Bloom, Harold

Die Heiligen Wahrheiten stürzen

Die Heiligen Wahrheiten stürzen
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erscheinungsdatum: 1991-09-12
  • Bindung: Gebundene Ausgabe
  • Seitenzahl: 207
  • ISBN: 3518580868
  • EAN: 9783518580868
  • Amazon.de Verkaufsrang: 771.452
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Diese Rezension von kpoac fanden 16 von 19 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen "So schwankt ein jeder, suchend die Wahrheit " (Boethius)

Was muss der Mensch wissen? Was muss der Mensch lesen? Das sind Fragen, die neuerdings im Leben des Informationszeitalters intellektuell oder auch polemisch diskutiert werden. Das Zeitalter der In-Formation ist (so geschrieben), ein Zeitalter der nicht Gebildeten, der Un-Bildung oder wie Adorno sagte, der Halbbildung. Nun geht die Halb-Bildung der Bildung nicht voraus, sondern folgt ihr. Halbbildung ist nach Adorno abfragbares Wissen, Bildung dagegen ein Wissen, welches in Zusammenhängen existiert und als Erkenntnis den Gebildeten und eben die Bildung alter Tradition ausmacht. Abfrage ist Spiegelung, nicht Durchblick. "Fenster sein! Nicht Spiegel!" ist die beredte und treffende Aussage Rilkes hierzu.

Harold Bloom, ein profunder Kenner der Literatur, emeritierter Professor aus Yale und Autor bedeutender Bücher über Shakespeare und die genuinen Menschen dieser Literatur-Welt, schickt sich an, Einfluss zu erkennen wie dessen Wahrheit und Bedeutung für den Nachfolger. Er steht, wenn man will, an der Weggabel mit Laios und Ödipus und wird feststellen, dass der Sohn dem Vater auch im dichterischen Sinn den Garaus machen möchte. "Leben für ihn, wäre Tod für mich", ist die Kernaussage Keats über Milton und stellt das Dilemma prägnant und distinkt dar.

Harold Blooms Publikationsliste ist beeindruckend, wie sein Spektrum vielfältig. Über den Jahweisten hat er eine Monographie verfasst. ("Der Jahweist" ist eine Chiffre für den anonymen Verfasser eines Teils des Alten Testaments) der in diesem Werk mit J als Autor des AT bezeichnet wird. Es geht um Dichtung und Glauben, um den Sturz der heiligen Wahrheiten. Was leistet dieses Buch?

Bloom stellt Dichtung und Glauben in den Zusammenhang, beginnt mit dem von J verfassten Alten Testament, insbesondere den Büchern Moses Genesis und Exodus und vergleicht im historischen Kontext Ilias und Odyssee des Homers, lässt in Zusammenhängen Vergil folgen und beantwortet die Fragen des Einflusses starker Dichter wie Jeremias, Job (Hiob) und Jona. Wenn Dichtung und Glauben einen Zusammenhang haben, dann werden die Zeitreisen von Homer zu Dante notwendig, wo doch gerade bei Dante und der Göttlichen Komödie die Glaubensfragen offensichtlich sind. Die Trilogie der Gesänge von Hölle, Fegefeuer und Paradies ist biblischen Ursprungs, wie auch die Auferstehung Beatrices im Lichte eine Affinität zum Johannes Evangelium enthält. Shakespeare in Folge verhält sich nicht anders, lässt er Hamlet sterben, mit den Worten: "Der Rest ist Schweigen", dem aber eine ausgesprochene Ahnung anderer Welten mit dem Ausdruck Hamletschen Wissens vorherging. Schweigen bei Jesaja 30 oder 41, in den Psalmen ist eben auch für Shakespeare bei Hamlet, Othello (Jago: Von nun kein Wort mehr) ein Zeichen, das die Dinge eben gesagt sind. Dostojewski im fünften Buch der Brüder Karamazow (Der Großinquisitor) verfährt nicht anders mit der Fiktion, Jesus im Verhör mit dem Großinquisitor nur schweigend darzustellen. Wo die Zeit gekommen, ist nur noch Schweigen. König Lear übt sich in Geduld, wie es Job (Hiob) nicht anders konnte, um seine Qualen aushalten zu können. "Ich bin nicht, was ich bin!" Lässt er Jago im Othello sagen und es ist nicht mehr als die Antithese der Antwort auf Moses Frage nach Gottes Namen: "Ich bin, der ich bin".

Und so folgen Milton und sein Paradies Lost, die Zeit der Aufklärung und Romantik, über Blakes Milton hin zu Freud, Das verlorene Paradies ist umbenannt in: Jenseits des Lustprinzips und Bloom erweitert bis hin zu Jenseits von Freud, insbesondere zu Kafka, dem Bloom mit gleicher Religionszugehörigkeit eine neue Kabbala zuschreibt. Dieser Kanon ist die Auswahl der besten (besseren) Schriftsteller aller Zeiten, die man, obwohl die Zeiten ja Veränderungen zeitigen, gelegentlich ergänzen muss. mit Schriftstellern, die sich messen an den Vorgängern und dennoch zu einer Position der eigenen Stärke kommen. Milton zeigt sich wie ein Gott, seine Darstellung von Satan, Gott und Geist ist eine einmalige und für die Literatur unüberschätzbare Leistung. Miltons Satan setzt auf Verzweifelung, weil er aus dem Reich des Lichts entfernt wurde, seine Reden setzen das Pathos über den Logos, Milton verwendet die Gedanken des Christentums und gebiert dennoch sich selbst, wenn er sagt: "Wir kennen keine Zeit, da wir nicht waren, [...] Denn wir sind selbst entstanden / Durch eigene Kraft ..."

Bloom vertritt feste Positionen. Er verzichtet auf einen historischen Zugang, seine Sichtweise ist von reiner Literatur und Textimmanenz bestimmt. So kommen natürlich über die Vorab-Auswahl der Literaten möglich Fehler ins Spiel. Die Behauptung, Dante sei erster, der mit seiner Dichtung Ewigkeitsanspruch formulierte, ist solange richtig, wie man Horaz ausschließt. Geschichtslos auch seine Vergleiche. Er setzt voraus, dass man so belesen ist wie er es ist. Vergleiche zwischen der Figur des Falstaff bei Shakespeare und der Figur der Frau von Bath bei Chaucer mögen passend sein, irritieren in der Beweisführung, überhöhen aber Bloom. Solange Bloom nicht aufzeigt, dass Shakespeare seinen Falstaff in bewusster Auseinandersetzung mit Chaucer entworfen hat, sind seine Äußerungen von niveauvoller Irrelevanz, aber mit geistreicher Attitüde.

Harold Bloom 1973 in Einflußangst (vgl Rezension kpoac) mit seiner kurzen und lapidaren Aussage: "Ein Gedicht ist die Melancholie des Dichters über fehlende Priorität" zeigt den Gegensatz zwischen primär und sekundär sogar noch auf einer andere Ebene, indem Gott als "first maker" dem Dichter als "second maker" gegenübergestellt wird. Diese Gegenüberstellung gibt es hier nicht explizit. Der Beginn mit J im AT ist jedoch allzu deutlich. Wo sind die einstürzenden Wahrheiten? "In dem Maße, wie die Schatten der Literaturgeschichte wachsen, wird Dichtung unweigerlich zu Dichtungskritik und alle Kritik zu Prosadichtung." (Harold Bloom in: Eine Topographie des Fehllesens; vgl. Rezension kpoac)

Blooms allzu deutlichen Verhöre gegenüber der Literatur und deren Dichter findet vielleicht im Leser eine Kritik, die sich mit Martin Walser bestens verdeutlicht: "Egal ob jemand von sich aus oder in Erfüllung einer Pflicht liest, wenn er etwas über seine Leseerfahrung aussagen soll, begibt er sich - so will es der Brauch - zuerst einmal aus sich hinaus, sucht Hilfe bei Traditionen des Verstehens, bei Jargons, Vokabularen, Methoden. [...] Vielleicht ist es schon fatal, ein Buch nur zu lesen, um es zu interpretieren oder zu beurteilen. Man bringt das Buch in eine Verhörsituation. Ich glaube, ein Verhörender macht keine Erfahrung. Er sammelt Punkte für ein Urteil. Das ist zwar eine sich besonders professionell vorkommende Art zu lesen. Mir kommt sie aber eher dürftig vor. Je weniger zielgierig man liest, desto eher stellt sich eine Erfahrung ein." (Walser in: Des Lesers Selbstverständnis, 1993) Für die Betrachtung der vergleichenden Literaturgeschichte trägt Bloom einen unschätzbaren Beitrag.

Bloom avanciert sich selbst zum höchsten Gipfel. Seine Belesenheit in Zusammenhängen suggeriert die Macht, die ein starker Dichter braucht, um den Vorgänger abzulösen. Bloom wird nicht ablösen wollen, weil er seine Macht in der Verschmelzung sieht. Seine Interpretation der großen Dichter unter dem Druck der Einflussangst nivelliert sie unter dem Schöpfer dieses Werkes selbst und macht sie alle gleich gültig. "Tatsächlich näherst du dich mir nun allmählich", könnte er jedem mit den Worten Falstaffs sagen. Doch dieses ist ein Spruch des Dichtung, der des Glaubens könnte sich auch so anschließen: "Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, der soll Sklave aller sein" (Mk 10, 43-44; vgl. Lk 22,26; Mt 20,26-27).

Eine sehr zu empfehlende Lektüre, vor allem für diejenigen, die Literatur denken im Sinne des Adorno Begriffs der zusammenhängenden Bildung.

Die Heiligen Wahrheiten stürzen

Lexikalische Einträge zum Thema

Adelung-1793: Stürzen · Heiligen

Brockhaus-1911: Heiligen-Grabes-Orden · Priester vom Heiligen Geist · Töchter des heiligen Kreuzes · Eremiten des heiligen Franz von Paula · Anbetung des heiligen Sakraments · Damen vom heiligen Herzen Jesu · Diener der heiligen Jungfrau

DamenConvLex-1834: Haine, die heiligen · Aller-Heiligen

Eisler-1904: Zufällige Wahrheiten · Wahrheiten, doppelte

Herder-1854: Heiligen-Geistes-Archipel

Mauthner-1923: ewige Wahrheiten

Meyers-1905: Hospitalbrüder des Heiligen Geistes · Lehrschwestern vom heiligen Kreuz · Hermengildo, Orden des heiligen · Heiligen Grabes-Orden · Heiligen Kreuzes-Töchter · Töchter des heiligen Kreuzes · Väter vom Heiligen Geist · Sandbüchse des heiligen römischen Reichs · Missionspriester vom heiligen Vinzent von Paul · Priester vom Heiligen Geist · Damen vom heiligen Herzen Jesu · Deutscher Verein vom Heiligen Lande · Chorherren vom heiligen Kreuz · Ausgießung des Heiligen Geistes · Brüder von der Gesellschaft des Heiligen Geistes · Gemeinschaft der Heiligen · Gesellschaft des heiligen Herzens Jesu · Frauen von der heiligen Dreifaltigkeit · Diener der heiligen Jungfrau · Frauen vom heiligen Maurus und von der Vorsehung

Pierer-1857: Stürzen · Slieve-Bloom · Heiligen Grabsorden · Heiligen Herzensorden · Heiligen Geists-Fluß · Heiligen Geists-Insel · Reichs-Erb-Vier-Ritter des Heiligen Römischen Reichs · Schwert mit dem Stern des heiligen Apostels Paulus · Heiligen Kreuzes · Priesterliche Gesellschaft des heiligen Geistes · Brüder der heiligen Jungfrau · Brüder der priesterlichen Gesellschaft des Heiligen Geistes · Aushauchen des Heiligen Geistes · Aller Heiligen · Amt des Heiligen Geistes · Heiligen Geistes-Orden · Heiligen Geists-Archipelagus · Diener der heiligen Jungfrau · Brüder von der priesterlichen Gesellschaft des Heiligen Geistes · Deichmeister des Heiligen Römischen Reiches



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