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Klopfte er an die Tür, sagten die Freunde: «Lessing kommt». Unverkennbar war die Gebärde, unverkennbar der Mann. Er bekundet sich in jedem Wort, das er schrieb, in jedem Gedanken, dem er nachsann, in jeder Gestalt, die er schuf. Tellheims bitteres Lachen ist Lessings Gelächter, Nathans Weisheit Lessings Humanität, der störrische Trotz des Tempelherrn Lessings Stolz. Im Glücksritter Riccaut entlarvt sich der Spieler, der nicht nur beim Jeu alles auf eine Karte zu setzen pflegte; und in Odoardo Galottis sturer Redlichkeit verbirgt sich der rechtliche Mann, der seinen Charakter in allen Nöten, in allen Verlockungen bewahrte. Er war der Junge Gelehrte, der sich in den Folianten vergräbt, und wurde der Weltmensch, der in den Salons und Weinhäusern verkehrte.
Günstig, aber wenig hilfreichVon einem Biographen erwartet man Distanz, damit er Leben und Werk des Künstlers einordnen kann. Zwar tauchen alle Werke und Lebensstationen Lessings in Drews' Büchlein auf, doch in die Tiefe geht er nie. Stattdessen zitiert er z.T. seitenweise aus Lessings Schriften, und seine Texte zwischen den Zitaten scheinen im Stil von der Wortgewalt Lessings beeinflußt, inhaltlich jedoch fehlen ihm Thesen oder Aussagen. Drews zählt häufig einfach nur Schlagwörter auf, was sich so liest:"Ja, ein Lustspiel. Ein farbenreiches orientalisches Märchen, eine behaglich verzwickte deutsche Familiengeschichte und ein poetisches Plädoyer für die Humanität, ein leuchtendes Licht der Vernunft. Mit Dialogen, die das geistige und sittliche Niveau ihres Autors bekunden." (Seite 139, zu "Nathan")Das Büchlein ist weder für Schüler geeignet, die sich einen Überblick verschaffen wollen, noch für Studenten, die einen Analytiker suchen, den sie zitieren können, noch für Interessenten, die einfach mehr über Lessing wissen wollen.
Eine Aneinanderreihung von Zitaten ohne FundamentEine wenig ansprechende Biographie, die aus einer Aneinanderreihung von Zitaten aus Lessings Werken und Briefen besteht und dabei kaum zu eigenen Erkenntnissen gelangt. Auch wird der Leser des öfteren in die Irre geführt, wenn beispielweise in den Kapiteln über die frühen Jahre Lessings Briefe aus einer viel späteren Zeit zitiert werden, ohne jedoch darauf zu verweisen. Ebenfalls als sehr störend empfinde ich den ellipsenhaften Stil des Autors. Dass dessen "Qualifikation" (d.h. einschlägiges Studium etc.) im Buch nicht erwähnt wird, hätte mich von Anfang an stutzig machen müssen ... Um mit Lessing zu sprechen: Mit zwölf Mark bezahlt man das Lächerliche und mit 90 Pfennigen ungefähr das Nützliche.
Finger Weg!Eine kurze, verständliche Überblicksdarstellung? Ein lebendiges, anschauliches Bild, das in die Persönlichkeit Lessings einführt? Hier nicht!
Mit Grausen denke ich an die armen Schüler oder Studenten, die vielleicht für ein Referat die ersten Fakten über Lessing recherchieren wollen. Und wenn es das einzige Buch auf dem Markt wäre: Finger weg!
Der Autor steht offenbar in einer akademischen Tradition, die es noch für legitim, ja sogar ehrenhaft hielt, die Begeisterung für ihr Forschungsobjekt durch jede Zeile triefen zu lassen und sich selbst zu stilistischen Höhenflügen zu versteigen. Aber nicht nur das: Bei der bestenfalls als Gedenkrede zum Todesjubiläum geeigneten - Lobhudelei mit Faktensplittern wirft der Schreiber jede sinnvolle Struktur über Bord. Ständig gibt es Vor- und Rückgriffe, endloser Zitate, dann wieder eine halbe Seite hypertropher Stilentgleisungen wie der folgenden auf S.25f::
In der Familie Lessing, deren Name wenig überzeugend vom slavischen Less, der Wald (mit hinzugefügtem germanischem ing), abgeleitet wurde, scheint sich schon früh bürgerliches Selbstbewußtsein geregt zu haben. Das Gewitter grollt in der Ferne, doch die Donner verhallen und die Blitze verzucken am Horizont. Gotthold Ephraim ist in diesem Geschlecht der erste Donnergott, dessen Hand den Blitzstrahl hält und schleudert. Er hat manchen Brand entfacht, der heute noch schwelt, manches Licht angezündet, das immer noch leuchtet. Ein Prometheus, der die Dunkelmänner schreckt und das Gemunkel entlarvt. Ein Heros der Vernunft.
Immer und immer wieder unterbricht der Autor die Chronologie, um sich mit derartigem Schwulst selbst zu profilieren und sich an der eigenen und an Lessings Genialität verbal zu besaufen. Kurz und gut: Dieser Mann schreibt über sich und für sich selbst, was an Informationen vorhanden ist, das wird durch den qualvollen Stil und den völlig chaotischen Aufbau praktisch unverständlich gemacht. Es sei denn ja, es sei denn, der Leser weiß vorher schon, worum es geht.
Um es in der Sprache des Autors zu sagen: ein schwärmender Schwafler, ein schwülstiger Schwadronierer pinselt ein pompöses Porträt, einen peinlichen Panegyricus ohne den läuternden Trank aus dem heiligen Gral der Vernunft seines Heilands selber gekostet zu haben.
Finger weg!
Brockhaus-1809: Gotthold Ephraim Lessing · Johann August Ephraim Göze · Ephraim Gottlob Krüger · Ephraim Moses Kuh
Brockhaus-1911: Ephraïm · Lessing [3] · Lessing [2] · Lessing
DamenConvLex-1834: Lessing, Gotthold Ephraim · Lessing, Karoline
Eisler-1912: Lessing, Gotthold Ephraim · Lessing, Theodor
Herder-1854: Ephraim · Lessing [2] · Lessing [1]
Meyers-1905: Ephraim [2] · Ephraim [1] · Lessing [2] · Lessing [1]
Pagel-1901: Rupprecht, Paul Traugott Bernhard Ephraim