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Der aufgeklärte Naturforscher Demokrit versucht die Abderiten zu toleranten und humanen Kosmopoliten zu erziehen. Die aber - besonders die so genannten Gelehrten - sind der bornierten Enge ihres Denkens und Handelns verhaftet. Also versuchen sie den unbequemen Mahner loszuwerden. Der Arzt Hippokrates soll dessen Geisteskrankheit konstatieren, doch dieser kann nur die Beschränktheit der Abderiten diagnostizieren. Euripides hingegen kämpft an anderer Front. Er will den antiken Schildbürgern mit seinem Drama ihren dilettantischen und verfehlten Kunstgeschmack vor Augen führen. Aber auch er scheitert; an der Schönheit seiner Kunst verlieren sie den Verstand. In einer weiteren Episode wird der sich ins Absurde steigernde politische Fanatismus der Abderiten thematisiert. So entzweien sich die Bürger tumultartig über einen Prozess, der dem Schatten eines Esels gemacht wird. Und am Ende droht der Staat schließlich im fanatischen Sumpf der Froschreligion zu versinken. Die Abderiten müssen ihre Stadt verlassen und zerstreuen sich über die gesamte Welt.
Dummheit gedeiht am besten dort, wo mehr als drei im Namen der Klugheit versammelt sindDie "Geschichte der Abderiten", in den Jahren 1774 bis 1780 von dem Dichter Christoph Martin Wieland in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Der Teutsche Merkur" als Fortsetzungsroman veröffentlicht, ist eines jener feingeschliffenen Juwelen, die heutzutage leider des Lichtes der großen Aufmerksamkeit entbehren müssen und die dabei doch, hält man sie an die Sonne, tausend Funken sprühen.
Ein wenig hölzern ist der Anfang schon, wenn Wieland in die Rolle des staubigen Historikers schlüpft, der uns mit archivarischer Akribie Geschichten von den Tollheiten der Abderiten zum Besten geben will. Abdera war eine Stadt an der Küste des Ägäischen Meeres und obwohl sie die Heimat von Philosophen wie Demokrit - dem Begründer der Atomlehre -, Protagoras und Anaxarch war, geriet sie in den Ruf, einen Haufen engstirniger Kleingeister und einfältiger Narren zu beherbergen und wurde zum antiken Prototyp der Stadt Schilda.
Auf eine Satire über Dummheit und Engstirnigkeit können wir uns denn auch einstellen, wenn wir Wielands "Geschichte der Abderiten" zur Hand nehmen. In den ersten drei Büchern stellt er den Abderiten drei große antike Geister, nämlich den Philosophen Demokrit, den Arzt Hippokrates und den Tragödiendichter Euripides entgegen, die allesamt auf ihre Weise erkennen müssen, dass ein kluger Mensch in einem Gemeinwesen voller Dummköpfe einen äußerst schweren Stand hat. Es ist nachgerade ironisch, dass die Abderitengeschichte als Satire gemeint ist, gleichzeitig indes durch die Kontrastierung der drei oben genannten Männer des Geistes mit der Dummheit der Abderiten ein recht pessimistischer Grundton über die Aufklärung - in deren Dienst die Satire letzten Endes sich stellen muss, soll sie nicht bloß destruktiv sein - zum Tragen kommt.
Die letzten beiden Bücher sind meines Erachtens am brillantesten: Zum einen geht es im Vierten Buch um einen Rechtsstreit darüber, ob ein Mann, der einen Esel für eine Reise mietet, auch gleichzeitig das Recht hat, im Schatten des Esel Schutz vor der Sonne zu suchen - hat er doch den Schatten beim Abschluss seines Geschäftes nicht mitgemietet. Jeder Mensch, der Unsinn mit Methode liebt, kann sich herzlich an dem Für und Wider, das die Abderiten in dieser Frage äußern, erfreuen. Zum andern erzählt das Fünfte Buch von einer Froschplage, die Abdera heimsucht, und von den Verwickungen, die sich daraus ergeben, dass Frösche den Abderiten aus religiösen Gründen unantastbare Tiere sind. In gewisser Weise ist eine solche Satire gerade heute wieder sehr aktuell.
Wer sich an dem köstlich ausladenden Stil des 18. Jahrhunderts "ergetzen" mag, ist mit Wielands Satire trefflich bedient, denn hier tritt die Geschliffenheit der Sprache an die Seite der gesuchten Absurdität des Inhalts. Besonders sympathisch ist es, dass Wieland an keiner Stelle in jenen unangenehmen besserwisserischen Duktus verfällt, der der deutschen Satire so oft allzu leicht fällt, sondern dass insgesamt sogar ein wenig Wärme gegenüber den Abderiten und vor allem intellektuelle Freude an dem Wahnwitz, den sie treiben, durchscheint. Es ist eigentlich jammerschade, dass der Deutschunterricht immer wieder die gleichen Werke ausgräbt oder aber mittlerweile Zuflucht in der reichhaltigen angloamerikanischen Literatur sucht, wo doch gleichzeitig solche Schätze im Verborgenen schlummern.
Den Abderiten gebe ich ohne Zögern fünf Sterne, wohl wissend, dass auch diese deren geistiges Dämmerlicht nicht sonderlich erhellen werden.
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