Elias, Norbert

Über den Prozeß der Zivilisation, 2 Bde.

Über den Prozeß der Zivilisation, 2 Bde.
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erscheinungsdatum: 2007-08-31
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 601
  • ISBN: 3518099345
  • EAN: 9783518099346
  • Amazon.de Verkaufsrang: 76.819
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Beschreibung von buecher.de

stw 158-159

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Carlo Adam fanden 24 von 28 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Grundlegend

Elias begann die Arbeiten an diesem Buch bereits in seinem Pariser Exil 1935. Im Laufe der Jahre hat er dieses sein Hauptwerk jedoch permanent erweitert und ergänzt, so dass es auch heute noch grundlegend und wegweisend ist. Elias' historisch orientierte Soziologie ist besser geeignet, einen Prozess wie den der Zivilisation anschaulich zu machen, als beispielsweise statische Strukturansätze á la Talcott Parsons. Der Anspruch, Seiendes als Gewordenes und seinerseits Werdendes zu betrachten, wird hier konsequent verwirklicht. Ebenso der gut durchstrukturierte und induktiv entfaltete Argumentationsgang erfüllt alle wissenschaftlich wünschenswerten Ansprüche.

Ein wenig grundlegende Kenntnis über die Geschichte Deutschlands, Frankreichs und Englands vorrausgesetzt, gewinnt der Leser durch die Lektüre dieses Buches ein Deutungsinstrumentarium für die Hauptbegriffe wie Kultur, Zivilisation und Fortschritt ebenso, wie eine soziologisch-abstrahierende Form der Geschichtsbetrachtung, welche in beeindruckender Art die Veränderungen gesellschaftlicher Figurationen als kontinuierliche Prozesse von Integration und Desintegration begreift.

Ein Standardwerk welches zu lesen einigen Mehrwert verspricht.

Diese Rezension von H. J. Klaus fanden 24 von 30 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Interpretationshilfe für die Realität

Kein anderes Werk hat meinen Blick auf die Welt so stark verändert und ergänzt wie Elias' "Prozess der Zivilisation". Elias Instrumentarium ist einfach hochinteressant. Merkwürdigerweise ist mir diese Interpretationshilfe für die Realität kaum dadurch geschwächt worden, dass mich einige Argumente heute nicht mehr voll überzeugen, natürlich unter dem Einfluss von Hans Peter Dürr.Die Diskussion um Elias' Thesen nimmt kein Ende. Er hat so etwas wie eine Schule zur Folge. Immer wieder kann man Ergänzendes oder Kritisches kaufen. Ein hochinteressantes Buch in dieser Reihe ist Robert Muchembled "Die Erfindung des modernen Menschen".Elias schreibt ausserdem sehr lesbar. Wer einen Einstieg sucht, der kann es ganz hinten versuchen, mit dem Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Faszinierend.Hier muss es einmal gesagt sein: Warum Schrott lesen, wenn es solche Bücher gibt?Prädikat: Zwingend!

Diese Rezension von Fuchs Werner Dr fanden 15 von 19 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Warum sich die Lektüre noch immer lohnt

Weil 70 Jahre auch in der Geisteswissenschaft eine sehr lange Zeit ist, könnte man verständlicherweise der Versuchung erliegen, sich an den 750 klein geschrieben Textseiten vorbeizuschmuggeln, die Norbert Elias 1939 veröffentlichte. Zumal es ja mehrheitlich so ist, dass sich der Erkenntnisgewinn bei Pflichtübungen in Grenzen hält. Aber so wie Sigmund Freud ist eben auch Norbert Elias eine Ausnahme. Das heißt nicht, dass in den Gebieten dieser beiden Geistesgrößen nichts Neues hinzugekommen wäre, nachdem ihre Stimmen verstummten. Es gibt berechtigte Kritik und wichtige Variationen ihrer Modelle. Aber ich mache den Vergleich zwischen Freud und Elias, weil sie etwas verkörpern, was heute schon beinahe als unwissenschaftlich gilt. Sie geben nicht nur Antworten, sondern stellen auch die wesentlichen Fragen. Und diese Fragen formulieren sie so, dass wir sie im 21. Jahrhundert noch mit Genuss lesen können. Zudem sind sie Großmeister im Malen von Sprachbildern, in denen wir mögliche Antworten bereits erkennen können. Zwei Bilder sollen stellvertretend für unzählige sein. Das Bild der denkenden Statuen, die einander weder sehen, noch berühren oder hören können und dennoch dazu verurteilt sind, sich über sich und die anderen Gedanken zu machen. Oder der hohe Turm, in dem eine Menschengruppe mit jeder Generation höher steigt, bis sich niemand mehr daran erinnern kann, wie man überhaupt so hoch hinauf gelangen konnte. Ein Grund, weshalb sich die Lektüre dieser beiden Bände also noch immer lohnt, lautet: Der Leser lernt die Kunst des Fragens und das Formulieren starker Metaphern.

Unter den kultursoziologischen Werken von heute gibt es nur wenige, die auch von Lesern ohne Studium verstanden werden. Und wenn ich an gewisse Kritiker von Norbert Elias Theorien denke, kommt mir der Neurologe Gerhard Roth in den Sinn, der behauptet, dass Sprache primär zur Rechtfertigung des eigenen Verhaltens dient. Denn obwohl ich mit akademischen Verklausulierungen vertraut bin, habe ich große Mühe, diese Elias-Kritiker überhaupt zu verstehen. Ein weiterer Grund für die Überzeitlichkeit das Werk von Elias lautet demnach: Der Leser erhält Anschauungsunterricht in der Kunst des wissenschaftlichen Schreibens ohne unnötigen Fachjargon.

Das Stichwort Neurologie führt mich zu einem Aspekt, der leicht vergessen wird. Norbert Elias räumt dem Unbewussten eine Stellung ein, die es nach ihm weder in der Soziologie, noch in anderen Wissenschaften hatte. Erst seit einigen Jahren erinnert man sich wieder daran, dass in einem so komplexen Gebilde wie der menschlichen Gemeinschaft nicht alles rational zu und her gehen kann. In einem Interview, in dem ihn der Befrager darauf festnageln wollte, als Jude müsse er sich doch als Teil der jüdischen Gemeinde gefühlt haben, antwortete Elias: "Das, entschuldigen Sie, unterstellt eine Bewusstseinsebene, die ich sicher nicht hatte..." Auf nachträgliche Projektionen war Norbert Elias so allergisch, dass er seine Methode immer wieder überprüfte, um untaugliche Rückwärtserklärungen zu vermeiden. Der dritte Grund für ein Wiederlesen mit Elias lautet: Er sensibilisiert uns für die Macht des Unbewussten und erinnert uns daran, dass sich Erklärungen auf den Wissensstand beziehen müssen, die Menschen zur Zeit ihres Handelns haben.

Der vierte und im Rahmen einer solchen Rezension letzte Grund lautet: Norbert Elias lehrt uns die Kunst des Beobachtens. Wie ernst Elias es mit dem Beobachten nahm, zeigt eine Episode aus der Zeit seiner ersten Professur in Ghana. Um nachzuempfinden, was ein Grieche beim Opfern eines Stieres fühlte, nahm Norbert Elias an solchen Ritualen teil, sah hervorquellende Eingeweide und wurde vom Blut bespritzt. Wie wenig selbstverständlich diese Haltung ist, obwohl heute alle von Feldforschung sprechen, zeigt die Rezeption von Laura Maria Augustins soziologischen Arbeiten. Als die Autorin von "Sex at the Margins" einer NGO-Repräsentantin empfahl, wirklich mit Sexarbeiterinnen zu reden, entgegnete diese: "Wir müssen nicht mit Prostituierten reden, um zu wissen, was Prostitution ist."

Mein Fazit: Für Soziologen ist die Lektüre Pflicht. Und für andere Interessierte lohnt sich die Lektüre dieses Standardwerks noch immer, weil es mehr als nur vier gute Gründe dafür gibt.

Diese Rezension von Rolf Dobelli fanden 12 von 16 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Warum wir sind, wie wir sind

Warum essen wir mit Messer und Gabel und nicht wie unsere Vorfahren mit der Hand? Warum besteht das Leben des modernen Menschen aus zwei Seiten, einer öffentlichen und einer privaten, die er vor den Blicken anderer tunlichst schützt? Warum befallen uns Scham und Peinlichkeitsgefühle, wenn wir die Sitten der Menschen im Mittelalter betrachten? Dies sind nur einige der Fragen, denen sich Norbert Elias in seinem Buch widmet – nicht abstrakt und theoretisch, sondern auf höchst lebendige und anschauliche Weise. Sicher braucht man einen langen Atem, um das zweibändige Monumentalwerk zu bewältigen. Streckenweise ist die Lektüre nicht einfach, und die detaillierten Ausführungen über die Entstehung des französischen Königtums sind für den historischen Laien bisweilen etwas mühsam zu lesen. Aber die Mühe lohnt sich, denn das Buch öffnet uns die Augen darüber, warum wir sind, was wir sind – und wer möchte das nicht wissen? Auch knapp 70 Jahre nach seinem Erscheinen hat dieser Klassiker der Soziologie nichts an Aktualität und Überzeugungskraft eingebüßt.

Diese Rezension von Helga König fanden 35 von 58 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen "Menschen sind nicht in der Lage, den Tod abzuschaffen. Aber sie sind ganz gewiß in der Lage,

das gegenseitige Töten abzuschaffen." ( Zitat: Norbert Elias)

Diese beiden Bände habe ich vor längerer Zeit bereits gelesen und mich die letzten Tage zwecks Anfertigens der Rezension in meine alten Exzerpte vertieft.

Verfasser des Klassikers ist der Soziologe Norbert Elias ( 1897-1990).

Das Anliegen in seinem hier vorliegenden Hauptwerk besteht darin den Zusammenhang von Sozio- und Psychogenese aufzuzeigen.

Er dokumentiert anhand der Tischsitten und des Sexuallebens der europäischen Oberschichten, wie an den Fürstenhöfen Europas eine neue Verhaltenskultur entstand, welche aufgrund größerer Selbstbeherrschung, Höflichkeit, Rücksichtsnahme, Intriganz, Liebenswürdigkeit, Berechung und Schauspielerei, aber auch durch stärkere Trennung von Innen und Außen geprägt war.

Besonders bemerkenswert sind seine literarischen Beispiele für das Verhältnis der deutschen, mittelständischen Intelligenz zu den höfischen Menschen und die Betrachtungen des Autors zur Verhaltensänderung in der Renaissance. Elias fragt u.a. ob die Peinlichkeitsschwelle und Schamgrenze in der Zeit des Erasmus vorrücken und dessen Schrift Anzeichen dafür enthält, dass die Empfindlichkeit der Menschen und die Zurückhaltung, die man voneinander erwartet, größer wird?

Im Laufe des 16. Jahrhunderts trat der Begriff "courtoisie" in der Oberschicht allmählich zurück. Nun wurde der Begriff "civilité" immer häufiger und gewann im 17. Jahrhundert, zumindest in Frankreich, die Oberhand. Was das im Einzelnen bedeutet hat, kann man bei Elias ausführlich nachlesen.

Der Soziologe hält fest, dass Sprache eine Verkörperung des Gesellschaft-oder Seelenlebens sei. Interessanterweise unterscheidet sich die Art, in der Menschen begründen, weshalb dieses Benehmen oder dieser Gebrauch bei Tisch besser ist als jener kaum von der Art, in der begründet wird , weshalb dieser sprachliche Ausdruck besser ist als jener.

Lesenswert auch sind die Seiten über die Entwicklung des Gebrauchs von Messer und Gabel, das Verhalten im Schlafraum und schließlich die Wandlungen in der Einstellung der Beziehung von Mann und Frau.

So gewinnt die Ehe in der absolutistisch-höfischen Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts einen besonderen Charakter dadurch, dass hier der Aufbau der Gesellschaft zum erstenmal durch die Herrschaft des Mannes über die Frau ziemlich vollständig gebrochen ist. Elias betont, dass die soziale Stärke der Frau annähernd gleich groß war, wie die des Mannes und nun die gesellschaftliche Meinung in sehr hohem Maße von der Frau mitbestimmt wurde.

Im zweiten Band geht es Elias darum Wandlungen der Gesellschaft aufzuzeigen, um in der Folge zu eine Theorie der Zivilisation zu entwickeln. Dargestellt werden die Mechanismen der Feudalisierung, auch wird detailliert auf die Soziogenese des Staates eingegangen.

Dann folgt der Entwurf einer Theorie der Zivilisation.

Der individuelle Zivilisationsprozess vollzieht sich, wie der gesellschaftliche, bis heute noch immer zum größten Teil blind.

" Unter der Decke dessen, was die Erwachsenen denken und planen, hat die Art der Beziehung, die sich zwischen ihnen und dem Heranwachsenden herstellt, Funktionen und Wirkungen in dessen Seelenhaushalt, die sie nicht beabsichtigt haben und von denen sie kaum etwas wissen."

Das macht den gesellschaftlichen Modilierungsprozess im Sinne der abendländischen Zivilisation nicht einfacher. Was diesen Prozess zu einer besonderen, einzigartigen Erscheinung werden lässt, ist wohl die Tatsache, dass sich hier eine Funktionsteilung so hohen Ausmaßes, Gewalt- und Steuermonopole von solcher Stabilität, Interpendenzen und Konkurrenzen über so weite Räume und so große Menschenmassen hin hergestellt haben, wie noch nie in der Erdgeschichte.

Bei allem hält Elias zu Ende seiner Betrachtungen fest: " Die Zivilisation ist noch nicht abgeschlossen. Sie ist erst im Werden."

Genau dies wird dem Leser bewusst, wenn er die beiden Bücher gelesen hat und mit wachen Augen zur Kennnis nimmt, was um ihn herum geschieht.

Ein Lesemuss.

Über den Prozeß der Zivilisation, 2 Bde.



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