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Eine kleine Literaturgeschichte der Schweiz: Mit dem Handwerkszeug des Literaturwissenschaftlers, dem politischen Bewußtsein des Citoyen und in eleganter Sprache schlägt Peter von Matt den Bogen von Wilhelm Tell bis Fritz Zorn, von Lavater bis Peter Bichsel und führt vor Augen, wie eng Literatur und Geschichte der Schweiz verbunden sind.
Wenn es um die tintenblauen Eidgenossen geht und der Autor des Buches Peter von Matt heißt, weiss man rasch, worum es geht: um die in Helvetien ansässigen Autoren. Lebend oder tot, spielt keine Rolle. Von Matt ist unter den deutschsprachigen Germanisten mit Lehrstuhl an der Universität Zürich einer der eloquentesten; selbst Marcel Reich-Ranicki zählt ihn zu den bedeutenden Schriftstellern des 20. Jahrhunderts -- seiner Prosa wegen. Die allerdings lohnt allein schon die Anschaffung des Buches. Es enthält so viel wie eine Deutschstunde mit zahlreichen Ausflügen in die literarische Eidgenossenschaft. Dass diese geistigen Erkundungen bisweilen schon 20 Jahre alt sind, tut ihrem Gehalt seltsamerweise keinen Abbruch. Von Matt schreibt wohl nicht für die Ewigkeit, aber was er schreibt, hat das Temporale seines Gegenstandes überlebt. Dank einer geschliffenen Prosa, die es fernab jeglicher Schulmeisterei schafft, den Leser für den Gegenstand seiner Gedanken zu fesseln. Das ist viel, zumal es sich bei diesen Gegenständen um veritable Schweizer Autoren handelt. Freilich, es wäre selbst einem Peter von Matt zu billig gewesen, lediglich die wichtigsten Essays aus den vergangenen zwei Dekaden zu einem Buch zu versammeln. So breitet er auf exakt 70 Seiten ein klug verfasstes, unerhört lebendiges Porträt einer literarischen und politischen Schweiz. Kenner, der er zweifellos ist, verknüpft er die Werke von Literaten wie Robert Walser, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt mit dem jeweiligen Zeit- und Unzeitgeist, aus dem heraus sie entstanden sind. Die Passion fürs Schweizerische erschöpft sich bei von Matt nicht in der gelehrten Wanderung dem literarischen Kanon entlang (sonst befände er sich in Gesellschaft mit Marcel Reich-Ranicki und dessen viel diskutierten Lese-Empfehlungen für die deutschen Schulen). Im Gegenteil, er lässt Goethes Kanzler Johannes von Müller, ein Schaffhauser, ebenso zu Wort kommen wie den Theologen Karl Barth, dessen Schriften durchaus poetischen Gehalt ausweisen, denkt man etwa an seine Betrachtungen über Mozart. Schließlich endet von Matts brillanter Essay in einer Betrachtung über ein Gedicht von Gottfried Keller, bei dem er zweifellos die Parallele zur jüngsten Schweizer Geschichte findet: ein Gasthaus, in dem der Fremde verwöhnt und von der schönen Frau Wirtin zu Bett gebracht wird -- und anderntags geplündert und bisweilen ermordet (nicht mehr) erwacht. --Carlo Bernasconi
Gelungene Schnitzeljagd im Dickicht des Schweizerischen KulturerbgutesFür den Literatur-Novizen ist das Format erst gewöhnungsbedürftig.
Verschiedene Essays und Festreden reihen sich in chronologischer, teilweise unterschiedlicher stilistischer Form aneinander. Man stellt sich dann die vollen Festsääle vor, deren Stuhlsitzer den teils kritischen und erleuchtenden Worten über unseren kulturellen Hintergrund zuhören durften und wollte dabeigewesen sein. Man beobachtet den scharfen Literatur- und Gedankensezierer von Matt bei der Entschlüsselung etwa des Liedes "Haus zum Schweizerdegen", einem heute noch in Studentenkreisen schwungvoll gesungenen Schandlied, das wohl der modernen Antirassismusstrafnorm nicht standhalten würde (über Keller). Und dann. Dann ist man einfach nur froh, auch etwas über sich selber zu erfahren. Weshalb man früher spätpubertierend den melancholischen CF-Meyer gelesen hat und weniger den handfesten und gesellschaftspolitischen Pfarrer Bitzius.
Das Resultat war überwältigend. Habe mir anschliessend Stiller von Frisch besorgt und mit Vergnügen einen Vintage Inglin gegönnt - Hotel Excelsior. Gleichsam einem guten alten Cognac, jedoch mit viel mehr Verständnis.
Absolut top. Ein Muss. Strenger Aufstieg, die Aus- und Einsicht entschädigt für die Strapazen.