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Menschen, Quoten, Sensationen - seit der Einführung der privaten Sender ist das Fernsehen zu einer Manege geworden, in der wir tagtäglich die bizarrsten Darbietungen bestaunen dürfen. Wer bei Big Brother gedacht hat, nun sei der Tiefpunkt erreicht, der hat den Einfallsreichtum der professionellen Niveausenker unterschätzt. Eine neue Welle von Formaten, bei denen Eintagsfliegen zu Superstars hochgejubelt oder Kandidaten im Dschungel ekelhaften Mutproben ausgesetzt werden, schwappt durch die Sender. Es liegt auf der Hand, daß dieser Quotennihilismus auf Dauer unser Menschenbild verändert.
Aber natürlich ist nicht alles am Fernsehen deshalb negativ - im Gegenteil. Das Fernsehen leistet ebenso einen einzigartigen Beitrag zur Information und Meinungsbildung der Bevölkerung, und mit seinen Unterhaltungsprogrammen erfüllt es für Millionen Menschen ein legitimes Bedürfnis nach Entspannung. Gerade diese Doppelgesichtigkeit des Mediums Fernsehen aber wirft die Fragen auf, wo das Qualitätsfernsehen aufhört und der Trash beginnt und warum das Qualitätsfernsehen so wichtig ist, um ein mit unseren Grundwerten übereinstimmendes Menschenbild zu bewahren.
Dieter Stolte, der langjährige Intendant des ZDF, kennt die Chancen und Gefahren des Fernsehens wie kaum ein anderer in Deutschland. Sein Buch ist eine facettenreiche, realitätsnahe Einführung in alle gesellschaftlichen Aspekte des Mediums und zugleich ein engagiertes Plädoyer für ein humanes, um Qualität bemühtes Fernsehen. Stoltes kritisches Nachdenken ist dringend erforderlich in einer Zeit, in der kaum noch jemand gegen das Diktat der Einschaltquoten Einspruch zu erheben wagt.
Wenn Dieter Stolte heute öffentlich über das Fernsehen nachdenkt, dann kann er dies vollkommen befreit von irgendwelchen Zwängen und Rücksichtnahmen tun. Das war früher nicht immer der Fall. 20 Jahre, von 1982 bis 2002, war er Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens und musste während dieser Zeit auch schon einmal (Programm-)Entscheidungen treffen, die seinen persönlichen Überzeugungen zuwiderliefen -- auch wenn er sich als Chef eines mit zwangsweise erhobenen Gebühren ausgestatteten Senders in einer vergleichsweise komfortablen Position befand. Jedenfalls: Dieter Stolte kennt die Gesetze des Fernsehgeschäfts. Und die empfindet er nicht selten als würdelos. Würdelos, weil ihr oberstes Gebot, die Quote, im Zweifel auch schon mal zu Lasten der Menschenwürde geht. Das mag einem Programmmacher vielleicht nicht passen, aber, zitiert Stolte den Ex-RTL-Chef Helmut Thoma, "der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler". Freilich: Es gibt Grenzen der Geschmacklosigkeit! Wirklich? Diesseits welcher Grenzen legt man dann (wie in der Dschungel-Show "Ich bin ein Star -- Holt mich hier raus" angeblich wirklich geschehen) Menschen vor laufender Kamera in einen mit 30 000 Kakerlaken gefüllten Glaskasten? Oder lässt uns dabei zusehen, wie sie ihren Mut durch das Verspeisen lebender Würmer verspeisen? Doch nicht nur solche Fragen sind es, die Stolte hinsichtlich der Prägekraft des Fernsehens für unser Menschenbild für bedenkenswert hält. Er fragt auch nach den Ursachen für den Drang nach Zerstreuung oder die Selbstgefährdung des Menschen durch seine Wünsche. Aber auch danach, welche Möglichkeiten das Medium dem Menschen als schöpferischem und kulturellem Wesen zu Verfügung stellen kann, welche soziale Verantwortung der Einzelne trägt – als Fernsehschaffender wie als Konsument. Lesenswert! -- Hasso Greb