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Ein kleines MeisterwerkDer Roman „Schlaflose Tage" wurde von dem DDR-Autor Jurek Becker geschrieben und erschien 1978 in der Bundesrepublik Deutschland. In der DDR wurde Beckers Roman nicht veröffentlicht, da in diesem Kritik an dem DDR-Regime erkennbar wird. Allerdings handelt „Schlaflose Tage" nicht nur von dem Leben in der DDR. Inhaltlich setzt sich der Autor mit den Wünschen, Gedanken und Taten eines 36-jährigen Lehrers, der sich in einer neuen Entwicklungsphase befindet, auseinander. Ist der Roman „Schlaflose Tage" jedoch nur die Geschichte eines Lehrers, der sich in der sogenannten Midlife crisis befindet, oder ist der Roman eine ausgeklügelte Kritik an der DDR? Um diese Frage beantworten zu können, sollte man sich erst einmal vor Augen führen, was eine Midlife crisis eigentlich bedeutet. Unter einer Midlife crisis versteht man die Suche nach dem Sinn des Lebens in der Lebensmitte. Ein Mensch, der sich in der Midlife crisis befindet, hat das Gefühl etwas in seinem Leben zu versäumt zu haben. Dieses Gefühl wird meistens durch die Eintönigkeit und Geradlinigkeit des alltäglichen Lebens hervorgerufen, welche im besagten Lebensabschnitt am deutlichsten hervortritt.
Karl Simrock ist ein ganz normaler DDR-Bürger. Er ist Lehrer, hat demnach einen recht angesehenen Job, er ist verheiratet und Vater einer Tochter. Trotzdem ist Karl Simrock mit seinem Leben unzufrieden. Zu Beginn des Romans verspürt er Herzschmerzen. Anfangs glaubt Simrock ernsthaft krank zu sein. Gerade diese Angst löst in ihm den Zweifel am Inhalt seines Lebens aus. Sobald Simrock erkannt hat, dass er mit seinem Leben unzufrieden ist, versucht er es tatkräftig zu ändern. So gesehen ist Karl Simrock sicherlich ein Lehrer, der sich in der Midlife crisis befindet. Fragwürdig ist nur, ob Jurek Becker einen Roman schreiben wollte, der sich mit den Problemen eines Mannes auseinandersetzt oder ob er nicht viel mehr die DDR kritisieren wollte.
Wäre Beckers Intention die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der sich in der Midlife crisis befindet, müsste ihm vor allem wichtig sein, dass sich möglichst viele Menschen mit dem Protagonisten dieses Romans identifizieren können. Meiner Meinung nach ist Simrock jedoch so dargestellt, dass eine Identifikation mit ihm für den Leser schwierig bis unmöglich zu sein scheint. So ist Simrock kein sympathischer Charakter. Er betrinkt sich, ohne Rücksicht auf seine Tochter zu nehmen. Er verlässt seine Frau auf eine nicht gerade behutsame Art und Weise, obwohl im bewusst ist, dass ihr viel an ihm liegt. Während er seine Entscheidungen trifft, denkt er kaum an die Gefühle seiner Ehefrau und Tochter, sondern fast ausnahmslos an sein eigenes Leben, das ihn nicht mehr befriedigen kann. Doch nicht nur Simrocks Verhalten, sondern auch seine Art zu denken, alles möglichst genau zu analysieren und seine mitunter auftretende Gefühlskälte machen ihn nicht besonders liebenswert. Manchmal wirkt Simrock wie eine Karikatur, die sich durch überspitzte Darstellungsweise des Autors auszeichnet. So ist es fast schon seltsam, dass Simrock, der durch und durch Kopfmensch ist, sogar seine eigenen Gefühlsausbrüche analysiert. Ohne jede Frage wird dem Leser die Identifikation mit dem Protagonisten des Romans äußerst schwer gemacht. Aus diesem grund taucht die Frage auf, warum Jurek Becker seine Hauptperson in einer solchen art dargestellt hat und ob es ihm vielleicht doch um mehr als nur um eine bloße Midlife crisis gegangen ist.
Meiner Meinung nach hat Beckers Darstellung des Lehrers Simrock durchaus Sinn. Simrock wird als ein sogenannter Kopfmensch dargestellt, weil es Becker vordergründig um die Schlüsse und Erkenntnisse geht, die Simrock im Laufe des Romans zieht beziehungsweise gewinnt. Simrock möchte sein Leben von grund auf ändern. Seine Intention scheint fast schon existentialistisch zu sein, da für ihn die Selbstverwirklichung und der Sinn seines Lebens eine gewichtige Rolle spielen. Um sich individuell zu entfalten und ein besonders guter Mensch zu werden, stellt er sich eine Art Lebensplan auf. Dabei geht er sehr analytisch vor. Sicherlich liegt ihm viel an der Verwirklichung des Plans. Trotzdem hat Simrock Schwierigkeiten den Plan in die Realität umzusetzen. Obwohl er sich keineswegs vormacht, dass sein plan einfach zu realisieren ist, glaubt er auf eine idealistische Art an ihn. Genauso verhält es sich mit seiner Liste eines guten Lehrers. Seine Vorstellungen sind durchaus lobenswert und sicherlich ebenfalls gut durchdacht; praxisnah sind sie jedoch nicht. Vor allem sind sie dies nicht in einem Staat, wie die DDR einer war. Jeder Anflug von Individualität, die dem System auf irgendeine Art schaden könnte, war schädlich für die betreffende Person. Becker kritisiert mit seinem Roman „Schlaflose Tage" die DDR, indem er aufzeigt, dass ein Mensch voller guter Absichten nicht die Möglichkeit hat, diese in die Tat umzusetzen, nur weil die besagten Absichten auf irgendeine erdenkliche Art und Weise schädlich für das DDR-Regime sein könnten.
Becker belässt es jedoch nicht nur bei dieser Kritik. Er geht viel weiter. Sein Roman „Schlaflose Tage" ist nicht nur eine politische Kritik an der DDR, er liefert zugleich auch die Erklärung für das Scheitern des Sozialismus in der DDR, der schließlich im Kommunismus münden sollte. So ist Simrock keinesfalls Systemgegner. Er glaubt an den Sozialismus. Simrock und seine Art und Weise Pläne in die Tat umzusetzen, sind sogar letztlich mit den Sozialisten und deren Versuch den Sozialismus praktisch umzusetzen zu vergleichen.
Wie die Sozialisten hat auch Simrock eine idealistische Vorstellung, die sich in seinem fall jedoch fast ausschließlich auf sein eigenes Leben konzentriert. Theoretisch kann er seine Vorstellungen begründen. Sie ergeben Sinn, sind einleuchtend, scheinen sogar perfekt zu sein. Allerdings lassen sie sich nicht in die Realität umsetzen. Das DDR-Regime wollte seine Bürger nicht unterdrücken. Ganz im Gegenteil wollte es anfangs die Selbstentfaltung eines jeden unterstützen. Genau dies ist jedoch nicht gelungen. Simrock wollte niemanden verletzen, er wollte ein guter Lehrer sein, er wollte seine Schüler ebenfalls in ihrer Entwicklung unterstützen und er wollte seinem leben einen höheren sinn einverleiben. Dies gelingt ihm jedoch nur teilweise. Zu oft ergeben sich aus Praxis und Theorie Widersprüche. Oft liegt die Schwierigkeit der praktischen Umsetzung bei Simrocks Mitmenschen. Dies zeigt sich besonders einleuchtend in der folgenden Begebenheit. Simrock verabredet sich mit seinen Schülern, um die Gestaltung seines Unterrichtes zu besprechen und diskutieren. Allerdings erscheint kein einziger Schüler. So wie die Schüler nicht bereit für die Vorstellungen Simrocks sind, so ist eine Vielzahl der Menschen in der DDR nicht für die idealistischen Vorstellungen der Sozialisten bereit gewesen.
Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der Simrock sich gedanklich mit seiner neuen Freundin Antonia auseinandersetzt. Weil ihm eine Äußerung ihrerseits nicht passt, denkt er, dass es noch vieles an ihr zu ändern gibt. Genau dies steht mit seinen Überlegungen bezüglich der individuellen Entfaltung im Widerspruch. So wie sich Simrock in Widersprüchen verrennt, die aus Versuchen, die Theorie in die Praxis umzusetzen, resultieren, so ist auch die Idee des Sozialismus gescheitert. Hier wird auch das Paradoxon des Romans deutlich: Simrock, der metaphorisch für die Sozialisten steht, eckt selbst an dem System des Sozialismus an. Die Sozialisten, die einst an die Idee des Kommunismus glaubten, widersprechen diesem in ihren politischen Handlungen. Der Roman „Schlaflose Tage" ist nicht nur eine Kritik an der DDR, sondern auch eine Erklärung für diese. Diese politische Auseinandersetzung baut sich auf der Midlife crisis eines Mannes auf, der sich in der Mitte seines Lebens befindet und seine Lebensweise ernsthaft ändern möchte. Dass es sich jedoch nicht vordergründig um die Midlife crisis dieses Mannes dreht, wird an der Darstellungsweise sichtbar. In einer die Wirklichkeit überzeichnenden Weise wird der Protagonist Simrock dem Leser nahegebracht. Dem Autor sind seine Emotionen, die psychologisch eine wichtige Rolle in der Midlife crisis spielen, nicht so wichtig wie seine analytische Denkweise.
Jurek Becker hat einen Roman konstruiert, der sich auf den Problemen eines Mannes aufbaut, um sich politisch mit einem Staat auseinander zusetzen und aufzuzeigen, warum dieser trotz guter Vorsätze nicht funktioniert.
Mit Humor erzählte GeschichteDas Buch ist eine tolle Geschichte eines Lehrers in der DDR, der einen Herzanfall als Zeichen sieht sein Leben neu zu ordnen, und ab sofort nur noch selbst über sein Leben bestimmen will. Er möchte nicht mehr das andere über seinen Kopf hinweg sein Leben für die nächsten 20 Jahre planen. Dabei trennt er sich von seiner Frau und wechselt den Beruf...
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