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Tauben im Gras', 1951 erstmals erschienen, ist der erste Roman jener 'Trilogie des Scheiterns', mit der Wolfgang Koeppen eine erste kritische Bestandsaufnahme der sich formierenden Bundesrepublik Deutschland gab. Mit Vehemenz und unerbittlicher Schärfe analysiert Koeppen die Rückstände jener Ideologien und Verhaltensweisen, die zu Faschismus und Krieg geführt haben und die schließlich in den fünfziger Jahren die Restauration der überkommenen Verhältnisse protegierten. Dabei ist das literarische Verfahren von 'Tauben im Gras' ein kaleidoskopartiges: Der ganze Roman schildert Gestalten und Vorgänge eines einzigen Tages im München des Jahres 1949. Mit einer Fülle genauer atmospärischer Details zeichnet Koeppen den Nachkriegsalltag dieser Stadt, die sein Protagonist, der verhinderte Schriftsteller Philipp, wie ein Schlachtfeld erlebt, wie ein undurchdringliches 'Pandämonium'.
Scharfsinnige Bestandsaufnahme einer deutschen GroßstadtBedrohlich ist die Atmosphäre im noch vom 2. Weltkrieg gezeichneten Deutschland. Der Autor zeigt an einem Tag im Leben einer Großstadt, wie die Menschen versuchen, sich mit den schwierigen Gegebenheiten zu arrangieren. 41 Personen begegnen dem Leser im Lauf der Handlung; Junge und alte, Deutsche und Besatzungssoldaten, Männer und Frauen. Vielfältige Beziehungen entspinnen sich, aber oft werden die Fäden gekappt, bevor die Menschen einander wirklich begegnen. Anonymität in der Masse ist eins der großen Themen in diesem Roman. Da sind zum Beispiel Carla und Washington, die von allen Seiten angefeindet werden, weil es sich für eine deutsche Frau nicht gehört, mit einem amerikanischen Soldaten zu leben, erst recht nicht mit einem Schwarzen... Oder Philipp und Emilia, die einander nichts mehr zu sagen haben. Er ist als Schriftsteller gescheitert, sie finanziert ihr gemeinsames Leben, indem sie teure Erbstücke versetzt. Ertragen kann sie die zur Fessel gewordene Ehe nur mit Alkohol, der wiederum Philipp noch weiter von ihr weg treibt. Dann begegnet er Kay, einer jungen Amerikanerin... Fesselnd ist aber nicht nur die Handlung, sondern auch die Sprache. Wie kein anderer Schriftsteller in den frühen 50er Jahren nennt Koeppen Restauration und Verdrängungsmentalität beim Namen, was dem Autor damals harsche Kritik einbrachte. Inzwischen ist die Bedeutung dieses Romans für die deutsche Nachkriegsliteratur offenkundig. Wer die Geschichte dieses Landes ein bißchen besser verstehen möchte, sollte Koeppen lesen. Die Atmosphäre der Stadt wird beklemmend realistisch geschildert. Das bemerkenswerteste an diesem Buch ist zweifellos die Erzählweise. Mit stilistischen Mitteln überwindet Koeppen das strenge Nacheinander des traditionellen Erzählens und schafft simultane Stränge, die sich überlagern. So wird der Leser in das gleiche Chaos hineingestellt wie die Figuren, ein faszinierender Kunstgriff. Es handelt sich hier zwar sicher nicht um leichte Lesekost, aber um eine Delikatesse, die ihresgleichen sucht. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Blick in die VergangenheitWenn von den Nachkriegsjahren die Rede ist, existieren in meiner Generation (Jahrgang 1969) recht holzschnittartige Vorstellungen: Hunger, amerikanische Befreier, beginnendes Wirtschaftswunder... Koeppen zeichnet ein Bild, das der Realität weit besser entsprechen dürfte. Es sind keine glücklichen, befreiten Menschen, die "Tauben im Gras" bevölkern. Gescheiterte, Hungernde, Suchende, aber auch dekadente Prasser treffen aufeinander. Sie alle teilen die Erfahrung des Kriegs, die sie prägt. Dass eine neue Zeit begonnen haben soll, ein frischer Start in eine freie Gesellschaft spürt man kaum. Die Protagonisten irren durch Trümmerlandschaften und Nobelhotels, ohne zu wissen, was nun eigentlich kommen wird.Doppelmoral, Rücksichtslosigkeit, jeder ist sich selbst der nächste - ein Schicksalsgemeinschaft, die vereint am Wiederaufbau arbeitet, hat man sich anders vorgestellt. Erhellend die Schilderung der Amerikaner und die Reaktion der Deutschen auf diese. Von "Befreiern" zu sprechen, wie es oft in Sonntagsreden geschieht, ist Heuchelei. Sie werden als Besatzer empfunden. Der Roman schildert diese Schicksale - wie man so gerne sagt - kaleidoskopartig. Oft genug bedeutet das, dass der Autor nicht in der Lage war, seiner Geschichte einen logischen Aufbau, einen roten Faden zu geben. Hier aber spiegelt die zerrissene, unstete Form nur den Inhalt wider. Wer sich ein Bild über die Nachkriegsjahre in Deutschland machen will, kommt an Koeppens nicht immer ganz einfachem, aber stets lesbarem Werk nicht vorbei.
Ein "moderner" RomanIn der wissenschaftlichen Diskussion um die Frage „Zufall oder Notwendigkeit" bezieht Koeppen ganz klar Stellung. Der Zufall bestimmt laut Koeppen unser ganzes Leben. Vom Existenzialismus angehaucht, stellt der Autor in seinem Roman die Verstrickungen jedes einzelnen dar, er drückt somit die Totalität des Lebens aus.Der Roman versucht dadurch die Welt als Ganzes mit all ihrer Dynamik darzustellen.Die einzelnen Erzählstränge laufen nebeneinander her und kreuzen sich. Diese Kreuzungen zeigen die Verstrickungen zwischen den einzelnen Protagonisten auf. Wie die Tauben im Gras sind die Menschen zufällig zusammengewürfelt, sie müssen damit etwas anfangen, das beste aus ihrer Geworfenheit zu machen. Auch hier zeigt sich wieder Koeppens Affinität zum Existenzialismus.Der Schlüsselpunkt des Werkes sind die Überlegungen der amerikanischen Lehrerin Miss Burnett: „Im Gras hockten Vögel. Wir verstehen nicht mehr als die Vögel von dem was die Wescott quatscht, die Vögel sind rein zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier, Hitler war ein Zufall, seine Politik war ein grausamer und dummer Zufall, vielleicht ist die Welt ein grau-samer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind, die Vögel werden wieder auffliegen und wir werden weitergehen."Damit wird versucht das Sinnlose und scheinbar Zufällige der menschlichen Existenz bloßzustellen, den Menschen frei von Gott zu schildern, um ihn dann frei im Nichts flattern zu lassen. Sinnlos, wertlos und frei, wie er ist, wird er von Schlingen bedroht und ist auch Gefahren ausgeliefert. Doch der Mensch ist stolz auf die eingebildete, zu nichts als Elend führende Freiheit von Gott. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Einer der wichtigsten deutschen NachkriegsromaneWolfgang Koeppen würde jetzt am 23. Juni 100 Jahre alt, er ist aber vor zehn Jahren gestorben. Er betrat 1951 die Bühne der Literatur und hat sie 1954 dann schon wieder verlassen. In dieser Zeit hat veröffentlicht er drei Bücher. Man nannte seinen publizistischen Auftritt - "Trilogie des Scheiterns". Es waren die erstaunlichen Romane "Tauben im Gras"(1951), "Das Treibhaus"(1953) und Der Tod in Rom"(1954). Obwohl er einen völlig neuen Ton in die deutsche Gegenwartsliteratur brachte, immer wieder neue Romane durch seinen Verlag ankündigen ließ, erschien nur noch im Jahre 1976 ein unvollständiges autobiografisches Werk "Jugend."
In "Tauben im Gras" schreibt Koeppen meisterhaft über die Nachkriegszeit, den Wiederaufbau in Deutschland. Nie wieder hat ein Autor so gut, so schön und so präzise über diese Zeit geschrieben. Aufgeblendet wird ein Tag in München. Wir schreiben das Jahr 1951, sehen einen verarmten Arzt, der sich mit Blutspendeterminen seinen kargen Lebensunterhalt verdient. Wir treffen auf einen farbigen Amerikaner, der vor deutschen radikalen Rassisten auf der Flucht ist und von einem Neubeginn in Frankreich als Kneippier träumt. Wir lernen einen Schriftsteller kennen, der nicht mehr schreiben kann, wir erfahren über Sex mit Kindern, werden mit Gewohnheitstrinker und Filmhelden konfrontiert, hören vom Wiederaufleben alter Nazi-Seilschaften, bemerken ein sich Einschmeicheln bei den Besatzungsmächten, wohnen irrsinnigen in Kneipenvorfällen bei. Und überall herrscht Angst, vier Jahre nach dem Ende des totalen Krieges. Alles läuft eigentlich auf nichts Sinnvolles hinaus, nur auf das Ende eines Tages im Deutschland der Nachkriegszeit. Und das Ende des Tages ist die Nacht.
Für alle die diese Zeit erlebt haben, aber auch für alle die entsprechenden Nachholbedarf haben, weil sie die Nachkriegzeit nicht begriffen oder richtig verstanden haben, kann ich dieses Buch nur empfehlen. Es ist ganz großartig geschrieben, rasant schnell erzählt, in einer Sprache die glasscharf ist. Schnelle, radikale Schnitte wie in alten Filmen.
Marcel Reich-Ranicki, der große Förderer Wolfgang Koeppens, hat dereinst die Literaturkritiker dafür verantwortlich gemacht, den literarischen Rang Koeppens nicht erkannt zu haben, und damit schuldig für sein Schweigen zu sein.
Nachkriegsgesellschaft wie in einem Kaleidoskop gespiegeltIn mehr als 100 kurzen und längeren Abschnitten fängt Wolfgang Koeppen wie mit einer Kamera aus unterschiedlichen Perspektiven Szenen ein, die sich bald nach dem Zweiten Weltkrieg an einem einzigen Tag in einer deutschen Stadt abspielen. Obwohl der Name der Stadt nie genannt wird, gibt es zahlreiche eindeutige Hinweise auf München, und die Handlung spielt möglicherweise am 20. Februar 1951.Die unheroischen Helden, die Wolfgang Koeppen hier vorstellt, kommen mit der Welt nicht zu Recht. Ihre Wege kreuzen sich, aber sie bleiben einsam. Die Menschen sind aus der Bahn geworfen, jagen einem besseren Leben hinterher, gieren nach Geld und Genuss, suchen Liebe oder Ruhm. Sie sind existenziell verunsichert, hoffnungslos, auf der Flucht vor sich selbst, nicht in der Lage, die Lebensangst zu überwinden, unfähig zur Besinnung. Man spielt ihnen böse mit. Wie "Tauben im Gras" wimmeln sie durcheinander.Weil es keine zentrale Handlung gibt und man stattdessen -- wie in "Ulysses" von James Joyce -- mit einer Vielzahl von parallelen Geschichten konfrontiert wird, ist die Lektüre der ersten Hälfte des Buches nicht ganz einfach. Erst gegen Ende durchschaut man den geschickten Aufbau.Dieter Wunderlich, Autor
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