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EntwicklungsstadiumNietzsche hat in seinem Leben drei Phasen durchlaufen, die sich eindeutig ueberschreiben lassen: Die Phase des Mystikers, in der Nietzsche Schopenhauer verehrte und Wagner; dann die Phase des sachlichen Naturwissenschaftlers, des Reduktionisten, dessen, der sich nur noch auf das beruft, was Wissenschaft ihm beweisen kann und der alles verwirft, das nicht durch Wissenschaft greifbar ist; und schliesslich die Phase des Uebermenschen, in die wir den Zarathustra als sein bekanntestes Werk einordnen koennen, eine Phase, in der Nietzsche nur noch das von Bedeutung ist, was aus dem eigenen Innern erwaechst: jeder wird zum eigenen Moralmassstab.
"Jenseits von Gut und Boese" stammt aus Nietzsches zweiter Phase und ist somit, wie ich finde, wie alle Werke Nietzsches, mehr in der historischen und persoenlichen Entwicklung der Gedanken zu wuerdigen als in der Absolutheit der erreichten Formulierungen.
Es geht in diesem Buch darum, dass weder Gut noch Boese existieren, dass dies bloss vom Menschen geschaffene Begriffe sind. Nietzsche versucht ferner aufzuweisen, dass nicht nur Gut und Boese relativ sind, sondern grundsaetzlich Moral abhaengig von der definierenden Basis.
Es gibt in diesem Buch viele Kapitel, viele seitenlange Abhandlungen. Ob man also das ganze Buch lesen muss, moechte ich offenlassen, dass man es aber zu Teilen durchaus lesen kann, auch um Nietzsches zweite Entwicklungsphase noch einmal nachzuvollziehen, dazu kann ich nur raten, und in diesem Sinne ist dieses Werk Nietzsches empfehlenswert.
Das moralische Urteilen [...] ist die Lieblings-Rache der Geistig-Beschränkten an denen, die es weniger sind [...]" (Nr. 219).Faszinierend, mitreißend, erschreckend, provozierend: Friedrich Nietzsche bleibt bis zum heutigen Tage einer der polarisierendsten Philosophen, die unser Land je hervorgebracht hat. Von der Kirche verachtet, von den Nazis instrumentalisiert, von Frauenrechtlern verteufelt und doch von allen großen nachfolgenden Denkern (Sartre, Derrida, Foucault) rezipiert. "Jenseits von Gut und Böse" bietet einen perfekten Einstieg in das Denken Nietzsches, da hier sämtliche zentralen Konzepte des Denkers ihren Platz haben.
Worum geht es Nietzsches in seinem Werk? Der Philosoph legt dar, wie unsere Moral, unsere Vorstellungen von Gut und Böse, im Laufe der Jahrhunderte entstanden ist. Sein Urteil über die aktuell herrschende Moral ist eindeutig: "Moral ist heute in Europa Herdentier-Moral" (Nr. 202). Diese Herdetier-Moral, von Nietzsche auch als "Sklaven-Moral" bezeichnet, erhebe "das Mitleiden, die gefällige hilfsbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, de[n] Fleiß, die Demut" (Nr. 260) zu Tugenden, zur Moral. Als Hauptverantwortlichen für die Vorherrschaft der Sklavenmoral in Europa sieht Nietzsche das Christentum, welches Schwäche zur Tugend erklärt und alles Starke und Schöpfende ins Reich des Bösen verbannt habe: "Der christliche Glaube ist von Anbeginn Opferung: Opferung aller Freiheit, alles Stolzen, aller Selbstbewußtheit des Geistes, zugleich Verknechtung, Selbst-Verhöhnung, Selbst-Verstümmelung" (Nr. 46). Das Christentum habe also zu einer "Umkehrung aller Werte" geführt und alles Schwache und Zerbrechliche, was laut Nietzsche zugrunde gehen soll, zur Tugend erklärt und als Gut definiert, wohingegen alles Starke, Selbstbewusste, alles Schöpfende vom Christentum als Böse bezeichnet wurde. Nietzsche lässt an seiner Verachtung für das Christentum keinen Zweifel und spricht von einer "christlichen Infektion" (Nr. 48).
Nietzsches Idealbild ist das eines Menschen, der schöpferisch tätig ist und sich selbst seine Werte, seine Moral, schafft: "Ihr 'Erkennen' ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wirklichkeit ist - Wille zur Macht" (Nr. 211). Dieser starke und unabhängige Mensch, der sich seine Moral schafft und vom Christentum als Vertreter des Bösen, als Anti-Christ, definiert worden ist, bezeichnet Nietzsche als Übermenschen. Der Wille zur Macht ist schlussendlich nicht anderes als der Wille zum Übermenschen. Diese Konzepte präzisierte Nietzsche in seinem Hauptwerk Also sprach Zarathustra auf rhetorisch und inhaltlich brillante Art und Weise.
Was verwundert und aus heutiger Sicht nur noch unfreiwillig komisch wirkt, sind Nietzsches Tiraden gegen das weibliche Geschlecht: Hier nur ein paar Kostproben: "Das Weib lernt hassen, in dem Maße, in dem es zu bezaubern - verlernt" (Nr. 84); "Wo nicht Liebe oder Haß mitspielt, spielt das Weib mittelmäßig" (Nr. 115) oder ganz besonders schön: "Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich etwas an ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung" (Nr. 144). So amüsant diese Statements auch zu lesen sind, stehen sie doch in keinem Zusammenhang mit dem Rest der Darstellung, zumindestens soweit ich das erkennen kann. Wer weiß, was den guten Friedrich da geritten hat.
Fazit: Faszinierende Philosophie, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat. An sprachlicher Brillanz gibt es bis heute keinen Denker, der es mit Nietzsche aufnehmen kann. So bietet "Jenseits von Gut und Böse" auch nach mehr als 100 Jahren packende Philosophie auf höchstem Niveau.
Aphorismen über Kritik der Moderne und Kritik an der MetaphysikPhilosophisches Werk in Aphorismen von Friedrich Nietzsche, erschienen 1886. - Nachdem Nietzsche die Jahre zwischen 1882 und 1885 der Niederschrift von Also sprach Zarathustra gewidmet hatte, kehrte er mit Jenseits zur aphoristischen Form der vorhergehenden Schriften zurück. Das Buch ist aus dem aufgegebenen Entwurf einer gründlichen Überarbeitung von Menschliches, Allzumenschliches im Sinne von Nietzsches späterer Philosophie hervorgegangen. Nietzsche griff dafür auch auf Notizen zurück, die er teils schon Anfang der achtziger Jahre, teils während der Abfassung des Zarathustra niedergeschrieben hatte. Von Menschliches, Allzumenschliches übernimmt Jenseits die Gliederung in neun betitelte »Hauptstücke«. Die Aphorismen sind dementsprechend thematisch strenger geordnet als in Morgenröthe oder Die fröhliche Wissenschaft; neben »Aphorismenketten«, in die längere Texte eingebunden sind, findet man jedoch auch knappe, isolierte Sentenzen (als eine Art Intermezzo vor allem im vierten Hauptstück Sprüche und Zwischenspiele gesammelt). Die Schrift sollte ein »Vorspiel« zum damals von Nietzsche geplanten und nie ausgeführten Hauptwerk Der Wille zur Macht sein. Zugleich faßt Nietzsche sie zur Zeit ihrer Entstehung als »eine Art Einführung in die Hintergründe des Zarathustra« auf. Das Verhältnis zum »Zarathustra« wird in Ecce homo verdeutlicht: demzufolge sei Jenseits »in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität, die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die moderne Politik nicht ausgeschlossen« und leite als solche - nachdem Nietzsche mit Also sprach Zarathustra den jasagenden Teil seiner Aufgabe für vollendet hielt - »die neinsagende, neinthuende Hälfte« derselben ein. Mit dem Stichwort »Kritik der Modernität« versucht die spätere Autobiographie die Vielfalt der in Jenseits behandelten Themen unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen; die Schrift ist in der Tat zugleich der Versuch einer systematischeren und gelehrteren Darstellung von Nietzsches neuer Philosophie - vor allem seiner Erkenntnis- und Moralkritik - und einer umfassenden kritischen Stellungnahme zur »Aktualität«. Die »Unzeitgemäßheit« wird wiederum als charakteristisches Merkmal der Philosophen bestimmt, deren Aufgabe Nietzsche zufolge darin besteht, »das böse Gewissen ihrer Zeit zu sein«; ihr Feind sei »jedes Mal das Ideal von Heute«.
Das 1. Kapitel Von den Vorurtheilen der Philosophen rückt die Metaphysik in den Mittelpunkt der Kritik. Nietzsche weist die Entstehung der Metaphysik aus den allen indoeuropäischen Sprachen gemeinsamen grammatischen Funktionen auf und entlarvt damit ihre scheinbare Selbstverständlichkeit. Wie die sogenannten synthetischen Urteile a priori sind nämlich auch die grammatischen Funktionen im allgemeinen bloß fiktionaler Natur. Weitreichende Bedeutung mißt Nietzsche insbesondere der grammatischen Teilung zwischen Prädikat und Subjekt zu, als dessen Hypostase er sowohl das metaphysische Subjekt als auch den traditionellen Willensbegriff ansieht, der einen sehr komplizierten Vorgang mit einem einfachen Wort eher kaschiert als bezeichnet. Neben den sprachlichen Täuschungen - oder anderem »Volks-Aberglauben« - sieht Nietzsche »eine verwegene Verallgemeinerung von sehr engen, sehr persönlichen, sehr menschlich-allzumenschlichen Thatsachen« als Entstehungsherd der dogmatischen Philosophien an. In diesem Sinn sei jede bisherige große Philosophie einfach »das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires«. Das Denken werde nämlich von unbewußten Trieben heimlich auf bestimmte Bahnen gelenkt. Deswegen soll nach Nietzsche der lebendige Grund einer jeden Metaphysik nicht in ihrem rein spekulativen, sondern in ihrem praktischen Teil, das heißt in der darin zu Wort kommenden Moral gesucht werden.
Mit seiner Metaphysikkritik zielt Nietzsche zuletzt auf die Entlarvung der metaphysischen Reste und moralischen Altlasten ab, die - meist unbemerkt - die zeitgenössische Wissenschaft noch wesentlich prägen. Die Physik faßt er als bloßes Zeichensystem auf: Er bestimmt die Begriffe »Ursache« und »Wirkung« »als conventionelle (.) Fiktionen zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung, nicht der Erklärung« und die »materialistische Atomistik« einfach als »Abkürzung der Ausdrucksmittel«. Nietzsche hebt hervor, »dass Physik auch nur eine Welt-Auslegung und -Zurechtlegung (nach uns! mit Verlaub gesagt) und nicht eine Welt-Erklärung ist«. Auch die Physik steht nach Nietzsche wie die Metaphysik unter der Botmäßigkeit der Moral. Anzeichen der Herrschaft moralischer Vorurteile selbst in der Naturwissenschaft sei die Interpretation der Regelmäßigkeit des Geschehens als »Gesetzmäßigkeit der Natur«. Ihr setzt Nietzsche die erst in Jenseits zur Weltauslegung verallgemeinerte Theorie des Willens zur Macht entgegen. Er scheint jedoch unschlüssig, wie er seine Lehre den Lesern darbieten soll. Während sie in diesem Zusammenhang bloß als alternative unverbindliche Interpretation aufgefaßt wird, finden wir in einem anderen Aphorismus den einzigen von Nietzsche veröffentlichten, allerdings hypothetisch gehaltenen Versuch eines Beweises dieser Lehre. Ausführlich sollte sie jedenfalls erst im geplanten Hauptwerk dargestellt werden; im »Vorspiel« bleibt Nietzsche eher zurückhaltend. In noch höherem Maß gilt diese Zurückhaltung für einen anderen zentralen Gedanken seiner Philosophie, den der ewigen Wiederkunft des Gleichen: dieser wird nur in einem einzigen Aphorismus angedeutet. Übrigens verbirgt Nietzsche in Jenseits seine Vorliebe für Verstellung und Zurückhaltung kaum: »Alles, was tief ist, liebt die Maske« schreibt er; und in einem anderen Aphorismus: »Jede Philosophie ist eine Vordergrunds-Philosophie . . . Jede Philosophie verbirgt auch eine Philosophie; jede Meinung ist auch ein Versteck, jedes Wort auch eine Maske«.
Der Metaphysik im allgemeinen liegt nach Nietzsche eine moralische Hypothese - die Lehre der Wertgegensätze - zugrunde; sie zurückzuweisen ist die Hauptaufgabe der von ihm als »Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur Macht« bestimmten Psychologie. Die »Chemie der moralischen Empfindungen« von Menschliches, Allzumenschliches weiterführend, weist diese Psychologie die Entstehung des vermeintlich Höheren durch allmähliche Verfeinerung des Niedrigen, der sogenannten moralischen Tugenden aus den biologischen Grundtrieben auf. Sodann stellt sie die traditionelle höhere Schätzung der verfeinerten Formen vorsichtig in Frage. Am zentralen Beispiel des Willens zur Wahrheit kann diese Infragestellung verdeutlicht werden. Mit der oben erwähnten Theorie von der fiktionalen Natur der Erkenntnis legt Nietzsche den vermeintlichen Gegensatz zwischen sogenannten »Wahrheiten« und »Irrtümern« als Unterschied zwischen verschiedenen Stufen der Scheinbarkeit aus. Aus der Relativierung dieses Gegensatzes folgert er die Entstehung des Willens zur Wahrheit aus seinem scheinbaren Gegensatz, dem ursprünglichen Willen zur Unwahrheit. Wenn die Fiktionen für das Leben notwendig sind, dann stellt sich die Frage, ob der Wille zur Unwahrheit schließlich nicht lebensfördernder und mithin wertvoller sei als der Wille zur Wahrheit. In dieser Frage nach dem Wert der Wahrheit und des Willens zur Wahrheit, die Nietzsche als erster gestellt haben will, kündigt sich nach ihm die Überwindung der Metaphysik an.
Als Vorspiel einer Philosophie der Zukunft stellt Jenseits das Heraufkommen von »neuen Philosophen« in Aussicht. An die Gestalt des freien Geistes von Menschliches, Allzumenschliches wiederanknüpfend, sich aber zugleich davon absetzend, behauptet Nietzsche im zweiten Hauptstück - dessen Titel eben Der freie Geist ist -, daß solche Philosophen »freie, sehr freie Geister sein werden . . . so gewiss sie auch nicht bloss freie Geister sein werden, sondern etwas Mehreres, Höheres, Grösseres und Gründlich-Anderes . . .«. Nietzsche bezeichnet sie mit dem zweideutigen Wort »Versucher« und möchte damit sowohl auf den experimentellen Charakter als auch auf die verführerische Verlockung ihrer Philosophie hinweisen. Die Philosophen, von denen sich Nietzsche im Kapitel Wir Gelehrten vor allem absetzen will, sind die Positivisten, die in der Skepsis und der Beschränkung der Erkenntnis einen Schutz gegen den Nihilismus suchen. Nietzsche unterscheidet sie deswegen als »Skeptiker der Schwäche« von den neuen Philosophen, die sich als »Skeptiker der Stärke« dem Nihilismus zu stellen wagen. Die neuen Philosophen werden allerdings - wie Nietzsche selbst - keine bloßen Skeptiker sein, sondern vor allem »Gesetzgeber«; ihre Hauptaufgabe sei nämlich, neue Werte zu schaffen. Jede andere Gestalt, die ein solcher Gesetzgeber jeweils annehme - erscheine er nun als Historiker, als Kritiker oder in anderer Form -, sei nur eine vorbereitende Voraussetzung dieser Aufgabe. Die von Plato übernommene Gestalt des Philosophen-Gesetzgebers inspiriert Nietzsches antidemokratisches Programm; das Hauptstück Über Völker und Vaterländer stellt die Vereinigung Europas unter der Herrschaft einer Kaste solcher Philosophen in Aussicht. »Jede Erhöhung des Typus >Mensch< war bisher das Werk einer aristokratischen Gesellschaft - und so wird es immer wieder sein«: so lautet die Renan entlehnte These, die das letzte Hauptstück Was ist Vornehm? eröffnet. In diesem Kapitel formuliert Nietzsche unter anderem die Theorien vom Unterschied zwischen Herrenmoral und Sklavenmoral und vom Ursprung des Staates, die er dann in Zur Genealogie der Moral weiterführt.
Nietzsche nahe seiner BestformEs ist wahrlich ein Genuss, diese Zeilen zu lesen. Auf jeden Fall lernt man durch die Lektüre viel für das Leben. Alleine die Zweizeiler im Mittelteil sind genial.Absolute Empfehlung, wenn es auch nicht an Zarathustra herankommt.
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