Walser, Martin

Ein springender Brunnen

Ein springender Brunnen
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erscheinungsdatum: 2000-03
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 405
  • ISBN: 3518396005
  • EAN: 9783518396001
  • Amazon.de Verkaufsrang: 113.816
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Beschreibung von buecher.de

Zuerst will Johann Pater werden, weil ihn der durchreisende Franziskanerpater Chrisostomus mit gewaltigen Psalmen und Predigten gegen die neuesten Heiden erobert hat; dann will er Sänger werden, weil er gehört hat, wie Karl Erb 'Wer nie sein Brot mit Tränen aß' singt, dann will er, weil ihm sein Vater Gedichtbände von Klopstock bis Hölderlin hinterläßt, Lyriker werden...
'Ein springender Brunnen' ist ein Zeit- und Lebensroman. Er erzählt von der Zeit von 1932 bis 1945 und von der Genese eines Schriftstellers: Von einem, der lernt, sein Leben in die Hand zu nehmen, seinen in Kindertagen gepflanzten Wörterbaum zu pflegen und nur noch 'seinen' Büchern und 'seiner' Sprache zu vertrauen.

Aus der Amazon.de-Redaktion

So sieht also ein Meisterwerk aus! Oh, Martin Walser, was hat man ihm nicht alles vorgeworfen in den letzten Jahren! Nationalistisch sei er geworden, linkes Hemd abgelegt, rechtes übergestreift. Jetzt hat er, endlich, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten, schon gibt es neuerliche Mißverständnisse. Gottseidank hat er uns etwas an die Hand gegeben, das schwerer wiegt als all die Anfeindungen: Ein Springender Brunnen. Dieses Buch wird nicht vergehen, so viel steht fest. Das langgeplante, quasi autobiografische Alterswerk des inzwischen 71-jährigen tuscht Bilder in uns hinein, Bilder von solcher Zartheit und Erinnerungsgenauigkeit, die unweigerlich im Leser die eigene Kindheit wiedererstehen lassen. Erzählt wird aus der Sicht des kleinen Johann ab seinem fünften Lebensjahr. Ort der Handlung ist Wasserburg am Bodensee im Jahr 1932. Johanns Eltern betreiben eine kleine Gastwirtschaft, immer am Rande des Ruins entlangschlitternd. Der Vater, ein Schöngeist, aber geschäftlicher Unglücksrabe, wird zur wichtigsten Figur in Johanns Dasein. Er weckt die poetische Ader des Jungen, indem er immer neue, phantastische Vokabeln in seinen Wörterbaum hängt. Die Mutter hingegen eine bigotte, lebensunfrohe, aber tüchtige Person, ohne die die Gastwirtschaft längst ruiniert wäre. Dazu läßt Walser noch jede Menge bizarres Dorfpersonal aufmarschieren. Wundervoll beschrieben ist Johanns erste Liebe zu einem Artistenmädchen aus einem Wanderzirkus (er klebt ihr Abziehbildchen auf die Oberschenkel, her mit dem Nobelpreis für solche Beschreibungen!). Das erste Auftauchen der Braunhemden im Dorf, der Eintritt seiner Mutter in die Partei, das wird völlig unaufgeregt und ohne Rechtfertigungen dargestellt. Das mag vielleicht nicht politisch korrekt sein, aber Walser berichtet eben strikt aus der Sichtweise des Jungen. Und so begleiten wir Johann, der in den Krieg zieht, seine Gedichte verfaßt, wieder zurückkehrt in sein Wasserburg, das ihm doch die Welt ist; schließlich zu Martin Walser wird, den wir schätzen gelernt haben und der uns diese Geschichte so ergreifend nahegebracht hat, und wir stellen erstaunt fest: So sieht also ein Meisterwerk aus! --Ravi Unger

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Simone Lehmann fanden 4 von 4 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Schwierigkeiten im Umgang mit dem Vergangenen

Martin Walser stellt den drei Kapiteln seines Romans jeweils eine essayistische Einleitung voran, in denen er ueber die Schwierigkeiten im Umgang mit dem Vergangenen schreibt. Der Autor macht sich Gedanken ueber die Selbsttaeuschungen in unsererm Umgang mit dem Gestern. Das Hauptanliegen Walsers in "Ein springender Brunnen" ist, seine eigene und die deutsche Vergangenheit ohne Rechtfertigungsmotiv zu betrachten. Walser schreibt aus der kindlichen Perspektive Johanns, im Gegensatz zu den vorhergehenden Werken aber wieder in Er-Form. Der Roman traegt stark autobiographische Zuege, da die Lebensdaten und das Umfeld des Protagonisten Johann mit dem des Autors uebereinstimmen (M.W. heisst mit zweitem Vornamen Johann). "Ein springender Brunnen" ist somit ein kaum verhuelltes, autobiographisches Erinnerungsbuch, in dem der Autor seine eigene Kindheit rekonstruiert. Das interessante an Walsers Buch ist: durch den Blickwinkel eines Kindes distanziert sich Walser von der damaligen Zeit und schildert sie nicht von der heutigen Sicht aus. Er hat den Anspruch, die Vergangenheit so zu schildern, wie sie war, "dass sie uns entgegenkaeme, wie von selbst" (Spr.Br.,S.283). Die Vergangenheit, die Zeit des Nationalsozialismus, wird hier nicht bewaeltigt, da der Roman keine Moral oder Einsicht von heute aus enthaelt. Die Erinnerungen an seine Kindheit sollen sich von ganz alleine als unverstellte Wahrheit einstellen. Walser klagt niemanden an und spricht niemanden frei. Meiner Meinung nach, ist es Martin Walser so gelungen, auf unterhaltsame Art und Weise (das Buch laesst sich im Vergleich zu anderen Walser-Romanen sehr zuegig lesen), seine eigene Kindheit in einer schweren Zeit wirklichkeitsgetreu und ohne die vielleicht erwarteten Be- oder Entlastungen zu beschreiben. Auch altbekannte Walser-Themen werden hier wieder aufgegriffen, wie z.B. die Sprache und das Schriftstellertum, sexuelle Schwierigkeiten und Beziehungsschwaechen, Identitaet und Heimat.Fuer mich ist "Ein springender Brunnen" der beste Roman Walsers innerhalb seines Spaetwerks. Ein literarischer Hochgenuss, der zum Nachdenken anregt. Sollte man unbedingt gelesen haben!

Diese Rezension von hartmutw fanden 3 von 4 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Absolut "p.c."

Wer die heftigen Debatten um Martin Walsers Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des dt. Buchhandels verfolgt hat wird sich über den Grundcharakter dieses Buches wundern: Zwar berichtet es über Wasserburg und seine Einwohner in der Zeit der Weimarer Republik und des 3. Reiches, dies aber in einem Tonfall, der sicher nicht dazu angetan ist, Sympathie zum 3. Reich und seinen Machthabern aufkommen zu lassen.Was das Buch meiner Ansicht nach sympathisch macht ist der unprätentiöse Tonfall, in dem die Kindheits- und Jugenderlebnisse des Helden geschildert werden. Ich würde den Roman nicht als den ganz großen Wurf bezeichnen, aber er gibt ein gutes und gefühlvolles Stimmungsbild der damaligen Zeit in Waserburg wieder, ohne die "Braunen" dabei besser darzustellen, als sie waren.

Diese Rezension von Blaser, Timo fanden 3 von 4 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Erinnerungsbuch - Hitlerdeutschland in der Provinz

Martin Walser wählt in seinem autobiographischen Roman den Knaben Johann als Perspektivfigur und Protagonist. Aus Johanns Kindheit und Jugend, zu Zeiten des dritten Reichs, werden drei kurze Lebensabschnitte (Johann als 5-, 10- und 18- jähriger) aufgegriffen und detailliert geschildert, während die dazwischenliegenden Zeiträume nur indirekt durch Johanns Erinnerungen und Reflexionen dargestellt werden.

Im schwäbischen Wasserburg am Bodensee wächst Johann zunächst unbeschwert in einer Gastwirtfamilie auf. Die tüchtige aber sehr strenge Mutter kümmert sich um die „Restauration" und kämpft um das finanzielle Überleben der Familie, während dem Vater das Klavierspiel sowie philosophische und spirituelle Literatur wichtiger sind. Durch den zunehmenden Einfluss der Nazis, treten in Wasserburg Veränderungen auf, denen sich auch Johann nicht entziehen kann. Die Mutter tritt schon früh, im Jahre 1932, in die Partei (NSDAP) ein. Nun werden die Parteiversammlungen in der Restauration abgehalten, wodurch Johann die Reden der Nazis zwangsläufig mitbekommt. Der Vater weiß schon sehr früh: „Die Katastrophe heißt Hitler", und zieht sich zunehmend in seine Theosophie zurück. Johann ist in dieser Zeit sehr oft mit seinem besten Freund Adolf zusammen. Gegensätzlicher könnten Freunde kaum sein: Johann ist eher zurückhaltend und liest seinem Vater aus Nietzsches Zarathustra vor, Adolf hingegen klopft Sprüche und verwendet Vokabular, das er von seinem strammen >Nazi-Vater< übernommen hat. Durch etliche weitere Szenen des Dorflebens wird klar, wie sich die Verhältnisse durch die Macht der Nationalsozialisten komplizieren.

Johann findet über seinen Vater den ersten intensiveren Zugang zur Sprache. Er lernt Wörter zu buchstabieren, die der Vater ihm aufgibt und aus denen er sich einen imaginären „Wörterbaum" wachsen lässt. Ein persönlicher Rückblick ist demnach niemals vor subjektiven Verfälschungen und Auslassungen gefeit. Es lässt sich vermuten, dass Walser die fiktive Figur Johann deshalb zum Protagonisten wählt, weil er den Wahrheitsanspruch, schreibe er biographisch von „Martin", ohnehin nicht erfüllen könnte.

Diese Rezension fanden 1 von 1 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen Walsers autobiographische Kindheit

Walser, der schon immer autobiographisch geschrieben hat, arbeitet in drei großen Kapiteln in den Jahren 1932/33, 1938 und 1944/45 seine eigene Herkunft in Wasserburg am Bodensee auf. Johann, (also Walser kleiner Junge) muß schon früh mithelfen, Kohlen zu schippen und auszutragen - ein kleiner zusätzlicher Verdienst für die Familie neben der kriselnden Gastwirtschaft. Die Mutter tritt in die in die Partei ein, weil sie hofft, daß dann die publikumsträchtigen Parteiveranstaltungen in ihrer Restauration abgehalten werden. Der Vater stirbt früh, läßt sich in die Gesellschaft nicht einordnen und überlebt nur in schwierigen Wörtern, die der fünfjährige Johann buchstabieren lernt. Walser begründet seiner Biographie zwischen kleinbürgerlichen Untergangsängsten und einem Aufstieg und Ausstieg durchs Künstlertum. Seine fortgesetzte Chronik der Bundesrepublik aus kleinbürgerlicher, provinzieller Perspektive scheint nicht vollständig ohne diesen Roman, den man in Zukunft zuerst lesen muß, wenn man ihn und sein Werk begreifen will - so wie man die Bundesrepublik nicht ohne ihre Herkunft aus dem Dritten Reich verstehen kann. Trotzdem ist "Ein springender Brunnen" kein Roman über die Nazizeit (die titelgebende Zeile " stammt übrigens aus Zarathustras "Nachtlied "Meine Seele ist ein springender Brunnen") Nazis kommen zwar vor, aber so selbstverständlich und selbstbewußt, wie sie damals in Wasserburg agiert haben müssen. Der Nationalsozialismus rückt gewissermaßen in den Hintergrund und erhält dadurch Tiefenschärfe. Es geht nicht um Geschichtsschreibung, sondern um die Rekonstruktion der Gegenwart. Die arbeitet Walser nicht ab sondern erzählt, wie es war. Der Roman ist sentimental, konservativ und sehnsuchtsvoll aber lesenswert, auch wenn Geschichte durch Erinnern immer ein wenig gefärbt wird. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

Diese Rezension fanden 1 von 1 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Ein grandioses Zeitporträt

Martin Walsers Springender Brunnen ist ein literarisches Meisterwerk, das, wenn es Walser selbst liest (ich habe ihn dreimal gehört), zu einem noch größeren Erlebnis wird. Seine Ehrlichkeit zu sich selbst und seiner Biographie, seine Distanz zu seinem damaligen Tun und seine virtuelle Sprache machen Walser unbedingt Nobelpreiswürdig. Nur wer ihn falsch oder nicht verstehen will, wird diese feine harte Auseinandersetzung mit dem Deutschland von 32 bis 45 mißverstehen. Ein Lehrbuch, eine Lebensleistung. Danke, Martin! Manfred Klemann, Schriftsteller, Singen.

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