Kracauer, Siegfried

Die Angestellten

Die Angestellten
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erscheinungsdatum: 2006-03-25
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 122
  • ISBN: 3518365134
  • EAN: 9783518365137
  • Amazon.de Verkaufsrang: 252.246
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Bellov fanden 14 von 14 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Hervorragende Milleustudie und ein großes Deja vu

Kennen (und lieben) Sie das Magazin "brand eins"? Wenn ja, dann lesen Sie auch diese Studie über die wunderbare Welt der Angestellten in Berlin im Jahre 1930. Es war alles schon einmal da:- Eine für kurze Zeit aus dem Arbeiter ins Angestellenleben aufstrebende Generation. Der Absturz erfolgt um so härter, und sie wollen es sich -wie heute- nicht eingestehen.

- Die junge, leicht mit Visionen entflammbare und leicht lenkbare Generation drängt die "Alten" aus dem Betrien. "Alt" hieß in jenen Tagen: über 38!

- Frauen drängen in den Beruf. Vorzugsweise als Verkäuferin. Weil man da bei der vornehmen Kundschaft "Benimm" lernen kann.

- Und so weiter...Der einzige, wichtige Unterschied: Es gab Angestelltengewerkschaften. Aber sie hatten es schon damals nicht leicht. Angestellte neigen zum Glauben, der Schmied des eigenen Glückes zu sein. Und die meisten verzichten auf Solidarität, zum eigenen Nachteil. Wie heute.Ich habe mich beim Lesen überhaupt gefragt: Warum gibt es so wenig zu lesen über das, was den eigenen Alltag ausmacht? Diese Studie besticht nicht nur durch zahlreiche Aha-Erlebnisse. Sie ist sprachlich brilliant. Auffällig auch, dass schon damals zahlreiche Anglizismen in die Sprache der Angestelltenwelt geflossen waren ("ausgepowert").

Diese Rezension von Uwe Krzewina fanden 8 von 10 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Die ewige Reproduktion des Kapitalismus

Im Klappentext des Buches wird Kracauers "Die Angestellten" als dokumentarische Literatur klassifiziert. Ich frage mich, was an der Schrift literarisch ist, da keinerlei fiktive Elemente auszumachen sind. "Die Angestellten" ist eine hervorragende Dokumentation über die Arbeitswelt der Angestellten in der Weimarer Republik. Im Sprachduktus und Erkenntnisinteresse an Walter Benjamin, Georg Simmel und Herbert Marcuse erinnernd, liest sich das Buch einfach. Es ist nachvollziehbar strukturiert und behandelt nicht nur die Welt der Angestellten, sondern macht auch die fließenden Grenzen zwischen Angestellten, Management, Arbeitern und Arbeitslosen deutlich. Aufschlussreich sind die Passagen über das Selbstverständnis der Angestellten und über die Darstellung der Arbeitslosenproblematik.

Man ist erstaunt, wie sehr Teile und Charakteristika der Arbeitswelt der 20er Jahre denen der heutigen ähneln. Man wird daran erinnert, dass technisch-technologischer Fortschritt nicht mit sozialem Fortschritt gleichgesetzt werden kann. Letzterer hinkt ersterem beträchtlich hinterher.

Dieses Buch sei jedem empfohlen, der sich in einem Angestelltenverhältnis befindet. Fortsetzung: "Die eindimensionale Gesellschaft" von Marcuse. Gute Lektüre zur Vorbereitung: "Die Großstädte und das Geistesleben" von Georg Simmel.

Diese Rezension von Stuh fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Genial

Die Deutschen auf dem Weg in die Moderne. Mit der Kulturnation war's ja nix und heute sind wir alle Personal des Standorts Deutschland (weshalb es ja auch "Personalausweis" heißt). Kracauer zeigt, wie sich der große Umbruch im kleinsten Detail spiegelt, ja eigentlich hier erst sichtbar wird. Zwar ging nicht alles so geradlinig fort, wie man dachte und einiges mag heute anders sein, aber nach der Lektüre wird man in der Lage sein, mit Kracauers einzigartigem Blick das eigene Umfeld in neuem Lichte zu sehen.

Diese Rezension von besser_is fanden 3 von 6 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Zwischenprodukt

Laut Sabina Beckers Werk "Neue Sachlichkeit. Die Ästhetik der neusachlichen Literatur (1920-1933)"ist Die Angestellten ein Parade-Beispiel für die Verwischung der Gattungsgrenzen in der Literatur.

Das hervorragende Merkmal vor allem neusachlicher Literatur ist die Verbindung von fiktionalen und nicht-fiktionalen, also faktischen, Elementen.

Auf diese Weise entstehen Zwischenprodukte, die zwischen Belletristik und Sachliteratur zu verorten sind.

Ebenso Siegfried Kracauers Werk Die Angestellten, bei dem es sich um eine soziologische Studie mit einem hohen Grad an Literarizität handelt.

Kracauer berichtet eindrucksvoll über die Lebenswelt und die Mentalität der Angestellten und tut das mit Hilfe von Interviews, Porträts, Ortsbestimmungen, Expeditionen und Genre-Szenen.

Dabei will er aber "Vorschläge für Verbesserungen" (Vorwort: Die Angestellten) ausgespart wissen, da der Leser sich frei von expliziten Autorwertungen- und Urteilen seine eigene politische Meinung bilden soll.

Hier lassen sich Parallelen zu Tucholsky ziehen, der die Wiedergabe eines wohlmöglich noch parteipolitisch "konfektionierten Standpunktes" ablehnt, da der "Leser [...] selber nachdenken mag und aus den gebotenen Tatsachen lernen [soll]".

Trotzdem wehrt sich Kracauer dagegen, sein Werk als neusachliche Reportage zu betiteln, da er nicht porträtiert, sondern entlarvt.

Er dringt also dialektisch in den zu untersuchenden Tatbestand ein, um den Schleier zwischen Schein und Sein zu lüften.

Kracauer kritisiert das Gewerkschaftswesen, da seiner Meinung nach die Angestellten in ihrer von bürgerlichen Wunschbildern getragenen Ideologie weiter von der ökonomischen und gesellschaftlichen Realität entfernt sind als die Arbeiter.

Die Gewerkschaften haben es seiner Meinung nach versäumt, den Angestellten die Augen zu öffnen: Sie befinden sich im Bann von Ideologien, die getragen werden von der Gemeinschaftsidee und der Illusion eines höheren Bildungsgrades.

Zwar übt er starke Kritik am Unternehmertum, jedoch teilen seiner Meinung nach das Unternehmertum und seine untergebene Klasse den Charakter des Subalternen, weshalb es nicht als eigentlich bewegende Kraft im Wirtschaftschaos gesehen werden kann... An dieser Stelle ende ich, da Sie sich eine eigene Meinung über diese überaus empfehlenswerte Lektürebilden mögen!

5 von 5 Sternen E.T.A Hoffmann Figuren mit moralisch-rosafarbener Hautfarbe

Rationalisierungsdruck, Computerisierung, Jugendwahn oder Kompetenzverlust des einzelnen Angestellten: Man meint vielfach, dass das Begleiterscheinungen der neoliberalen Wende seit den 1980er Jahren sind, dass das früher anders und besser war. Und man ist bass erstaunt, wenn man genau diese Themen in Siegfried Kracauers Beschreibung der Angestelltenwelt aus dem Jahre 1929 wiederfindet.

"Die Powers (oder die Hollerith-) Maschinerie, die zu Buchungen und zu allen möglichen statistischen Zwecken verwandt wird, vollbringt auf mechanischem Weg Leistungen, zu deren Bewältigung es früher der nie mit automatischer Sicherheit funktionierenden Kopfarbeit und einer ungleich längeren Dauer bedurfte." Man ersetze nur Hollerith durch IBM und man kann nicht sagen, ob dieser Satz 1929 oder 2009 geschrieben wurde. 80 Jahre wie ein Sekundenschlag. Alles war schon immer so.

Noch eindrucksvoller ist aber das Psychogramm der Angestelltenseele, das Kracauer hier zeichnet: "Der Andrang zu den vielen Schönheitssalons entspringt auch Existenzsorgen, der Gebrauch kosmetischer Erzeugnisse ist nicht immer ein Luxus. Aus Angst, als Altware aus dem Gebrauch zurückgezogen zu werden, färben sich Damen und Herren die Haare, und Vierziger treiben Sport, um sich schlank zu erhalten." Nicht einmal der metrosexuelle Mann ist also eine Neuigkeit. Man kann aus diesen und weiteren Beispielen nur einen Schluss ziehen: Der Großbetrieb produziert und reproduziert seit seinen Anfängen vor knapp 100 Jahren seinen eigenen Angestelltentypus. Und Sorgen und Freuden, Arbeits- und Freizeitverhalten dieses Typus sind sich über 100 Jahre strukturell mehr oder weniger gleich geblieben.

Zwischen den Zeilen schwingt auch eine politische Botschaft mit. Obwohl kein marxistischer Theoretiker im engeren Sinn, stellt sich Kracauer doch die (marxistische) Frage, wieso sich die Angestellten nicht mit den Arbeitern solidarisieren und organisieren. Seine eigenen Reportagen geben die Antwort darauf: Was aus der marxistischen Perspektive ein Problem, ein Widerspruch war, zeigte sich in den von ihm beschriebenen Lebenswirklichkeiten als erwartbare und konsequente Position. Diesen Schluss hat er selbst allerdings so nicht gezogen.

Dass sich die Beschreibungen heute noch so frisch lesen, hängt auch mit dem Stil zusammen. Es sind Reportagen im besten Sinn des Wortes. Kracauer portraitiert den einzelnen, gibt Interviews wieder, zitiert aus Broschüren und Zeitungen. Und er findet v.a. immer wieder beeindruckende Begriffe und Bilder für die von ihm beschriebene Welt. So etwa die "moralisch-rosa Hautfarbe" als Charakteristikum des idealen Angestellten (eigentlich von einem interviewten Personalleiter übernommen) oder den Subtypus der "E.T.A Hoffmann Figuren" untern den Angestellten: "Irgendwo sind sie steckengeblieben und erfüllen seitdem ununterbrochen banale Funktionen, die alles andere eher als unheimlich sind. Dennoch ist es, als seien diese Menschen in eine Aura des Graues gehüllt." Solche Wendungen sind es, die die Reportagen in den Rang der Literatur heben.

Die Angestellten



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