Hrsg. u. übers. von Grünfelder, Alice / Rusch, Beate

An den Lederriemen geknotete Seele

An den Lederriemen geknotete Seele
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erscheinungsdatum: 2000-02
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 159
  • ISBN: 3293201601
  • EAN: 9783293201606
  • Amazon.de Verkaufsrang: 459.482
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Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Schräge Geschichten

Ja, es gibt eine tibetische Literatur, und obwohl das dem Nachwort der Herausgeberin zufolge erst seit kurzem so ist, sind die Geschichten in diesem Buch richtig gut. Allerdings sind sie teilweise ziemlich schräg, das sollte man mögen.In der Titelgeschichte reisen ein junger Mann und eine junge Schafhirtin zusammen durch ein Tibet, das sehr traditionell anfängt und im Laufe der Geschichte immer moderner wird (zuerst kommen Schafe, Tsampa und schwarze Teetöpfe vor, später dann ein Walkman und ein Traktor), immer auf der Suche nach dem irdischen Paradies. Am Ende tritt der Autor selbst auf und verspricht seiner verlassenen, die ganze Zeit als traditionelles, einfaches Mädchen gezeichneten Heldin, aus ihr den neuen Menschen der chinesischen Propaganda zu machen. In einer anderen Geschichte wird die Legende eines unmenschlichen Metzgers erzählt, der eines Tages erleuchtet wird und danach nie wieder einem Tier etwas antut - zum Glück beschützen ihn höhere Mächte davor, irgendetwas davon mitzukriegen, wie die Menschen in seinem Dorf verhungern, weil sie ja nun kein Fleisch mehr zu essen bekommen.

Diese Rezension fanden 5 von 7 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Lesen und Erleben eines lebendigen Tibet

Schlagworte wie „Tibet - das Sterben einer Hochkultur" prägen das Bild des Schneelandes in unserer Medienlandschaft. Nicht nur wird dabei der Eindruck erweckt, seit dem chinesischen Einmarsch 1950/51 sei das kulturelle Leben, von dem bei uns im Westen in der Regel geglaubt wird, es habe sich ausschließlich auf die Religion beschränkt, völlig zum Erliegen gekommen; als sei die Kultur Tibets irreversibel verloren und eine Fortleben stünde daher völlig außer Frage. Mit dem vorliegenden Buch jedoch liegt einer der Beweise dafür vor, daß tibetische Kultur nicht nur lebt, sondern sich auch fortentwickelt. Freilich ist es nicht das statische Tibet, das permanent in „religiöser Selbstgenügsamkeit" vor sich hin dämmernde buddhistische Land, als das es in esoterischen Kreisen für die Zeit vor dem chinesischen Einmarsch 1950/51 und als Utopie für ein wieder unabhängiges Tibet vorgestellt wird. Mit Recht moniert die Herausgeberin Alice Grünfelder, daß die literarische und künstlerische Entwicklung innerhalb des von China dominierten tibetischen Raumes voreilig als sinisiert und damit uninteressant abgehandelt wurde. Das zeigen die von ihr vorgelegten sieben Erzählungen von drei tibetischen Autoren mit aller Deutlichkeit. Wie die Mehrheit (ca. 98%) der Tibeter in ihrer Heimat geblieben, haben diese drei sich nichtsdestotrotz seit Beginn der achtziger Jahre mehr von westlichen Literaten wie Gabriel García Márquez oder William Faulkner als von der chinesisch-kommunistischen Ideologie beeinflussen lassen. Provozierend und mit manchmal unkonventionellen Mitteln und Perspektiven werfen die drei zeitgenössischen tibetischen Autoren Tashi Dawa, Alai und Sebo einen unverstellten Blick auf ein bei uns wenig bekanntes Tibet, ein überraschendes, rätselvolles Panorama von Menschen und ihren Sehnsüchten, von Glaubenswelten und Naturgewalten, und alles begleitet von durch Tradition und Moderne unterschiedlich geprägten Deutungen. Da wird nicht nur, wie bei Tashi Dawa, die magische Vorstellungswelt - auf die ganz typische, unnachahmliche tibetische Weise - mit dem Alltag einer modernen Lebenswelt verknüpft, sondern eine Erzählmanier entwickelt, in der das Skurrile seinen ganz natürlichen Platz hat: wie in der Titelgeschichte (auf S.62ff.) und in „Einladung eines Zeitalters", als er die Zeit sowohl vorwärts als auch rückwärts laufen läßt. Dies wirkt sich über die Protagonisten hinaus auch auf den Autor aus, der sich in seinem verblüffenden Spiel mit verschiedenen Zeitebenen einmal sogar unvermittelt mit seinen Helden, über deren Handeln er scheinbar die Kontrolle verliert, am Ort des Geschehens persönlich konfrontiert sieht. Gleich einem von innen heraus beobachtenden Reisenden wird der Leser zum Begleiter der Handelnden, z.B. des Hirtenmädchens Qiong, das seine Heimat wegen eines Mannes verläßt und auf seinen Abenteuern, die Tibetern mehr als uns alltäglich erscheinen, die Tage zählt, die sie von ihrem geliebten Zuhause (an der ihre Seele so sehr hängt) fort ist, indem sie Knoten in einen Lederriemen macht. Dieses für die von maximaler Mobilität beherrschte westliche Gesellschaft meist nicht mehr nachvollziehbare „Heimweh" wird dem Leser mit der eindringlichen Beschreibung einer manchmal erbarmungslosen Natur verständlicher gemacht, die zuweilen eine für uns ganz alltägliche Institution - wie die eines Briefträgers, dessen Schwierigkeiten in einem Schneesturm Alai sehr eindringlich schildert - als völlig widersinnig erscheinen läßt. Und nicht nur durch die Ironisierungen und Verfremdungen, die Sebo in seinen Erzählungen sowohl dem, was seinen Landsleuten heilig ist, als auch ihrer Fortschrittsgläubigkeit widerfahren läßt, kommt in der „An den Lederriemen geknoteten Seele" der Humor und Witz der Erzähler aus Tibet zum Tragen. Da steht der Schabernack des alten tibetischen Schalks Agu Tompa zwischen den Zeilen, wenn ein junger Tibeter dem Hirtenmädchen Qiong vormacht, daß sein Taschenrechner ihm den Namen der jungen Frau verrät (S.47f.), und vertreibt die Bitternis in der Melancholie, die aufkommt, wenn die Spannung zwischen Tradition und Moderne es den Tibetern schwer macht zu erkennen, wo sie stehen und wer sie sind. In alter Zeit halfen ihnen bei der Beantwortung solcher Fragen die frühen Mythen, die Sagen und Legenden, die als Volksliteratur ausschließlich mündlich überliefert waren, während eine schriftliche weltliche Literatur neben den religiösen Schriften nicht aufkommen konnte. Das ändern nun diese zeitgenössischen Autoren, die in ihrer Erzählkunst auch die herrliche tibetische Fabulierfreude (wie auf S.55ff.) aufleben lassen. Wenn etwa Tashi Dawa diese ganz natürlich und umstandslos mit den Zeichen der modernen Welt verbindet (z.B. auf S.58f.) und dabei keineswegs die Diskrepanz erstehen läßt, die wir uns vorstellen, wenn die tibetische Klosterwelt von Satellitenschüsseln und der Nomadenalltag von Motorrädern heimgesucht wird, dann wirkt all dies erheblich glaubwürdiger als der häufig völlig mißverstandene esoterische „West-Buddhismus", der bei uns aus den Lehren der - durchaus ernstzunehmenden - großen tibetischen Religionslehrer gemacht worden ist. Wer von denjenigen, die sich mit dem Schneeland beschäftigen, sein durch die Medien geprägtes und in hohem Maße von westlichen Projektionen beeinflußtes Bild Tibets (das mit der Wirklichkeit Tibets manchmal erschreckend wenig zu tun hat) nicht untergraben möchte, der nimmt dieses Buch besser nicht zur Hand. Wer aber den Wandlungen einer lebendigen Kultur gegenüber aufgeschlossen und neugierig ist und Spaß hat an einer guten Übersetzung reizvoll erzählter Kurzgeschichten, die inhaltsreich das Spannungfeld zwischen traditioneller Gesellschaft und dem Eindringen der Moderne in den ganz außergewöhnlichen Lebensraum des Dachs der Welt widerspiegeln, dem sei dieser Erzählband aufs wärmste empfohlen und „mit einem Lederriemen an die Seele geknotet". Andreas Gruschke

Diese Rezension von blauessofa fanden 1 von 1 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Magische Erzählungen aus Tibet...

Die Geschichten der drei zeitgenössischen Erzähler Tibets - Tashi Dawa, Alai und Sebo - handeln von der magischen Begegnung von der Gegenwart mit der Vergangenheit, von der Natur und dem Alltag der Tibeter, dem religiösen Leben und der Auseinandersetzung mit dem Fortschritt.Mir persönlich waren die Geschichten zu surrealistisch und grotesk; ich hätte mir aufgrund des Titels eher Erfahrungsberichte und Aufzeichnungen aus dem tibetischen Alltag und dem Leben im Exil unter der chinesischen Besatzung und Unterdrückung erwartet.Für jemanden, der gerne magische und fantastische Geschichten liest, ist das Buch aber sicher empfehlenswert.

Diese Rezension fanden 1 von 1 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Der Wandel in Tibet durch die literarische Blume

Dieses Werk ist ein subtiler Beschrieb des unspektakulären Alltags hinter den Schneebergen des Himalaya. Der eiserne und der Bambusvorhang sind zwar gefallen, aber dank der repressiven Herrschaft Chinas in Tibet wissen wir eigentlich recht wenig über das wirkliche Leben in Tibet. Die jungen tibetischen Autoren erzählen uns vom Leben in Tibet ohne direkt politisch zu sein. Sie helfen uns ein Bild zu gewinnen jenseits des Mythos Tibet, der bei uns wuchert. Das Buch ist sehr empfehlenswert, weil darin wortgewaltige Tibeter jenseits der kommunistischen Ideologie zu Wort kommen und der Wahrheit des Lebens in Tibet näher kommen als westliche Besucher, die meinen sie müssten das x-te Buch über Tibet schreiben.




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