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Die Mühe lohnt sichLukrez ist ein Autor, den man nicht nebenher liest. Er ist sprachlich anspruchsvoll, seine Hexameter wirken - bei aller Kunstfertigkeit - nicht so ausgefeilt wie die eines Vergil oder Ovid, und doch: Lukrez hat etwas. Da ist zunächst die inhaltliche Seite: Lukrez beginnt ein ehrgeiziges Unterfangen: Er will die Philosophie des Epikur in (lateinische) Hexameter bannen. Man täte Lukrez sicher weh, wenn man in seinem Opus lediglich ein Nachschlagewerk zu Epikur sähe. Trotzdem muss zunächst festgehalten werden, dass er diesem rein inhaltlichen Anspruch durchaus gerecht wird. Gleichwohl bietet er mehr. Sprachlich lehnt er sich an sein Vorbild Ennius an (viele Vorbilder gab es ohnehin noch nicht, was Lukrez in mancher Hinsicht zum Pionier macht). Die Sprache des Lukrez erfordert Geduld, die belohnt wird. Bisweilen schwierig und undurchschaubar, ist seine Sprache dennoch (oder gerade deswegen) kunstvoll und beeindruckend.
Die vorliegende Ausgabe von Karl Büchner bietet eine Übersetzung, die - wie letztlich alle Übersetzungen - als Verstehensgrundlage zu betrachten ist, mit der sich sinnvoll weiterarbeiten lässt. Was ein wenig nervt, sind Büchners schlechte Hexameter in der Übersetzung. Ein Beispiel: II, 449:
"mächtiger Kieselstein, des harten Eisens kernige Masse" Sieben betonte Silben im deutschen Hexameter sind doch recht merkwürdig. Auch wenn Büchners Verskunst in vielen Fällen nicht zu überzeugen vermag (Beispiele wie das o. g. findet man ca. alle 10 Seiten), ist seine Übersetzung brauchbar und ein solides Werkzeug. Wie dem auch sei:
Lukrez' "De rerum natura" ist das einsame Meisterwerk eines dichterischen Könners, das die Bestnote allemal verdient hat.
Eine Lust zu LesenLukrez "De rerum natura" ist einem breiten Publikum heutzutage fast unbekannt. Und das ist mehr als schade. Die vorliegende zweisprachige Ausgabe (auf jeder Seite findet sich links der lateinische Originaltext und rechts eine deutsche Nachdichtung) ermöglicht nun auch dem Leser, der nicht fließend Latein beherrscht, das Werk auf Deutsch kennenzulernen und zugleich die Sprachgewalt des lateinischen Originals zu erleben.
Lukrez mächtiges Lehrgedicht in Hexametern, eingeteilt in sechs Bücher, entstand im ersten Jahrhundert vor Christus. Über den Autor ist fast nichts bekannt, er lebt allein in seinem einzigen Werk weiter. Thema des Gedichts ist die Philosophie Epikurs (die zu großen Teilen überhaupt nur durch Lukrez überliefert ist). Ausgehend von der für die Antike geradezu visionären Erkenntnissen, das alles, was existiert, aus kleinsten unteilbaren Teilchen besteht, entwickelt Lukrez ein rationalistisches und materialistisches Weltbild. Er zeigt, dass alle Erscheinungen und Phänomene der Natur auf natürlichem Weg, ohne Zuhilfenahme überirdischer oder göttlicher Mächte, erklärt werden können. Auch wenn manche konkreten Erklärungsversuche heutzutage naiv oder sogar abseitig klingen, ist doch das grundlegende Anliegen des Buchs für die Zeit seiner Enstehung revolutionär und einzigartig. Lukrez vertritt ein aufklärerisches Weltbild, das in der Antike kein Gegenstück hatte. Kein Wunder, dass dem aufkommenden Christentum das Werk ein Dorn im Auge war, und dass es keine Chance hatte, sich etwa gegen die idealistische Philosophe eines Plato durchzusetzen.
Das materialistische Weltbild ist für Lukrez jedoch kein Selbstzweck. Entsprechend seinem Lehrmeister Epikur strebt Lukrez ein Leben in Glückseligkeit an. Mit Hilfe seiner rationalistischen Philosophie will er den Menschen vor der Furcht vor dem Irrationalen und dem Tod befreien. So lehrt er, dass man schon deshalb vor dem Tod keine Angst haben müsse, weil er ja lediglich den Zustand wiederherstellt, der vor der Geburt bestand, und dieser Zustand war ja auch nicht beängstigend. Lukrez behauptet zwar nicht, dass es keine Götter gebe, er meint aber, dass diese in das menschliche Leben nicht eingreifen. Durch die Befreiung von der Furcht will er zu wahrem Seelenfrieden führen.
Aber trotz seines eher abstrakten Inhalts ist das Gedicht nicht trocken und belehrend, sondern voll gewaltiger Sprachkraft. Lukrez, am Anfang des goldenen Zeitalters der lateinischen Literatur, musste sich - gleich seinem Zeitgenossen Cicero - seine eigene Sprache erst noch erschaffen, und das leidenschaftliche Ringen um den richtigen Ausdruck gibt dem Werk etwas Elementares und Mitreißendes, auch wenn Lukrez' Sprache die abgeklärte Reife der Werke etwa Vergils oder Ovids noch fehlt. An manchen Stellen erhebt sich das Werk zu großer Dichtung, wie etwa in der Einleitung des ersten Buchs, einem großen Hymnus auf die Göttin Venus, welcher Botticelli zu seinem Gemälde "Die Geburt der Venus" inspirierte.
Das Gedicht ist nicht ganz vollendet, was aber den Lesegenuss nicht trübt. Jedem geistig interessierten Menschen sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Für mich ist es von allen antiken Werken, noch vor Vergils "Aeneis" und Ovids "Metamorphosen" das Werk, das am unmittelbarsten zu mir spricht.
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