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Rita Paul ist Russlanddeutsche und lebt seit 1989 im wiedervereinigten Deutschland. Als sie die Historikerin Ulla Lachauer trifft, beginnt eine Suche nach den Wurzeln - die Autorin hat das Erlebte festgehalten und porträtiert eine weit verzweigte, liebenswürdige Familie. Im Mikrokosmos dieses Familienschicksals spiegelt sich ein Jahrhundert deutsch-russischer Historie.
So wie das Leben istDie Kurzbeschreibung zu diesem Buch hat mich sofort interessiert, da ich viele Gemeinsamkeiten mit Rita habe: Ich bin selber eine Deutsch-Aussiedlerin aus Kasachstan, bin nur ein paar Jahre jünger als die Hauptperson Rita, bin ein Jahr später als sie nach Deutschland gekommen. Eigentlich bräuchte jemand wie ich kein Buch über Rußlands-Deutsche lesen, da ich selber viel über meine Familie zu berichten hätte. Trotzdem hat es mich gereizt die Erlebnisse der "Gleichgesinnigen" schwarz auf weiß zu lesen. Und das Lesen habe ich nicht bereuet!Ich fand es bewunderswert, dass die Autorin als eine fremde Person sich mit der Geschichte einer realen Familie gründlich auseinander setzt. Sie führt nicht nur viele Gespräche mit verschiedenen Verwandten und durchsucht Archive nach Information, sondern sie besucht die Orte des Geschehens: Sie reist zweimal nach Kasachstan/Karaganda, besucht ein Dorf in Westsibirien, fliegt nach Kanada, fährt nach Westpreußen und ans Wolgagebiet.Das Buch beleuchtet verschiedene Rollen der Rußlands-Leute: als Auswanderer von Deutschland, als Einwanderer nach Russland, als Kulaken in der Sowjetzeit, als Vertriebene nach Kasachstan, als praktizierende Mennoniten in Kanada, als jetzige Spätaussiedler in Deutschland. Sie erzählt viele Lebensläufen und Schicksale von einzelnen Leuten ausführlich, z.B. Rita, Großeltern, Eltern, Schwester von Rita.
Ich muss zugeben, dass ich gegen Ende des Buches immer mehr den Überblick verlor, wer gehört zu wem in der Familie. Ich habe gehofft beim Lesen dieses Buches die geschichtlichen Ereignisse, die Deutsche betreffen für mich zu ordnen und zu merken, aber dies gelang mir nicht. Zu oft haben die Deutschen in den letzten 2 Jahrhunderten sich umgesiedelt, zu viel ist damals passiert.
Geblieben sind in meinem Gedächtnis die einzelnen Geschichten einzelnen Leute und die treffenden Beschreibungen der jetzigen Aussiedler aus der Sicht der Autorin. Trotz ihrer ehrlichen und kritischen Meinungen habe ich die Vermutung, dass Ulla Lachauer die Angehörigen von Rita sehr lieb gewonnen hat und sie selber ein Teil dieser Sippe wurde.
Fahren Sie mal nach Winnipeg!Dort in Kanada (- so ging es mir - ) lernen Sie sehr viel über Rußland, noch mehr über uns selbst, über Paraguay, und unsere Nachbarn hier in Deutschland.Das Lesen dieses Buches gleicht einem Eintauchen in Zeitgeschichte und ist ein wohliges Suhlen in der Gewissheit die Bewohner unserer deutschen Lande waren schon immer mobil. Wo sie auch hinkamen, überall wurde das Land zur Heimat, denn der Boden mußte mit der Hände Arbeit bestellt werden und der Überlebenskampf schweißt die aus jeweils unterschiedlichen Regionen stammenden Gruppen zusammen. In der Fremde begegnen sie unterschiedlichen Menschen und Kulturen, gehen mit ihnen Verbindungen ein, die dem Überleben dienen, und so kommt es auch zu familiären Bindungen. Vor allem Rußland ist das Beispiel und dort an der Wolga, in Karaganda, oder hier bei uns in Kehl entwickeln sich sehr spannende Familiengeschichten.Die Autorin schildert sehr spannungsreich und aktuell-hautnah, wie sie eintaucht in eine ihr fremde deutsche Welt der Mennoniten und in die ihr neue Welt russischen Landlebens, oder mennonitischer Dörfer in Kanada. Sauber recherchiert und gekonnt geschrieben, ist das Buch ein grosses Lesevergnügen, vielfältig in der Verknüpfung von aktueller Situation der russischen Aussiedler hier, historischer Wanderungen durch Not oder Vetreibung, Zwangsumsiedlung und Flucht. Daß ein moralischer Zeigefinger nicht erhoben wird, tut wohl; trotzdem verheimlicht die Autorin Ihre Meinung nicht..Ich wünsche dem Buch viele Leser!
Kulturgeschichte gibts nebenbeiWas haben Karaganda, das Danziger Werder, die Wolgarepublik, Lysanderhöh und Kehl gemeinsam? Sie wissen es nicht? Die Orte nie gehört? Es sind Stationen im Leben von Ritas Leuten". Vor einigen Generationen machten sie sich, zuerst um ihres Glaubens willen, quer durch Europa auf den Weg. Auf der Flucht vor dem Kriegsdienst und ausgestattet mit einem festen Glauben an die Friedenfähigkeit von Menschen und dann um des Überlebens willen und um nach neuen Chancen Ausschau zu halten. Die verwirrende Geschichte der Familie wird durch die Erzählerin spannend erzählt. Ulla Lachauer macht sich mit Rita auf den Weg und sucht die Geschichte und die Orte der Geschichte der Leute von Rita auf und mit den beiden auch wir als Leserinnen. Eine spannende Reise tut sich da vor dem inneren Auge auf.
Können wir Russlanddeutsche verstehen? Nein und ja? Hier wird begleitet und mit Neugier das nachvollzogen, was für Ritas Leute" von Bedeutung ist. Mit einemmal begreifen die LeserInnen, was so anders ist an denen die da Deutsch sind und sich so scheinbar undeutsch" daherkommen und das alles ohne eine wissenschaftliche Erläuterung. Dieses Buch bietet keine Definitionen, es ist bietet gelebte Geschichte an.
Wer etwas über die Geschichte und Gegenwart der Westdeutschen und der Auseinandersetzung mit dem Osten" verstehen will, kommt nicht umhin: Ohne es als LeserIn so richtig zu bemerken wird hier ein Roman zur realen Geschichte und Geschichte real. Verschiedene Welten werden vor dem inneren Auge lebendig: Die enge Welt der Wolgadeutschen, die ausgekippten" in Erdhöhlen wohnenden der neuen sozialistischen, kommunistischen Gesellschaft, die weitergezogenen und heimgekehrten fremden Deutschen. Der Leser wird zum begleitenden Zeugen, zum Begleiter auf der Reise.
Finger weg von diesem Buch,
.....wenn Sie keine Zeit haben es zu lesen, es lässt sie kaum mehr los!
.....wenn Sie Vorurteile bestätigt haben möchten!
....wenn Sie heute Abend noch etwas vorhaben!
Ach ja, und wer etwas über Interkulturalität lernen will, oder sich mit Kulturfragen auseinandersetzen möchte, es passiert nebenbei und unaufdringlich!
Wunderbar einfühlsam!Informativ und mit Herz und Verstand blättert Ulla Lachauer immer mehr Seiten im - nicht vorhandenen - Familienbuch einer russischen Freundin auf. Sehr lesenswert und darüber hinaus auch noch bildend in Bezug auf wahre Hintergründe der deutsch-russischen Entwicklung.
So lang die Menschen fragen... Ritas Leute geben Auskunft!Daß ein Mann die Odyssee schrieb und uns die meist männlichen Heldentaten überliefert wurden, gut. Daß jetzt Ulla Lachauer, die Odyssee der Russland-Deutschen Mennoniten in den vergangenen zwei Jahrhunderten mit ihrer überwältigenden Fülle an Schicksalen und Prüfungen aufgezeichnet hat, zeigt andersartige Heldentaten, nicht weniger bewunderswert . Die Historikerin Ulla Lachauer benutzt ihr Handwerkszeug, um mit viel Verstand, Herzenswärme und Genauigkeit eine fremde Welt zu zeigen. Keines dieser Schicksale ist ausgedacht, alle Lebenswege sind nachvollziehbar. Dennoch oder gerade deshalb liest sich das Buch zeitweise wie ein Kriminalroman, viele Liebesgeschichten gibt es, viele Erinnerungen an unser altes deutsches Liedgut. Nicht Ersetzbares zu verlieren tut weh. Die Welt im Wandel, das ewig Bleibende im Wandel: weht uns in diesem großen Buch der Weltgeist an?