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Das Leben entzwei ist ein besonderes Buch, weil es niemand unberührt lässt. Es erzählt von einem Tod, der jäh in eine Liebe einbricht, ein Tod, mit dem keiner gerechnet hat. Eine Frau, Anfang vierzig, verliert ihren Mann bei einem Motorradunfall. Sie erzählt von dem Moment an, da sie das Unvorstellbare erfährt, bis zum Ende der Trauerfeier.
Gefühle, Gedanken, die nicht in Worte zu fassen sind.
Wahnsinnig einfühlsamWas passiert, wenn das unvorstellbare passiert?
Man erhält einen Anruf, der Ehemann hatte einen Unfall.
Ein Leben wie in Trance beginnt, der Gang ins Krankenhaus, die Nachricht des Todes. Das Gefühl nicht getröstet werden zu wollen, jeden Augenblick wieder durchmachen, seine Sachen nicht waschen wollen ...
Unglaublich gefühlvoll und schnell zu lesen, aber nicht schnell wieder zu vergessen.
Nachgetragene LiebeserklärungDurch einen Motorradunfall wird der Ich-Erzählerin ihr Mann entrissen. Der Roman umfasst die Zeit von den bangen Stunden im OP, wo der Mann um sein Leben ringt, bis zur Trauerfeier eine Woche später. Wobei es sich eigentlich nicht um einen Roman handelt, sondern eher um ein Gefühls- und Gedankenprotokoll. Brigitte Giraud schildert mit schlichten, unpathetischen Worten, wie sich die überwältigenden Gefühle von Trauer und Schmerz, wie sie nicht nur vom Umfeld, sondern auch von der Ich-Erzählerin selber erwartet werden, nicht einstellen wollen, zumindest nicht sofort. Zu banal sind die Handlungen, die ihr im Krankenhaus, bei Polizei und Priester abverlangt werden.
Anrührend ist die behutsame Zärtlichkeit, mit der sich die Ich-Erzählerin der Dinge des Verstorbenen annimmt. Vor die Aufgabe gestellt, an der Abdankung sprechen zu müssen, beginnt sie über die jäh abgebrochene zwanzigjährige Beziehung zu reflektieren. Es ist ihr wichtig, dass sie die richtigen Worte findet, dass die Feier in einem Rahmen abläuft, der ihm, dem Verstorbenen, entspricht und gefallen hätte. Sie fürchtet den Verlust ihrer Intimität und die Vereinnahmung ihres Geliebten durch das Ritual von Priester, Orgel, Bestatter. Sie ist nicht stark genug, sie verliert die Kontrolle über das Geschehen und durchlebt die Abdankung wie in Trance.
Da auch Brigitte Giraud ihren Mann bei einem Motorradunfall verlor, darf man davon ausgehen, dass sie mit diesem Buch ihren Schmerz literarisch verarbeiten wollte. Die Ich-Erzählerin macht die Erfahrung, dass ihr erst nach der gewaltsamen Trennung bewusst wird, wie wertvoll ihre Beziehung war. "Jetzt weiss ich, dass ich glücklich war", schreibt Giraud an einer Stelle. Das Buch endet trostlos: Nicht nur die Beziehung, das Leben ist entzwei. Bei aller Trostlosigkeit ist dieser Befund in seiner Radikalität auch eine Liebeserklärung.
Protokoll der TrauerDie Ich-Erzählerin stellt in Paris ihren neuen Roman vor, fährt mit dem Zug zurück nach Lyon. Zu Hause erfährt sie, dass ihr Mann verunglückt sei und jetzt im Krankenhaus liegt, im OP. Man erlaubt ihr nicht, ihn zu sehen. Mehr erfährt sie nicht. Erst um Mitternacht sagt man: "Wir konnten nichts mehr tun". Claude ist tot und zwanzig Jahre Zusammenleben Vergangenheit.Brigitte Giraud erzählt die Tage, die folgen, bis zur Beerdigung. Der Gang zur Polizei, die Übergabe von Claudes Habeseligkeiten im Krankenhaus, das Bestattungsinstitut, die Versicherung, alles das was man tun muss, wenn jemand gestorben ist. Sie steht daneben und beobachtet es, mehr als beobachten kann sie nicht. Wie habe ich mich zu verhalten, wie reagiert "man" in solchen Fällen?, fragt sie sich und findet keine Antwort. Ein Text, der die Hilflosigkeit dokumentiert - dessen, der zurückgelassen wurde, sich damit abfinden muss, es nicht glauben kann und staunend sieht, wie die Welt sich weiter dreht. Alles, was jetzt bleibt, ist die Erinnerung und ihr gemeinsamer zehnjähriger Sohn.Die Autorin protokolliert, wertet nicht, versucht mit einer einfachen, einfühlsamen Sprache zu schildern, was kaum zu schildern ist. Kein Buch für den Strand, sicher nicht, aber ein Buch, das schildert, was sonst eher verdrängt wird. Das Glück der Vergangenheit, das erst jetzt sichtbar wird. Das Gefühl, als sei man innerlich abgestorben, tot wie der Verstorbene. Ein Roman sei es und "eine wahre Geschichte" sagt der Verlag. Aber es ist kein Roman, eher ein Protokoll eines Verlustes. Und an Dorris Dörries "Das blaue Kleid" kommt dieses Buch trotz aller Eindringlichkeit nicht heran.
schmerztagebrigitte giraud schildert autobiographisches. den plötzlichen eintritt des todes ins leben, das fallen ins nichts, den beginn der leere, den verlust des partners, der liebe. die ersten tage nach dem schmerz, die verlangsamung des blutstromes und das scheinbare weiterleben im organisationsalltag.
kurz und prägnant - schlichtweg realistisch. mann erinnert sich an die eigenen erfahrungen.
wofür es eigentlich keine worte gibtBrigitte Giraud beschreibt Erlebnisse und eine Lebensphase, die man mit Worten eigentlich nicht beschreiben kann. Den Verlust eines geliebten Menschen, mitten aus dem gemeinsamen Leben, den gemeinsamen Plänen, dem gemeinsamen Alltag. Im wahrsten Sinne des Wortes "plötzlich und unerwartet". Und sie beschreibt das Zurückgelassenwerden, nichts mehr fragen zu können und ohne Antworten zurückzubleiben. Den tranceähnlichen Zustand, in dem man alle nötigen Schritte bis zur Beerdigung organisiert. Das Klammern an Gerüche, die noch von Kleidungsstücken ausgehen, die aber bald verflogen sein werden. Es ist ein unglaublich trauriges Buch aber es ist auch ein unglaublich schön geschriebenes Buch. Und man liest es, ohne es einmal aus der Hand zu legen, weil es einen nicht losläßt. Man ist wie diejenige, die schreibt, selbst plötzlich genauso mitten in der Tragödie und die gönnt ihrer Darstellerin auch keine Pause.
Adelung-1793: Leben, das · Leben
Eisler-1904: Wille zum Leben · Leben
Eisler-1912: Cordemoy, Giraud de
Goetzinger-1885: Brüder vom gemeinsamen Leben
Heiligenlexikon-1858: Giraud, S.
Herder-1854: Leben · Beschauliches Leben
Kirchner-Michaelis-1907: Leben
Meyers-1905: Giraud · Losung ums Leben · Tod und Leben · Leben · Ewiges Leben · Freie Bühne für modernes Leben
Pataky-1898: Frauen, unserer, Leben
Pierer-1857: Giraud · Thierisches Leben · Vegetatives Leben · Leben [2] · Ewiges Leben · Leben [1]