Nietzsche, Friedrich

Zur Genealogie der Moral

Zur Genealogie der Moral
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Erscheinungsdatum: 1988
  • Format: Taschenbuch
  • ISBN: 3150071232
  • EAN: 9783150071236
  • Amazon.de Verkaufsrang: 20.278
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Michael Dienstbier fanden 13 von 13 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen "[L]ieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen..." (Dritte Abhandlung, Nr. 28).

Die 1887 erschienene Streitschrift "Zur Genealogie der Moral" ist eine Ergänzung zu Nietzsches kurz zuvor veröffentlichter Darstellung Jenseits von Gut und Böse und spitzt dessen Gedankengang provokant zu. Worum es ihm im Kern geht, formuliert Nietzsche in aller Deutlichkeit gleich zu Beginn des Buches: "[U]unter welchen Bedingungen erfand sich der Mensch jene Werturteile gut und böse? und welchen Wert haben sie selbst?" (Vorrede, Nr. 3) Was ist Moral? Wer bestimmt, was moralisch, was 'gut' oder 'böse' eigentlich ist? Nietzsches Ansatz zu diesen Fragen beinhaltet alle, was ihn bis heute so faszinierend gestaltet und den Leser gleichzeitig doch in regelmäßigen Abständen zusammenzucken lässt: "Alles, was auf Erden gegen 'die Vornehmen', 'die Gewaltigen', 'die Herren', 'die Machthaber' getan worden ist, ist nicht der Rede wert im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie getan haben, die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden [...] zuletzt nur durch eine radikale Umwertung von deren Werten, also durch einen Akt der geistigen Rache Genugtuung zu schaffen wußte. [...] Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Wertgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses [...] festgehalten haben, nämlich 'die Elenden sind allein die Guten, die Armen; Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten [...] dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, die Unersättlichen, die Gottlosen'" (Erste Abhandlung, Nr. 7).

Mit der jüdisch-christlichen Religion beginnt für Nietzsche der "Sklavenaufstand in der Moral" (Erste Abhandlung, Nr. 10), der alles Starke und Edle für böse erklärt und im Gegensatz Schwäche und Demut sublimiert und moralisch für gut erklärt. Träger dieser Sklavenmoral sei seit 2000 Jahren das Christentum, gegen das Nietzsche immer wieder heftig zu Felde gezogen ist, am deutlichsten in seiner Polemik Der Antichrist: Versuch einer Kritik des Christentums.

Nietzsches Ideal ist der Mensch, der die Kraft hat, sich über die herrschenden Grundsätze der Moral hinwegzusetzen und aus sich selbst heraus neue Werte schafft: "Dieser Mensch der Zukunft [...] dieser Glockenschlag des Mittags und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgibt, dieser Antichrist und Antinihilist, dieser Besieger Gottes und des Nichts - er muß einst kommen..." (Zweite Abhandlung, Nr. 24). Diesen Menschen, der sich selbst Quelle aller Moral ist, bezeichnet Nietzsche unvergesslich als Übermenschen.

Noch heute wird man von der Wucht dieser Philosophie und seiner hämmernden Rhetorik mitgerissen, so dass sich der heutige Leser kaum noch vorstellen kann, wie wohl Nietzsches Zeitgenossen gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf seine Schriften reagiert haben. Seine radikale Ablehnung der jüdisch-christlichen Moralvorstellungen, die in Europa bis dahin unangefochten den Diskurs von gut und böse dominiert hatte, stellte etwas Ungeheuerliches und quasi eine Art Sündenfall der abendländischen Philosophie dar.

Seine Diktion sowie seine Rhetorik gestaltete es für die Nazis recht einfach, ihn für ihre Weltanschauung zu instrumentalisieren. Und in der Tat fällt es sehr schwer, einige Stellen des Buches zu lesen, ohne an den späteren Verlauf der deutschen Geschichte zu denken: "Die Größe eines "Fortschritts" bemißt sich sogar nach der Masse dessen, was ihr alles geopfert werden mußte; die Menschheit als Masse dem Gedeihen einer einzelnen Spezies Mensch geopfert - das wäre ein Fortschritt" (Zweite Abhandlung, Nr. 12). Diese stärkere "Spezies Mensch" zeichnet sich für Nietzsche allerdings nicht durch den Besitz bestimmter körperlicher Eigenschaften aus, sondern bezieht sich auf die Fähigkeit und den Willen eines Menschen, sich über die althergebrachten Moralvorstellungen hinwegzusetzen und aus sich selbst heraus Werte zu schaffen.

Fazit: Rhetorisch brillant, inhaltlich provokant und bis heute faszinierend und mitreißend. "Zur Genealogie der Moral" eignet sich auch gut als Einstieg für den Nietzsche-Anfänger, da hier zentrale Konzepte seines Denkens in aller Klarheit dargestellt werden und gleichzeitig deutlich wird, was ihn bis heute zu einem der am kontrovers diskutiertesten Philosophen macht.

Diese Rezension von DerManoware fanden 10 von 11 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Übermenschlich

Einen besseren Einstieg in Nietzsches Denken kann man sich gar nicht träumen lassen. Zwar ist der Zarathustra sein Hauptwerk, doch habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, dass man den Zarathustra nur mit seinen anderen Werken im Hinterkopf so richtig verstehen kann.

Für diesen Preis sollte man sich das Werk auf jeden Fall zulegen, zumal man es sicherlich nicht nur einmal lesen wird.

Oft lese ich Nietzsche einfach nur, um mich an seinem ihm ganz eigenen, unverwechselbaren Sprachstil und seiner Suggestionskraft zu ergötzen. Vor allem dieses Buch ist zu solchem Zwecke gleich zur Hand.

Inhaltlich legt er eine kühne Moralgeschichte und Moralwertung vor, die an Sprengkraft seinesgleichen sucht.

Diese Rezension von Saskia H. fanden 6 von 8 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen für nietzsche-liebhaber ein muss, für einsteiger empfehlenswert

die genealogie der moral ist ein ausgezeichneter einstieg in nietzsches werk, da hier die grundlegenden aspekte seiner philosophie angerissen und beleuchtet werden. der überaus gelungene stil verleitet leicht dazu, das werk als bettlektüre zu "missbrauchen" und wesentliche gedanken zu überlesen, da man oft von der amüsanten sprache hingerissen wird. dabei steckt sehr viel mehr hinter den worten, als man beim ersten lesen vermutet. interessant ist es auch, wenn man die gedanken der genealogie mit späteren werken vergleicht.

fazit: für philosophiestudenten und -interessierte eine basislektüre, aber auch für "normalsterbliche" empfehlenswert!

Diese Rezension fanden 24 von 36 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Der Einstieg in Nietzsches Denken

Die Genealogie zur Moral ist, abgesehen von Nietzsches Debut-Werken, das einzige Buch in welchem seine Aphorismen gegliedert und geordnet geschrieben sind. Ob Gilles Deleuze recht hat in dem er sagt, dass dieses Buch eine Antwort auf Kants "Kritik der reinen Vernunft" sei, das mag dahingestellt sein, doch scheint mir dieses Buch der bestmöglichste selbstständige Einstieg in Nietzsches Denken zu sein.

5 von 5 Sternen Der Übermensch ist ein Boddhisatva

Wenn "Jenseits von Gut und Böse" eine Einleitung respektiver ein Tor darstellt, dann ist "Zur Genealogie der Moral" das Buch des großen Weges. ( Man könnte auch großes Fahrzeug oder christlich großer Wagen sagen )

Wer Nietzsches "Streitschrift" gelesen hat der erfasst das es durch dieses Buch keine Kriege mehr geben kann.

Was ist MORAL ???

Was ist GUT ???

Was ist BÖSE ???

Wer oder was definiert die Begrifflichkeiten ???

Es ist unglaublich entzückend, das hier ein Europäer quasi auf westlichem Weg den Spuren des Tao te king von Laotse folgt.

ALL(e) gedanklichen Ansätze und Fragen haben die Quelle im Taoismus, Hinduismus sowie Buddhismus.

Ja man kann unversehen sagen dieser Mann hat vor 130 Jahren verstanden welche wahre Aufgabe der Mensch als "Krone der Schöpfung" hat. Dieses erkennen und verlassen des genormten plattgetretenen und komplett durchasphaltierten Weges der institutionellen Abrahamanhänger ist ein Erwachen zur absoluten Eigenverantwortlichkeit unseres individuellen SEINS.

Seine weiterhin vorhandenen Spitzen gegen das Christentum sind aber letztendlich reine systemische Kritik und er befleckt und beschmutzt niemals die Lehre des ersten sowie letzten Christen Jesus Christus.

Dieses "KLEINE" "grosse" Buch ist ein Meilenstein in der Entwicklung zu einer Welt in der die Eigenverantwortung unserer Tathandlungen ( Gottlieb Fichte ) das maßgebliche und letztendlich ALL(einig) auschlaggebende Kriterium ist.

Dieser absolute Wille zum Erreichen dieser Vorstellung bezeichnet Nietzsche als Übermensch.

Ich möchte diese Rezension mit einer taoistischen Kernaussage aus dem TAO TE KING beenden die quasi eine Gesamtzusammenfassung von Nietzsches Gedankengut der Genealogie der Moral darstellt.

Wird der rechte Weg verlassen entstehen Güte und Moral

Wissen und Klugheit kommen auf und große Heuchelei folgt

Zerbricht die Eintracht der Familie entsteht Kindespflicht und Elternliebe

Wenn das Land in Wirren und Chaos gerät treten ergebene Staatsdiener auf

Zur Genealogie der Moral

Lexikalische Einträge zum Thema

Adelung-1793: Genealogie, die · Moral, die

Brockhaus-1809: Die Genealogie · Moral

Brockhaus-1837: Genealogie · Moral

Brockhaus-1911: Genealogie · Nietzsche · Moral insanity · Zorilla y Moral · Moral · Frei bis zur Adria · Zur Straßen · Wolff-Metternich zur Gracht · Herbergen zur Heimat · Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger

DamenConvLex-1834: Genealogie · Moral · Pauline, Christine Wilhelmine, Fürstin zur Lippe

Eisler-1904: Moral sense · Moral-Beweis · Moral-Dynamic · Moral (1) · Moral (2) · Moral insanity · Wille zur Macht

Eisler-1912: Nietzsche · Nietzsche, Friedrich Wilhelm · Förster-Nietzsche, Elisabeth

Herder-1854: Genealogie · Zorrilla y Moral · Moral

Kirchner-Michaelis-1907: Moral

Lueger-1904: Cyklon zur Entstaubung

Mauthner-1923: moral insanity · Hemsterhuis' »Organe moral«

Meyers-1905: Genealogie · Nietzsche · Morāl · Moral insanity · Recht zur Sache · Signalwesen zur See · Wolff-Metternich zur Gracht · Rettungswesen zur See · Zur Guten Stunde · Privateigentum zur See · Deutsche Gesellschaft zur Beförderung rationeller Malverfahren · Aufgabe zur Post · Frei bis zur Adria! · Kolonien zur Heimat · Haager Gesellschaft zur Verteidigung der christlichen Religion

Pataky-1898: Förster-Nietzsche, Elisabeth · Förster-Nietzsche, Frau Elisabeth · Rosen, Hildegard zur · Megede, Marie zur · Elisabeth, verw. Fürstin zur Lippe · Hartog zur Megede, Marie

Pierer-1857: Genealŏgie · Moral · Zorrilla y Moral · Zur [1] · Zur Tracht bringen · Choletsche Methode zur Aufbewahrung des Fleisches · Zur [3] · Zur [2] · Metternich zur Gracht · Beth-Zur · Nordeck zur Rabenau · Zur Jungfer machen · Wolf von u. zur Todenwarth

Roell-1912: Bedingungsweise zur Beförderung zugelassene Gegenstände

Sulzer-1771: Moral. Moralisches Gemähld · Moral



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