Nooteboom, Cees

Die folgende Geschichte

Die folgende Geschichte
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erscheinungsdatum: 2004-06
  • Bindung: Taschenbuch
  • Seitenzahl: 146
  • ISBN: 3518456164
  • EAN: 9783518456163
  • Amazon.de Verkaufsrang: 47.586
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Beschreibung von buecher.de

Ein spontaner Entschluß zum Aufbrechen in eine andere Gegend kann es nicht gewesen sein, denn dieser Altphilologe ist ganz seinen griechischen und lateinischen Autoren zugewandt und eher lebensuntüchtig. Doch warum ist es ein vertrautes Zimmer in Lissabon, in dem Hermann Mussert befremdlich erwacht, und nicht seines in Amsterdam, in dem er auch am Abend zuvor eingeschlafen ist?
Cees Nooteboom verhindert durch seine meisterhaften erzählerischen Fähigkeiten, daß diese Fragen eindeutig beantwortet werden könnten.

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Berthold Knoche fanden 23 von 23 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen Die Geschichte eines Lebens

Cees Nooteboom in der Übersetzung vom Helga van Beuningen, das ist die Garantie für eine schöne Sprache, treffende Bilder und eine interessante Geschichte. Ein ehemaliger Latein-Lehrer, heute schreibt er Fremdenführer, wacht auf, wo er nicht ins Bett gegangen ist, wacht auf an dem Ort, an dem er mal geliebt hat. Es ist die Geschichte eines ganzen Lebens, der Liebe zu seiner verheirateten Kollegin, deren Mann ein Verhältnis mit einer Schülerin hat, die besondere Beziehung des alten Mannes zu eben dieser Schülerin auf einer anderen Ebene, das Ende der Liebe, der Beziehung, nichts profanes,in wunderschöne Bilder gegossen und mitzuerleben.Ob das Bett in Amsterdam, in dem er am Abend vorher eingeschlafen ist, oder das Erwachen in Lissabon und die Reise von dort aus nun Wirklichkeit ist oder Traum, Gegenwart oder Vergangenheit, das muss der Leser für sich selbst herausfinden. Es ist, soviel zur Beruhigung, nicht das Thema dieses Buches, sondern die folgende Geschichte

Diese Rezension von kpoac fanden 10 von 11 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen "Kein Mensch kann die Aufgabe, seine Existenz zu rechtfertigen, auf andere abwälzen". (Sartre)

"Eines Tages aber erhebt sich das "Warum?" und mit diesem Überdruss, indem sich Erstaunen mischt, fängt alles an. [...] Der nächste Schritt ist die unbewusste Rückkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen". (Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos)

"Und dann erzählte ich ihr, dann erzählte ich dir die folgende Geschichte".

"Meine eigene Person hat mich nie sonderlich interessiert, doch das hieß nicht, dass ich auf Wunsch einfach hätte aufhören können, über mich nachzudenken -- leider nicht. Und an jenem Morgen hatte ich etwas zum Nachdenken, soviel ist sicher." Mit diesem ersten Satz der Erzählung steht die zu erzählende Geschichte im Raum, unenthüllt, aber für den Leser schon präsent, das Kommende enthält er in sich, um es aus sich zu ent¬lassen.

Nootebooms (1933-) Herman Mussert, ein etwa 50 Jahre alter Junggeselle, Studienrat und verliebt in die Mythologie der Antike. Es ist Bücherwurm, er liebt tote Sprachen und lebende Menschen nicht. Er wacht in einem Hotelzimmer in Lissabon auf, obwohl er am Abend zuvor in seiner Wohnung in Amsterdam zu Bett gegangen ist. "Ich befand mich ... in einem Zimmer, in dem ich mich nach den Gesetzen der Logik, soweit ich sie kannte, nicht befinden konnte. Das Zimmer kannte ich, denn hier hatte ich vor gut zwanzig Jahren mit der Frau eines anderen geschlafen."

Hier beginnt seine Erinnerung, unterstützt von einem Foto der Voyager-Sonde, die Erde im freien großen Universum zu sehen und seine Angst, schutzlos im Raum zu sein. "... Das gesamte Universum war darauf aus, mich zu betäuben, und es schien, als versuchte ich, mit dieser Betäubung mitzusingen, dazuzugehören, so wie ein Fisch, der von der Brandung mitgesogen wird, gleichzeitig zu dieser Brandung gehört."

Er treibt reflektierend von einer Erinnerung zur anderen, sich erinnernd an die Schülerin Lisa d'India, hochbegabt und einzig in der Lage seine Vorlieben für Horaz, Platon und Ovid zu verstehen. Doch sein Kollege Herfst hatte ein Verhältnis mit ihr, seine Frau Maria mit ihm aus Rache, nicht aus Liebe. Dennoch war Maria in Lissabon in dieser erinnerten Nacht. Mussert und Frauen war wie Wasser und Öl, "Das bedeutet, dass ich in der intimen Nähe eines Frauenkörpers das Wehrloseste aller Geschöpfe bin, ..." Dennoch wurden beide Affären aufgedeckt, Mussert und Herfst der Schule verwiesen, Lisa in diesem Zusammenhang als Schülerin in einen Unfall mit tödlichem Ausgang verwickelt.

Lisa war sein Kriton, wenn er mit dem Spitznamen Sokrates den Phaidon vorspielte, Sokrates Tod und die Beweisführung der Unsterblichkeit der Seele. Seine Gedanken im Verhältnis der antiken Poesie rangen um Tod und Leben, aber alles in der Vorstellung, sein Leben waren die Bücher, die ihm erlaubten, mit ihnen zu wohnen.

Es folgt der zweite Teil.

Von Belem nach Belem geht seine Reise, von dort in den Amazonas. Sechs Reisende, zufällig zusammen, die ihre subjektive Welt kennen, ein Kind, ein Lehrer - ein Wissenschaftler, ein Journalist, - ein Priester, ein Pilot. Vom Wissenden zum Lernenden, vom Naturwissenschaftler zum Spirituellen, das Ganze. Der Okeanos der Unterwelt gab den Namen des Ozeans, auf dem sie reisen, die Mythologie gab den Sternen und den KonSTELLAtion die Namen, die Welt ein einziger Querverweis. Von Belem nach Belem, die ewige Wiederkehr Desselben, Nietzsches große Mittag, und dann der Amazonas der den Rio Negro trifft, die Fahrt auf der Lethe und auf der Styx, orphische Erinnerungen der sechs, einzeln jeweils der Gruppe erzählt und mit jeder Beendigung der Geschichte tritt der erzählende Mensch endgültig ab und Mussert seine, eben Die folgende Geschichte erzählt, ihr, die im Geiste sichtbar dabei war, seiner Kriton, die er nie vergessen hat, die für ihn unsterblich ist, obwohl er Sokrates nicht glaubte. "Und dann erzählte ich ihr, dann erzählte ich dir die folgende Geschichte". Für sie war seine Erzählung, seine Erinnerung war an sie geknüpft, vergebens im gemeinsamen Leben, wenn er feststellt: "Man existiert bereits geraume Zeit, bevor man selbst zum Zuge kommt" und auch unveränderbar in der Aussage: "Ich hatte wohl tausend Leben, doch ich nahm mir eines".

Eine poetische Erzählung, die im Strome der Erinnerungen eine Komposition des Lebens in Verbindung mit dem Tod erzeugt, und diesen in seiner finalen Betrachtung verschleiert. Doch der Tod ist allzeit präsent. Nooteboom präsentiert eine faszinierende intellektuelle Welt, in der Sie die Todesreise eines bereits im Leben erstarrten Menschen hautnah verfolgen können, der im Moment des erwarteten Todes erinnernd jenes Leben gewinnt, dessen Ebene ihm im Leben verschlossen geblieben ist.

Ein sehr lesenwertes Buch.

Was den Vergleich angeht zu Camus, Frisch und Nootebbom, lesen Sie weiter unter ISBN : 3518403966

Diese Rezension von Reinhard Lahme fanden 7 von 7 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Erzählen gegen den Tod

Schlägerei auf dem Schulhof. Unter hämischer Anteilnahme der Schüler prügeln sich ein Altphilologe und ein Sportlehrer. Hintergrund: Die Frau des Sportlehrers, Kollegin für das Fach Biologie, rächt sich an ihrem Mann, der ein Verhältnis mit einer Schülerin begonnen hat, indem sie mit dem lebensabgewandten Altsprachler schläft. Das Mädchen, Gastarbeitertochter, ist die Traumschülerin aller Lehrer. Sie stirbt wenige Minuten nach der Keilerei bei einem Verkehrsunfall. In der Tat: Es gibt diesen platten Plot in Cees Nootebooms Erzählung "Die folgende Geschichte" wirklich. Wer annehmen sollte, daß es sich hier um eine reißerische Geschichte "aus dem Schulalltag" handelt, hat sich allerdings gründlich getäuscht.

Der Niederländer Cees Nooteboom ist in Deutschland, obwohl sein Werk seit vielen Jahren bei Suhrkamp verlegt wird, erst seit seinen autobiographischen "Berliner Notizen", mit denen ihm eine der wenigen bemerkenswerten Darstellungen der deutschen Wendezeit gelungen ist, bekannter geworden. "Die folgende Geschichte" beginnt kafkaesk: Ein Mann schläft in seinem Zimmer in Amsterdam ein und wacht in einem Hotelzimmer in Lissabon auf, in dem er vor mehr als 20 Jahren eine Liebesbegegnung erleben durfte. Er erinnert sich an seine "letzte Chance auf ein wirkliches Leben", das weitgehend von seiner Beschäftigung mit der antiken Mythologie bestimmt ist. Hermann Mussert, von seinen Schülern "Sokrates" genannt, war bis zur Schlägerei ein begnadeter Lehrer, der es mit großer theatralischer und rhetorischer Begabung vestand, seine Schüler mitzureißen. Die Nacherzählung von Platons "Phaidon" allein lohnt schon die Lektüre. Er wird suspendiert und lebt nun als Privatgelehrter, der an einer Ovid-Übersetzung arbeitet. Veröffentlichen wird er sie nicht, denn für ihn bedeuten die modernen Sprachen nur noch "Wortgedränge" und "Gebrabbel". Seinen Lebensunterhalt verdient er als erfolgreicher Verfasser von Reiseführern unter dem Pseudonym "Dr. Strabo".

Cees Nooteboom ist für mich einer der großen Meister moderner Prosa. Ich kenne nur wenige zeitgenössische Autoren, denen es wie ihm gelingt, ohne jede verkrampfte Anstrengung zwischen rätselhaften, verfremdeten Passagen und "Geschichten" zu wechseln, die den Leser wirklich angehen. Das Sympathische an diesem Autoren ist, daß er den Leser nicht zu entmündigen sucht, sondern ihm viel Freiraum zur eigenen phantasievollen Ausgestaltung des Gelesenen läßt.

Im zweiten Teil der Erzählung finden wir uns auf einem Schiff wieder, auf dem sechs Männer und eine Frau von Lissabon nach Brasilien reisen. Die Frau, die die verstorbene Wunderschülerin sein könnte, bildet den Mittelpunkt der Gruppe. Ihr erzählen die Männer ihre jeweilige Geschichte, die sämtlich gegen das endgültige Versterben anerzählt werden. Die Männer versuchen, dem Tod zuvorzukommen durch den Beginn einer weiteren "folgenden Geschichte" mit dem Wissen, daß es irgendwann keine Geschichten mehr zu erzählen geben wird. Allmählich verschwinden sie, einer nach dem anderen, aus dem Figurenarsenal. Der spanische Junge, dessen Großmutter von den Faschisten erschossen wurde, scheitert an einer gewagten Mutprobe. Ein Journalist, spezialisiert auf den Hunger in der dritten Welt, damit vom Leid anderer prächtig lebend, wird erstochen. Ein Pilot stürzt mit seiner Maschine ab, ein italienischer Priester wird ausgerechnet auf einer Wallfahrt von einem Krankenwagen überfahren, ein chinesischer Literaturwissenschaftler kann sich seit der Kulturrevolution nicht mehr mit dem Leben arrangieren ...

Ein literarisches Kleinod, das zur wiederholten Lektüre einlädt.

Diese Rezension von Anna Sijbrandij fanden 3 von 3 Kunden hilfreich:
4 von 5 Sternen typisch cees...

man nehme eines der großen themen (tod/liebe/schicksal/zeit), menge intelligenz, scharfen humor, eine prise phantasterei, zwei spritzer arroganz sowie eine klare sprache hinzu ... und herauskommt ein typischer cees nooteboom-roman.

dies ist ein solcher. lesenswert, spannnend, amüsant.

"cees nooteboom hat auf wunderbare weise eine geschichte erzählt, deren eigentliche hauptfigur die poesie selbst ist. sie kann kein ende finden, weil sie mit jedem ende, und also auch mit dem tod, etwas anfangen kann." rüdiger safranski, die zeit

cees nooteboom gehört zu den großen niederländischen schriftstellern, ist autor von gedichten, romanen, novellen und reiseberichten, schrieb unter anderem aber auch texte für Herman van Veen.

-kleine niederlande - großer autor. lesen!

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