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Auf der Suche nach der verlorenen UnschuldLebensrückblicke und -erinnerungen in gedruckter Form gibt's wie Sand am Meer -- aber einige davon lohnen auch noch Jahrhunderte später die Lektüre. Wilhelm von Kügelgens "Jugenderinnerungen eines alten Mannes" gehören in diese Kategorie. Erstmals erschienen sind sie postum, nämlich 1870, und gehörten zu den Longsellern des Kaiserreichs. Obwohl das manchem nicht als Empfehlung klingen mag, erwähne ich's. Die damalige Beliebtheit könnte nämlich einen Grund haben, der für dieses Buch spricht. Aber davon gleich.
Kügelgen blickt also, wie der Buchtitel verrät, im Alter auf seine Jugend zurück: Geboren wurde er in Petersburg als Sohn des Porträtmalers Gerhard von Kügelgen, aufgewachsen ist er (von kürzeren Unterbrechungen abgesehen) in Dresden, in einem weltoffenen, aufgeschlossenen Elternhaus, in dem viele Persönlichkeiten vor allem der Frühromantik zu Gast waren. Den meisten begegnet man in Kügelgens "Jugenderinnerungen", dessen anschaulichem Erzählstil man anmerkt, dass er wie sein Vater Maler werden sollte: Neben großen Namen wie z.B. Johann Gottfried Seume oder Caspar David Friedrich tauchen auch heute beinahe vergessene Persönlichkeiten auf, in Kügelgens liebenswürdiger, auf eine sympathische Weise altväterischer Diktion. Freunde der pointierten Anekdote werden auf ihre Kosten kommen: bei der Schilderung des Philosophen Wetzel etwa, einem Verehrer des Althochdeutschen (bzw. dessen, was er dafür hielt), der seine Frau in aller Unschuld "Henne" nannte, und seine Tochter "Forelle", oder, ganz hinreißend: Der erste Besuch Goethes im "Gottessegenhaus" (so nannte man das Wohnhaus der Kügelgens, nach einer Inschrift im Giebel), der regelrecht auf der Flucht vor einer allzu penetranten Verehrerin war -- Groupies anno 1813...
Das eigentlich faszinierende an Kügelgens "Jugenderinnerungen" ist aber diese Unbefangenheit, die einem den Begriff "gute alte Zeit" erschließen lässt: Nicht die Zeit selbst war "gut"; davon legt dieses Buch hinreichend Zeugnis ab: Kügelgen beendet seine "Jugenderinnerungen" mit dem Bericht über die Ermordung seines Vaters -- anschließend gab es keine Jugend mehr zu erinnern. Nein, besser waren die Zeiten nicht: Der Vater eines Spielkameraden war erfroren, auf dem Gut des Großvaters im Baltikum war noch die Leibeigenschaft üblich (zur Erinnerung: Das heutige Estland gehörte zum russischen Zarenreich), und während Kügelgens Kindheit führte Napoleon seine Eroberungskriege, von denen auch Dresden mehrmals betroffen war. Dementsprechend tragen auch Kügelgens Augenzeugenberichte zu den je nachdem sächsischen, russischen, französischen, preußischen oder russischen Truppen und Machthabern in Dresden zum Reiz dieses Buches bei, und ganz nebenbei erfährt man: Der Ruf "Die Russen kommen!" war nicht immer ein Schreckensruf.
Aber, wie gesagt, den besonderen Reiz dieser Erinnerungen macht die Unbefangenheit aus, mit der sich die damalige Bevölkerung den weltpolitischen Ereignissen näherte. Je nachdem war man ganz Begeisterung oder ganz Abscheu: Man wusste noch, wo gut und wo böse war; oder genauer: zumindest war man sich sicher, das zu wissen. Kügelgens Stil gibt diese naive Selbstbewusstheit seiner Epoche, der "guten alten Zeit", treffend und -- unbefangen! -- wieder.
Kügelgens "Jugenderinnerungen eines alten Mannes" eignen sich hervorragend für lange ungestörte Leseabende, in denen man in eine vergangene Zeit und ein längst vergangenes Selbstverständnis hineintauchen kann. Der liebenswürdige Stil des Autors unterstützt das noch, und hinzu kommt, dass diese Ausgabe der "Jugenderinnerungen" vom Hellerau-Verlag bemerkenswert schön gestaltet wurde: Neben dem angenehmen Satzspiegel fallen besonders alle paar Seiten die Reproduktionen zeitgenössischer Bilder am unteren Bildrand ins Auge; oft handelt es sich um Gemälde Kügelgens oder seines Vaters, vor allem bei den Porträts. Ein leicht lesbares Nachwort, ein Namensregister und ein Faksimile der handschriftlichen ersten Seite runden den positiven Eindruck ab.
Welch' ein Lesevergnügen!Was brauchen wir für einen beschaulichen Blick zurück zum Anfang des 19. Jahrhunderts?
Etwas höfisches Leben, etwas bürgerliche Zuversicht, Kunst, Kultur, Trommelwirbel und Säbelrasseln, etwas Liebe, Menschlichkeit und nicht zuletzt wunderschöne deutsche Natur. All das bieten Sachsen und Anhalt zur Genüge.
Kügelgen hat dies alles erlebt und nicht erfunden. Er versteht es, uns sanft, sachlich, freundlich und bescheiden mitzunehmen auf eine wundersame Reise in die Vergangenheit.
Empfohlenes Lesezubehör: Rotwein, Kaffee, einen geheizten Kachelofen drinnen, Schneefall draußen, einen schnurrenden Kater, Zeit.
Der Inhalt ist nur zu empfehlen; dies Verlagsprodukt jedoch ist eine ZumutungÜber den Inhalt und dessen Qualität kann man nichts anderes sagen als: es ist überaus lohnend, sich mit dem Text und der Zeit, in der er geschrieben wurde, zu beschäftigen. Trotz der scheinbar leichten Hand, hat sich Kügelgen über 10 Jahre damit geplagt und etwas sehr Schönes der Nachwelt hinterlassen.
Schandbar aber ist die Ausgabe des Verlages Hellerau. Das lieblose Lektorat verdient eine Ohrfeige, der Text ist in der unzumutbaren Schriftgröße 10 gedruckt, der Band ist unhandlich gebunden, die Reproduktionen viel zu winzig, um daran Spaß zu haben. Kurz: wenn es eine andere Ausgabe gibt, dann kann diese nur besser sein.
Schade, das hat Kügelgen nicht verdient!
Kügelgen,JugenderinnerungenSehr gut und informativ geschriebenes Buch, das die Zeit der Napoleonischen Kriege und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in Dresden lebendig werden läßt. Man nimmt teil am Glanz und an den Bedrängnissen des gehobenen Bürgertums, dem Verkehr mit manchen Größen der Zeit, aber auch an militärischer Besetzung und dem Rausch der Freiheitskriege, und schließlich am Werdegang eines angehenden Künstlers.
LiebhaberdeutschDie "JUGENDERINNERUNGEN EINES ALTEN MANNES" von Wilhelm von Kügelgen
als Buch empfehlenswert, insbesondere wenn man die von Gert Westphal
gelesene CD gehört hat.
Brockhaus-1911: Kügelgen · Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede
Goetzinger-1885: Befestigungen der alten Germanen
Heiligenlexikon-1858: Mannes, B.
Meyers-1905: Kügelgen · Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede · Recht des herkommenden Mannes · Totenbuch der alten Ägypter · Alten [1] · Alten [2]
Pataky-1898: Alten, Frl. Hedwig v.
Pierer-1857: Kügelgen · Alten-Weddingen · Alten-Ötting · Bund der alten Minne · Auf den alten Mann einschlagen · Alten [1] · Alten Vörde · Alten [2] · Alten-Elv · Alten [3]