Haffner, Sebastian

Das Leben der Fußgänger

Das Leben der Fußgänger
  • Verlag: Hanser
  • Erscheinungsdatum: 2004-02
  • Bindung: Gebundene Ausgabe
  • Seitenzahl: 400
  • ISBN: 3446204903
  • EAN: 9783446204904
  • Amazon.de Verkaufsrang: 310.945
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Beschreibung von buecher.de

Der andere Haffner: Als junger Feuilletonist berichtete er über Leben und Lebensgefühl der 30er Jahre. Komische Glossen stehen neben Reiseskizzen, Kindheitserinnerungen und skeptischen Betrachtungen über moderne technische Errungenschaften. Und wer genau liest, wird immer wieder Hinweise finden auf Haffners sicheres Gespür für die Katastrophe, auf die Deutschland in diesen Jahren zusteuerte.

Aus der Amazon.de-Redaktion

Schon während seiner Schulzeit hatte der 1907 geborene Raimund Pretzel begonnen, Dramen, Gedichte und Erzählungen zu schreiben. Was sich wie ein Textanfang von Loriot liest, bezeichnet nichts weniger als die ersten literarischen Fingerübungen einer politischen Journalistenlegende. Die kaum bekannten literarischen Frühversuche Sebastian Haffners, wie er sich ab 1939 nannte, fanden in Gestalt von Feuilletons statt. Mit seinen Alltags- und Menschenbildern, die er in den Jahren 1933 bis 1938 unter anderem in der linksliberalen Vossischen Zeitung veröffentlichte, setzte er die Tradition seiner Vorgänger Tucholsky und Kästner eindrucksvoll fort. Unter der Rubrik "Die lieben Mitmenschen" porträtiert Haffner den Mitreisenden als Quälgeist, dessen einziger Lebenszweck die Störung ist. Im nächsten Feldversuch erforscht er die nicht weniger lästige Spezies der "Fensteröffner und Fensterschließer", die in den Zügen dieser Welt als nervende Variante des Ersteren auffällt. Harmlose Reisebeobachtungen mischen sich mit Großstadtporträts und menschlichen Lasterhaftigkeiten und Marotten in sämtlichen Spielarten. Dann wieder befallen Haffner fast schon seherische Visionen einer sich zunehmend verdüsternden Welt. Angesichts der Zeit, in der diese Geschichten entstanden, so wundert sich das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, erstaune deren unpolitischer Charakter: "Musste man sich wirklich Gedanken machen, was nun männlicher sei, Kaffee oder Tee, während Hitler seine Eroberungszüge plante?" Gegenfrage: Hätte Haffner als Regimekritiker auch nur einen Tag (journalistisch) überlebt? Gerade als Feuilletonist genoss er die Freiheit, seinen Alltagsbetrachtungen in Maßen einen politischen Stachel zu verpassen. Trotz Zensur sind die Spitzen, die immer wieder auf das Unrechtsregime zielen, kaum zu überlesen. Die 71 zumeist zweiseitigen Kurzprosaperlen, können in ihren besten Momenten und ihrer messerscharfen Menschenbeobachtung durchaus mit Hemingways Shortstories konkurrieren. Im Sommer 1938 war Schluss. Haffner emigrierte nach England. Nach dem Krieg heimgekehrt, war eine Wandlung in ihm vorgegangen. Er hatte seine Bestimmung gefunden. Es begann das Leben des scharfzüngigen politischen Kolumnisten, wir wir ihn über seinen Tod hinaus noch heute schätzen. Eine umso bereicherndere Erfahrung, einmal in die Wurzeln dieses großen Journalistenlebens geleuchtet zu haben. --Ravi Unger

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von jvl1 fanden 2 von 2 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Eloquent, geistreich, witzig.

Dieses Buch enthält eine Sammlung von Zeitungsartikeln und hat daher kein durchgängiges Thema, keinen roten Faden. Es eignet sich deshalb weniger dazu, es in kurzer Zeit wie etwa einen spannenden Roman zu verschlingen. Dazu ist der Inhalt auch zu anspruchsvoll - oft will die gelesene Abhandlung erst einmal gedanklich verarbeitet sein, bevor man sich der nächsten widmet. Dadurch werden Lesepausen unvermeidlich. Für jemanden, der viel und gerne liest, empfiehlt es sich vielleicht, dieses Buch "häppchenweise" parallel zu einem anderen, schneller lesbaren Buch zu lesen; für denjenigen, der nur unregelmäßig zum Lesen kommt, ist es bestens geeignet.

Natürlich wird niemand von allen Artikeln in gleicher Weise begeistert sein. Die Perlen muss sich jeder selber suchen; das lohnt sich aber. Es ist ein bisschen wie mit Harald Schmidt (damals, auf Sat1): die genialen Momente entschädigen für alle mittelmäßigen Passagen und dominieren schließlich das Gesamtbild.

Zum Inhalt: ihn thematisch einzugrenzen, ist kaum möglich. Die Artikel sind elf verschiedenen Kategorien zugeordnet, wie "Die lieben Mitmenschen", "Marotten und Laster", "Stil, Mode, Lebensart" usw. Die meisten Artikel befassen sich mit den Details des Alltags. Scheinbar banales ("Die Kunst, sich beschenken zu lassen") wird zum Veranschaulichen menschlicher Wesenszüge genutzt, tatsächlich banales ("Die Fensteröffner und die Fensterschließer") mit viel Ironie zu einem grundsätzlichen Problem aufgebauscht. In meinem Lieblingsartikel "Kleines Credo" sinniert der Autor darüber, dass man entweder Geschmack oder eine Weltanschauung haben kann, niemals beides. Was er selbst hat, daran lässt Haffner keinen Zweifel - er macht fast alles zu einer Frage des Stils (aus einer Abhandlung über die Unterschiede zwischen der französischen und der deutschen Esskultur: der Deutsche "isst nicht, er tankt"). Weitere Glanzpunkte sind die - wirklich nützlichen - Tipps für das Verfassen von Briefen und grandiose Betrachtungen über "Männliche Eitelkeit".

Der (kleinere) ernstere Teil, den es in dieser Textsammlung auch gibt, handelt hauptsächlich von juristischen Fragen, die hier für den Laien verständlich behandelt werden (Haffner ist studierter und promovierter Jurist). Es werden unter anderem Vor- und Nachteile von Schwur- und Schöffengerichten abgewogen und Missstände und Kuriositäten des damaligen Ehescheidungsrechts dargestellt. Was Letzteres betrifft, ist der Autor seiner Zeit voraus. Die Änderungen, für die er plädiert, werden zum Teil in den 1970er Jahren eingeführt. Andere Visionen des Autors, etwa die "Welt ohne Autos", sind bisher nicht Realität geworden.

Wen spricht dieses Buch an? Ich denke alle, die an sprachlichen Glanzlichtern, unkonventionellen Standpunkten (die aber nie verbissen, sondern heiter verfochten werden), einem Gespür für kulturelle und zwischenmenschliche Feinheiten oder historischen sowie künstlerischen Exkursen ihre Freude haben.

Festzuhalten ist vielleicht noch, dass viele der Artikel zeitlos sind. Man muss die damalige Epoche nicht erlebt haben, um die Texte heute unterhaltsam oder sogar informativ zu finden. Wer über ein gewisses historisches Hintergrundwissen verfügt, wird aber manches entdecken, was als politische Anspielung verstanden werden kann.

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