Lavant, Christine

Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus

Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus
  • Verlag: Müller (Otto), Salzburg
  • Erscheinungsdatum: 2001-09
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 159
  • ISBN: 3701310319
  • EAN: 9783701310319
  • Amazon.de Verkaufsrang: 194.472
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Audiobook-Rezensionen

Dieser 1946 entstandene Text besteht aus Aufzeichnungen über einen freiwilligen Aufenthalt in einer Irrenanstalt. 55 Jahre nach seiner Niederschrift ist er veröffentlicht worden. Die Autorin, die sich nachweislich mit 20 Jahren freiwillig nach einem Selbstmordversuch einer Arsenkur in der Klagenfurter Landesirrenanstalt unterzogen hatte, wollte keine Veröffentlichung. In ihren Aufzeichnungen beschreibt die Ich-Erzählerin deutlich, gleichzeitig mit den Mitteln der poetischen Sprache ihre präzisen Beobachtungen an sich selbst, den Patientinnen, am Personal und an den Besuchern. Bereits beim Ankommen wird eines klar: Die Frau, die einen missglückten Selbstmordversuch hinter sich hat, die Trost sucht und erschöpft ist, findet hier alles andere als Ruhe. Sie muss kämpfen. Als Dritte-Klasse-Patientin muss sie sich gegen die besser situierten Damen behaupten, als eine, die noch keine drei Suizide hinter sich hat, muss sie sich ihre Berechtigung für diesen Ort erst erwerben. Und die Tatsache, dass sie – aus armen Verhältnissen kommend – schreibt und vorgeblich nicht aus einer unglücklichen Liebe hier ist, macht ihr das Leben bei den Schwestern und Patientinnen auch nicht leichter. Solange sie noch mit „Sie“ und „Fräulein“ angesprochen wird, hat sie eine gefährliche Grenze noch nicht überschritten. Folglich scheint ihr ganzes Streben am Anfang dahin zu gehen, als Gast und nicht Dazugehöriger der Irrenanstalt zu gelten. Sie ist sich jedoch immer bewusst, dass es sich um eine permanente Gratwanderung handelt: zwischen dem „Wohltun“ der Schwestern und ihrem Hass, zwischen dem Wunsch, wirklich verrückt zu sein und dem „Davon-Träumen“ und „Damit-Spielen“. Ein Grund für ihr Leiden, aber eben nur einer wird am Ende noch preisgegeben – die unerfüllte Liebe zu einem Arzt. Christine Lavant wurde 1915 als neuntes Kind einer Bergarbeiterfamilie im Kärtner Lavanttal geboren. Sie lebte auffallend zurückgezogen; korrespondierte aber mit Dichtern wie Thomas Bernhard, Paul Celan u.a. Sie schrieb Lyrik und Prosa und erhielt zahlreiche Auszeichnungen: zweimal den Georg-Trakl-Preis für Lyrik und den Großen Staatspreis für Literatur. Christine Lavant starb 1973. Evamaria Salcher liest die Aufzeichnungen. Unprätentiös, aber bestimmt vermittelt sie die Beobachtungen. Es gelingt ihr, die Verletzungen, die Todessehnsucht oder zumindest die Sehnsucht, im Irrenhaus für immer bleiben zu können, glaubwürdig darzustellen. Die Wiener Schauspielerin, die seit 1998 in Deutschland arbeitet und zum Ensemble des Mannheimer Schauspiels gehört, ist eine ideale Besetzung für die authentische, textliche Vorlage. Lesung, Spieldauer: ca. 175 Minuten, 3 CD. -- culture.text

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von podiwinsky fanden 14 von 15 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Wahrscheinlich die beste Prosa-Arbeit von C. Lavant

In unglaublich dichter und bewegender Prosa erzählt Christine Lavant von ihrem (?) freiwilligen Aufenthalt im "Irrenhaus". Die Patientinnen, die Pflegerinnen, Besucher, der Arzt, alle sind reale Akteure aus Fleisch und Blut, keine bloßen "Figuren". Vor dem Hintergrund unmenschlicher Bedingungen für die Patientinnen Ende der 30er-Jahre in einem Provinzspital für Geisteskranke, entwickelt Lavant bewegende menschliche Szenen und Innenwelten. Lavant, die das Buch aus persönlichen Motiven nie veröffentlichen wollte, hat damit wahrscheinlich ihre beste Prosa-Arbeit geschrieben. Zum Glück ist sie erhalten geblieben.

Diese Rezension von Thomas Stahl fanden 1 von 1 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Die ganze Welt ist ein Irrenhaus, und hier ist die Zentrale!

Kurzinformation zur Autorin (aus dem Klappentext):

Christine Lavant, geboren 1915 in St. Stefan im Lavanttal/Kärnten, gestorben 1973 in Wolfsberg/Kärnten. Sie verfasste Lyrik und Erzählungen, für die sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. 1954 und 1964 mit dem Georg-Trakl-Preis und 1970 mit dem Großen Staatspreis für Literatur.

Inhalt (Klappentext):

Ein Klassiker der österreichischen Nachkriegsliteratur:

In intensiven Bildern erzählt vom Aufenthalt in einer "Irren-Anstalt". Selten zuvor wurde so offen, so schonungslos und so poetisch von den Abgründen der Psyche und dem Alltag der Psychiatrie erzählt, selten zuvor hat sich eine Autorin so radikal dem eigenen Leben genähert.

Eigentliche Rezension:

Die vorliegende Ausgabe (Haymon-Verlag, 2008) ist gegliedert in eigentliches Werk, Nachwort und editorische Hinweise.

Den 1946 entstandenen, aber erst 55 Jahre später veröffentlichten Text erzählt Christine Lavant aus der Ich-Perspektive. In tagebuchartigen Einträgen beschreibt die Ich-Erzählerin unverblümt und präzise, was sie nach einem gescheiterten Selbstmordversuch während ihres freiwilligen Aufenthalts im "Irrenhaus" erlebt, was und wie sie sich fühlt, was sie denkt. Schonungslos sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber anderen reflektiert sie über die alltäglichen Abläufe der "Station Zwei", welche ihre momentane Welt darstellt, über das Verhalten der Insassinnen, das des Pflegepersonals, das der Ärzte und das der Besucher, über ihre eigene chaotische Gefühls- und Gedankenwelt, über ihre Zukunft und darüber, wie die Gesellschaft, in die sie nach ihrem Aufenthalt zurückkehren wird, auf sie als nun "Irre" reagieren wird, über Liebe, über Religion und "Heilsangebote", über die allgegenwärtige Absurdität, welche sich weit über die Grenzen der "Station Zwei" erstreckt, und über den Sinn bzw. Unsinn des Lebens, freilich ohne diesen auch nur annähernd ergründen zu können.

Dies alles geschieht in einer meist sachlichen, deutlichen und klaren Sprache. Die Ich-Erzählerin schafft es, das Chaos ihrer momentanen Welt sowie ihre Emotionen, Überlegungen und Reflexionen sprachlich zu ordnen, zu strukturieren und zu kultivieren. Im Großen und Ganzen ähnelt der sprachliche Stil nicht den unkontrollierten Gedankenexplosionen Lieutenant Gustls, sondern eher den weitaus klareren Reflexionen Werthers, wobei letzterer eine wesentlich poetischere Sprache verwendet.

Die Ich-Erzählerin, die sich als Schreibende offenbart und als Schreibende wahrgenommen wird, wird so zum Medium der Wirklichkeit.

Darüber hinaus erkennt sie die Notwendigkeit dieser schriftlichen Kultivierung des Chaos; das Schreiben wird zum Versuch einer Selbstheilung, zur Therapie.

Die kritischen Töne, die im Text aufkommen, sind teilweise sehr subtil, sodass eine ausführliche Auseinandersetzung mit ihnen in einer Interpretation nicht fehlen darf, sie den Rahmen einer Rezension allerdings sprengen würde. Daher seien im Folgenden nur die drei offensichtlichsten Kritikfelder angerissen:

Ärzte und Pflegepersonal erscheinen in den Augen der Ich-Erzählerin teilweise gefühlskalt, distanziert und sogar herablassend. Doch bringt sie für dieses Verhalten noch ein gewisses Verständnis auf, indem sie erkennt, dass die angesprochene Distanz eine Art Selbstschutz und damit eine Notwendigkeit darstellt.

In der Hierarchie der Insassinnen steht sie an letzter Stelle. Einerseits stammt sie aus armen Verhältnissen, weshalb sie keinen Einlass in den "Club der besser Situierten" erwarten kann, andererseits ist sie nicht "verrückt" genug und daher nicht berechtigt, um dem "Club der hoffnungslosen Fälle" beitreten zu können. Sie steht alleine; selbst in einer "Irrenanstalt" ist sie eine klare Außenseiterin.

Von ihrer Rückkehr in die "normale" Gesellschaft, in der sie ebenfalls schon immer eine Außenseiterin war, erwartet sie eine Abstempelung als "Irre" und somit die Zuteilung einer noch dramatischeren Außenseiterrolle. Unter anderem aus dieser Überlegung heraus entwickelt sich sogar der Wunsch, wirklich "verrückt" zu werden und für immer im "Irrenhaus" zu bleiben.

Allerdings lese ich das Werk in erster Linie nicht als hyperkritischen Aufschrei oder aufklärerischen Beitrag zum Thema "psychische Erkrankungen", sondern vielmehr als Versuch, durch die Offenlegung der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt und durch die Schilderung subjektiv wahrgenommener Ereignisse und Abläufe mit sich selbst, den Anderen, der Welt, dem Leben fertig zu werden, kurzum: als selbsttherapeutische Selbstentblößung ohne künstlich hinzugefügten moralischen Zeigefinger. Und gerade darin sehe ich die Stärke des Werkes: es bezieht seine ganze Gewalt aus seiner Authentizität.

Noch eine kurze Notiz zum Nachwort und zu den editorischen Hinweisen:

Sie geben Aufschluss über die Textentstehung und -veröffentlichung, vermitteln biografische und weiterführende Hintergründe, die äußerst hilfreich zur Erschließung des Werkes sind, und bilden daher alles in allem wertvolle Teile dieser Ausgabe.

Fazit:

Ehrlich, unverblümt, authentisch! Lesen!

Diese Rezension von kiplies fanden 2 von 3 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Eine Anklage...radikal, menschlich, authentisch!

Unmittelbar und schnell, fast zu schnell, wird der Leser in das Geschehen hineingezogen. Aus den Aufzeichnungen einer Insassin, die sich selbst in die Position des Ich-Erzählers stellt und somit auch wertend kommentieren kann, erfährt man den Alltag in einer Irrenanstalt. Als Leser hat man das Gefühl, unmittelbar angesprochen zu werden und verfängt sich schnell in die Handlung und beteiligten Personen.

Von Beginn an begegnet einem die Sprache, roh und trotzdem poetisch, abgehackt, aber erzählerisch , schonungslos offen und doch nur andeutungsweise und es wirkt verstörend so wie die abgerissenen Schilderungen, die rasant Situationen und Personen wechseln, wodurch dem Leser nie Genug Zeit und Raum geschaffen wird, um eine Beziehung und somit Emotion aufbauen zu können. Es stellt sich das Gefühl der Absurdität ein, aber wie sollte es anders sein in einem Irrenhaus?

Alles wird nur kurz, fast grob angerissen und es geht hier nicht um die Einzelpersonen oder besonders schwere Schicksale, sondern um die Sache an sich, den Umstand, dass es hier um erkrankte Emotionen geht, die nicht fassbar sind.

Nicht nur die Insassen leiden darunter, auch das Personal, welches in unterschiedlicher Weise beschrieben wird, fast so, als könne sich die Autorin nicht entscheiden, ob sie eine Verurteilung, Verständnis oder Rechtfertigung verdient hätten. Es gibt Schwestern und Ärzte, die recht kühl und distanziert erscheinen, aber auch solche, denen durchaus menschliche, warme Züge gegeben werden und am Ende wird sogar eine Art der Absolution erteilt, denn wie sonst sollte sich das Personal selbst schützen, wenn nicht durch schematisierte Arbeitsabläufe, die keinen Raum bieten für Zwischenmenschliches.

Etwaige Behandlungsmethoden wie das Anlegen der Zwangsjacke oder das Verabreichen von Arsen oder Schlafmitteln, werden so beiläufig knapp erwähnt, dass sie gar nicht brutaler wirken könnten.

Eine Handlung an sich gibt es nicht und auch selten Tages- bzw. Zeitangaben, die Erzählung wird dem Leser mehr oder weniger vor die Füße geschmissen, ganz nach dem Motto Friss Vogel oder stirb", denn so ist das Leben.

Dieser Ort und v.a. der recht knappe Umfang der Aufzeichnungen lässt keinen Platz für schmalzige Sentimentalitäten, denn sonst bräuchte der Leser viel mehr Zeit, um in die Echtheit der Handlung einzudringen. So aber gelingt es der Autorin, den Leser von der ersten Zeile an mit ihrer authentisch kühlen Sprache, mit der ganzen Tragik zu erschlagen, zu fesseln, vorzuführen.

Was ist die Lösung und gibt es eine? Die Frage scheitert schon fast daran, dass man das wofür nicht definieren kann. Muss es eine Lösung für die Insassen geben oder eine für die Welt außerhalb aller Absurdität?

Die Autorin kommt auf die Liebe zu sprechen .... welche Liebe? Muss sie erwidert werden oder genügt es, wenn wir sie in uns haben? Müssen wir nicht zuerst uns selbst lieben, aber ganz langsam und behutsam? Ihre Liebe wird nicht erwidert, weil sie nicht einmal erkannt wird und auch die Schilderungen zwischenmenschlicher Beziehungen, des Liebesaustausches zwischen den Patienten und Angehörigen oder untereinander sind nur einseitig und wirken gescheitert. Es sind Patienten, die keine Liebe erwarten, weil sie noch nie geliebt wurden, nicht einmal sich selbst lieben können.

Vielleicht ist das die Antwort, wenn es überhaupt eine gibt. Die Ich-Erzählerin legt sich keinesfalls fest, deutet nur unsicher an und resigniert. Das ist ihre Entwicklung, die Suche nach einer Antwort, einem Warum und schließlich die Resignation vor dem grausamen Spiel des Lebens, eines Gottes oder Teufels, wenn man es so sehen will und auch die Liebe kann wohl keine Rettung sein, weil sie aus uns nur Spielgefährten macht, Marionetten zur Belustigung derer, die dieses Spiel mit uns spielen.

Die Ich-Erzählerin wird nach sechs Wochen entlassen, aber der Ton, in dem sie dies in aller Kürze notiert, zeigt deutlich, dass sie bereits resigniert hat noch ehe sie wieder in das Leben geschmissen wird.

Dieses Buch ist allemal lesenswert, literarisch wertvoll und in hohem Maße menschlich, ohne Zeigefinger und Moral, einfach authentisch, still und somit eine umso brutalere Anklage des Lebens.

Als einzigen Kritikpunkt könnte man die Kürze des Werkes anbringen, denn sobald man sich endgültig auf den Ton der Erzählerin eingelassen hat, ist es auch schon wieder vorbei.

Im Anhang erfährt man noch einiges zur Überlieferung, Entstehung und Interpretation des Werkes. U.a. wird untersucht, inwiefern autobiografische Bezüge hergestellt werden können und welche äußeren Umstände Chrinstine Lavant besonders beeinflusst haben müssen. V.a. aus dem Briefnachlass erhält man einiges an interessanten Zusatzinformationen.

Weiterhin gibt es noch jede Menge editorischer Hinweise sowie Erläuterungen der Ausgabe.

Fazit: Ein überaus empfehlenswertes Stück Literatur der österreichischen Nachkriegszeit in netter Aufmachung und mit ergänzenden Erläuterungen, die, wenn auch etwas knapp ausgefallen, dem Ganzen einen Hintergrund geben.

2 von 5 Sternen Obwohl es ein Klassiker ist ...

war ich doch sehr enttäuscht über dieses Buch. Ich hätte mir mehr Handlung, mehr Spannung erwartet.

Eine Frau, die im Irrenhaus ist, sich dem Leben dort anpasst um ja nicht aufzufallen. Jedem alles Recht machen.

Was mich allerdings an diesem Buch doch sehr bewegt hat, ist der Anhang. Der lässt noch mal so richtig in sich gehen und regt zum Nachdenken an.

4 von 5 Sternen Einblicke

In der Nazi-Zeit -so erfährt der Leser in dem informativen Nachwort- galten "Schreibende" und psychisch Kranke als auffällig.

Dennoch scheute sich die 1915 geborene Österreicherin Christine Lavant nicht, ihre Erfahrungen in einem Irrenhaus festzuhalten.

Aufzeichnungen belegen, dass die mehrfache Preisträgerin als 20-Jährige nach einem Suizidversuch sechs Wochen in der "Landes-Irrenanstalt Klagenfurt" verbrachte.

Sachlich und offen berichtet die Autorin über das Leben und Leiden hinter Gittern und in grauer, gestreifter Anstaltskleidung.

Christine Lavant schildert in einfachen, klaren Sätzen das Miteinander von Patienten, Ärzten und Pflegepersonal. Sie spricht über ihre Zweifel an der Arsen-Behandlung, sowie über ihre Ängste, nach der Entlassung aus der Anstalt im Dorf als "Die Verrückte" zu gelten.

In diesem insgesamt lesenswerten Buch habe ich ein wenig die Emotionen der Kranken vermisst. Den Einblick in ihr Seelenleben verwehrt Frau Lavant ihren Lesern.

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