Maron, Monika

Stille Zeile sechs

Stille Zeile sechs
  • Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
  • Erscheinungsdatum: 1991
  • Format: Gebundene Ausgabe
  • Umfang: 218
  • ISBN: 3100488059
  • EAN: 9783100488053
  • Amazon.de Verkaufsrang: 433.494
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Beschreibung von buecher.de

DDR, Mitte der 80er Jahre: Rosalind, eine junge Historikerin, ist einem Spitzenfunktionär beim Aufschreiben seiner Memoiren behilflich. Dabei kommt es zu einer Auseinandersetzung um ein Stück Geschichte, in das beide involviert sind.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Karl-H. Heidtmann fanden 6 von 6 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Am Ende wird abgerechnet

Es gibt wenige Bücher zeitgenössischer ostdeutscher Autoren, die sich der eigenen Vergangenheit derart ehrlich stellen wie die Monika Marons.

Denn, was der eine oder andere Rezensent übersehen haben mag, Monika Maron rechnet in diesem Roman kurz nach der "Wende" nicht etwa nur mit ihrem ehemaligen Staat, der DDR, ab, sondern auch mit sich selber, ihrer Arbeit, ihrem Elternhaus.

Wie Siegfried Lenz kürzlich in einem Interview der "ZEIT" schrieb, gibt es als Schriftsteller keine Möglichkeit, von sich selber abzusehen: "Was immer du schreibst, du gibst etwas von dir selbst preis. Man kann nicht über andere schreiben, ohne zugleich über sich selbst zu schreiben. Und also durchblicken zu lassen, was einen selbst zutiefst bedrückt."

Und genau das tut Maron in teilweise selbstquälerischer aber enorm ehrlicher Auseinandersetzung. Monika Maron beschönigt, rechtfertigt nichts. Sie versucht stattdessen Zusammenhänge herzustellen, zu verstehen.

In diesem Sinne dürfen wir Monika Marons "Stille Zeile Sechs" als "Aufarbeitung" eigener individueller Geschichte begreifen - und genau deshalb ist dieses Buch überaus lesenswert. Dass ihr dieses eigene Anliegen handwerklich und intellektuell als Roman auf hohem Niveau gelingt, spricht einmal mehr für Ihr Können.

Die Frage, ob Maron in den 70er Jahren "IM" war, spielt für die Beurteilung ihres Werks m. E. keine Rolle. Entscheidender als unsere Handlungen in der Vergangenheit ist doch unsere Fähigkeit, diese zu reflektieren. Und genau das tut Maron in diesem Buch. Wir Westdeutschen tun in Abrechnung mit den "realsozialistischen Staaten" gerne so, als ob hier jeder, ob Schriftsteller, Politiker oder Wirtschaftsführer, moralisch integer eine weiße Weste hätte. Das Gegenteil ist meist der Fall. Deshalb hat auch Günter Grass meinen Respekt verdient. Nur wer selber frei ist von Schuld, möge Steine werfen.

Fazit: Eine bedrückende, quälende aber notwendige und daher lesenswerte Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit in der DDR. Um das Leben in der DDR wirklich zu verstehen, dazu kann dieses Buch einen großen Beitrag leisten. Ein Kompliment der SZ für die Aufnahme in die zweite Staffel ihrer "Bibliothek der 100 großen Romane des 20. Jahrhunderts", denn genau da gehört es hin.

Diese Rezension von Bookmoth fanden 5 von 5 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen Zu kleine Seele

Maron, Monika, Stille Zeile Sechs, 1991 (SZ-Bibliothek 2007)

Ein Buch, das ich mit sehr zwiespältigen Gefühlen aus der Hand lege.

Zum Inhalt und zur Struktur des Romans, der die Verhältnisse gegen Ende der DDR-Zeit schildert: Die Erzählerin, die 42jährige Rosalind Polkowski, ist zu der Einsicht gekommen, dass "es eine Schande ist, für Geld zu denken" (14), also sucht sie nur noch eine Tätigkeit als Sekretärin. Die findet sie auch per Zufall bei Herbert Beerenbaum, einem einstmals mächtigen Funktionär, der jetzt über 80 ist, im DDR-Prominentenviertel lebt (s.Titel) und für seine Memoiren eine Sekretärin braucht. Abwechselnd berichtet die Erzählerin nun nach seinem Tod, wie sie zum Begräbnis geht und wie sich ihre Beziehung zu Beerenbaum in ihrer gemeinsamen Arbeit entwickelte. Am Schluss kommen beide Stränge zusammen, indem sie nämlich die offene Auseinandersetzung mit Beerenbaum sucht, ihm die Bildungsfeindlichkeit, Intoleranz, ideologische Arroganz der Machthabenden und schließlich sein schuldhaftes Verhalten bei der Verurteilung eines ihrer Freunde vorwirft, woraufhin Beerenbaum einen Schlaganfall bekommt. Auf dem Begräbnis wird sie von Beerenbaums Sohn und seiner Haushälterin geschnitten, die sie als schuldig ansehen. Der Sohn übergibt ihr später im Auftrag seines Vaters ein Buch, offensichtlich dessen Memoiren, die sie aber ungelesen wegwerfen möchte.

So weit, so gut - es scheint sich also um eine berechtigte Abrechnung mit dem ehemaligen DDR-Regime zu handeln, gleichzeitig geht es um eine Emanzipationsgeschichte, indem Rosalind die Tochter eines linientreuen Schuldirektors ist und sich von dem Druck geistiger und psychischer Bevormundung befreit. Darüber hinaus ist das Buch anschaulich geschrieben und gut strukturiert. Aber froh kann man bei diesem Rundum-Befreiungsschlag nicht werden, denn er geschieht aus selbstzerstörerischem Hass, einem Hass, den sie im Elternhaus entwickelte und auf die Auseinandersetzung mit Beerenbaum überträgt.

Das Schlimmste scheint der Heldin, nur Opfer zu sein: "Ja, der Handelnde muss schuldig werden, immer und immer, oder wenn er nicht schuldig werden will, untergehn. Als hätte ich nur das gesucht: meine Schuld. Alles, nur nicht Opfer sein." (137). Das klingt geradezu heroisch und tragisch, dass hier eine Frau Schuld auf sich nimmt, um einem höheren Prinzip zu dienen, sagen wir dem Prinzip der Wahrheit, der Selbstverwirklichung, der Menschlichkeit. Mein Unbehagen rührt nur daher, dass sie mit ihrem Verhalten dieses höhere Prinzip wieder zerstört. Sie nimmt keine Rücksicht auf den herzkranken Beerenbaum, von dem sie weiß, dass ihre wütende Abrechnung ihn umbringen kann. Während dieser Abrechnung hat sie eine Vision von sich als kreischender Megäre: "Ich hörte Rosalind kreischen, sah, wie sie dabei Speichel in einem breiten Kegel versprühte und mit den Fäusten auf die Schreibmaschine einschlug.... Rosalind stehend vor Beerenbaum, die Faust erhoben zum Schlag, die andere Hand an Beerenbaums Hals zwischen Kinn und Kehlkopf. Die Faust traf sein Gesicht. Das Gebiss fiel ihm aus den Mund. Sie schlug ihn wieder, bis er vom Stuhl stürzte...Als das Blut aus seinem Ohr lief, gab sie erschöpft auf." (135). Nach dieser teils vollzogenen, teils imaginierten Befreiungsorgie, verkriecht sie sich mit Schuldgefühlen ins Bett, lässt sich aber von einer Nachbarin mit Fencheltee und Zuspruch leicht wieder trösten: "wenn jemand so schreckliche Dinge tut, dass er stirbt, weil man ihn danach fragt, ist er selbst schuld." (138f.). Überhaupt sucht die Heldin eher ihre Legitimation im Bund mit Gleichgesinnten (in einer Männerkneipe, in der sie als Frau übrigens eine unrühmliche Rolle spielt, indem sie sich anbiedert - vgl. S.49f.), als dass sie sich um eine tiefergehende Selbsterforschung bemüht. Am Ende ist sie nicht nur über den Tod ihres Vaters froh, sondern auch über den Beerenbaums. Nur hin und wieder streifen sie Schuldgefühle und Einsichten, etwa, wenn sie ihre Gefühlslage mit einem frühen Besuch Prags in Verbindung bringt und angesichts der prächtigen Stadt und Natur nichts empfindet "außer einer ratlosen Enttäuschung. Meine Seele, schien es, war zu klein, um das Wunder zuzulassen, auf das ich wartete, und ich dachte, dass es so bleiben wird für alle Zeit, dass ich nie erleben werde, wonach ich mich sehne, solange ich selbst dabei bin." (141). Das Wunder wäre im Falle der Auseinandersetzung mit Beerenbaum vielleicht gewesen, dessen historische Begrenztheit zu erkennen und im Übrigen den Hass mit sich selbst auszumachen und dorthin zurückzuführen, wo er entstanden war: in der Familie. Wenn man in Wikipedia liest, dass Monika Marons Stiefvater zeitweilig Innenminister der DDR war, dann scheint klar, dass hier unbewältigte Probleme der Autorin vorliegen - vielleicht ist ihre Seele wirklich zu klein, um zu einer wenn nicht versöhnlichen, dann gerechteren und menschlicheren Haltung zu kommen.

Ich meine, es schadet der Qualität des Buches, die sich an der Radikalität der Selbstbefragung orientieren sollte, dass die Autorin ihr Vater-Trauma nicht besser objektivieren und distanzierter darstellen kann, indem sie in erster Linie nur Stimmung gegen die ehemaligen Unterdrücker macht.

Ich lese in Wikipedia ferner, dass Monika Maron nachgesagt wird, in den Siebzigern als Stasi-Informantin tätig gewesen zu sein. Wenn ich außerdem bedenke, dass sie das Buch drei Jahre nach ihrer Übersiedlung in die BRD und zwei Jahre nach dem Mauerfall schrieb, dann will mir diese Abrechnung auch aus diesen Gründen nicht mehr besonders glaubwürdig erscheinen.

Diese Rezension von R. Funk fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Opfer und Täter zugleich

Im von den Arbeitern und Bauern gut abgeschirmten Niederschönhausen, "wo die Hohen schön hausen", dämmert die DDR-Gerontokratie, ohne es zu ahnen, ihrem Ende entgegen. So mancher Funktionär blickt verklärt auf seinen antifaschistischen Kampf zurück und versucht, sich seine eigene Biographie zurecht zu lügen.

So eine Figur verkörpert in Monika Marons Roman, der Mitte der Achtziger Jahre spielt, der 78jährige Herbert Beerenbaum, ehemaliger Beauftragter für ideologische Angelegenheiten an der Universität Berlin mit Volksschulbildung, aber Klassenbewußtsein. Er trifft auf die zweiundvierzigjährige Historikerin Rosalind Polkowski, die aufhörte "für Geld zu denken" und deshalb ihre sichere Stellung in einem Forschungsinstitut, in dem sie dem Sachgebiet über "die Entwicklung der proletarischen Bewegung in Sachsen und Thüringen" zugeteilt war, aufgab.

Beerenbaum, dessen rechte Hand durch einen Schlaganfall gelähmt war, engagiert Rosalind Polkowski, um ihr seine Memoiren zu diktieren. Zunächst verläuft die Zusammenarbeit harmonisch, da die Historikerin nicht sonderlich an den proletarischen Ursprüngen Beerenbaums interessiert ist. Doch mit dem ihm "in die Wiege gelegten Klasseninstinkt" kommen Assoziationen zu ihrem Vater hoch, der als überzeugter Kommunist mit diesem Wort seine Unfehlbarkeit begründete.

Mehr und mehr entspinnt sich die Geschichte mit Beerenbaum als Nazi-Opfer, das nach Moskau emigrierte, um nach dem Ende des Dritten Reiches als Täter wieder zurückzukehren und der frustrierten Historikerin, die sich als Opfer des DDR-Regimes begreift. Sie gibt ihre passive Schreibrolle auf und beginnt den gesundheitlich angeschlagenen, alten Mann zu attackieren. Auf ihre bohrenden Fragen, was im Moskauer Hotel Lux, einem Emigrantenhotel, aus dem nicht linientreue Kommunisten in den Gulag verschwanden oder umgebracht wurden (man erinnere sich an die unrühmliche Rolle des Genossen Wehner) erleidet der alte Funktionär einen Schwächeanfall. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung wird erreicht, als Rosa Polkowski von einem ihrer Bekannten, einem Sinologen von Rang, erfährt, dass dieser vor etwa zwanzig Jahren aufgrund einer Denunziation und Beerenbaums Anweisungen drei Jahre im Gefängnis einsaß.

Der unsympathische Täter, der einer Elite angehört, die erst wegsterben muss, damit mit dem System abgerechnet werden kann, erregt schließlich doch Mitleid und Erbarmen bei der jungen Historikerin und vielleicht auch beim Leser. Ein kranker, alter Mann in Strickjacke und Pantoffeln, der vor den Scherben seines Lebens sitzt und sich in Lebenslügen flüchtet.

Monika Maron lässt Rosalind als Ich-Erzählerin in Rückblenden Stück für Stück ihre Begegnungen mit dem durch Beerenbaum verkörperten Unrechtsregime aufarbeiten, ein Anfang der Neunziger Jahre glänzend geschriebener Abgesang auf die gerade vergangene DDR.

Diese Rezension von Stefano Di Martino fanden 12 von 17 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Abwechslungsreiches Buch

Ich musste das Buch für den Deutschunterricht lesen.

Mich hat es unheimlich fasziniert, wie sie das DDR-System und die Kommunisten durchschaut hat und sich abkapseln konnte (letztendlich dadurch, dass sie ihren Job aufgegeben hat). Sie nahm sich endlich Zeit für wichtige Dinge die sie schon lange hatte machen wollen, wie z.B. Klavier spielen lernen, sich für Opern interessieren etc., wäre da nicht jemand in ihrem Leben aufgetaucht, die sie an ihre schreckliche Kindheit und insbesondere an ihren Vater erinnert, mit dem sie immer Zoff hatte: Beerenbaum. Sie schreibt für ihn seine Memorien auf Papier da seine rechte Hand gelähmt ist. Immer wieder tauchen dabei Passagen aus ihrer Kindheit und ihrem Vater auf, die sie mit den Erlebnissen aus der Gegenwart mit Beerenbaum assoziert.

Sie lernt dadurch unverarbeitete Erlebnisse aus der Vergangenheit die sich über die Jahre angestaut haben endlich zu verarbeiten und hinter sich zu lassen...

Diese Rezension von Elisa Griessmeier fanden 9 von 13 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen Warum stellt man keine Fragen?

Eigentlich stand Rosalia dem angebotenen Job Beerenbaums von Anfang an skeptisch gegenüber. Konnte es gutgehen, dass sie die Lebensgeschichte eines ehemaligen hohen und jetzt pensionierten und an der rechten Hand zitternden DDR-Führungsfunktionärs schreiben sollte? Warum stimmte sie zu, sie, die sich gerade aus allen beruflichen Verpflichtungen befreit hatte und viel lieber Klavier spielen lernen oder die schrecklich schlecht übersetzten "Don Giovanni"-Rezitative brauchbar ins Deutsche übersetzen wollte? Vielleicht hoffte sie anfangs, über diese Memoiren etwas mehr über das Denken und Handeln der DDR-Gründerväter zu erfahren, die einfach den Hitlerfaschismus gegen den Faschismus des Kommunismus austauschten. Doch schon bald zog sie die Lebensgeschichte des alten Mannes immer tiefer auch in ihre eigene Biographie hinein. Mit unbändiger Wut reagierte sie auf das verhaßte System und klagte auch ihren verstorbenen Vater an, sich durch seine unkritische Haltung zum willigen Handlanger und Mitschuldigen gemacht zu haben. Ihr Haß entlud sich unkontrolliert an Beerenbaum, für dessen Tod sie in gewisser Weise mit verantwortlich war. Für Rosalie bestand das Verwerfliche dieser politischen Führung darin, dass alle Verantwortlichen über viel zu wenig Bildung verfügten und nur durch rigorose Machtausübung konnten sie sich davor bewahren in ihrer Mittelmäßigkeit entlarvt zu werden. Nur in einem Klima der Angst war regieren möglich. Trotz des überaus emotionalen Inhalts dieses Romans bleibt das Buch sprachlich in weiten Teilen eher distanziert und leidenschaftslos. Kleine kuriose Alltagsszenen beleben den ansonsten rechten kühlen Erzählstil.

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