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Antunes' zweites Handbuch über Macht, Missbrauch, Betrug und Selbstbetrug: Zur Zeit der portugiesischen Fremdherrschaft in Angola heiratet Amadeu die Tochter eines wohlhabenden Farmers. Das uneheliche Kind von Amadeu, den Mischling Carlos, behandeln sie beide wie einen Menschen zweiter Klasse. Nach Salazars Tod kann sich die Familie zwar nach Portugal retten, aber alle tragen sie Wunden davon. Erst als Carlos seine Geschwister und die Mutter zum Weihnachtsessen einlädt und niemand von ihnen erscheint, setzt für alle die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein.
Es ist der zweite Band einer geplanten Trilogie, die der Lissaboner Psychiater und Arzt in Portugals strahlende Größe präsentiert. Seine Themen, die auch schon im ersten Buch Handbuch der Inquisitoren angesprochen wurden, haben sich nicht verändert. Es geht um die Macht und ihren Mißbrauch sowie um die Frage der Wahrheit und ihrer unterschiedlichen Wahrnehmung. Carlos ist in Angola aufgewachsen und seit der Zeit des Salazar Regimes lebt er in Portugal. Zu Weihnachten 1995 lädt er seine Geschwister und die Mutter nach fünfzehn Jahren zu sich ein. Niemand kommt und so sitzt er allein in der Küche und führt einen einsamen Monolog. Er erinnert sich noch einmal an die Zeit in Angola. Aber auch die anderen Familienmitglieder werden durch die Einladung zum Nachdenken angeregt. Mit vielen verschiedenen Stimmen -- eine stilistische Spezialität von Antunes -- taucht er in die Kolonialgeschichte seines Heimatlandes Portugal ein. --Manuela Haselberger
WAHNSINN... Mosaiksteinartig leuchtendes Buch !Während der ersten ca. 30 Seiten war ich oft dazu geneigt, das Buch ungelesen in meinen Schrank zu stellen, zu oft musste ich zurückblättern um Zusammenhänge herzustellen, die dann doch nicht immer vorhanden waren. (Dies war mein erster Antunes...) Doch dann war der Antunes-Drive auf einmal da (trotz ständig wechselnder Erzählperspektiven und Zeitsprüngen), ich begann das Buch zu verschlingen und konnte/wollte es eigentlich nicht mehr zur Seite legen. Ich selbst habe mehr als sieben Jahre meiner Kindheit in Afrika gelebt, daher waren mir viele Momente aus meiner Kindheit noch sehr nahe. Alles in allem, ein wahnsinniges (in allen Aspekten dieses Wortes) Buch, nur zu empfehlen ! Vielleicht aber vorher die "Rückkehr der Karavellen" (auch von A. Lobo Antunes) lesen...
Macht und Gewalt in Angola, ein Buch für starke NervenAntónio Lobo Antunes: Portugals strahlende Größe (O Esplendor de Portugal)Antunes arbeitet mit diesem Buch die koloniale Vergangenheit Portugals auf. Dies gelingt ihm mit virtuosen literarischen Mitteln auf erschütternde und nachhaltig wirkende Weise. Mit der starken Farmertochter Isilda, ihren Eltern und vor allem den Kindern - dem seine Identität suchenden Mischling Carlos, der vornehmlich ihren Sexualdrang auslebenden "Flittchen"-Tochter Clarisse, dem gefühllos brutalen Epileptiker-Sohn Ruisse - schafft Atunes sich ein extremes Personenszenario, das es ihm ermöglicht, sein skeptisch pessimistisches von Gewalt und Macht bestimmtes Menschenbild zu entwickeln.Dieses Buch verlangt dem Leser starke Nerven ab. Die Brutalität der Darstellung steigert sich auf ein Ausmaß, wo Abstumpfung beginnt. Was wir von Afghanistan und Irak, von Folter, Überfällen und Verstümmelung durch aktuellen TV-Konsum bis zur Gewöhnung hören und sehen, kommt hier über das Medium Literatur.Es geht um die physischen und psychischen Verletzungen von Kolonisatoren und Befreiern gleichermaßen, konkret von Portugiesen im postkolonialen Angola und den einheimischen in Bürgerkrieg verwickelten Angolanern im Übergang in die postkoloniale Freiheit, um Macht und Machtmissbrauch, um Aufbau und Zerstörung. Hass, Menschenverachtung, Destruktion und Chaos überwiegen.
Rücksichtslosigkeit und Ausgeliefertsein, Egoismus und Gleichmut, Brutalität und Hilflosigkeit, Überheblichkeit und Rachsucht, überbordender Reichtum und grenzenlose Armut, all diese Aspekte des unmenschlichen Menschen, wechseln auf der Grenze zwischen kolonialer und postkolonialer Zeit lediglich die Personengruppe.Mir neue literarische Mittel werden virtuos eingesetzt. Satzzeichen aufgehoben zu Gunsten eines ununterbrochenen Gedankenflusses, der Erinnerungsebenen und Beobachtungspositionen zusammenschiebt. Eine Schreibtechnik, die filmische Elemente - Überblendung, Rückblende, Doppelbelichtung - adaptiert. Prosa und Poesie verschmelzen. Textwiederholungen werden mit nur leicht veränderten Textbausteinen eingesetzt. Fetzen auseinandergeschnittener Sätze, über mehrere Seiten verstreut, werden erst durch das Lesen zusammengesetzt. Wiederholungen wirken wie Refrains. Spannung und Ermüdung wechseln sich ab. Wie bei Gedichten erschließen sich Textstellen bei nochmaligem Lesen zu einer anderen Tageszeit mit frischer Konzentration neu, erscheinen in anderem Licht.Ein anstrengendes aber sehr lesenswertes Buch.PT Juli 2005
Meisterhaft!Ein Meisterwerk der zeitgenoessischen Literatur, welches man nicht nur als Buecherliebhaber unbedingt gelesen haben muss! Nicht nur der Inhalt, sondern gerade die Virtuositaet der Schreibkunst von Antunes sind bemerkenswert und in dieser Form einzigartig! Wann erhaelt er endlich den Literaturnobelpreis?