Wieland, Christoph M.

Geschichte des Agathon

Geschichte des Agathon
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Erscheinungsdatum: 1986
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 687
  • ISBN: 3150099331
  • EAN: 9783150099339
  • Amazon.de Verkaufsrang: 248.913
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Tark fanden 9 von 9 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Sehr anspruchsvoller Begründer der Tradition des deutschen Bildungsromanes

Christoph Martin Wieland wurde 1733 als Sohn eines evangelischen Pfarrers im schwäbischen Oberholzheim geboren. Bereits ab seinem dritten Lebensjahr wurde dieser von seinem Vater privat unterrichtet. Danach übernahmen Privatlehrer diese Aufgabe. So konnte der junge Wieland schon mit acht Jahren lateinische Texte lesen und verfasste demnach erste deutsche und lateinische Verse. Auf Geheiss des Vaters lernte er wenig später im pietistischen Schulinternat Kloster Berge bei Magdeburg vorallem Fremdsprachen, las die Klassiker aus dem Latein, aber auch entgegen dem Willen der Schulleitung die Werke der Aufklärung von Voltaire oder Fontenelle.

Wieland gehörte seinerzeit zu den bedeutendsten und reflexionsmächtigsten Aufklärern Deutschlands. Er war neben anderer berühmter Schriftsteller wie Friedrich Schiller oder Johann Gottfried Herder der älteste des klassischen Viergestirns von Weimar. Während seines bewegten Lebens war Wieland als Dichter, Philosoph, Gesellschaftskritiker, Journalist, Publizist und Prinzenerzieher tätig. Am 20. Januar 1813 starb Christoph Martin Wieland 79-jährig an den Folgen einer fiebrigen Krankheit in Weimar.

Im Jahre 1762, nachdem er er sich von seiner letzten wahren Liebe trennen musste, schrieb er an seinen Freund Zimmermann aus der Schweiz: Dem allen ungeachtet habe ich vor etlichen Monaten einen Roman angefangen, welchen ich die "Geschichte des Agathon" nenne. Ich schildere darin mich selbst, wie ich in den Umständen Agathons gewesen zu sein mir einbilde und mache ihn am Ende so glücklich, als ich zu sein wünschte. Wieland hatte im Laufe seines Lebens lediglich das Vergnügen, die vielen gebildeten Frauen, die er kennenlernte, von innen her betrachten zu können. "Die Frauen mache die äussere Schönheit blind für den Mangel des Inneren", sagte er einmal nach vielen Enttäuschungen. Mitunter ist dies ein Grund, warum Wieland seine Geschichte in ein von strahlender Klimatik beherrschtes hetärenbevölkertes Griechenland verlegte, das etwa 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung spielt. Land der schönen Seelen und utopischen Republiken. Die liebenswürdigste Frau darin ist eine dieser Hetären, welche die verwirrenden und glänzenden Eigenschaften wiederspiegelt, welche Wieland durch diese Frauen angeblich in ähnlicher Weise erfuhr.

Der Hauptprotagonist als der Philosoph Agathon entspricht dabei dem griechischen Schönheitsideal der damaligen Zeit. Er sei von einer so vollkommenen Schönheit, dass die Rubens und Girardons dazumals, weil sie die Hoffnung aufgaben eine vollkommnere Gestalt zu erfinden oder aus den zerstreuten Schönheiten der Natur zusammenzusetzen, die seinige zum Muster nahmen, wenn sie den Apollo oder Bacchus vorstellen wollten. Tatsächlich sagte Wieland von sich, dass er selbst eher schmächtig und unschön sei. So kreierte er ein allumfassendes, über jegliche Zweifel erhabenes Schönheitsbild, das den umfassenden ästhetischen Kriterien in jeder Hinsicht scheinbar gerecht wurde. Da die Griechen in der Antike nach körperlichem und geistigem Einklang strebten stellt sein Agathon demzufolge auch ein solcher Archetypus dar. Gleichwohl gebildet und redegewandt, wie auch leidenschaftlich und schwärmerisch veranlagt ist er.

Agathon ist aber weit vielschichtiger, als man es am Anfang zu denken glaubt. Anfangs ein spekulativer Enthusiast, romantischer Schwärmer und leidenschaftlicher Hedonist entwickelt er sich im Verlaufe des Abenteuers zu einem zweifelnden und hinterfragenden Weltverbesserer. Einem ernsten Realisten und zu einem weisen Pragmatiker. Er lernt, dass die Ideale aus seinen früheren Vorstellungen nicht existieren, nichtsnützig und weltfremd sind. So verändert er sich mit den Erfahrungen zunehmend und findet somit zu einer erfolgsversprechenderen und glücklicheren Geisteshaltung

Die Reife Agathon`s Charakter wird im Laufe der Geschichte vielfältig auf die Probe gestellt. Als Priester im Tempel zu Delphi ist er erzogen worden. Dort hält es ihn nicht lange und so zieht er in die Welt hinaus. Er trifft unerwartet auf ein Fest thrakischer Weiber und wird daraufhin von kilikischen Seeräubern entführt. Als Sklave wird er so an den Sophisten Hippias verkauft, welcher ihn in der Philosophie und Politik unterweist. Agathon lernt desweiteren eine besonders hochstehende und verführerische Frau kennen, an welcher er die ganzen verwirrenden Auswirkungen der weiblichen Reize erfährt. Später wird er von Hippias verraten und wendet sich ab. In Sizilien wird er Berater und Staatsverwalter des Dionys und wenig später richtet er sich in einer Konspiration gegen dessen Politik. Archytas wird sein neuer Mentor und geistiger Vater und Agathon begegnet seiner damaligen Liebe erneut. Auf Um -und Abwegen findet er letzlich zu sich selbst und zu einer gesunden Lebenseinstellung durch die Ausgeglichenheit von Vernunft, Gefühl und ästhetischem Empfinden.

In dieser Ausgabe finden sich neben der Geschichte ein dreizehn-seitiges Nachwort von Rolf Vollmann und Anmerkungen zum Text auf sechs Seiten. Mit der zudem stimmigen Gestaltung mit dem Frontbild "Heroische Landschaft mit Regenbogen" (Anton Joseph Koch) ist das Buch rumdum empfehlenswert.

Fazit: Sehr anspruchsvoll, stellenweise überladen mit historischen Erläuterungen und Aphorismen und der Erzählstil schwankt sehr stark. Für Interessierte des deutschen Bildungsromanes sicherlich ein wichtiges Buch.

Diese Rezension von Manfred Weth fanden 10 von 13 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Ein wahrer Genuß

Feine Sprache und Ausdrucksweise, schöner Rhythmus im Text. Selten habe ich so eine wunderbare Balance zwischen Bildung, Ironie und Feingeistigkeit erlebt wie bei Wieland. Nichts ist überkandidelt oder eingebildet - trotz aller literarischen Größe atmet das Werk eine bewunderswerte Zurückhaltung. Ich kann's nicht anders beschreiben - mit fortschreitender Lektüre fühle ich als Leser eine enorme Sympathie und Verbundenheit mit dem Verfasser, in dieser Form einmalig. Höchst empfehlenswert.

Ich empfehle dringend die Anschaffung als gebundene Ausgabe - grade diese aus dem Manesse-Verlag ist auch noch ein echter Handschmeichler :)

Diese Rezension von Helga König fanden 19 von 30 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen " Jede höhere Stufe, welche der Mensch betritt, erfordert eine andere Lebensordnung..." ( Wieland)

In diesem Roman ist die politische Aktivität des Helden trotz ihrer breiten Darstellung nur ein Duchgangsmoment seiner inneren Entwicklung. Ein junger Mann wird über die Widrigkeiten seines Lebens zu ästhetischer Moralität, einer humanitären Haltung, gebildeter Sittlichkeit und geistiger Unabhängigkeit geführt.

Die Desillussionierung des reformerischen Idealismus Agathons - zunächst im demokratischen Athen, dann im absolutistischen Syrakus, dessen Herrscher er aufzuklären sucht- dient seinem Weg von hochgespannter Schwärmerei - wie in der Politik, so in der Liebe- zu realistischer Welteinsicht und Selbsterkenntnis.

Auch wenn im Besonderen die Episode am Hof des Dionys an die Tradition des höfischen Staatsromans angeknüpft und dabei nicht zuletzt die Utopie des aufgeklärten Absolutismus gründlich als Illusion zerstört wird, geht es primär nicht um den Staat, sondern um das Verhältnis des Individuums zur Welt, als deren poetische Vertretung die politische Bühne aufgebaut wird. Ironisch beschenkt Wieland am Ende seinen Protagonisten mit der utopischen Musterrepublik Tarent, nachdem seine politischen Träume kläglich gescheitert sind.

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