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In nuancierter Erzähltechnik schildert Ricarda Huch das Schicksal einer Gouverneursfamilie im zaristischen, vorrevolutionären Rußland: Der Gouverneur zieht sich den Haß rebellischer Studenten zu und beschließt - von Attentaten bedroht - sich mit seiner Familie einen Sommer lang aufs Land zurückzuziehen. Unter dem Vorwand, ihn zu schützen, bereitet dort der Student Lju ein Attentat auf den Gouverneur und seine Frau vor. Obwohl Lju Zuneigung zu seinen Opfern faßt, hindert ihn das nicht an der Durchführung seines Plans. (Stiftung Lesen).
Nicht nur 1910 beängstigend aktuellWenn die nicht nur stilistisch unschlagbare Historikerin Ricarda Huch die Genres "Krimi" und "Historische Erzählung" kombiniert, dann erwartet man etwas ganz Besonderes -- und Huch übertrifft wieder einmal alle Erwartungen, wenn sie die altehrwürdigen Form des Briefromans für ihre Erzählung wählt.
Erzählt ist der Inhalt schnell: Um 1910 brodelt es im russischen Zarenreich; reaktionäre Machthaber und zu allem entschlossene Intellektuelle stehen einander gegenüber; brutale Maßnahmen der Obrigkeit machen einen Dialog immer unwahrscheinlicher. Der Gouverneur Jegor Rasimkara ist noch nicht einmal einer der schlimmsten, wirkt in seinen eigenen Briefen und sogar in denen seines Feindes nicht unsympathisch -- aber er ist dem Zarenregime unbedingt loyal und hält es für seine Pflicht, reaktionäre Maßnahmen gegen protestierende Studenten durchzusetzen. Nun engagiert seine Frau ausgerechnet den jungen Revolutionär Lju als Leibwächter für ihn: Lju ist nämlich eben jener, der zuvor anonyme Drohbriefe an Rasimkara schickte, und er ist beileibe kein bloßer Theoretiker der Revolution.
Rasimkara hat sich mit seiner Familie für den Sommer auf sein Landgut zurückgezogen. Seine Frau ist hingerissen von dem jungen Mann, aber auch irritiert von seinem vermeintlichen Hang zum Schlafwandeln; die jüngere Tochter verliebt sich in ihn... die beiden älteren Kinder, beide Studenten, liebäugeln ihrerseits mit den Idealen der Revolution, allerdings eher spielerisch auf intellektueller Ebene, und ohne an die höchst praktischen Konsequenzen zu denken.
Während das angedrohte Attentat als Damoklesschwert über der Familie schwebt, verleben sie und der Attentäter gemeinsam den Sommer in scheinbarer Idylle.
Das Ende der Erzählung erfährt man bereits auf der ersten Seite, aber das mindert nicht die Spannung, sondern erhöht sie noch. Ricarda Huch spielt in dieser Erzählung nämlich eine weitere Facette ihres Könnens aus: Die plastische, differenzierte Charakterisierung ihrer Figuren mit wenigen Worten. Und so schüttelt man beim ersten Lesen den Kopf, weil die sorglose Familie Ljus Pläne doch in Großbuchstaben auf dem Tablett täglich neu präsentiert bekommt, aber in ihrem Weltbild sind die Weichen in Sachen "Menetekel-Lektüre" ganz anders gestellt. Bezeichnenderweise wittert nur der notorisch betrunkene Hausdiener (ein in der Sicht der anderen dem instinktgesteuerten Tier näher stehender "Primitiver") diffus Unheil.
In den Briefwechseln der Familienmitglieder einerseits und in Ljus Briefen an seinen Komplizen andererseits entwickelt sich auf gerade mal 120 Seiten ein schier unentwirrbares Beziehungsgeflecht zwischen den Familienmitgliedern untereinander und zwischen Familie und Attentäter. Die Charaktere der Einzelnen gewinnen Tiefe, Einschätzungen und Ansichten der Einzelnen spiegeln einander: Zunächst liest man, wie die verschiedenen Rasimkaras die Lage einschätzen, und dann liest man, was Lju seinem revolutionären Freund Konstantin darüber schreibt -- und immer bleibt der Verdacht, dass niemand, wirklich niemand je dem anderen alles offenbart, trotz oder auch wegen aller eigenständigen Charaktere.
"Der letzte Sommer" hält der Gesellschaft im Zarenreich am Vorabend der Revolution einen Spiegel vor. Dass nicht nur der Revolutionär Lju am Ende das "Gesetz" (bzw. das, was er dafür hält) über seine eigenes Urteilsvermögen setzt, spiegelt sich in Gouverneur Rasimkaras Verhalten: Zwei entgegengeseetzte pervertierte Pflichtbegriffe sind sich in ihrem Wesen viel zu ähnlich, sodass nicht allzu viel Hoffnung auf eine bessere Zukunft bleibt. Ein schlechterer Autor hätte die beiden Antagonisten zu wandelnden Parteiparolen degradiert, aber Huch zeigt hier ihr ganzes Können.
Bei ihrer Erstveröffentlichung 1910 war die Erzählung hochaktuell und im Nachhinein sogar prophetisch, und Huchs Sprachbeherrschung ist ohnehin zeitlos. Aber der Grund, warum dieses kleine Meisterwerk eben ein Meisterwerk ist, der besteht in der Raffinesse, mit der Huch ihre Erzählung aufbaut, wenn sie nach allen Regeln der Krimi-Kunst die Regeln des Genres ignoriert, und wenn sie auf engstem Raum zugleich familiäre Beziehungskonflikte und Zeitgeschichte reflektiert.
An solchen Brocken hätten und haben sich schon viele hochgelobte Autoren verhoben, während Ricarda Huch mit ihnen jongliert.
**** Übrigens: Es gibt auch eine textidentische Großdruck-Ausgabe! ****
Die Unmöglichkeit von Revolutionen ohne IrrwegLju, ein Student und Revolutionär will den Gouverneur von St.Petersburg töten. Ein spannender Krimi in einer interessant aufgemachten, stark psychologisch-tiefgründigen Form, wie er in dieser Zeit seines gleichen sucht.Denn Ricarda Huch beschreibt mit dieser Erzählung in Briefen Menschen, wie sie bis heute, in langer und emotional aufgeladener Atmosphäre der Aufarbeitung von Diktaturen selten oder gar nicht untersucht wurden. Sie beschreibt gekonnt zwei Menschen, die sich in ihre Ideologie verennen und an ihr scheitern. Wenn es für den Typ des Gouverneurs oftmals schon Bücher gegeben hat, so ist das Irren des Lju bis heute nicht so grandios aufgezeichnet worden.Sie hat mit diesem, erstmals 1910 erschienen Buch ein Novum in der Literatur hinterlassen: denn während in dieser Zeit die einen die Probleme des zaristischen Russlands und den Aufstieg der Radikalen entweder totschwiegen (Konservative) oder verherrlichten (Anarchisten bis Kommunisten), so findet Ricarda Huch, die dieses Buch übrigens binnen weniger Wochen geschrieben haben soll, einen sehr lesenswerten Zwischenweg. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Geniale Erzählung einer fast vergessenen Autorin"Der letzte Sommer", die fast schon archaische Form des Briefromans benutzend, entfaltet nur durch ausgewählte Briefe, deren Antworten man teilweise nicht einmal zu lesen bekommt, ein äußerst komplexes und spannendes Feld eines Beziehungsgeflechts zwischen einem Attentäter und der Familie seines Opfers, einem russischen Gouverneur irgendwann am Beginn dieses Jahrhunderts. Das Attentat erfolgt zwar, aber erst, nachdem die Familie von allen Seiten beleuchtet worden ist (und der Attentäter selber auch).Obwohl kein Kriminalroman, ist "Der letzte Sommer" sehr spannend und psychologisch raffiniert. Auch die Charakterisierung der einzelnen Personen erfolgt stets nur indirekt durch die Briefe der anderen Figuren. Sicher nicht einfach zu lesen, aber lohnend und sehr faszinierend! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Fast schon ein KriminalromanRicarda Huch, fast schon vergessene und anscheinend doch langsam wiederentdeckte deutsche Autorin der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, legt hier in der klassischen Form des Briefromans eine Erzählung vor, die von ihrer psychologischen Spannung lebt und der lebendigen Schreibweise der fiktiven Figuren, über die nie etwas von ihnen selber oder aus einer auktorialen, höheren Instanz zu erfahren ist, sondern die stets nur durch die Briefe der sie umgebenden Personen charakterisiert werden. Es geht also um einen russischen Gouverneur, der am Beginn dieses Jahrhunderts vor Studentenunruhen mit seiner Familie auf das Land flüchtet, um eben auch vor Morddrohungen Ruhe zu haben. Ironie des Schicksals: Er stellt als Sekretär seinen Mörder ein. So einfach ist das Ganze dann aber eben auch nicht: Es kommt Liebe ins Spiel, gegenseitige Versuche, die andere Seite friedlich zu überzeugen und so weiter... hochgradig spannend, und schnell zu lesen: Nur etwas über hundert Seiten lang, ist diese Erzählung dennoch ein kleines Meisterwerk. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Historisch wirkende NovelleIn der Form sich anlehnend an den "Werther" von Goethe, schreibt Ricarda Huch 1910 eine Erzählung in Briefen. Hier geht es aber weniger um eine (oder mehrere) Liebesbeziehungen, als mehr um ein Ereignis mit politischer Sprengkraft. Ein Gouverneur in Rußland will revoltierende Studenten erschießen lassen, wofür er mit Morddrohungen "bombardiert" wird. Gekonnt verknüpft Ricarda Huch das äussere Geschehen mit personeller Introspektion. Was hier historisch (vor allem in der Sprache) erscheint, regt zum Nachdenken über heutige Verhältnisse,über die Notwendigkeit und die Wege einer Revolution, wie eines Attentats an. Spannend.
Adelung-1793: Huch (2), der · Huch (1), der · Sommer-Punct, der · Sommer-Rocken, der · Sommer-Majoran, der · Sommer, der · Sommer-Calville, die
Brockhaus-1911: Huch · Letzte Dinge · Sommer [2] · Sommer · Fliegender Sommer
DamenConvLex-1834: Letzte Oelung · Sommer
Goetzinger-1885: Sommer und Winter
Herder-1854: Oelung, letzte · Letzte Oelung · Sommer
Meyers-1905: Huch · Letzte Ölung · Letzte Dinge · Sommer [2] · Sommer [3] · Sommer- und Winterkleid der Tiere · Fliegender Sommer · Sömmer · Sommer [1]
Pagel-1901: Sommer, Robert · Sommer, Karl Wilhelm · Sommer, Ferdinand Bernhard Wilhelm
Pataky-1898: Huch, Frl. Ricarda Octavia · Huch, Emilie · Huch, Frau Emilie · Sommer, Frau Margarete · Sommer, Frl. Anna · Sommer, Frl. Martha · Sommer, Clara · Sommer, Elise · Sommer, Frau Helene
Pierer-1857: Letzte Dinge · Letzte Ölung · Sommer [2] · Sommer [1] · Alter-Weiber-Sommer · Fliegender Sommer