Kashua, Sayed

Tanzende Araber

Tanzende Araber
  • Verlag: Bvt Berliner Taschenbuch Verlag
  • Erscheinungsdatum: 2004-08
  • Format: Taschenbuch
  • Umfang: 287
  • ISBN: 3833300957
  • EAN: 9783833300950
  • Amazon.de Verkaufsrang: 73.255
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Beschreibung von buecher.de

In ein jüdisches Internat wird der Held dieses ungewöhnlichen Erstlingsromans eines jungen palästinensischen Israeli gesteckt. Als hochbegabter Schüler erhält er den begehrten Platz und sitzt nun als einziger Araber in einer Klasse voller jüdischer Kinder, die alles anders machen als er - selbst wenn es darum geht, wie man ein Hühnchen isst. Aufgewachsen ist er in dem arabischen Dorf Tira, mit der Legende seines 1948 ums Leben gekommenen Großvaters und einem ehrgeizigen Vater, der in seiner Jugend die Universitätscafeteria in die Luft gejagt und dafür zwei Jahre im Gefängnis gesessen hat und nun hofft, dass sein Sohn Pilot wird oder zumindest der erste Araber, der eine Atombombe baut. Der Sohn stellt sich allerdings als 'Feigling' heraus, genau wie seine Brüder.
Der Erzähler flüchtet sich hinter eine Vielzahl von Masken und muss doch verzweifeln an dem unauflösbaren Konflikt der Identitätsfindung - weder in der arabisch en noch in der jüdischen Welt findet er eine innere Heimat. Ein mutiges und hellsichtiges Buch, dessen sanfte Selbstironie und melancholischer Witz überraschen.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Winfried Stanzick fanden 17 von 18 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Schmerzhaft auseinanderklaffende Identitäten

Sayed Kashua, Jahrgang 1975, ist ein arabischer Journalist und Autor mit israelischer Staatsbürgerschaft. Er lebt im palästinensischen Teil des Dorfes Beit Safafa bei Jerusalem. Schon durch diese beiden Angaben wird die ganze Problematik seiner Existenz deutlich: hin- und hergerissen zwischen arabischer und moderat-islamischer Identität und gleichzeitiger Kritik an der Rückständigkeit seiner Glaubensbrüder auf der einen und seiner Identität als israelischer Staatsbürger und gleichzeitiger Kritik an der Palästinenserpolitik der israelischen Regierung auf der anderen Seite, zeichnet er, mit viel biographisch geprägtem Einfühlungsvermögen, seine Hauptfigur.Ein palästinensischer Junge aus einem gebildeten, aber nichtsdestoweniger radikal islamistisch geprägten Elternhaus, wird auf ein jüdisches Internat geschickt. Trotz seiner hohen Intelligenz scheitert er an den auseinanderklaffenden Identitäten, denn er möchte so gerne ein Jude sein, modern, aufgeschlossen und aufgeklärt. Statt dessen wird er depressiv, er kommt nicht von seinem übermächtigen Vater los, der hauptsächlich in der Vergangenheit lebt, von einem panarabischen Großreich träumt und mit den radikalen Fedayin sympathisiert.Das Buch ist in Israel, und zeitgleich in Europa mit viel Begeisterung aufgenommen worden. Kashua gibt einem wichtigen Teil der israelischen Bevölkerung eine Stimme, auch wenn sie noch schwach und wenig selbstbewusst daherkommt. Es atmet wenig Hoffnung für die Situation der Palästinenser. Es ist, als würden durch den Autor die Ergebnisse des dritten, unter der Ägide der UN verfassten Arab Human Development Report bestätigt, die von einem völligen kulturellen und politischen Versagen der arabischen Welt schreibt.

Dies ist umso bemerkenswerter, als die Autoren ausschließlich arabische Intellektuelle und Akademiker sind (ähnlich wie der Hauptfigur in Kashuas Roman).Zitat: „ Fremde Intervention hin oder her – die Freiheit wird von zwei Sorten (innerer) Machtausübung bedroht: von undemokratischen Regimen sowie von Tradition und Tribalismus, die im Gewande des Glaubens auftreten.“Wer eine weniger wissenschaftliche Beschreibung der Vorgänge, speziell in Palästina vorzieht, dem sei der Erstlingsroman von Sayed Kashua, aber auch sein zweiter Roman „Da ward es Morgen“ dringend ans Herz gelegt. Beide Bücher sind erfrischend undogmatisch, arbeiten mit einer ausdrucksvollen und feinfühligen Tragikomik, sind nicht antijüdisch und doch auf eine schmerzhafte Art und Weise dem Schicksal seines Volkes verbunden.Man wird mit Sicherheit von diesem Autor noch hören.

Diese Rezension von M.P. fanden 6 von 7 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Innenansichten eines palästinensischen Israeli

Das Buch schildert ein persönliches Scheitern, das allzu menschlich erscheint in einer Situation, die aufgrund des Palästina-Konflikts einzigartig ist.Zudem erinnert das Buch an einen Aspekt, der bei der Israel-Problematik häufig vergessen wird, nämlich dass ein Großteil der Israelis arabischer Abstammung ist, und trägt den Leser in einer Innenansicht durch die vielfältigen Widrigkeiten, die das Schicksal eines in Israel geborenen Arabers mitsich bringt.Einem Leser, dem die Geschichte und Situation des Konflikts in Israel/Palästina nicht bekannt ist, wuerde ich das Buch eher nicht empfehlen, da vieles ohne dieses Kenntnisse vermutlich unverständich bleibt. Für jeden Israel/Palästina-Interessierten stellt es jedoch sicher eine Bereicherung da, die eindrucksvoll eine menschliche Dimension dieses Konflikts schildert.

Diese Rezension von sandworth fanden 5 von 6 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Fernste Nähe

Sayed Kashuas Protagonist hat mit Mitte Zwanzig bereits die unterste Stufe erreicht: er trinkt, er raucht, sein Philosophiestudium ist versandet, seine Frau verachtet ihn. Dabei scheinen die Aussichten für den israelischen Palästinenser anfangs gar nicht schlecht. Mehr oder weniger zufällig besteht er die Aufnahmeprüfung eines jüdischen Internats, wo er nach einigen Schwierigkeiten bald die Freizügigkeit eines anderen Lebensstils lieben lernt. Doch seine Assimilierungsversuche stoßen auf äußere und innere Grenzen, das Spiel der Identitäten droht zu einer Identität des Scheiterns zu gerinnen.Sayed Kashua, Jahrgang 1975, vermittelt uns die Geschichte einer unmöglich scheinenden Vermittlung zwischen Juden und Arabern. Die zahlreichen präzise-zweideutig formulierten Erinnerungsfragmente, die der Roman episodisch zusammenführt, geben Einblicke in das Lebensgefühl eines desillusionierten jungen Mannes, der, weder Jude, noch Araber, den vertriebenen Ursprung beider an seiner eigenen Zerrissenheit abliest.

Diese Rezension von Ninette Krüger fanden 5 von 6 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Sprich nicht über Politik

Als Kind schläft er bei seiner Großmutter im Bett, um sie vor dem Tod zu schützen. Im elterlichen Garten baut er kleine Schützengräben und spielt mit seinem Bruder Krieg. Doch er ist ganz anders als sein Vater. Noch nicht einmal eine arabische Fahne kann zeichnen. Er will lieber Jude sein, das ist viel cooler.

Er, der Namenlose, das ist Sayed Kashua, Jahrgang 1975. In seinem stark autobiografisch geprägten Roman erzählt er die Geschichte eines israelischen Arabers. Israelischer Araber - was soll das eigentlich sein? Kashuas Protagonist hat Glück: Er spricht hebräisch und geht auf eine jüdische Schule. Dass er Araber ist, sieht man ihm nicht an.

Das Problem ist seine innere Zerrissenheit: Als er zum ersten mal Juden sieht, pinkelt er sich vor lauter Aufregung in die Hose. Das war im Kindergarten. Später wird er auf eine Schule für Begabte versetzt. Er ist der einzige Araber dort und fühlt sich wie eine Außerirdischer. Wegen seines rosafarbenen Bettlakens und

dem falschen Aussprechen hebräischer Wörter von seinen Mitschülern gehänselt, entwickelt er ein nebulöses Selbstbild. "Juden, das bedeutete, dass ein paar Stunden Unterricht ausfielen, und die Lehrer benahmen sich ganz anders, sie schlugen uns nicht und lächelten die ganze Zeit". Jude-Sein bedeutet keine lachenden Mitschüler, keine Angst vor Kontrollen der jüdischen Grenz-Soldaten, kein Inkognito-Leben mehr. Letztendlich aber bleibt Kashuas Protagonist ein Verlassener zwischen den Welten:

"Zuweilen denke ich daran zum Judentum überzutreten, und dann glaube ich wieder, ich müsste mich selbst in die Luft sprengen oder die Soldaten an der Kreuzung in Ra'anana überfahren".Der Erstlingsroman von Sayed Kashua erzählt die Geschichte einer Kindheit und die Suche nach Selbstbestimmung und Identität in einem zerrissenen Land. Minutiös beobachtete Alltagsgeschichten wechseln sich ab mit realistischen Schilderungen über das annektierte Dorf. Trotz des ernsten Themas macht Kashua keinen Halt vor Pointen, in denen er in sarkastischen Tönen die Tragik der Lebenssituation kommentiert. Ironie als Überlebensstrategie: Wir dürfen Lachen, auch ohne dass uns das Lachen im Halse stecken bleibt.

Sayed Kashua arbeitet als Filmkritiker und Kolumnist für eine Wochenzeitung in Tel Aviv. "Tanzende Araber", erschienen 2002 im Berlin Verlag, zählt zur großen Entdeckung in der israelisch-palästinensischen Gegenwartsliteratur.

Diese Rezension von Roman Nies fanden 3 von 4 Kunden hilfreich:
3 von 5 Sternen Tanz der Derwische

Sein Vater sagt ganz am Ende, nachdem er aus Ägypten zurückkehrt, dass es am Besten sei, dass ein israelischer Araber "siebtklassige Bürger in einem zionistischen Staat würde. Das sei besser als erstklassiger Bürger in einem arabischen Staat zu sein. Mein Vater hasst Araber, er sagt, es ist besser, Sklave bei einem Feind zu sein statt Sklave eines Führers aus dem eigenen Volk".

Und das bei einem Vater, der sich zeitlebens als kämpferischen Palästinensischen Araber sah und für die Juden nichts Gutes übrig hatte! Fiktion? Wenn man das Buch von Anfang bis Ende liest, hat man nicht den Eindruck. Es scheint autobiographisch und authentisch zu sein. Viele Details aus dem Alltag der Araber in Israel sind sehr genau. Wären sie unrichtig, würde das sofort Widerspruch hervorrufen.

Der Autor ergreift nie Partei, weder für die eine noch für die andere Seite. Man mag viel Ironisches und Selbstironisches entdecken, daneben gibt es viel hässlich banales, auffälliger ist aber das Sinnlose und Widersprüchliche in dem Hass und der Verhaltensweise der Araber. Vielleicht hatte der Autor doch die Absicht dahinter ein großes Fragezeichen zu setzen.

Die Palästinenser leben auf Hoffnung, auf viele Erwartungen, von denen allesamt irrational zu sein scheinen. Das Ende der Juden muss jeden Augenblick nahe sein. Der Prophet kommt zurück, Jerusalem wird schon morgen fallen, die Araber aller Länder vereinigen sich.... An erster Stelle steht die Vernichtung oder Vertreibung der Juden. Und wenn das nicht gelingt, sollen sich zumindest die Verhältnisse im Land ändern. Dann sollen Juden Bürger zweiter Klasse sein, schließlich sind nur die Araber rechtgläubig.

Nur, in den arabischen Staaten geht es den Arabern auch nicht besser als in Israel. Wirtschaftlich eher im Gegenteil. Der judenverachtende Vater" baut an seinem vierten Haus und hofft darauf, dass sein Sohn einmal eine arabische Atombombe baut.

Der Ich-Erzähler selber weiß auch nicht so recht, wo er steht. Er ist ein Pragmatiker, es ist ihm Recht, wenn die Juden ihn für einen Juden halten. Das bringt Vorteile. Er kleidet sich wie ein Jude, spricht wie ein Jude und darauf ist er auch noch stolz. Bei den Juden gibt es sauberes Wasser, Lehrer, die nicht schlagen und Arbeit. Und natürlich hat er eine jüdische Geliebte. Die arabische Ehefrau hasst ihn.

Bei all den Widersprüchen und ins Auge fallenden hausgemachten Problemen im Lager der Muslime vermag er nicht Partei für sie zu ergreifen, die Erziehung hat ihn nicht vorbelastet, die Propaganda nicht verblendet, sondern eher abgeschreckt.

Wenn der Autor ein unparteiisches Buch schreiben wollte, ist ihm das nicht gelungen, auch wenn er nie politisch wird. Vielleicht liegt gerade darin das Besondere, etwas klar zu machen, ohne es auszusprechen? Viele Anekdoten scheinen ohne Sinn und Verstand aneinandergereiht, aber insgesamt ergibt sich doch ein Bild. Es müssen einem die Haare zu Berge stehen über Naivität, Unmündigkeit, Verbohrtheit und aggressive Potenz der "tanzenden Araber".

Das Buch ist verständlich geschrieben und leicht zu lesen. Für manchen ist es vielleicht eine bessere Einführung in das Leben in der "Zone" als eine journalistische Abhandlung. Aber eines ist auch klar, Muslime werden es nicht mögen. Was nicht wahr sein darf, kann nicht wahr sein.

Tanzende Araber



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