Goethe hatte in vielem recht, in manchem unrecht, immer aber hat er weit vorausgedacht, und so kommt er uns hier nicht aus der Vergangenheit, sondern unverhofft aus der Zukunft entgegen, mit Gedanken zu Themen, die das beginnende Jahrhundert bewegen und beunruhigen: religiöser Fanatismus, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, gentechnische Versuche und die globale Beschleunigung in Wirtschaft und Gesellschaft, in der Lebens- und Alltagswirklichkeit des einzelnen.
Manfred Osten hat Goethes Faust, die Wahlverwandtschaften und den West-östlichen Divan neu gelesen und ist dabei zu überraschenden Erkenntnissen gelangt, die Goethes unverminderte Aktualität belegen.
Er befürchtete das Scheitern westlicher Zivilisation im Zeichen dessen, was er 'veloziferisch' genannt hat: das Schnelle, Übereilte, das zugleich das 'Luziferische' , das 'Teuflische' ist: in der raschen Aufeinanderfolge von immer neuen Werten, dem erschreckend schnellen Wechsel von Moden und Trends. So ist Faust der tragische Held des Irrtums, des übereilten Denkens und Handelns, während Homunculus die Sehnsucht nach einem neuen humanistischen Menschenbild
verkörpert. Ottilie in den Wahlverwandtschaften ist die Figur der Geduld, die erst scheitert, als sie ihren Widerstand gegen eine künstlich gewordene Welt aufgibt. Im West-östlichen
Divan begegnet uns ein Weltverständnis, das durchaus ein Korrektiv zu westlichem Denken sein kann.