Morgenstern, Christian

Galgenlieder\Palmström\Palma Kunkel, Der Gingganz

Galgenlieder\Palmström\Palma Kunkel, Der Gingganz
  • Verlag: Dtv
  • Erscheinungsdatum: 1998-05
  • Bindung: Taschenbuch
  • Seitenzahl: 368
  • ISBN: 3423026391
  • EAN: 9783423026390
  • Amazon.de Verkaufsrang: 471.667
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Beschreibung von buecher.de

Christian Morgensterns 1905 erstmals erschienene Galgenlieder sind ein Hohelied auf den Spaß im Umgang mit der Sprache. Morgensterns Dichter der Galgenlieder ist kein nach ganzheitlicher Harmonie mehr strebender Romantiker. Er sieht das Leben in Einzelteile zerfallen und sich zu neuen Bildern wieder zusammensetzen. Dabei können leicht einmal zwei völlig verschiedene Wesen zu einem dritten verschmelzen wie der Kamelente oder dem Ochsenspatz. Morgensterns Spiel mit der Sprache ist dabei extrem und reicht von Wortneuschöpfungen wie im 'Großen Lalula' bis hin zum völligen Verzicht aufs Wort wie in 'Fisches Nachtgesang'. So extrem diese Gedichte auch sein mögen, bleibt für den Leser doch eines immer erhalten: Der Spaß an Morgenstern Spiel mit der Sprache. Die Texte dieser Edition folgen originalgetreu den Erstausgaben: Galgenlieder (1905), Palmstöm (1910), Palma Kunkel (1916) und Der Gingganz (1919).

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von weiser111 fanden 10 von 10 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Der Lugaus der Phantasie

Wer behauptet, das Deutsche sei zu sperrig für geniale Wortkünstler? Zu triefend ernsthaft, um damit geistreichen Schabernack zu treiben? Und wer glaubt, tiefer Sinn und leichte Feder seien nicht zu vereinen? -- Wer immer diese Ansichten teilt, kennt nicht Christian Morgenstern und seine bekanntesten Werke: die Galgenlieder, Palmström, Palma Kunkel, den Gingganz...

Morgenstern war ein begnadeter Spieler; nichts ist für ihn unantastbar, sobald es die Sprache und den Umgang mit ihr betrifft. Die Galgenlieder sind dem Kind im Manne gewidmet, aber das bedeutet nicht, dass sie kindisch oder banal wären -- ganz im Gegenteil! Wie ein neugieriges Kind gibt Morgenstern sich nicht mit vordergründigen Erklärungen und Bedeutungszuweisungen zufrieden, spielt statt dessen mit der Sprache, nimmt fest Verbundenes auseinander und fügt es neu zusammen, nimmt Abstraktes wörtlich und abstrahiert Konkretes, und führt assoziativ all das weiter, dessen Sinn scheinbar festgemauert im allgemeinen Verständnis ist. Die Ergebnisse sind nicht nur komisch (das sind sie auch, sogar sehr!), sondern bieten auch tatsächlich einen neuen Blick auf die Welt: Der Werwolf sehnt sich nach Beugung und muss am Ende leidvoll erkennen, dass ihm der Herr Lehrer die Mehrzahl (und damit ein Gegenüber) verbietet; ein Seufzer findet schlittschuhlaufend sein Ende im tauenden Eis; ein Knie geht nach dem Kriegstod eines Mannes einsam durch die Welt; das ästhetische Wiesel schließlich decouvriert sinnig die Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Entstehung des ein oder anderen Gedichtes. Vor des Lesers Augen entstehen so unglaubliche Dinge wie z.B. Viertelschwein, Auftakteule, Überwasser, Nachtwindhund, Steinochs, und natürlich Nasobem und Mondschaf -- usw. usw. (Und sehen die Möwen nicht tatsächlich alle aus, als ob sie Emma hießen?) Man wollte jedes Gedicht zitieren, so schön sind sie alle.

Morgenstern geht aber noch weiter, verzichtet schonmal auf Worte (Fisches Nachtgesang) oder dichtet in nie gekannter Sprache (Das große Lalula). Es stimmt schon, was er über den Galgenberg, den "Lugaus der Phantasie" sagt: Man sieht vom Galgen die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre. Ganz sicher gehören die "Galgenlieder" zum Geistreichsten, was die deutsche Lyrik zu bieten hat.

Aber nicht nur die Galgenlieder lohnen das Lesen, Immer-wieder-Lesen, Auswendiglernen und das Noch-Auswendiger-Lernen: Der Zyklus um Palmström und Korf enthält unsterbliche Gedichte, und die Gedichtzyklen von Palma Kunkel und vom Gingganz verbinden melancholisch Sprachphilosophie mit beißender Ironie und am Dasein leidendem Pessimismus -- und jedes einzelne Gedicht ein Kleinod der Sprache: Morgenstern lässt Korf neuartige Witze erfinden, berichtet vom neuentdeckten Vokal und vom heiligen Pardauz, lässt des Lesers Assoziationen freien Lauf beim "Stein-Platz zu Charlottenburg", und in jedem seiner vielen kleinen Gedichte ist, ich sag's nochmal, viel Lebensklugheit versteckt.

Für alle, die Morgenstern noch nicht kennen, schafft das hier vorliegende Reclam-Heftchen preiswerte Abhilfe; und wer "seinen Morgenstern" kennt und im Regal stehen hat, sollte ebenfalls zugreifen, denn das bekannte Reclam-Format findet in jeder Manteltasche Platz, und wer sich jetzt noch beim Warten auf die Trambahn u.ä. langweilt, ist selber schuld.

Diese Rezension von weiser111 fanden 6 von 6 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen wunderbare Gedichte

Wenn man den Namen Christian Morgensterns hört, fallen einem als erstes seine wunderbaren Gedichte ein. In den „Galgenliedern" sind viele sehr schöne davon enthalten, die sich lohnen, durchgelesen zu werden. Mit sichtbarer Freude hat Morgenstern in diesen Gedichten agiert, wo er teilweise nach dem Motto „reim dich oder ich fress dich" vorgeht und Vokale vertauscht oder Konsonanten auswechselt. Oftmals werden auch völlige Wortneuschöpfungen praktiziert - oder haben Sie schon von einem „Ochsenspatz" gehört - und in dem Gedicht „Fisches Nachtgesang" wird dann sogar völlig auf ein Wort verzichtet und nur mit der Form gespielt. Morgensterns Spielereien mit dem Wort, dem Klang und dem Bild führen teilweise zu scheinbarem Unsinn, sind aber - wenn sie hinterfragt werden - aussagekräftig und sinnvoll. An Morgenstern Gedichten haben Deutschlehrer sicher den größten Spaß, da man an ihnen „so schön interpretieren und analysieren kann", aber sie sind auch tatsächlich Meisterwerke, über die man sich seine Gedanken machen kann. Wer Lyrik mag, wird Morgenstern lieben, alle anderen werden nach der Lektüre der Galgenlieder die Lyrik etwas besser verstehen.. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

Diese Rezension von weiser111 fanden 3 von 3 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Sprachwitz ohne Grenzen

Wer bei Gedichten bisher nur an Schillers "Bürgschaft" und ähnlich bedeutungsschwangere Werke denkt - wobei ich hier nichts gegen Schiller gesagt haben will! - der wird sich bei diesem Buch davon überzeugen können, daß auch zu Anfang dieses Jahrhunderts schon einige Zeitgenossen Spaß an Kalauer und Wortspiel haben, ein Genre, das also nicht erst von den Comedy-Shows des Privatfernsehens erfunden wurde. Dabei muten die Gedichte keineswegs auch nur ansatzweise "altbacken" oder "verstaubt" an. Morgensterns Gedichte sind von einem Sprachwitz, der in hundert Jahren nichts an seiner Faszination eingebüßt hat. Das "Wiesel auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel..." ist das wohl bekannteste Beispiel hierfür. Der beispiellos gekonnte Umgang mit Rhytmus, doppelten Wortbedeutungen und sogar dem optischen Erscheinungsbild der Verse bleibt bis heute fast unerreicht. Viele Gedichte muten auf den ersten Blick harmlos und einfach nur lustuig an, bieten aber - wie bei Schiller - zahreich Gelegenheit zur Interpretation. Die hier vorgelegte Gesamtausgabe folgt originalgetreu den Erstausgaben. Eine kurze Biographie sowie Erklärungen zu heute nicht mehr gebräuchlichen oder fremdsprachlichen Ausdrücken runden das Werk ab. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

Diese Rezension von Kankin Gawain fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Der Witz bleibt die letzte Autorität...

Ein wahrer Wortkünstler ist einer, der in seiner Muttersprache Wortwitz entdeckt, wo ihn keiner erwartet hätte, der aber sich so natürlich aus den Phrasen der Umgangs- und Hochsprache ergibt, dass man den Eindruck gewinnt, der Wortwitz habe immer schon, gleichsam um die Ecke, gelauert, und sei durch ein besonderes Talent des Künstlers nur aus seinem Abseits hervorgekommen. Der Wortwitz zieht die Phrase ins Lächerliche, zugleich entlarvt er aber das Phrasologische unseres Denkens und die Denkfaulheit, die im amtlich-Ernsten steckt. Der Witz bleibt die letzte Autorität, denn Rationalisierung steckt im Rationalen, Projektion im Faktischen, Interesse vereitelt den zwanglosen Zwang des Arguments, Überblick bleibt ausschnitthaft, Detailkenntnis ist Anekdotengläubigkeit, die Rasierklinge der Methode ein Wahn, der das Denken stutzt.

Morgensterns Galgenlieder kann man an jeder beliebigen Stelle aufschlagen, und erhält sofort ein Kleinod der Sprach- (und damit Erkenntnis-)Kritik. Er klingt weniger bemüht als Kästner und zugleich weniger verspielt als Ringelnatz. Morgensterns Pointen reihen sich mühelos, quasi im Vorübergehen aneinander und scheinen eher dem unabsichtlichen Gedankenfluss zu entspringen. Hut ab vor einem Künstler, der dieses kann!

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