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"Leben soll sein - Leben soll nicht sein"Kant und Goethe
Der Untertitel des Essays ,Kant und Goethe' trägt den Titel ,Zur Geschichte der modernen Weltanschauung'. Georg Simmel sieht einen fundamentalen Riss, sowohl innerhalb des modernen Menschen, als auch innerhalb der Welt, der durch die Spaltung von Geist und Natur im Christentum ausgelöst wurde.
Kant und Goethe, die beiden Geistesgrößen des 18 Jahrhunderts, suchten nach Möglichkeiten, diese Trennung zu überwinden und "die verlorene Einheit zwischen Natur und Geist, Mechanismus und innerem Sinne, wissenschaftlicher Objektivität und der gefühlten Wertbedeutung des Lebens und der Dinge auf einer höheren Basis wiederzugewinnen".
Was unterscheidet die beiden Ansätze?
Kant denkt analytisch. Sein erkenntnistheoretischer Ansatz geht vom Subjekt aus. Er leugnet den Kampf zwischen der sinnlichen und der vernünftigen Seite unseres Wesens nicht, gewährt aber der praktischen Vernunft Vorrang vor der theoretischen. Der Mensch muss sich täglich das Leben praktisch erobern. Die Belohnung für seine gute Taten darf er nicht im Diesseits erwarten, aber im Jenseits erhoffen: "Kant stellte fest, dass wir, als endliche und natürliche Wesen, den Trieb nach Glückseligkeit als eine nicht zu leugnende und nicht zu beseitigende Tatsache in uns finden, gerade wie als moralische Wesen die Forderung des Sittengesetzes ... so postuliert Kant die Unsterblichkeit der Seele, weil diese nur in einem Jenseits und durch den Machtwillen eines Gottes ihre Vollendung: die Harmonie ihres sittlichen und ihres eudämonistischen Seins finden kann."
Goethe ist Künstler. Er bevorzugt eine natürliche, ganzheitliche Vorgehensweise. Im Gegensatz zu Kant sucht er die Einheit in der Erscheinung selbst, wählt damit den Weg vom Objekt aus: "Denn Goethe will sagen, das Lebensprinzip der Natur ist zugleich auch dasjenige der menschlichen Seele, beides sind gleichberechtigte Tatsachen ... so dass der Mensch in seinem eigenen Herzen das ganze Geheimnis des Seins und vielleicht auch seine Lösung zu finden vermag". Goethe betrachtet es als eine Tragödie, dass die menschlichen Kräfte sich in menschlichen Verhältnissen nicht ausleben und entfalten können. Unsterblichkeit bedeutet für ihn die Überwindung dieser Schranke und die Vereinigung mit dem pantheistischen Einem.
Simmel charakterisiert die unterschiedlichen Weltbilder wie folgt: "für Goethe könnte die Natur nichts so Sinnloses tun, als uns Kräfte zu verleihen, denen sie die Entwicklung abschneidet; für Kant könnte sie nichts so Unmoralisches tun, als der Sittlichkeit ihr Äquivalent vorzuenthalten."
Schopenhauer und Nietzsche
Können zwei philosophische Standpunkte weiter auseinander liegen, als die Lebensverneinung Schopenhauer und die Lebensbejahung Nietzsches? Georg Simmel zeichnet die philosophischen Linien der beiden Philosophen nach. Während Arthur Schopenhauer zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts aufgrund der pessimistischen Lebensumstände (Depression, Weltkrieg) sehr populär war, heute jedoch weniger gelesen wird, stieg Nietzsches Stern erst auf und leuchtet am heutigen Tag heller denn je.
Schopenhauer - Der Mensch und sein Wille
Von außen betrachtet ist der Mensch ein Objekt. Die Bewegungen des Körpers werden aber durch die "innerliche Willensaktion" ausgelöst. Der Wille ist das metaphysische Wesen, das Ding-an-sich. Nach Schopenhauers Ansicht, stellt der Wille eine Einheit dar, die Erscheinung eine Vielheit. Für Kant, ist die Welt nur Erscheinung und deshalb real: "Genau umgekehrt schließ Schopenhauer aus dem Kantischen Axiom von dem Erscheinungsein der Welt: also ist die Welt etwas Unwirkliches, und die wahre Realität ist hinter ihr zu suchen ... so ist kein Satz wahr, kein Ding wertvoll, kein Dasein objektiv, sondern alles dies gewähren die Weltinhalte sich gegenseitig." Wenn der Einzelwille erklärbar ist, der Gesamtwille jedoch nicht, wie Schopenhauer behauptet, dann kann die Wissenschaft nur Einzelzusammenhänge jedoch keine Gesamtzusammenhänge erforschen.
Schopenhauers Pessimismus
Die Bestimmung des Menschen, das a priori des Seins ist das Leiden. Für Schopenhauer ist Glück die Befriedigung eines Mangezustandes und deshalb immer nur temporär: "Daher kann die Beglückung nie mehr sein, als die Befreiung von einem Schmerz, von einer Not." Simmel kritisiert, dass Schopenhauer vermeidet, "von den Beglückungen durch die Kunst zu sprechen".
Schopenhauer - Die Moral und die Selbsterlösung des Willens
Schopenhauers Pessimismus bestimmt auch seine Moralphilosophie. Kein Wert kann positiv sein, alles Sollen wird durch Lohn oder Strafe bestimmt. Es gibt keinen Endzweck im Leben und keinen Endwert, folglich sind alle ethischen Werte nur relativ und Mittel in einer endlosen Kette. Was übrig bleibt ist die Vernichtung des Willens. Schopenhauer sieht darin die Überwindung des Individuums und die Vereinigung mit dem unteilbaren Weltwillen: "Es ist ein erhabener Gedanke, dass der Mensch in seinem Handeln, soweit es sittlich wertvoll ist, zwar sein tiefstes und eigentliches Wesen zum Ausdruck bringt, aber doch auch damit noch nicht das Letzte ausgesprochen ist, wenn es sich als identisch mit dem Wesen Aller, mit der Struktur der metaphysischen Welteinheit offenbart, wenn es diese in sich bezeugt und bewährt." Der Asket, der Heilige besitzt den Willen, der sich bejaht, weil er der Welt, die sich verneint, nicht mehr bedarf.
Nietzsches Moral der Vornehmheit
Vitalität, Individualität und Lebensintensität bestimmen Nietzsches Philosophie. Geprägt durch sein religiöses Elternhaus, schwört er allem Glauben ab und tituliert das Christentum als Herrschaft der Schwachen über die natürlich Stärkeren. Seine Vision der nächsten menschlichen Entwicklungsstufe sehnt den Übermenschen herbei, der frei von Mitleid, nur auf seine eigene Stärke bauend, gottgleich sei. Das Christentum will eins werden mit Gott, Nietzsche kann es nicht ertragen, "nicht Gott zu sein". Für ihn zählt die Qualität des Individuums, nicht der Pöbel. Es ist bereit, die Höhe des Einzelnen mit der breiten Masse zu bezahlen. Simmel weist darauf hin, dass auch das Individuum auf die anderen angewiesen. Simmel schützt Nietzsche vor dem Vorwurf des Hedonismus: "Niemand würde sich empörter als er selbst gegen den Missbrauch des Übermenschenbegriffes gewandt haben, der die Befreiung von der altruistisch-demokratischen und Rücksichtsmoral nur zu dem Recht libertinistischen Genießens ausnutzt, statt zu der Pflicht, die objektiv höhere Stufe des Menschentums zu beschreiten."
Georg Simmel bringt den Unterschied zwischen beiden Denkern auf den Punkt. Für Nietzsche soll das Leben sein, für Schopenhauer soll das Leben nicht sein!
Fazit: Keine einfach zu lesende und verstehende Lektüre eines tiefen Denkers.
Adelung-1793: Mode, die · Kleider-Mode, die
Brockhaus-1809: Immanuel Kant · Immanuel Kant
Brockhaus-1837: Schopenhauer · Mode · Kant
Brockhaus-1911: Schopenhauer · à la mode · Kant-Laplacesche Theorie · Kant · Nietzsche
DamenConvLex-1834: Schopenhauer, Johanna · Kant, Immanuel
Eisler-1912: Simmel, Georg · Schopenhauer, Arthur · Kant · Kant, Immanuel · Nietzsche · Nietzsche, Friedrich Wilhelm · Förster-Nietzsche, Elisabeth
Herder-1854: Schopenhauer [1] · Schopenhauer [2] · Mode · à la mode · Boeuf à la mode · Kant
Kirchner-Michaelis-1907: Mode · Kant-Laplacesche Kosmogonie
Mauthner-1923: Schopenhauer (Wille)
Meyers-1905: Schopenhauer · Wiener Mode · à la mode · Mode · Kant · Kant-Laplacesche Theorie · Nietzsche
Pataky-1898: Schopenhauer, Johanna · Schopenhauer, Adele · Förster-Nietzsche, Frau Elisabeth · Förster-Nietzsche, Elisabeth
Pierer-1857: Simmel · Schopenhauer · Mode · A la mode · Boeuf à la mode · Kant