. Die Leichname liegen in seinem Reich umher, unzählbar wie das Heu auf den Wiesen, und das Volk ist hilflos. Nun habe ich[58] Euch, Meister, sagen hören: ›Ein Reich, das in Ordnung ist, mag man meiden; ein Reich, das in Verwirrung ist, muß man suchen. Vor der Tür des Arztes sind viele Kranke.‹ Nun will ich das, was ich gelernt, anwenden, um einen Rat zu ersinnen, daß vielleicht jenem Reich geholfen werden kann.«

Kung Dsï sprach: »Ach, du gehst im Leichtsinn hin und wirst dir nur Strafe zuziehen. Der SINN liebt nicht Geschäftigkeit. Geschäftigkeit führt zur Überlastung; Überlastung führt zur Unruhe; Unruhe führt zu Sorgen, und mit Sorgen ist man rettungslos verloren. Die höchsten Menschen der alten Zeit behielten (den SINN) für sich, und dann erst suchten sie ihn unter den Menschen aufrechtzuerhalten. Wenn man mit sich selbst noch nicht im reinen ist, wie will man da noch Zeit finden, sich mit dem Wandel von Tyrannen abzugeben!

Und weißt du denn nicht, wie es kommt, daß der Geist vergeudet wird und leerer Wissenskram sich hervordrängt? Der Geist vergeudet sich im Namen, und das Wissen drängt sich hervor im Streiten. Die Namen führen zu Eifersucht, und das Wissen ist nur ein Werkzeug des Streites. Beide sind üble Werkzeuge, die nicht ans Ziel des Weges führen. Selbst wenn du des Geistes Fülle hast und stark im Glauben bist, wenn dein Name berühmt ist auch ohne Streit: das heißt noch nicht, der Menschen Seele und Herzen ergründen. Und wenn du so gewaltsam Maßstäbe von Liebe und Pflicht einem Tyrannen gegenüber anwendest, so setzest du durch die Fehler des andern nur deine eigenen Vorzüge ins Licht. Das heißt man andere verletzen. Wer aber andere verletzt, der wird hinwiederum von den andern verletzt werden. Und du bist in Gefahr, von andern verletzt zu werden. Außerdem stellt er sich vielleicht so, als liebe er Würdigkeit und hasse Untauglichkeit. Wie willst du dann zum Ausdruck bringen, daß du es anders meinst? Du kommst ungerufen; so wird er als Herrscher seine Stellung benützen, um dir den Triumph zu entreißen. Du müßtest dann verlegen stehen und blinzeln, durch deine Miene müßtest du ihn besänftigen; durch deine Worte müßtest du (seine Äußerungen) bestätigen; du müßtest dich in deiner Art ihm anpassen und würdest ihn in seiner Gesinnung nur bestärken. Das hieße Öl ins Feuer gießen und[59] Wasser durch Wasser vertreiben wollen. Dadurch wird die Sache nur schlimmer. Wenn du erst anfangen müßtest, ihm nach dem Munde zu reden, dann wäre gar kein Ende mehr abzusehen. Willst du leichtsinnig guten Rat mißachten, so wirst du sicher vor des Tyrannen Thron es mit dem Leben büßen.

Vor alters hatte der Tyrann Gië den Guan Lung Fong und der Tyrann Dschou (Sin) den Prinzen Bi Gan getötet. Die Ermordeten waren beide Leute von sittlichem Streben, die Mitleid hatten mit den Untertanen jener Fürsten. Um des Volkes willen widersetzten sie sich den Herrschern, und jene Fürsten unterdrückten sie gerade wegen ihrer Sittlichkeit. Sie wurden Märtyrer des guten Namens.

Auf der andern Seite war der heilige Yau; der griff die aufrührerischen Staaten Tsung Dschï und Sü Au an. Und der heilige Yü, der griff den Fürsten von Hu an. Die Staatskassen erschöpften sich, Menschenleben wurden geopfert, und der Krieg hörte nicht auf. Und schließlich kamen sie in ihrem Streben nach der (Annäherung der) Wirklichkeit (an das Ideal) zu keinem Ende. So ging es jenen (Leuten des Altertums), die Namen und Wirklichkeit versöhnen wollten. Weißt du denn nicht, daß Name und Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen selbst die Heiligen nicht fertigbrachten? Wieviel weniger du!

Immerhin, du hast dir sicher ein Mittel ausgedacht. Laß es mich hören.«

Yen Hui sprach: »Ernst und demütig, eifrig und einfältig sein: kann so (das Werk) gelingen?«

Kung Dsï sprach: »Das ist völlig ausgeschlossen. Solche Leute haben etwas Imponierendes in der Art, wie sie die Äußerungen ihres Wesens und ihrer Gedanken zutage treten lassen. Sie sind unberechenbar in ihren Launen. Niemand wagt ihnen zu widersprechen. Durch den Eindruck, den sie auf die Menschen machen, suchen sie sich in ihrer Gesinnung zu bestärken. Man kann von ihnen sagen, daß sie selbst für fortdauernde, allmähliche Einflüsse unzugänglich sind; wieviel mehr also für einen solchen grundsätzlichen Versuch der Einwirkung! So wird jener auf seinem Standpunkt beharren und sich nicht[60] bessern lassen. Äußerlich wird er zustimmen, aber im Innern sich nicht demütigen. Da ist nichts zu machen.«

Yen Hui sprach: »So will ich innerlich unbeugsam sein und äußerlich mich beugen. Ich will mich auf die fertigen Vorbilder des Altertums berufen.

Wer innerlich unbeugsam ist, ist ein Diener des Himmels. Wer ein Diener des Himmels ist, der weiß, daß der Himmelssohn und er selbst in gleicher Weise vom Himmel als Kinder angesehen werden. So richte ich meine Worte gleichsam nur an mich selber und brauche nicht ängstlich besorgt zu sein, ob die Menschen sie gut finden oder nicht gut finden. Auf diese Weise bin ich vor der Welt gleichsam ein Kind. Das heißt des Himmels Diener sein.

Wer äußerlich sich beugt, ist ein Diener der Menschen. Unter Fürstendienern ist es Brauch, sich zu erheben, niederzuknien, die Hände zu falten: was alle Menschen tun, sollte ich wagen, das nicht zu tun? Wenn man aber tut, was die andern Menschen tun, so werden uns die Menschen nicht tadeln. Das heißt ein Diener der Menschen sein.

Wer sich auf die fertigen Vorbilder des Altertums beruft, der ist ein Diener der Vorzeit. Er mag in seinen Worten Zurechtweisungen erteilen: sein Rat hat dennoch einen festen Halt, weil er vom Altertum überliefertes Gut ist, nicht eigener Besitz. So kann man geradeheraus reden, ohne sich verhaßt zu machen. Das heißt ein Diener der Vorzeit sein.

Wird es auf diese Weise gehen?«

Kung Dsï sprach: »Das ist völlig ausgeschlossen. Es sind zuviel Reformpläne und zuwenig Überlegung dabei. Du kannst wohl fest bleiben auf diese Weise, ohne dir Strafe zuzuziehen; dennoch ist es besser, du gibst es auf. Denn auch dieser Weg ist nicht ausreichend, jenen umzuwandeln, (daß er das Gefühl dabei hat) als folge er den Regungen seines eigenen Herzens.« Yen Hui sprach: »Dann habe ich nichts mehr vorzubringen. Darf ich um einen Rat bitten?«

Kung Dsï sprach: »Faste! – Ich will dir sagen, wie ich's meine. Wer handelt im Vertrauen auf die (Fähigkeiten), die er hat, der hat es leicht. Das Leichthaben aber ist nicht nach dem Willen des erhabenen Himmels.«[61]

Yen Hui sprach: »Ich bin von Hause aus arm; schon mehrere Monate lang habe ich keinen Wein mehr getrunken und keine Fleischspeisen mehr gegessen. Kann man das als Fasten bezeichnen?«

Jener sprach: »Das ist das Fasten des Opferbrauchs, nicht das Fasten des Herzens.«

Yen Hui sprach: »Darf ich fragen, was das Fasten des Herzens ist?«

Kung Dsï sprach: »Dein Ziel sei Einheit! Du hörst nicht mit den Ohren, sondern hörst mit dem Verstand; du hörst nicht mit dem Verstand, sondern hörst mit der Seele. Das äußere Hören darf nicht weiter eindringen als bis zum Ohr; der Verstand darf kein Sonderdasein führen wollen, so wird die Seele leer und vermag die Welt in sich aufzunehmen. Und der SINN ist's, der diese Leere füllt. Dieses Leersein ist Fasten des Herzens.«

Yen Hui sprach: »Daß ich noch nicht imstande bin, diesen Weg zu gehen, kommt wohl eben davon her, daß ich als Yen Hui existiere. Vermöchte ich ihn zu gehen, so wäre meine Existenz aufgehoben. Das ist wohl mit der Leere gemeint?«

Der Meister sprach: »Du hast's erfaßt. Ich will es dir erklären. Wenn du diesen Standpunkt erreicht hast, dann kannst du in den Zwinger (der Menschenwelt) eintreten und darin wandeln, ohne daß du ihnen äußerlich zu nahe trittst. Findest du Einlaß, so singe dein Lied; findest du keinen Einlaß, so halte ein! Nicht von außen her durch die Tür, nicht mit Gewaltmitteln und Giften (kommst du zu den Menschen). Du bist ihr Hausgenosse und wohnst unter ihnen, als könnte es gar nicht anders sein. Auf diese Weise kannst du vielleicht etwas erreichen. Seine Spuren verwischen ist leicht; nicht die Erde zu berühren beim Wandeln ist schwer. Als Abgesandter eines menschlichen Herrn mag man auch zum Truge greifen; der Himmel aber duldet in seinem Dienst keinen Trug.

Du weißt, daß es möglich ist, mit Flügeln zu fliegen, aber du hast noch nicht davon gehört, wie man ohne Flügel fliegen kann. Du kennst die Weisheit, die aus der Erkenntnis entspringt; aber du hast noch nicht davon gehört, daß man auch ohne Erkenntnis weise sein kann. Sieh dort die Öffnung in[62] der Wand! Das ganze leere Zimmer wird dadurch erhellt. (Wer so ist), bei dem verweilen Glück und Segen, aber sie bleiben nicht auf ihn beschränkt. Von einem solchen mag man sagen, daß er imstande ist, alle Fernen zu durchdringen, während er ruhig an seinem Platze verweilt. Er gebraucht sein inneres Auge, sein inneres Ohr, um die Dinge zu durchdringen und bedarf nicht verstandesmäßigen Erkennens. Zu einem solchen kommen die Unsichtbaren, um bei ihm Wohnung zu machen, wieviel mehr erst die Menschen. Auf diese Weise vermag man die Welt zu wandeln. Diese Einflüsse waren es, die selbst die Heiligen der Vorzeit ihr Leben lang gebunden hielten; wieviel mehr erst sind gewöhnliche Sterbliche davon abhängig.«

Quelle:
Dschuang Dsï: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Düsseldorf/Köln 1972, S. 57-63.
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