Tieck, Ludwig

Des Lebens Überfluß

Des Lebens Überfluß
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Erscheinungsdatum: 1986
  • Format: Taschenbuch
  • ISBN: 3150019257
  • EAN: 9783150019252
  • Amazon.de Verkaufsrang: 410.229
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von A. Fessler fanden 6 von 6 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Romantische Komödie mit feiner Ironie

Ein Meisterwerk des oft verkannten Genies Ludwig Tieck. Die unterschwellig stets vorhandene spritzige Ironie und Heiterkeit kontrastiert die äußerste Notlage des flüchtigen Liebespaares. Die Reinheit dieser Gemüter fasziniert gerade den modernen Leser, der sich von den heute üblichen Exzessen abgestoßen fühlt. Man ist sich beim Lesen nie ganz sicher, was Tieck als Wahrheit darstellen will. Ist die Not der Beiden Realität und ihr empfundenes Glück Illusion, oder ist ihr Glück Realität und ihre Armut nur ein Detail, das man nicht besonders zu beachten braucht? Tieck, der auch in seinen anderen Werken in die Tiefen der Psyche hinabsteigt, scheint hier die Relativität der Wirklichkeit betonen zu wollen. Unsere beiden Protagonisten entscheiden sich jedenfalls für angenehme Variante und werden dafür konsequenterweise belohnt, indem sich schließleich alles zum besten wendet. Wenn man es so empfinden will, also ein philosophischer Roman; wenn man es als Komödie sehen will, immerhin gelungene Unterhaltung auf einem Niveau, auf dem heutzutage leider nicht mehr verfasst wird.

Diese Rezension von Bookmoth fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Wofür sind Treppen gut?

Ein Bürgerlicher in diplomatischen Diensten heiratet seine adlige Klara, gegen den Willen ihrer Eltern, lebt heimlich und verborgen einen Winter lang mit ihr im ersten Stock eines Häuschens, dessen Vermieter verreist ist. Die beiden sind völlig mittellos, mit dem Äußersten versorgt werden sie von einer alten treuen Bediensteten, die noch des Nachts für ihre Herrschaften arbeiten geht und ansonsten völlig außen vor bleibt. In ihrer Not, da der Winter so bitter kalt ist, kommt der junge Mann auf die Idee, zunächst die Treppenlehne zu verheizen, sodann nach und nach die ganze Treppe, die von unten nach oben führt. Es kommt, wie es kommen muss: Der geizige Vermieter kommt nach Hause zurück, entdeckt die Untat, schreit Zeter und Mordio, der junge Mann verbarrikadiert sich in dem Zimmer, droht mit Mord und Totschlag, wenn einer heraufdringen sollte. Dies ist eine heitere Erzählung, man weiß: Die Geschichte wird gut enden.

Warum dieser vorweggenommene Alptraum einer Hausbesetzung so herzerfrischend zu lesen ist: Die beiden Liebenden bleiben ständig liebenswürdig und heiter, selbst in der Stunde der Belagerung verliert der junge Mann, ein Bruder des Taugenichts, seinen guten Humor nicht, bei seinem Geplänkel mit dem erbosten Hauswirt stehen einem vor dem Aberwitz die Haare zu Berge. Die Geschichte ist eine Parteinahme für das leichte, luftige Leben und die Liebe wider alle Vernunft,(wobei man sich ständig der Brüchigkeit der Verhältnisse bewusst bleibt),umso schöner, als sie bereits von einem Herrn in seinen fortgeschrittenen Jahren geschrieben wurde. Gleichzeitig ist diese sehr romantische und geistreiche Novelle nicht nur ein Märchen, das im Niemandsland angesiedelt ist, sondern sie atmet den würzigen Duft der damaligen deutschen kleinstaatlichen Realität.

Der Titel hat eine Doppelbedeutung: a) der Überfluss (das Überschwängliche) der Liebe und des Lebens b) die Dinge, die in der Situation überflüssig sind (z.B. die Treppe, über die allerhand launige Betrachtungen angestellt werden).

Diese Rezension fanden 3 von 4 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen Zeitlose Liebesgeschichte über weltferne Nähe

Die Ausgangssituation verspräche in der modernen Literatur einen gnadenlosen Psychothriller: Ein Paar, das gegen den Willen der Eltern geheiratet hat, befindet sich völlig mittellos auf der Flucht. Unterschlupf sucht es in einer Dachkammer, wo beide von einer freundlichen alten Frau versorgt werden. Da sie gesucht werden, dürfen sie das Zimmer nicht verlassen und bleiben schließlich einen ganzen Winter eingesperrt auf engstem Raum. Der Mann geht schließlich soweit, die Treppe Stufe um Stufe zu verheizen, da die Wärme, nicht aber die Möglichkeit zum Verlassen der Kammer nötig ist. - Aber dies ist keine moderne Literatur, sondern Romantik. Die beiden lieben sich also die ganze Zeit über inniglich, kein Streit um verpfuschtes Leben, kein drückendes Schweigen, kein Genörgel um Alltagskleinigkeiten. Realistisch ist das nicht, geschweige denn spannend - aber schön. Das Buch beginnt mit dem Getümmel, das bei ihrer Entdeckung gemacht wird, die Erzählung ist ein Rückblick. Ständig ist dieser Anfang, dieses Tosen der Welt draußen anwesend. Die beiden aber leben ein abgetrenntes Leben, unterhalten sich über Träume und Vergangenheit, über Literatur und vor allem über sich selbst. Natürlich erscheint am Schluß der Deus ex machina, natürlich wird alles Friede Freude Eierkuchen. Aber das erwartet man nicht anders, und es stört auch nicht, denn was bleibt von diesem Buch, ist das Gefühl jenes Losgelöstseins von der Welt in der Liebe. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

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