Fiedler, Peter

Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung

Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung
  • Verlag: Beltz Psychologie Verlags Union
  • Erscheinungsdatum: 2004-08-11
  • Format: Gebundene Ausgabe
  • Umfang: 520
  • ISBN: 3621275177
  • EAN: 9783621275170
  • Amazon.de Verkaufsrang: 140.511
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Beschreibung von buecher.de

Auch in unserer 'aufgeklärten' Gesellschaft herrscht beim Thema Sexualität ein gewisses Unbehagen und großes Unwissen - besonders bei Fragen der sexuellen Abweichung und der sexuellen Übergriffe. Peter Fiedler bietet einen sachlichen und fundierten Überblick über ein vielschichtiges Themenfeld (inkl. Prävention und Behandlung sexueller Delinquenz).

Rezensionen von Amazon.de-Kunden
Diese Rezension von Mag Gerald Hutterer fanden 11 von 11 Kunden hilfreich:
5 von 5 Sternen Psychopathia sexualis nova

Zu Recht nennt Andreas Marneros dieses Buch in seinem "Geleitwort" eine "Bibel für Sexualwissenschaftler, Psychologen und Psychiater". Es handelt sich um eine umfassende Darstellung sexueller Identitiäts-, Orientierungs- und Präferenzstörungen, um eine "Literaturarbeit" im besten Sinne des Wortes. Im Zentrum steht dabei der klinisch-therapeutische Aspekt, flankiert von historischen und rechtlichen Betrachtungen. Fiedler entwickelt hier keine neue Metatheorie sexueller Störungen, sondern kritisiert und diskutiert die vorliegenden Theorien, v.a. unter Bezugnahme auf empirische Studien.

Dass trotz der unzähligen Referenzen auf empirische Arbeiten das Buch lesbar und sogar sehr gut lesbar geblieben ist, kann dabei gar nicht genug betont werden. In der guten Lesbarkeit sehe ich paradoxerweise aber auch eine gewisse Gefahr. Denn Fiedler jongliert so souverän mit den empirischen Daten, dass ihm der Leser wohl oder übel vertrauen muss. Das Datenmaterial ist so gekonnt in die Argumentationslinie eingebaut, dass ein suggestiver Sog entsteht. Eine Nachvollziehbarkeit oder kritische Überprüfung seiner Quellen ist kaum möglich. Und als Leser vergisst man nur allzu schnell, dass hier ja nicht die Daten selbst sprechen, sondern dass es sich um Fiedlers Interpretation der Daten handelt.

In Teil I (Kapitel 1 und 2) gibt er einen - an Foucault orientieren - historischen Abriss über den Umgang mit Sexualität bzw. die damit verknüpften Disziplinierungsstrategien. In Teil II beschäftigt er sich mit sexueller Identität, Orientierung und Rolle. Dieser Teil besteht aus einem einführenden Kapitel mit Begriffsdefinitionen und sozialpsychologischen Daten (Kapitel 3), einem umfangreichen Kapitel über die Entwicklung sexueller Orientierung (Kapitel 4), in dem unterschiedlichste Erklärungsmodelle diskutiert werden und einem eher medizinisch orientierten Kapitel über Transsexualität und Intersexualität (Kapitel 5). Teil III gibt eine umfassende Darstellung der Paraphilien, beginnend mit einem historisch-kritischen Überblick (Kapitel 6). Danach werden die "nicht-problematischen Paraphilien" (Kapitel 7), sowie die "gefahrvollen Paraphilien" (Kapitel 8) dargestellt. Teil IV beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit psychiatrisch-forensischen und therapeutischen Themen. Fiedler gibt zunächst einen Überblick über die rechtliche und gesellschaftliche Dimension von sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt (Kapitel 9) und beschäftigt sich danach mit der Diagnostik (Kapitel 10), Ätiologie (Kapitel 11) und Therapie (Kapitel 12) von psychischen Störungen im forensischen Kontext.

Im Buch wird durchgängig sowohl mit dem DSM IV TR als auch der ICD 10 gearbeitet. Fiedler übernimmt aber nicht einfach die Diagnosen, sondern diskutiert diese beiden Standard-Manuals immer wieder kritisch und zeigt die historische Entwicklung von Diagnoseschemata auf. Im Buch wird auch durchgängig - zum Teil sehr ausführlich - auf Rechtsaspekte Bezug genommen, Das betrifft Themen wie das Gesetz über eingetragene Lebenspartnerschaften, Insemination, Adoption, Pflegschaft, das Transsexuellengesetz oder die forensische Beurteilung von Sexualvergehen im Hinblick auf Haftstrafe oder psychiatrische Verwahrung.

Besonders gut gefallen hat mir, dass Fiedler sich erst gar nicht bemüht hat, eine pseudo-objektive Haltung einzunehmen. Jedes Sprechen über Sexualität und ihre vermeintlichen oder tatsächlichen Störungen ist, wie Fiedler immer wieder zeigt, nicht zu trennen von wissenschaftlichen und vorwissenschaftlichen Paradigmen, kulturellen Moralvorstellungen und nicht zuletzt subjektiven Überzeugungen und Werten. Fiedler positioniert sich hier, auch persönlich, wenn er etwa homosexuelle Orientierung als "normal" oder Fetischismus, Transvestitismus oder Masochismus als "unproblematisch" bezeichnet.

Wie entscheidend eine solche vor-klinische Haltung ist, zeigt sich nicht zuletzt an den vorgeschlagenen Therapiemodellen. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob beispielsweise die Zielsetzung einer Therapie Bestätigung oder Korrektur einer sexuellen Orientierung ist. Überhaupt hat mich das pragmatische Therapieverständnis von Fiedler überzeugt, also die Betonung der Einheit von Theorie, Praxis, Evaluierung der Praxis und Anpassung der Theorie.

Gibt es etwas, was in diesem Buch nicht angesprochen wird? Zwei Aspekte könnte ich nennen. Zum einen beschäftigt sich Fiedler (bei der Sexualdelinquenz) hauptsächlich mit der Täterpsychologie. Über die Opferseite erfahren wir hingegen eher wenig. Zum anderen vermeidet Fiedler weitgehend die Diskussion gesellschaftstheoretischer oder sozialphilosophischer Implikationen. Ich möchte das bei einem Buch mit fast 500 eng beschrieben Seiten nicht als Fehler kritisieren, aber doch festhalten.

Ich glaube, dass dieses Buch unverzichtbar ist für jede Diskussion über sexuelle Störungsbilder. Unverzichtbar gerade dann, wenn man die oft spannenden psychoanalytischen Theorien zu diesem Thema im Kopf hat. Fiedler stellt dann mit nüchternen Daten sicher, dass sich die Theorien nicht verselbstständigen - vielleicht zum Leidwesen der Theoriegebäude, aber sicher zum Wohle der Betroffenen

Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung



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