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Wer kennt nicht die Verse über den Zappelphilipp, Hans Guck-in-die -Luft und den Suppenkaspar? Der berühmteste deutsche Kinderbuchklassiker liegt hier in einem Nachdruck der Frankfurter Originalausgabe vor.
Ein Kultbuch, das polarisiertDieses Buch verstößt ganz sicherlich gegen alle Regeln der politischen Korrektheit. Alleine deshalb gefällt es mir als Erwachsener im 21. Jahrhundert ganz besonders gut!
Aber auch als Kind zählte es zu meinen Lieblingsbüchern und die Geschichten waren unterhaltsam, einprägsam, lehrreich und riefen bei mir sicherlich keine Angstzustände oder ähnliches hervor.
Die meisten Rezensenten scheinen sich einige darüber, dass das Buch als historisches Werk deutscher Literatur, das nicht nur näheren Aufschluss über seine Entstehungszeit und deren Mentalität gibt, sondern auch sehr unterhaltsam für Erwachsene ist, als sehr gut einzustufen ist. Diesem Eindruck schließe ich mich vollkommen an.
Ob es als Kinderbuch heute geeignet ist, ist natürlich eine schwierige Frage. Obwohl ich persönlich als Kind ausschließlich positive Erfahrungen mit dem Buch gemacht habe, schließe ich natürlich nicht aus, dass es bei anderen tatsächlich negativ aufgenommen werden kann. Jedoch halte ich, falls es wirklich dazu kommt, ein paar in ihrer Anzahl begrenzte Albträume für wesentlich wahrscheinlicher als tatsächliche nachhaltige psychische Schädidung.
Meiner persönlichen Meinung nach ist die größte Gefahr, die Kindern in der heutigen Zeit droht, nicht die Möglichkeit von ein oder zwei Albträumen, sondern das konsequente Erziehen in einer rosa behüteten Scheinwelt in der es absolut kein Unheil gibt. Da dies nicht der Realität entspricht, muss das früher oder später zur Katastrophe führen.
Natürlich ist es klar, dass das Buch im 19. Jahrhundert geschrieben wurde, und daher der Autor nicht über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse verfügen konnte. Daher muss jeder Elternteil selbst wissen, ob er dies seinem Kind zumuten will.
Persönlich halte ich die Geschichten aber für sogar sehr gut für die Erziehung von Kindern geeignet. Die vielzitierte "Rohrstockpädagogik" kommt selten bis gar nicht zum Einsatz. Es gibt keine Geschichte in der Eltern ihre Kinder wegen Ungehorsams verprügeln. Was es hingegen gibt, sind drastische Konsequenzen für Fehlverhalten, die aber nicht von den Eltern herbeigeführt werden, sondern ganz einfach reale Folgen von Handlungen sind. Manche Folgen haben in der Realität drastische Konsequenzen und das wird Kindern mit diesen Geschichten erklärt und durch diese Geschichten können sie das auch durchaus begreifen. Die beste Methode, damit ein Kind 'falsches' Verhalten nicht ergreift, ist, wenn es begreift warum dieses Verhalten falsch ist.
Zugegebenermaßen ist hier die 'Die Geschichte vom Daumenlutscher' sicherlich eine Ausnahme und ich erkenne nicht den pädagogischen Wert darin, dass man einem Kind sagt, dass da einfach irgendein Schneider kommt, der ihm die Finger abschneidet. Unterhaltswert und/oder Gruselfaktor kann es aber durchaus bieten.
Bei den meisten anderen Geschichten werden den Kindern einfach reale Konsequenzen von bestimmten Handeln aufgezeigt. Wer mit Streichhölzern spielt kann verbrennen. Das ist nicht das Erfinden eines schwarzen bösen Mannes damit das Kind aus Angst dieses Handeln nicht ausführt, sondern die Realität. Das ist die reale Konsequenz. Sie ist drastisch, aber das ist die Realität. Wenn man einen Brand auslöst, dann kommt nicht ein rosa Winnie Puh geflogen und bläst das Feuer mit Zauberpuste aus und nichts passiert, nein, man kann verbrennen - das ist die Realität. Und diese Realität verstehen Kinder auch und es kann nur positiv sein, wenn sie die Realität begreifen wie sie ist und sie nicht in einer abgeschirmten behüteten Welt heranwachsen, die es ihnen verunmöglicht später mit ihrem Leben zurechtzukommen.
Wer in die Luft schaut, wird irgendwo dagegenlaufen (das kann drastische Folgen haben)
Wer nichts isst, der schadet seiner Gesundheit (brandaktuelle - Grüße an 'Germany's Next Top Model')
'Die Geschichte von den schwarzen Buben' - bringt bereits Kindern Toleranz bei mit Mitteln, die sie verstehen.
Kurz gesagt: ich finde das Buch hervorragend, aber es ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber bitte hören wir doch auf es zu dämonisieren.
Pädagogisch nicht wertvoll? Fehlanzeige!Mir hat das Buch nicht geschadet! Ich fands damals schon richtig toll!
Klar, wirkten die Bilder und Texte sehr abschreckend und auch ich habe es als gausam empfunden.
Aber: Es hat einfach Faszination ausgelöst!
Es war spannend, und ich weiß, dass mir als Kind damit schon positive(!) Grundsteine der Erziehung gelegt wurden. Ich esse immer gut, ich hab noch nie an den Daumen gelutscht, gekippelt sowieso nicht, mit dem Feuer gespielt usw.. . Und ich habe das nicht deswegen befolgt, weil ich ANGST hatte, sondern weil ich es irgendwo eingesehen habe, dass diese nunmal Dinge nicht gut sind! Meine Eltern haben MIT MIR das Buch durchgenommen. Zudem realisiert man manche Dinge, die in dem Buch geschehen als Kind noch gar nicht so (ähnlich wie bei den Märchen).
Und es ist immer wieder lustig mit anzusehen, dass Viele hier auf die Darstellung der veralteten "Rohrstockmethode" rumhauen. Mein Gott, als ob ein Kind das gleich als Vorbild nimmt! Dadurch, dass die Eltern im Buch nicht selbst zuschlagen hat es auch irgendwo keinen wirklichen Vorbildcharakter. Es zeigt doch einfach nur: Was du nicht willst was man dir tu, das füg auch keinem andern zu" Oder "wie es in den Wald hinein schallt, schallt es auch wieder raus". Das hat insgesamt überhaupt nichts mit Gewaltverherrlichung zu tun, so wie es hier oft angeprangert wird. Es ist numal auch heute so: Ärgerst du nen Jemanden, muss man mit Konsequenzen rechnen. Fertig. Da hilft auch kein Lillyfee Blümchengehabe.
Wenn Eltern sich MIT dem Kind und das Buch beschäftigen, kann man es doch während des Behandelns der Geschichte aufklären, dass Gewalt allgemein nicht gut ist und dadurch nur neue Gewalt entsteht(psychisch wie physisch)!
Und was bitte ist so dermaßen unkorrekt an der Sache mit dem Nikolaus und dem "Mohr"? Diese Geschichte zeigt doch gerade, dass man Menschen nicht verurteilt, nur weil sie anders als man selbst aussehen. Ich finde das für diese Zeit sehr fortschrittlich, aber nein, man muss es ja wieder anders intepretieren... "Mohr" war damals nunmal die Bezeichnung eines Schwarzen/Farbigen, die je nach Mensch auch unterschiedlich interpretiert wurde, positiv wie negativ. Mensch, immer dieses Geheuchle hier.....
Also ich weiß nicht, wenn ich merke, dass das gar nichts für mein Kind ist und es damit nicht klar kommt, dann ist es doch gut und ich muss ihm das Buch nicht vor die Nase halten, aber wenn das Kind es positiv verarbeiten kann, warum nicht??? Man muss das individuell entscheiden.
Außerdem....ein charakterstarkes Kind hat keine Angst vor dem Struwwelpeter. Mal nachdenken und im Grundstein anfangen. ;)
Diese Buch ist kein Kinderbuch, es ist ein Familienbuch.
Anschaulich und für jedermann.
Meine Rezension mag sehr drastisch klingen, aber ich kann diese verweichlichten Rezensionen hier einfach nicht mehr ertragen. Der Struwwelpeter ist wirklich ein ganz großartiges Buch, was man schon allein an der Polarisierung feststellen kann.
Auf das Kind kommt es anBei der Bewertung dieses Buches bin ich hin- und hergerissen, und die bereits erfolgten Rezensionen zeigen ja, wie gespalten die Leserschaft bezüglich des Struwwelpeters ist.
Zunächst kann ich mal von mir selbst ausgehen. Die Geschichten haben auf mich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Obwohl ich das Buch bestimmt 30 Jahre nicht in der Hand hatte, konnte ich kürzlich alle Geschichten lückenlos aufzählen. Ich habe ein gutes Gedächtnis, aber bei welchen Büchern gelingt einem das nach so langer Zeit?
Haben mich nun diese Stories in meiner Kindheit entsetzt? Nein - bis auf eine große Ausnahme, dazu aber später! Zappelphilipp, der fliegende Robert, Hans-guck-in-die-Luft, der Suppenkasper (als Kind dachte ich immer, wie blöd ist der Kerl? Heute sehe ich in jeder Modelshow die weiblichen Pendants.), fast jedes Bild habe ich so genau angeschaut, dass ich heute noch die davonschwimmende Mappe des gestürzten Hans sehe. Auch wenn die Darstellungen natürlich altertümlich sind, mit wieviel mehr Liebe sind sie doch im Detail gestaltet als so manches Kinderbuch heute.
Ich habe als Kind die Folgen für manche Handlung gelernt, zum Beispiel, dass Feuer gefährlich ist, und ich habe nie gezündelt - wobei das natürlich nicht nur eine Folge des Struwwelpeters ist. Die meisten Geschichten empfand ich eher als lustig und originell, allein die Vorstellung, einen ganzen Eßtisch versehentlich abzuräumen, ließ mich kaum einschlafen vor Kichern.
Den Nikolaus fand ich klasse, wie er die drei Lümmel ins Tintenfass stülpte, um noch schwärzere Schwarze zu erzeugen als der malträtierte Junge selbst farbig war. Wie modern!
Eine Ausnahme gab es aber, und das war der Daumenlutscher. Der daumenlose Konrad ließ mich viele Nächte nicht zur Ruhe kommen, und ich erinnere mich, dass ich lange noch nur bei Licht einschlafen konnte, da ich fürchtete, der Schneider käme um die Ecke - und ich lutschte schon lange nicht mehr selbst am Daumen.
Habe ich meinem 6jährigen Jungen den Struwwelpeter vorgelesen? Bisher nein. Ich gebe zu, meine eigene monatelange Furcht vor dem Daumenschnippler hindert mich daran. Aber wenn er noch ein wenig größer ist, werde ich ihm das Buch zeigen, als hübsches altes Buch mit skurrilen Geschichten, die alle ein bißchen Wahrheit in sich tragen.
Kulturgut tut nicht immer gutZugegeben, Heinrich Hoffmann versteht mehr vom Reimen als ich. Aber dafür verstehe ich mehr vom Umgang mit Kindern, die der prominente Arzt "Zappelphilipp" nannte und heute mit dem Kürzel ADHS bezeichnet werden. Dass auch "Suppenkaspar" und "Hans-Guck-in-die-Luft" in die Umgangssprache eingingen, ist einer der Gründe, weshalb ich den Struwwelpeter mit fünf Sternen bewerte. Denn er gehört nun Mal zu unserem Kulturgut.
Bei der Beurteilung des Inhalts scheiden sich die Geister. Das zeigte auch eine Umfrage unter ZEIT-Autoren, deren Ergebnisse im Juni 2009 in einen spannenden Artikel einflossen. Die sechs Beiträge zeigen, wie sehr die Wertung eines so facettenreichen Buches von den eigenen Lebensgeschichten bestimmt wird. Jens Jessen beschwört das Sehnsuchtsbild der revolutionären Gerechtigkeit und bricht eine Lanze für Hoffmanns interne Hausordnung, weil der große Nikolaus Buben bestraft, die den Mohr auslachten, Häschen einem Jäger die Flinte entwenden können und Hunde ihre Peiniger ins Bein beißen dürfen. Elisabeth von Thadden sieht im Auftritt von Paulinchen die beiläufige Adelung des weiblichen Geschlechts und den Aufruf, die Welt zu entdecken, selbst wenn am Schluss nur noch die Pantöffelchen übrig bleiben sollten. Susanne Mayer glaubt, dass Heinrich Hoffmann seine Grenzerfahrungen als Arzt ausmalte und zeigen wollte, dass ein einziger Fehlgriff ins Verderben führen kann. Ijoma Mangold ist dem Autor und Zeichner dankbar, dass er nicht politisch korrekt war und mit seinen Gruselmärchen den Kindern die Realität aufzeigte. Ulrich Greiner gewichtet den schwarzen Humor stärker als die schwarze Pädagogik, weil anständige Witze langweilen und nichts auslösen. Und Iris Radisch konnte die Begeisterung für ein Buch, in dem kleine Kinder verbrannt werden und sich zu Tode hungern, noch nie verstehen.
Wenn ein Buch die Jahrhunderte überdauert, kann es nicht nur daran liegen, das Eltern und Grosseltern beim Schenken die Phantasie ausgeht. Ganz offensichtlich ist es Heinrich Hoffmann gelungen, mit seinen Reimen und Zeichnungen auf Archetypisches hinzuweisen, das sich pädagogisch-politischer Korrektheiten entzieht. Da die Hoffmann'schen Geschichten allerdings nur bedingt drollig und eher selten lustig sind, sollte Kindern von 3 bis 6 Jahren das Buch nicht einfach in die Hand gedrückt werden. Aber Erziehung lässt sich ja auch nicht ans Fernsehen auslagern.
Mein Fazit: Was der Arzt Heinrich Hoffmann seinem Sohn zu Weihnachten 1844 zeichnete, hat sich ins kulturelle Gedächtnis eingegraben. Wie man diese Geschichten interpretiert und welche Kindheitserinnerungen sie abrufen, bestimmt letztlich die Bewertung. Ich kann also bestens verstehen, wenn jemand die Vergabe von fünf Sternen bescheuert findet.
Man muss dich nicht lieben - aber schätzen wäre gut!Lieber Struwwelpeter, es ist gut, dass es dich gibt. Du hast mich von manchem Unsinn abgehalten und mir deshalb manche Entschuldigung erspart. Später hast du mir geholfen, die Kinder zu geleiten. Du warst eine gute Anregung, wenn es beispielsweise darum ging, sie vor dem elektrischen Stromschlag oder vor dem heißen Bügeleisen zu bewahren. Meinen Kindern und mir hast du nicht geschadet. Wir achten dich als ein Kleinod deutscher Literatur. Wir verbannen und verbrennen dich nicht! Auch das haben wir von dir gelernt. Du bist Phantasie in einem Buch - leider auch zu missbrauchen.Dipl.-Ing. Reinhard Dowe (Sach- und Kinderbuch autor)
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