Luhmann, Niklas

Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde.

Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde.
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erscheinungsdatum: 1998-05
  • Bindung: Taschenbuch
  • Seitenzahl: 1164
  • ISBN: 3518289608
  • EAN: 9783518289600
  • Amazon.de Verkaufsrang: 9.777
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension fanden 48 von 56 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Paradoxe Soziologie auf 1200 Seiten

Mit „Gesellschaft der Gesellschaft" liegt jetzt Niklas Luhmanns opus magnum vor. Mit beeindruckender Konsequenz analysiert er anhand der komplexen strategietheoretischen Entscheidungen und begrifflichen Festlegungen des einleitenden Kapitels sämtliche Großthemen der Soziologie und führt sie einer umfassenden Neubeschreibung zu, die mit den soziologischen Klassikern seit Weber und Durkheim nicht zimperlich umgeht; gleiches gilt für liebgewordene Prämissen der Semiologie und Evolutionstheorie, von denen im seitenweisen Takt Abschied genommen wird.Leider ist von leichter Kost nicht guten Gewissens zu reden. Dafür ist Luhmanns Soziologie die bisher einzige, die der Entfaltung von Paradoxie von Anfang an nicht aus dem Wege geht; Rationalitäts- und Erkenntniskritik ist ein altbekannter Topos der intrawissenschaftlichen Auseinandersetzung um die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Bisher wurde dieser Konflikt unter Bezug auf theologische, apriorisch-transzendentale oder biologische Begrifflichkeiten scheinbar befriedet. Luhmann geht einen Schritt zurück, nimmt den infiniten Regreß und die Selbstreferenz an und entwickelt einen komplexen Begriffsapparat, mit dessen Hilfe man die früheren Lösungen der Erkenntnisproblematik seit Hegel als eine historische Notwendigkeit der Beobachtungen autopoietischer Systeme auflösen kann. Die Tragweite, oder besser gesagt: die Universalität seiner Theorie läßt sich auch daran messen, daß sich selbst die zweite soziologische Großtheorie des „Kommunikativen Handelns" von Jürgen Habermas in ihren Zielen und Auswirkungen nun als operativ geschlossenes System beschreiben läßt, dem die lebensweltliche Fundierung normativer Maßstäbe zukommt, nachdem sich die Wissenschaft aus der Wertbegründung spätestens mit Nietzsche und Weber verabschiedet hat. Ein Schelm, wer darin lediglich eine besonders subtile Form von Rache sieht.Zum jetzigen Zeitpunkt scheint die breitenwirksame Rezeption der „Gesellschaft der Gesellschaft" an den sozialwissenschaftlichen Fakultäten eher schleppend anzulaufen. Glücklicherweise, denn: noch läßt sich Luhmann aus einem Guß genießen, ohne daß man ihn gleich wieder häppchenweise ( in Seminaren ) entstellen müßte.

Diese Rezension von Frank Hertel fanden 7 von 11 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Pflichtlektüre

Luhmann begreift die Gesellschaft als System. Dieses System beinhaltet keine Menschen. Die Menschen gehören zur Umwelt des Systems. Was also ist das System? Ein unsichtbares Netz von Regeln, Codes, Gesetzen, Bräuchen, Gepflogenheiten, Konventionen, Moden. Das System ist der Grund dafür, warum wir im Sommer nicht nackt durch die Stadt spazieren. Marx nannte es Überbau, Hegel sagte Geist dazu. Der Soziologe Niklas Luhmann verwendet den Begriff System für den inneren Zensor in unseren Köpfen, für die Moral, das Gewissen, das Über-Ich, für all das, was uns so durch den Tag und unser Leben leitet. Für die innere Spirale, die uns arbeiten lässt, für den Gott, zu dem wir beten. Sein Glaube an das System ist so allumfassend, dass er die Soziologie in Systemtheorie umbenennen möchte. Was ihm aus mehreren handfesten Gründen nicht gelang.

Zunächst ist sein Theorievorschlag viel zu statisch. Die quasi monotheistische Verwendung des Systembegriffs lässt kaum Differenzierungen zu. Luhmann sieht zwar den Begriff der Systemdifferenzierung als besonders wichtig an, kann ihn aber auf seine Theorie als Ganzes kaum anwenden. Wenn er etwa von einer einzigen Weltgesellschaft spricht, in der überall das mysteriöse System herrscht, so unterliegt sein theoretisches Ansinnen einem imperial overstrech. Er packt viel zu viel unter einen Deckel. Die Milch kocht über. Der kalte deutsche Systembegriff wird der quirligen Lebendigkeit und Buntheit des internationalen Lebens nicht gerecht. Die allerorten geforderte Flexibilität gilt auch für soziologische Theorien.

Dann vergisst er den Menschen. Er ignoriert die Macht des Einzelnen, die Kraft genialer Erfinder beispielsweise. Das Exzeptionelle. Das Unvorhergesehene. Das Neue. Er spricht von zunehmender Komplexität, von irreversibler funktionaler Differenzierung und hat erfolgreich verdrängt, dass Alexander der Große den gordischen Knoten mit einem Schlag gelöst hat. Das System ist menschengemacht, also können es Menschen auch wieder abschaffen, ummodeln oder weiterentwickeln. Vor allem jedoch vergisst Luhmann die Körper der Menschen. Für ihn ist die Gesellschaft nur Kommunikation, nur Gedanke, Wort, Text und Symbol. Ob nun 10000 reiche, weiße und evangelische Angelsachsen diesem System gehorchen oder ob 2 Milliarden Menschen täglich Magenschmerzen vor Hunger haben, spielt bei Luhmann keine Rolle. Körperbetonte Kategorien wie Gerechtigkeit und Gesundheit lagert er aus an Moralphilosophen, die er etwas belächelt. Warum weiß keiner.

Die Terminologie dieses Buches ist faszinierend. Wenn von Autopoiesis, struktureller Kopplung, dem Re-Entry, der Evolution und symbolisch generierten Kommunikationsmedien die Rede ist, lacht das Herz des deutschen Technik-Fans. Es ist jedoch eine Sprache mit der man besser über Maschinen und Computer schreibt. Menschen sollte man damit verschonen. Und so hat der große Luhmann auch nicht schulbildend gewirkt. Sein Werk steht wie ein monumentales Denkmal in der Theorielandschaft. Unten am Sockel ist ein kleines Schild angebracht. Darauf steht: Soziologe, bleib bei deinen Menschen.

Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde.

Lexikalische Einträge zum Thema

Adelung-1793: Religions-Gesellschaft, die · Gesellschaft, die

Brockhaus-1809: Die Arkadische Gesellschaft (Arcadia) · Arcadische Gesellschaft · Die fruchtbringende Gesellschaft

Brockhaus-1837: Gesellschaft

Brockhaus-1911: Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger · Gesellschaft mit beschränkter Haftung · Gesellschaft Jesu · Stille Gesellschaft · Ostafrikanische Gesellschaft · Haager Gesellschaft · Gesellschaft für soziale Reform · Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur · Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft · Britisch-Südafrikanische Gesellschaft · Gesellschaft der Freunde · Gesellschaft · Fruchtbringende Gesellschaft

DamenConvLex-1834: Gesellschaft

Goetzinger-1885: Fruchtbringende Gesellschaft oder Palmenorden

Herder-1854: Gesellschaft Jesu · Haager Gesellschaft · Stille Gesellschaft · Afrikanische Handels-Gesellschaft · Fruchtbringende Gesellschaft · Gesellschaft

Meyers-1905: Englisch-Südafrikanische Gesellschaft · Esotērische Gesellschaft · Englisch-Ostafrikanische Gesellschaft · Deutsche Gesellschaft zur Beförderung rationeller Malverfahren · Deutsche Morgenländische Gesellschaft · Evangelische Gesellschaft · Gesellschaft der Bibliophilen · Gesellschaft des heiligen Herzens Jesu · Gesellschaft a conto metà · Freunde, Gesellschaft der · Fruchtbringende Gesellschaft · Bach-Gesellschaft · Britisch-Südafrikanische Gesellschaft · Astronomische Gesellschaft · Anonȳme Gesellschaft · Arundel-Gesellschaft · Brüder von der Gesellschaft des Heiligen Geistes · Deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte, Gesellschaft für · Deutsche Gesellschaft für die wissenschaftliche Erforschung Anatoliens · Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft · Dante-Gesellschaft · Deutsch-Asiatische Gesellschaft



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