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Bern im Sommer 1954. Deutschland steht im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft gegen Ungarn. Im Rundfunk dröhnt die legendäre Reportage Gerd Zimmermanns. Ein elfjähriger Pfarrerssohn erlebt währenddessen in einem kleinen hessischen Dorf vor dem Radio den Sonntag, an dem er Weltmeister wurde. F.C. Delius berichtet in seiner autobiographischen Erzählung von einem deutschen Mythos und gleichzeitig von der autoritären Enge der fünfziger Jahre.
"Schäfer nach innen geflankt -- Kopfball -- abgewehrt -- aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen -- Rahn schießt -- Tor! Tor! Tor! Tor für Deutschland!" Millionen von Deutschen verfolgen am 4. Juli 1954 die Radioreportage von Gerd Zimmermann aus dem Berner Wankdorfstadion. Auch ein elfjähriger Pfarrerssohn in einem hessischen Dorf fiebert mit. Nach acht Minuten liegt die deutsche Mannschaft gegen den haushohen Favoriten Ungarn bereits mit 0:2 im Rückstand. Der weitere Verlauf wurde zur Legende und wird seitdem "Das Wunder von Bern" genannt. In Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde verknüpft Friedrich Christian Delius geschickt diesen Moment der Siegesbegeisterung -- Labsal für das nach Krieg und NS-Zeit darnieder liegende Nationalbewusstsein -- mit der Gefühlswelt seiner eigenen Kindheit. Angesichts der dörflichen Enge, der Strenge des Vaters und des Eindrucks der eigenen Unzulänglichkeit erlebt der junge Ich-Erzähler an diesem Sonntag sein persönliches Wunder: die Ahnung, dass ein Aufbruch aus diesem ungeliebten Dasein möglich ist. "...und als wir uns, wie blöde geworden, Wortbrocken wie Weltmeister! und Deutschland! und Dreizuzwei! zuriefen, mit dem Geschrei die Spatzen aufscheuchten und, von der ungewohnten Wucht der Worte mitgerissen, aus den genormten Sonntagsbewegungen kippten und lachten und johlten, war ich, ohne es zu begreifen, der glücklichste von allen, glücklicher vielleicht als Werner Liebrich oder Fritz Walter." So wie ein Radioreporter den Zuhörern etwas vermittelt, was sie gar nicht sehen, inszeniert auch Schauspieler Peter Lohmeyer -- selbst Pfarrerssohn und Fußballfan -- hervorragend diese dichte Erzählung einer provinziellen Jugend. Und gerade wenn er die Rolle des Fußball-Kommentators übernimmt, macht er das so gut, dass selbst fast fünfzig Jahre nach dem legendären Spiel noch Spannung aufkommt. Spieldauer: 172 Minuten, 3 CDs, ungekürzte Lesung --Christian Stahl
Bedrückend - berührendEine Kindheit unter der Knute der Frömmigkeit, des rund um die Uhr vorschriftsmäßig praktizierten Glaubens, des Gehorsams, der dörflichen Enge, der demütigen(den) und appetitverderbenden Dankbarkeit für das tägliche Brot, der Angst vor Strafen und Schwächen. Delius erzählt von seinem Leben als (elfjähriger) Pfarrerssohn, beschreibt einen Sonntag im hessischen Dörfchen Wehrda, erinnert sich an den Tag im Sommer des Jahres 1954, an dem das deutsche Fußballteam die Weltmeisterschaft gewann. Sein Vater und der "liebe Gott" stellen eine autoritäre Doppelmacht dar, welche der stotternde Junge noch nicht (konsequent) zu kritisieren oder in Frage zu stellen wagt; doch ahnt er - und damit auch die Leserin / der Leser - daß erste offene Versuche einer Rebellion gegen die bedrückende Enge seines Umfeldes nur noch eine Frage der Zeit sind. Schon von "Fußballgöttern" zu sprechen, ist ein Frevel, schon lautes Lachen oder der Spaß an weltlicher Musik sind unerwünscht und damit der Beginn (s)eines Aufbegehrens. Für Menschen, die selbst oder deren Eltern in den prüden, von Doppelmoral und strengem Sitten- und Glaubenskodex geprägten fünfziger Jahren aufgewachsen sind, und für alle, die gute Literatur lieben, eine äußerst interessante und bewegende Erzählung.
Kantersieg der Sprache"Schäfer nach innen geflankt - Kopfball - abgewehrt - aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt - Tor! Tor! Tor! Tor für Deutschland!" - Klar, welchen Sonntag F.C. Delius mit dem "Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" meint - den 4. Juli 1954. Die Erzählung beginnt aber bereits am Sonntagmorgen, um schließlich ihr Finale am späten Nachmittag anzusteuern.
Ort der Handlung ist aber nicht das Berner Wankdorfstadion, jedenfalls nicht direkt, sondern das Arbeitszimmer eines stockprotestantischen Pfarrers. Hier sitzt der Protagonist dieser Erzählung, der älteste Sohn des Pfarrers, vorm Radio - exakt demselben Radio, aus dessen Lautsprecher sonst erhabenere Töne erschallen. Dieser Junge ist nicht zu beneiden; neben den Nöten, die einem Pfarrerskind in den 50er Jahren auf dem Lande zusetzen, ist er noch mit Schuppenflechte, Stottern und Nasenbluten geplagt.
Und was die bereits angedeuteten "erhabeneren Töne" angeht, so ist das Leben des Jungen von ihnen durchdrungen, zusammen mit dem kompletten Arsenal der 50er Jahre: Kirchenglocken "zerhacken" am Sonntagmorgen endgültig den Schlaf. Der Junge weiß nur zu gut, dass die Glocken ein allsonntägliches Pflichtenprogramm einläuten, das kein Pardon gibt: Kirchgang, mütterliche Ermahnungen, den Feiertag durch Bravsein zu heiligen, und der strafende Blick des Vaters, wenn der Sprössling während der Predigt nicht bei der Sache ist. Zwar verläuft das Frühstück nicht so gehetzt wie sonst, aber "Geleetrübsinn" und kleidungsbedingte "Sonntagsvorsicht" lassen auch keine Hochstimmung aufkommen. Die Regeln sind streng: Am Sonntag sind Lederhosen verboten, Manchesterhosen erlaubt, ein Blick ins Lateinbuch verboten, andere Bücher erlaubt, Fahrradfahren zur Gottesdienstzeit verboten, nachmittags erlaubt... Kurz: Es herrscht das protestantische Pfarrhaus mit all seinen Traditionen: Nichts, was nicht biblisch-pietistisch aufgeladen wäre (sogar das Sanella-Brot); nur der Kakao wird mangels einschlägiger Bibelsprüche "nicht von Gottes Gnade" vergiftet. Man merkt es schon auf den ersten Seiten: Hier regiert eben jenes Wort, das "sie sollen lassen stahn".
Zunächst verläuft auch dieser Sonntag ruhig und diszipliniert, doch im Hintergrund wartet nicht nur die sehnlich erwartete Fußballübertragung, sondern auch die Angst, neben idyllisch anmutenden "Sonntagsläuten" und "Sonntagsbraten" stehen auch "Sonntagsblicke", "Sonntagsängste", "Sonntagsregeln". Der Erzähler schwankt zwischen Bewunderung für den wortgewaltigen, souveränen Vater und Angst vor dessen Allmacht, die mitunter schon gottähnliche Züge annimmt - für den Leser komisch, für den Erzähler alptraumhaft.
Und in diese festgefügte Welt also dringt die Reportage von Herbert Zimmermann, auch wenn das Radio, des großväterlichen Mittagsschlafes wegen so leise wie möglich gedreht ist.
Zimmermanns Reportage aber wird zu einem Befreiungsakt der besonderen Art - wichtig ist nicht nur das tatsächliche Geschehen im Berner Stadion, sondern vor allem - das Wort, nun aber nicht das lutherische, sondern das entfesselte: Sensationelle Wörter dringen ein in das sakrosankte Arbeitszimmer, Wörter wie "Fußballwunder" oder "Allmacht" des liebreichen Liebrich, der "rettet rettet rettet", und das berühmte "Toni, du bist ein Fußballgott". Der Junge spürt zwar, dass er das, was er hier vernimmt, als Blasphemien am laufenden Band verurteilen müsste, aber stattdessen erlebt er hier die in der Predigt verheißene Befreiung, Endlich begreift er , was es heißt, die Ersten werden die Letzten sein; schließlich, er ist vor Aufregung kaum mehr zu bändigen, vernimmt der fiebernde Zuhörer den Sieg seiner Fußballelf, die angetreten war, "den Himmel stürmen".
Statt der Worte des Vaters werden nun die Worte der Fußballreportage zur Befreiung von erdrückender Autorität: Ein kleiner anderthalbstündiger Ausflug in das glückliche Reich des Spiels, das der Junge zugleich mit der befreienden Kraft der Sprache entdeckte.
Delius' Erzählung ist, ganz biblisch, ein Gleichnis bzw. eine Parabel über die Phantasie und das Spiel, wo der Mensch frei wird, wenn er sich nicht vom Sprachgebrauch anderer einschüchtern lässt, sondern selbst mit der Sprache spielt.
"Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde", ist kein Fußballbuch, sondern ein Buch über Väter und Söhne, über Befreiung und Unterdrückung durch Sprache; teilweise auch über das Leben in der Provinz in den 50er Jahren. Vor allem ist es aber eine wunderschöne, stilsichere Erzählung.
Fußballmesse im Pastorat"Aus! Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister, schlägt Ungarn mit drei zu zwei im Finale in Bern". Herbert Zimmermanns legendäre Rundfunkreportage ist ein Stück Fußballgeschichte geworden, damit auch ein Stück Lebensgeschichte meiner und der älteren Generation.
Ich war damals zehn Jahre alt. Mein Vater haute mit seinen Kartenbrüdern die Skatkasse beim Endspiel im Berner Wankdorfstadion auf den Kopf. Mutter entfloh der fast unerträglichen Spannung und ging spazieren. Ich hockte im Wohnzimmer vor dem Radio und schrie mir die Seele aus dem Leib. Und Oma saß im Ohrensessel, ganz still, die Tränen kullerten. Sepp Herbergers krasse Außenseitermannschaft hatte den haushohen Favoriten Ungarn bezwungen. Wir waren wieder wer. Es war Sonntag, der 04. Juli 1954.
Friedrich Christian Delius hat seine Lebenserfahrung mit diesem denkwürdigen Tag in die autobiographische Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" umgesetzt. An jenem Tag gelingt dem Pastorensohn der Ausbruch aus den Zwängen seiner Kindheit: Verbote, Regeln sehr strenger Art, wortgewaltige Dominanz des Predigervaters, Gottesautorität überall - Herbert Zimmermanns Fußballgottesdienst, an dem der Autor im Amtszimmer seines Vaters allein am Radio teilnehmen darf, ist ein befreiendes Schlüsselerlebnis für den stotternden, von Hautallergien geplagten Knaben. Zimmermann erhebt Torwart Toni Turek zum "Fußballgott" und "betet" mit uns, auf daß der Schlußpfiff uns endlich erlöse. Der kleine Delius identifiziert sich mit den "Helden von Bern" - und beginnt, sich von seinen Eltern zu emanzipieren.
Das alles wird, bei allem Preisen des Fußbalidylls am Weltmeistersonntag, zur Parabel der Mehrbödigkeit jeder Sportfaszination. Delius ist ein virtuoser Schreibkünstler, der ein Stück seiner Kindheitsgeschichte mit ironischem Feinstrich festgehalten hat. Die älteren Leser werden an ihre eigene Lebensgeschichte erinnert; die jüngeren aber werden den Mythos der WM 1954 und damit ihre Eltern oder Großeltern besser verstehen lernen.
Nicht die beste WahlIn dem Buch geht es um einen 11-jährigen Pfarrersohn, der jede Menge Probleme mit Religion und seiner Familie hat. Diese Geschichte passierte in einem kleinen Dorf in Hessen, am 4. Juli 1954, als Deutschland Fußball Weltmeister wurde.
Die Erzählzeit umfasst einen Tag, von Morgen bis Nachmittag. Deswegen gibt es nicht so viel Handlung.
Der Junge berichtet über seine Einsamkeit in der Familie und die Religion, die auf ihn eher einschüchternd wirkt.
Gott beeinflusst sein ganzes Leben, vom Aufwachen beginnend, über den Gottdienst bis hin zum Abend.
Der Titel lautet „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“, obwohl im Hauptteil keine Rede vom Fußball ist. Der Autor hat den Titel gewählt, weil der Fußball die Leidenschaft des Jungen ist. Der Fußball ist die einzige Freude seines Lebens.
Das Buch interpretiert sehr detailliiert das Leben im Nachkriegsdeutschland, was aber ohne Hintergrundkenntnisse schwer zu verstehen ist.
Wir haben das Buch im Rahmen eines Oberstufekurses für Deutsch als Fremdsprache gelesen. Der Wortschatz des Buches ist sehr künstlich. Vielleicht macht das für Muttersprachler Spaß, aber für die Ausländer ist das sehr störend.
Meiner Meinung nach ist es, wenn man die Oberstufe bestehen möchte, nicht die beste Wahl. Im Buch gibt es wenig Handlung und man muss die Sprache ziemlich gut beherrschen, wenn man über Gefühle sprechen möchte. Des Weiteren ist das Buch zu langweilig als dass man sich viel damit beschäftigen möchte.
Sehr berührende Erzählung mit starken autobiographischen ZügenDie Hauptfigur dieser Erzählung ist ein elfjähriger Junge (Delius?), dessen Alltag von der Religion bestimmt ist. Die Handlung spielt im Jahre 1954 - also noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit.Der Autor beschreibt, wie der Junge versucht, sich von dem Joch der Religion, und von der Autorität des Vaters (er ist Pfarrer) zu befreien, indem er seine eigene Welt sucht - nämlich die Welt des Fussballs. Die ganze Erzählung streckt sich nur auf einen Tag, der Tag der Finale und des Sieges des deutschen Teams.
Der Leser erlebt nicht nur erneut das Wunder von Bern, sondern auch die neue Geburt der Hauptfigur und schliesslich das Wunder der Sprache von dem Autor...
Brockhaus-1911: Delius · Schwarzer Sonntag · Weißer Sonntag · Sonntag · v.Chr. · a.Chr.(n) · n.Chr. · Chr.
DamenConvLex-1834: Sonntag, Henriette · Sonntag · Gellert, Chr. Fürchtegott
Eisler-1912: Heinroth, J. Chr. Fr. Aug. von · Thomasius, Jacob, Vater von Chr. Th. · Clodius, Chr. Aug. Heinr.
Meyers-1905: Delĭus · Sonntag · Weißer Sonntag · Grüner Sonntag · Goldener Sonntag · Chr.
Pagel-1901: Helfreich, Friedrich Chr
Pataky-1898: Sonntag, Leo · Sonntag, Hans · Neupauer, Chr.
Pierer-1857: Delĭus · Sonntag [1] · Schwarzer Sonntag · Sonntag [2] · Weißer Sonntag · Sonntag [3] · Fetter Sonntag · Feister Sonntag · Fröhlicher Sonntag · Chr. · Heiliger Blutstag unsers Herrn I. Chr.