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Von einem Arzt mit hellseherischen Gaben, seiner Liebe, seinen Konflikten und seinem Scheitern handelt dieser vielgestaltige, meisterhafte Roman, der wie alle Bücher dieser großen russischen Erzählerin voller Geschichten, aber auch voller Geheimnisse steckt.
Ljudmila Ulitzkajas neuer Roman ist Familiensaga, Gesellschaftspanorama und Plattform für Wissenschaftsdebatten. Die Handlung setzt kurz nach der russischen Revolution ein und reicht bis in die Zeit nach dem Ende der Sowjetunion. Im Mittelpunkt steht die Familie Kukotzki. Pawel Kukotzki, ein berühmter Gynäkologe, genießt mit seiner Frau Jelena, deren Tochter Tanja und der frommen alten Haushälterin Wassilissa ein harmonisches Familienleben. Obwohl er nie ein Blatt vor den Mund nimmt, gelingt es den Kukotzkis, die Klippen zu umschiffen, mit denen sie in der intellektuellenfeindlichen Stalinzeit ständig konfrontiert sind. Das ungetrübte Familienglück hat ein Ende, als die Eheleute Kukotzki eines Tages wegen einer Nichtigkeit in Streit geraten und keiner von ihnen die zur Versöhnung notwendigen Worte findet. Jelena verfällt immer mehr in geistige Umnachtung und lebt fortan in einer Traumwelt zwischen Leben und Tod. Pawel wird zum Alkoholiker. Tanja wirft ihr Studium hin und treibt sich mit Landstreichern herum. Sie lebt und liebt ohne Rücksicht auf Konventionen oder elterliche Erwartungen. In der Aufregung der 68er, die auch in der Sowjetunion ihre Spuren hinterlassen, findet sie eine ebenso große und glückliche Liebe wie Pawel und Jelena sie in glücklicheren Tagen erlebt haben. In epischer Breite erzählt Ljudmila Ulitzkaja die Lebensgeschichte jedes einzelnen Familienmitglieds und einer Fülle ihnen nahestehender Menschen. Dafür bedient sie sich eines Plaudertons, der zunächst ungemein mitreißt und begeistert. Doch dann fällt es der Autorin zunehmend schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zu viel möchte die studierte Genetikerin in ihr Buch packen, nicht zuletzt den Beweis für die genetische Vorbestimmung des Menschen. So wird ein potenziell grandioses Werk dadurch getrübt, dass der Stoff für mindestens drei Romane ausgereicht hätte. --Anna Hochsieder
Reise in den siebenten Himmel ohne anzukommenEine große bewegende Familiensaga, die die Nachkriegsära unter Stalin und Chrustschow umfasst und sich in die beste russische Erzähltradition einfügt.
Die 500 Seiten des Romans durcheilt man wie im Fluge, d.h. korrigieren wir lieber etwas nach unten und sagen: 450 Seiten, denn ca. 50 Seiten mit zwei in die gewaltige Erzähllandschaft eingefügten Oasen der Stille - umfangreiche, surreale Traumbilder - sind wahrscheinlich nicht jedermanns Sache. Der Leser kann sie jedoch überspringen, ohne dass das Verständnis der Handlung groß Schaden nähme. Unter dem Aspekt der Architektonik des Romans sind aber diese Einblendungen durchaus keine Fremdkörper. Sie bereiten den Leser auf die beginnende Geisteskrankheit Jelenas, der Frau des großen Moskauer Gynäkologen Pawel Kukotzki, vor, die zusammen mit Jelenas Tochter Tanja und der Adoptivtochter Toma im Mittelpunkt der Handlung stehen.
Jelena gleitet zusehends von der realen Welt in eine Traumwelt hinüber, in der Ort und Zeit aufgehoben sind. Der große Arzt steht dem Zerfallsprozess Jelenas und seiner Familie ebenso ohnmächtig gegenüber wie dem Niedergang der Medizin in seinem Land. Er muss wie viele andere Wissenschaftler seine hoch fliegenden Träume zu Grabe tragen.
In diesem weit ausladenden Roman paaren sich unerschöpfliche Erzähllust mit einem präzisem, den Leser aber nie überfordernden Fachwissen vor allem aus den Gebieten Genetik und Gynäkologie. Gleichzeitig stellt der Roman ein interessantes Stück Wissenschaftsgeschichte und -kritik der Sowjetunion dar.
Er ist auch ein zutiefst humanistisches Werk. Die Autorin widmet allen Personen, ob hübsch oder hässlich, sozial privilegiert oder abgesunken in bitterste Armut, das gleiche menschliche Interesse und Verständnis gemäß der Überzeugung: die Umstände prägen den Menschen stärker als seine Erbanlagen. Der Roman bietet tiefe Einblicke in russische Charaktere, die eines gemeinsam haben: Querköpfe oder Querdenker sind sie alle. Manche lassen sich lieber für Jahre ins Arbeitslager verfrachten, bevor sie ihre noch so skurrilen Überzeugungen verrieten, und für Überraschungen und Kehrtwenden in der eigenen Biographie, die von ihrer Umgebung nicht erwartet wurden, sind sie immer gut. Am Ende hat man das Gefühl, Russland und seine Menschen zukünftig besser verstehen zu können.
Sturz aus dem HimmelUlitzkaja hat den unglaublichen Spagat geschafft zwischen den russischen Klassikern und moderner Literatur. Einerseits die russische Tradition: Generationen übergreifende, breit angelegten Geschichten, in der jedes Schicksal und jedes einzelne Leben von seiner gesamten Biografie aus betrachtet wird. Liebe ist etwas sehr Zerbrechliches und wird meist jäh beendet durch Krankheit oder Tod. Das ganze Leben ist Tragödie, und jeder einzelne muss sich seine Überlebensstragie schaffen, notfalls mit der Wodkaflasche. Geburt und Tod nehmen einen zentralen Stellenwert ein, hier ganz besonders, weil die Hauptperson Pawel Alexejewitsch Gynäkologe ist.
Eine politische Dimension erhält das Buch weniger durch offene Systemkritik als durch die Schilderung der Schicksale einzelner Personen und ganzer Familien, angefangen in der vorstalinistischen Ära über Bürger- und Weltkriege bis zur Zeit des kalten Krieges.
Als störend empfinde ich die beiden Einschübe, Jelenas Tagebuch und ihre allegorischen Visionen (der ganze Teil 2), die auf ihr kommendes Leben hinweisen. Man kann diesen Teil getrost überlesen, weil er die Erzählung inhaltlich nicht weiterbringt.
Ein Buch, für das man Zeit braucht und auch Geduld, um vielen verschiedenen Personen durch ihre Biografie zu folgen.
Gemischtes ErlebnisObwohl ich Ulitzkaja sehr schätze, war ich von ihrem Roman ein wenig enttäuscht. Der mittlere Teil, der sich in einer Art Traumlandschaft abspielt, fällt vollkommen aus dem Rahmen der Geschichte und ist nur mit dem russischen Hang zur Mystik zu erklären - zu lesen ist er nicht. Das stört die ansonsten spannend geschriebene Geschichte ungemein, zumal diese sich am Ende etwas hastig in Katastrophen auflöst. Zurück bleibt das Gefühl, irgendetwas verpaßt zu haben. Ulitzkajas Fähigkeit, die täglichen Ausnahmesituationen von Menschen mit Liebe und gleichzeitiger Distanz zu zeichnen, ist auch hier zu beobachten. Leider geht der Zauber ihrer Erzählkunst im mystischen Durcheinander verloren.
schade um den Mittelteil...Der Titel ist abartig kitschig, und ich frage ich, was der mit dem Buch zu tun hat...
Im Mittelpunkt steht der russische Arzt Pawel Kukotzki, der aus einer Ärztefamilie stammt und die besondere Gabe hat, zu "sehen", was seinen Patienten fehlt, er kann quasi in deren Körper blicken.
Geboren wird er zur Zeit der letzten Zarenherrschaft, er erlebt dann die Revolution und den darauffolgenden Umbruch in der russischen Politik und Gesellschaft. Er hat sich einen Namen als Gynäkologe gemacht, der vielen kinderlosen Paaren zum Wunschkind verholfen hat.
Eines Tages während des Zweiten Weltkriegs operiert er Jelena, eine junge Frau mit einer vereiterten Gebärmutter. Die beiden verlieben sich und ziehen zusammen, obwohl Jelena verheiratet ist. Ihre kleine Tochter Tanja nimmt er wie seine eigene Tochter an, Jelena kann nach der Operation auch keine Kinder mehr bekommen. An dem Tag, als Jelena mit Tanja und ihrer "Adoptivgroßmutter" bei Pawel einzieht, fällt ihr Mann an der Front.
Einige Jahre später zieht Tanjas Schulkameradin Toma nach dem Tod ihrer alleinerziehenden Mutter zur Familie, die beiden Mädchen wachsen heran, Tanja zu einem Männerschwarm, Toma zu einer eher biederen, praktischen Gärtnerin. Währenddessen baut Jelenas Gedächtnis immer mehr ab, ihre Aussetzer häufen sich.
Pawel kämpft indessen gegen das staatliche Abtreibungsverbot, er ist Anhänger der sozialen Indikation und will, dass Frauen in materiellen Nöten selbst über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden können. Darüber kommt es mit Jelena zu einem schweren Streit, der die Beziehung der beiden für immer beeinträchtigt.
Trotz des kitschigen Titels ist das Buch keine süßliche Liebesgeschichte, sondern ein Familienroman, der gleichzeitig die Entwicklung Russlands vom Zarenreich zur kommunistischen Weltmacht schildert, nicht anhand politischer und geschichtlicher Daten, sondern anhand der Auswirkungen auf die Menschen. Pawel täuscht beispielsweise Trunksucht vor, um sich dadurch vor Verfolgung zu schützen, sein Freund, ein jüdischer Genetiker, landet mehrmals in Haft wegen seiner Ansichten.
Insgesamt ein schönes, teils auch etwas düsteres Russlandbuch.
Nur eins hat mich massiv gestört: eine sehr lange Exkursion in Jelenas verwirrte Gedankenwelt. Damit konnte ich gar nichts anfangen, ich habe mich durch die teils sehr ekligen Bilder hindurchgequält und den Sinn nicht richtig erfassen können.
Deshalb leider nur 3/5 ... schade eigentlich!
Nicht empfehlenswert!Ich muß ehrlich sagen, dass ich sehr enttäuscht von diesem Buch war und bin. Ich habe mich das erste Mal an eine russische Autorin gewagt, weil ich die Zusammenfassung des Buches sehr interressant und vielversprechend empfand. Doch leider muß ich jetzt sagen, dass das Buch meine Erwartungen nicht erfüllen konnte. Der Inhalt war verwirrend und teilweise nicht tiefgründig genug.
Es ist das erste Buch welches ich nicht fertig gelesen habe und das auch nicht tun werde.
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