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Mitchells Streifzug durch bindungs- und objektbeziehungstheoretische Ansätze sowie deren Integration und Weiterentwicklung eröffnet einen neue Sicht auf die Relevanz der Beziehungsdimension innerhalb der Psychoanalyse.
Weg zur relationalen PsychoanalyseWen es im Psycho-politischen Umfeld darum geht, einer neuen Idee gegen die freudianisch Psychoanalyse zum Durchbruch zu verhelfen, dann bedarf es dazu hunderter von Autoren und Autorinnen und viele Tonnen Papier. Der Grund dafür ist die anhaltende Mächtigkeit des psychologischen Urvaters Freud.
Mitchell ist einer von diesen Autoren mit so einem Anliegen. Sein Thema ist die relationale, intersubjektive Psychologie. Sein wesentlichster Beitrag ist seine Übersicht über die psychologischen Schulen und über ihre Vertreter. Das ist interessant.
Inhaltlich stellt er sich auf die Seite derjenigen, die im Beziehungsbereich, im intersubjektiven Feld die entscheidende Einflussgrösse sehen. Aber es geht auch darum, keine Lebensphase zu privilegieren und ein dynamisches Psychogeschehen anzunehmen, das jederzeit jede Lebensphase beschlagen kann, im Rahmen von Erinnerungen oder von Phantasien. So teilt z.B. Mitchell die Formel, das aus dem ES ICH werden müsse, nicht, und auch eine Primär- und eine Sekundärphase gelten nicht als abgeschlossen, weil die Primärphase ihre Bedeutung behält. Insgesamt ergibt sich eine umfassende, komplexe und dynamische Matrix, das der Vielschichtigkeit und Variabilität der psychischen Struktur" - wie es einmal heisst (S. 166) - entspricht.
Ein anderer Schwerpunkt des Buches liegt bei der Vorgehensweise der Psychologen, denn die relationale Psychologie hat grossen Einfluss auf diese Vorgehensweise. Insbesondere postuliert sie, dass der Psychologe und sein Klient in einer Beziehung stehen, die die ganze Person fordert und auch den Analytiker verändern kann, nicht nur den Analysanden, obwohl der Analytiker die Beziehung analytisch halten muss, die Asymmetrie aufrecht bleibt (S. 191). Das liegt natürlich in Opposition zum psychoanalytischen Analytiker, der wie in einem keimfreien Operationssaal"(S. 183) vom Patienten gespaltet bleibt, zurückhaltend auf einer Metaebene analysiert und Deutungen anbietet aus dem psychoanalytischen Arsenal.
Wer Mitchell liest, dem erschliesst sich, dass sich die relationale Sichtweise aufzwingt, denn von allem Anfang an, ab Geburt und während des ganzen Lebens sind die Beziehungen eine Schlüsselgrösse. Die intrapsychischen Abläufe hängen grossenteils von diesem Dazwischen ab, von der Beziehung, vom Umfeld. Das ist umfassend erforscht und bewiesen, nicht zuletzt in der Säuglingsforschung.
Mitchell prüft seine Vorschläge an Einzelfällen, er ist nicht nur ein Theoretiker. Witzig und intelligent sind die Fallbeispiele, in denen Mitchell mit seiner stupenden Übersicht die verschiedensten Vorschläge von vielen Autoren auf einen konkreten Fall anwendet. So kommen aus einem viel grösseren Bereich Ideen zusammen und er guckt auch, was die freudianische Psychoanalyse dazu sagen würde.
Es ist ein hochinteressantes und gut geschriebenes Buch. Eine kleine Einschränkung liegt darin, dass es eigentlich verschiedene Texte sind, die zu einem Buch vereint wurden. Daraus ergeben sich kleine Überschneidungen.
Das Buch erzählt explizit und hintergründig auch vom eingangs erwähnten Kampf. Es war richtig, die Kundigkeit und die Übersicht dieses vorzeitig Verstorbenen zur Geltung zu bringen, einsehbar zu machen. Dank an Übersetzer und Verlag!
Vgl. meine Rezension zu Benjamin, die bedeutende Argumente einbringt für eine relationale Sicht.
Brockhaus-1911: Bindung · Mount Mitchell · Mitchell [2] · Mitchell · Stephen
Eisler-1904: Beziehen, Beziehung
Kirchner-Michaelis-1907: Beziehung
Meyers-1905: Bindung · Beziehung · Mitchell [2] · Mitchell [3] · Mitchell [1] · Stephen · Kirkby-Stephen
Pagel-1901: Goodfellow, Stephen Jennings
Pierer-1857: Bindung · Beziehung · Mitchell [2] · Mitchell [1]