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Diese zehnbändige Taschenbuchausgabe von Kurt Tucholskys 'Gesammelten Werken' erscheint zu einem Zeitpunkt, zu dem es Tucholsky aus zweifachem Anlaß zu gedenken gilt: er wäre am 9. Januar 1975 85 Jahre alt geworden; und sein Todestag jährt sich am 21. Dezember 1975 zum 40. Male. Die Ausgabe folgt im wesentlichen dem Editionsprinzip der dreibändigen Dünndruckausgabe, die 1960 erschien.
Umfassend, vielseitig und immer wieder ueberraschend!Tucholsky gehoert zu den Schriftstellern, dem die meisten nur in der Schule, meist im Rahmen des Geschichtsunterrichts und der Weimarer Republik, begegnen. Wer in dieser umfassenden Sammblung blaettert wird aber unglaublich viel mehr entdecken als nur den sozialkritischen Schriftsteller der Weimarer Rebublik. Dass er in dieser Rolle viel Lesenswertes geschrieben hat, ist unbestritten. Der Reichtum der Offiziere und die Armut der Soldaten im Krieg und im Leben des Staedters, Zensur, der Kaiser und seine Untertanen, all dies sind Themen, die die meisten von Tucholsky erwarten. Aber Tucholsky hat soviel verschiedenes geschrieben, das fuer bald jeden etwas dabei ist. Seine Satiren sind auch heute noch, selbst wenn man die Personen nicht oder nur aus dem Geschichtsunterricht kennt, interessant zu lesen. Theaterkritiken ueber Stuecke und Personen, von denen man noch nie gehoert hat, sind spannend, weil Tucholsky es versteht, Charaktere zu beschreiben, so dass sie lebendig vor einem erscheinen. Besonders gerne lese ich seine Artikel "Auf dem Nachttisch", in denen er Buecher rezensiert. Sie sind einfach gut geschrieben und machen Lust, auch einmal Buecher zu lesen, die vor 75 Jahren aktuell waren und keine Klassiker geworden sind. Auf jeden Fall zeitlos und lustig sind seine komischen Kurzgeschichten und Stuecke. Ueber "Wo kommen denn die Loecher im Kaese her?" habe ich zum Beispiel Traenen gelacht und werde nicht muede, dieses Stueck Freunden vorzulesen, um sie auch in den Genuss von Tucholskys Kuensten kommen zu lassen. Das schoene an dieser Ausgabe ist, das sie wirklich guenstig ist und sehr viel bietet. Kleine Sammelbaende von Tucholsky sind schoen zu lesen, aber nur in so einer umfassenden Sammlung, bekommt man Veraenderungen mit, Entwicklungen, die Tucholsky im Laufe seiner Schriftstellerkarriere macht und sieht den Lauf der Geschichte aus einem anderen Blickwinkel als dem Geschichtsbuch. Das schoenste aber ist, das man immer wieder ueber kleine unbekannte Sachen stolpert, die einen ueberraschen und begeistern. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Messerscharf geschliffener Stil und geistreiche Polemik im Tucholsky-UniversumEr gehört zu den bekanntesten Unbekannten aus der Literatur der Weimarer Republik. Schließlich kennt fast jeder irgend etwas von Tucholsky: Seine fiesen Satiren etwa ("Hitler und Goethe", "Ratschläge für einen schlechten Redner"), seine Hommage an Charlie Chaplin ("Der berühmteste Mann der Welt"), seine federleichten Romane "Rheinsberg" "Schloß Gripsholm"), romantisch verspielt und ironisch zugleich (und gelegentlich auch ein wenig kitschig, aber was soll's?), seine vielen Rezensionen, die nicht selten lesenswerter sind als die rezensierten Bücher, Filme und Stücke (Who the f*** ist Reich-Ranicky?).
Tucholskys Sprache ist immer unverkennbar schnoddrig und sein Stil messerscharf geschliffen; zarten Gemütern wird Tucholskys auch schon mal brutale Polemik vielleicht aufstoßen. Karl Kraus' Diktum "Sprache ist eine Waffe" trifft zweifellos auf Tucholsky zu, ohne Abstriche.
Über seine Biographie weiß man auch einiges, und dieses Wissen kann man wie ein Kaleidoskop schütteln und reingucken: Tucholsky kennt man als engagierten Pazifisten und wehrhaften Demokraten (in dieser Eigenschaft aus heutiger Sicht gelegentlich als tragische Figur, wenn er vehement auch demokratischen Politikern ans Leder ging), als Satiriker und Journalisten, als engagierten Pazifisten und mutigen Ankläger von rechtsradikalen Fememördern und Konsorten, als Romancier, Kabarett-Dichter, als Mitherausgeber der "Weltbühne" (die anderen waren Siegfried Jacobsohn und Carl von Ossietzky)... Und so weiter. Ein Hansdampf in allen Gassen, der stets auf höchstem Niveau dampfte bzw. schrieb -- und der 1935 im Exil resigniert Selbstmord beging.
Das klingt alles so, als sollte man Tucholskys Werke mal wieder lesen, Altbekanntes wieder ausgraben ebenso wie Neuland erkunden. Und es klingt nicht nur so, sondern es ist auch so. Allein schon seine Rezensionen aus der Rubrik "Auf dem Nachttisch" sind Juwelen des Genres, die man auch genießen kann, wenn man vom betreffenden Werk oder Autor noch nie gehört hat, und auch Tucholskys Essays gehören zum Besten, was das Genre des 20. Jahrhunderts zu bieten hat.
Man kann sich, süchtig geworden nach pointierter Sprache und geistreichem Witz, Einzelband für Einzelband besorgen, aber man kann auch genauso gut gleich zu einer Werkausgabe greifen, denn darauf wird's ohnehin hinauslaufen. Und diese von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz herausgegebene zehnbändige Ausgabe ist mehr als nur eine preiswerte Alternative zu den Einzelbänden.
Geordnet sind die zehn Bände chronologisch; nicht enthalten sind autobiographische Schriften, z.B. Notizbücher oder Briefe Tucholskys. Man wird auch Herausgeber-Kommentare u.ä. vergebens suchen; wer darauf angewiesen ist, sollte besser zur 22bändigen Werkausgabe greifen.
Allerdings: Wer sich vor allem für Tucholskys Werk interessiert und ganz einfach "nur" lesen will, und wem weniger an biographische Details gelegen ist, der ist hier gut bedient. Und das dürfte doch auf die meisten zutreffen.
Was die Anordnung der Einzelbände angeht: Der chronologische Aufbau ist äußerst brauchbar, wenn man Tucholskys Entwicklung akribisch verfolgen will. Weniger brauchbar freilich ist er, wenn man etwas Bestimmtes sucht. Entweder muss man wissen, wann Tucholsky z.B. "Wenn der Henker Wohnung sucht" geschrieben hat, oder man muss Band für Band konsultieren, oder man muss jedesmal das Register im letzten Band konsultieren -- ausführlich ist der Register-Anhang sicher, aber auch gewöhnungsbedürftig.
Und: Zwar sind im Anhang Tucholskys Werke geordnet verzeichnet nach Überschriften und ggf. auch gesondert nach rezensiertem Buch/Theaterstück, und auch ein Namensregister ist vorhanden -- aber was, wenn man Tucholskys bissige Anmerkungen zu einem bemerkenswert verhauten Wörterbuch sucht? Man erinnert sich weder an Titel des Wörterbuches noch ans Erscheinungsjahr, und ist aufgeschmissen. 200 Seiten Verzeichnis gewissenhaft durchzugehen ist schließlich kein Vergnügen, wenn man in derselben Zeit locker wieder mal "Schloß Gripsholm" lesen könnte.
Ein anderes Ordnungsprinzip, etwa nach Genres, wäre noch brauchbarer, ließe einen das Gesuchte schneller finden. Dieses Manko behöbe zwar die Tucholsky-CD der "Digitalen Bibliothek", aber wer will schon am Computer schmökern, wenn auf dem Kanapee noch Platz wäre?
Wie man's auch dreht und wendet: Trotz kleiner "organisatorischer" Mängel ist die zehnbändige Tucholsky-Ausgabe erste Wahl für die meisten Interessierten. Und die Entdeckungsfahrt kreuz und quer durchs Tucholsky-Universum ist garantiert das reine Vergnügen.
Tucholsky, der ÜberseheneTucholsky ist umwerfend lustig, ironisch, zynisch, kritisch, albern, ernst, trocken, interessiert, offen, europäisch, politisch...so einen Gesellschaftskritiker bräuchten wir heute auch noch mal, da kommen unsere Fernsehkomiker nie mit...
Es gibt es keine Langeweile.
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